Wie können wir in einer voneinander abhängigen Welt zusammenleben, ohne jemanden zurückzulassen? Die Antwort wird immer offensichtlicher: Wir müssen zu einer zutiefst humanistischen Sichtweise zurückfinden.

Von Hugo Rodríguez, Málaga al Día

Stellen wir uns vor, die Krise von Ceuta würde sich exponentiell auf all jene Gebiete ausweiten, die reiche von armen Gesellschaften und Länder mit eklatanten Ungleichheiten von anderen, demokratischeren Staaten trennen. Diese künstlichen Barrieren, die wir heute „Grenzen“ nennen, würden durch das Streben nach Leben, Hoffnung und Überlebenschancen hinweggefegt werden. Wer könnte das aufhalten? Die Antwort ist einfach: niemand.

Wenn das, was wir täglich in den Nachrichten sehen, bereits besorgniserregend ist, könnte nichts die organisierten Bewegungen von Millionen Vertriebenen aufhalten. Die kreative Kraft menschlicher Gemeinschaften ist immens, und wenn existenzielle Not die Menschen zum Handeln drängt, ist das Chaos vorprogrammiert.

In einem historischen Moment, der von gleichzeitigen Krisen geprägt ist – bewaffnete Konflikte, wachsende Ungleichheit, politische Polarisierung und nicht zuletzt der Klimanotstand –, stellt sich eine entscheidende Frage: Wie können wir in einer voneinander abhängigen Welt zusammenleben, ohne jemanden zurückzulassen? Die Antwort wird immer offensichtlicher: Wir müssen zu einer zutiefst humanistischen Sichtweise zurückfinden, die jeden Menschen als zentralen Wert betrachtet. Die globale Politik muss sich an einer Universellen Menschlichen Nation ausrichten, in der Vielfalt Reichtum ist und kein Grund zur Ausgrenzung.

Migration – die älteste und zugleich aktuellste Form menschlicher Bewegung

Heute leben mehr als 300 Millionen Menschen außerhalb ihrer Herkunftsländer. Sie werden durch Kriege, Armut, Verfolgung, den Klimawandel oder den legitimen Wunsch nach einem besseren Leben dazu getrieben.

In vielen Ländern ist Migration jedoch zu einem politischen Schlachtfeld geworden, das von Ängsten und Hassreden angeheizt wird. Dabei wird vergessen, dass Migrant:innen keine bloßen Zahlen sind. Es sind Menschen mit Geschichten, Familien, Träumen und Fähigkeiten, die die Gesellschaften, in denen sie ankommen, bereichern.

Die menschliche Bewegung offenbart eine unbequeme Wahrheit: Grenzen sind künstlich, doch menschliche Bedürfnisse sind universell. Wenn Migrationspolitik aus Angst heraus gestaltet wird, vertieft sich die Ungleichheit.

Ungleichheit ist die große unsichtbare Mauer

Verfügen Migrant:innen über einen großen wirtschaftlichen Einfluss, gibt es keine Grenze: Alles reduziert sich auf einen Verwaltungsvorgang und unzählige Vorteile für die neuen Nachbarn. Wer jedoch aus Armut getrieben kommt, stößt auf die Mauer des Staates, der sein gesamtes Arsenal entfaltet.

Ungleichheit ist der Hintergrund, der einen Großteil der aktuellen Migrationsbewegungen erklärt. Während eine Minderheit beispiellosen Reichtum anhäuft, fehlt Millionen Menschen der Zugang zu Wohnraum, Gesundheitsversorgung, Bildung oder Sicherheit. Die Kluft zwischen denen, die wählen können, wo sie leben möchten, und jenen, die zur Flucht gezwungen sind, wird immer größer.

Ungleichheit spaltet nicht nur Länder, sondern auch Stadtviertel, Schulen, Chancen und Lebensperspektiven. Und wenn sie mit fremdenfeindlichen Diskursen einhergeht, wird sie zu einer Waffe, die diejenigen gegeneinander aufbringt, die eigentlich Verbündete sein sollten: einheimische Arbeitnehmer:innen und Arbeitsmigrant:innen – beide Opfer eines Systems, das prekäre Verhältnisse schafft und ausgrenzt.

Humanismus: den Menschen in den Mittelpunkt stellen

Der universalistische Humanismus stellt den Menschen als zentralen Wert und als zentrales Anliegen in den Mittelpunkt. Er drückt dies wie folgt aus: „Nichts steht über dem Menschen und kein Mensch steht über einem anderen.“ Es handelt sich um eine Ethik, die auf der Goldenen Regel basiert: „Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest.“

Eine Moral, die, wenn sie in die Praxis umgesetzt wird, jeden Menschen davon befreit, zum Komplizen eines gewalttätigen und zukunftslosen Systems zu werden.

Dieser Ansatz ist keine abstrakte Utopie, sondern ein praktischer Leitfaden dafür, wie wir Politik gestalten, miteinander leben und unsere demokratische Kultur stärken. Er zeigt sich in der Praxis bei Menschen, die einen für alle nützlichen Lebensstil leben, teilen und verbreiten, soweit ihr Einfluss reicht.

Wenn wir erkennen, dass Würde nicht vom Reisepass abhängt, kulturelle Vielfalt ein gemeinsames Erbe ist und Gewalt in all ihren Formen ausgemerzt werden muss, werden wir als Menschen stärker und können Antworten auf die aktuellen Herausforderungen finden.

Der Humanismus lädt dazu ein, Migration nicht als Problem, sondern als Chance zu betrachten, offenere, kreativere und solidarischere Gesellschaften aufzubauen. Und er fordert, Ungleichheit nicht mit Wohltätigkeit, sondern mit struktureller Gerechtigkeit zu bekämpfen.

Auf dem Weg zu einer Universellen Menschlichen Nation

Die Idee einer Universellen Menschlichen Nation bedeutet nicht, kulturelle Identitäten oder politische Grenzen auszulöschen, sondern die Logik zu überwinden, die Völker gegeneinander aufbringt. Sie bedeutet, auf eine Welt hinzuarbeiten, in der sich Menschen frei bewegen können, ohne kriminalisiert zu werden – die Europäische Union ist ein Beispiel dafür –, in der Institutionen das Leben und nicht Privilegien schützen, in der Kulturen miteinander in Dialog treten, ohne Angst zu haben, sich in der Identität des anderen zu verlieren, und in der Zusammenarbeit an die Stelle des destruktiven Wettbewerbs tritt.

Auf einem bereits vernetzten Planeten ist die „Universelle Menschliche Nation“ die einzige nachhaltige Antwort auf globale Herausforderungen wie den Klimawandel, soziale Umbrüche, Pandemien oder extreme Ungleichheit.

Aus Empathie gemeinsam handeln

Die aktuellen weltweiten Ereignisse erinnern uns daran, dass es keine individuellen Lösungen für kollektive Probleme gibt. Migration, Ungleichheit und das globale Zusammenleben dürfen nicht aus Angst heraus angegangen werden, sondern müssen auf Empathie, Gerechtigkeit und Zusammenarbeit beruhen.

Humanismus ist nicht nur eine Philosophie, sondern gelebte Praxis. Er bedeutet, den anderen anzusehen und sich in ihm wiederzuerkennen. Er bedeutet, Städte zu gestalten, in denen alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, ohne Angst und mit gleichen Chancen leben können.

Er bedeutet, auf eine Zukunft hinzuarbeiten, in der die Menschheit eine einzige Familie bildet: vielfältig, frei und solidarisch.

Dieser Artikel wurde durch die Aktivitäten des humanistischen Vereins „Mediterráneo, Paz y Noviolencia“ aus Málaga inspiriert, der in diesen Monaten den 4. Weltmarsch für Frieden und Gewaltfreiheit organisiert.

 

Die Übersetzung aus dem Spanischen wurde Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!