Freiheit, Absichtlichkeit und die Zukunft der Menschen

Pressenza hat sich schon immer über ihr Engagement für Frieden, Gewaltfreiheit, Humanismus und Nichtdiskriminierung definiert. Diesen August, kurz vor Beginn eines neuen dreimonatigen Kurses über gewaltfreien Journalismus, führt dieses Engagement zu einer Frage zurück, die fast zu einfach klingt, um sie zu stellen: Was ist Gewaltfreiheit? 1

Die einfachste Antwort ist verneinend. Gewaltfreiheit bedeutet, einen anderen Menschen nicht zu schlagen, zu töten, zu foltern oder zu bedrohen. Das ist offensichtlich von Bedeutung. Doch mit dieser Definition kommt man nicht sehr weit. Menschen können auch gefügig gemacht werden, ohne jemals geschlagen zu werden. Wirtschaftliche Ausbeutung,  Diskriminierung, politische Unterdrückung und psychische Gewalt können das Leben eines Menschen tiefgreifend einschränken, ohne dabei zwangsläufig physische Wunden zu hinterlassen.

Wenn man diese Gedanken noch einmal überdenkt, zeigt sich, dass Gewaltfreiheit manchmal vom falschen Ende her definiert wird. Anstatt zunächst zu fragen, wie Gewalt aussieht, könnte es hilfreicher sein, zu fragen, was Gewalt uns wegnimmt.

Menschen können Dinge auf später verschieben

Eine der alltäglichsten menschlichen Fähigkeiten ist auch eine der außergewöhnlichsten: Menschen können Dinge auf später verschieben. Menschen reagieren nicht nur auf das, womit sie gerade konfrontiert werden. Sie stellen Dinge zurück, erinnern sich, vergleichen, probieren aus, sparen, organisieren und beginnen zu handeln – wegen etwas, das noch nicht existiert.

Silo beschrieb dies als eine Erweiterung des menschlichen Zeithorizonts: die Möglichkeit einer aufgeschobenen Reaktion und der Ausrichtung des Handelns auf „eine geplante (oder imaginäre) Zukunft“.2

Eine Studierende lernt, weil sie sich etwas vorstellt, was sie vielleicht in einigen Jahren tun kann. Eine Familie spart auf ein Haus, das sie noch nicht besitzt. Arbeiter organisieren sich, weil sie sich andere Arbeitsbedingungen vorstellen können. Eine soziale Bewegung stellt eine offensichtlich dauerhafte Ungerechtigkeit infrage, weil Menschen sich eine Gesellschaft ausdenken, die es noch nicht gibt.

Die Zukunft, auch wenn diese noch nicht stattgefunden hat, beeinflusst bereits die Gegenwart. Die Fähigkeit, mögliche Zukunftsszenarien zu entwerfen, ist für die Freiheit von grundlegender Bedeutung. Natürlich bedeutet Freiheit nicht, dass man alles tun kann, was man will. Menschen werden in Verhältnisse hineingeboren, die sie sich nicht ausgesucht haben, und materielle, soziale und historische Umstände setzen ihnen reale Grenzen. Doch innerhalb dieser Grenzen können sich Möglichkeiten eröffnen – und sie können sich auch wieder schließen.

Was Gewalt wegnimmt

Im „Vierten Brief an meine Freunde“ beschreibt Silo konzentrierte Macht als etwas, das es einigen Menschen ermöglicht, die „Freiheit und Intentionalität anderer zu leugnen, und diese anderen zu Prothesen, zu Werkzeugen für die Absichten einiger weniger herabzuwürdigen.“

Ein Mensch ist nicht einfach nur ein Gegenstand in der Welt. Jeder Mensch ist auch ein Zentrum von Absichten: jemand, der sich erinnert, sich etwas vorstellt, sich für etwas entscheidet, etwas ablehnt, Beziehungen aufbaut, Vorhaben in Angriff nimmt, und versucht, die Lebensbedingungen zu verändern.

Gewalt macht diesen Menschen zu einem Werkzeug für die Vorhaben anderer. Die Sklaverei ist das offensichtlichste Beispiel dafür: Der Körper, die Arbeitskraft und die Zukunft einer anderen Person werden vereinnahmt. Aber die gleiche Auswirkung kann sich durch ganz unterschiedliche Mechanismen ergeben. Politische Unterdrückung kann Menschen die Fähigkeit nehmen, sich an Entscheidungen zu beteiligen, die sie betreffen. Diskriminierung kann Chancen bei der Bildung, im Beruf und im sozialen Bereich versperren. Eine wirtschaftliche Ordnung kann Menschen derart wenige realisierbare Alternativen ermöglichen, dass ein Großteil ihrer Zeit und Arbeitskraft Zielen dient, auf die sie kaum Einfluss haben.

Diese verschiedenen Formen von Gewalt sind nicht gleichwertig und ihre jeweilige Schwere sollte nicht vermischt werden. Was hier zählt, ist die Richtung, die sie alle einschlagen können: der Raum für sinnvolle menschliche Möglichkeiten wird enger.

Der Ausdruck „Vereinnahmung von Intentionalität“ wird hier vorgeschlagen, um diese unterschwellige Anwendung von Gewalt zu bezeichnen. Er beschreibt was geschieht, wenn die Fähigkeit einer anderen Person oder Gruppe, sich zu Recht zu finden und eine Zukunft zu gestalten, Zwecken untergeordnet wird, über die sie keine nennenswerte Kontrolle hat. So betrachtet, verletzt Gewalt Menschen nicht nur in der Gegenwart. Sie nimmt auch einen Teil der Zukunft in Besitz.

Indiens jüngste, von der Jugend geführte Kakerlaken-Bewegung veranschaulicht das konkret. Die Bewegung entstand aus der Wut über undichte Stellen bei Prüfungsaufgaben, über Verzögerungen bei Einstellungen, über Arbeitslosigkeit, über mangelnde Verantwortlichkeiten in Systemen, auf die junge Menschen in Hinblick auf Bildung und Beschäftigung angewiesen sind. In ihrer Satzung zur Prüfungsreform wurden faire öffentliche Prüfungen als Grundlage für Chancengleichheit beschrieben und Transparenz, Rechte für Prüflinge sowie parlamentarische Aufsicht gefordert.4

Für jemanden, der sich jahrelang auf eine Prüfung vorbereitet hat, ist ein korruptes oder nicht funktionierendes System nicht bloß ein administrativer Nachteil. Dies kann eine Zukunft verbauen, auf die man mit jahrelangem Einsatz hingearbeitet hat.

Die Reaktion hierauf war ein gemeinschaftliches Handeln. Was teilweise als Online-Satire begonnen hatte, entwickelte sich zu einer anhaltenden Protestorganisation am Jantar Mantar und einem ausdrücklich friedlichen Marsch zum Parlament am 20. Juli. Die Proteste verliefen in der Praxis nicht durchweg friedlich – die Polizei setzte Tränengas und Schlagstöcke ein, als die Demonstranten versuchten, die Absperrungen zu überwinden – doch die Bewegung selbst rief öffentlich zu einer friedlichen, rechtmäßigen Versammlung auf. Ihr Druck verhalf dazu, die Reform des Prüfungssystems und die Jugendarbeitslosigkeit in die nationale politische Debatte zu rücken. Bildungsminister Dharmendra Pradhan legte sein Amt nieder, und die Regierung nahm anschließend weitere Gespräche über die Forderungen der Bewegung auf. 5 6

Die längerfristigen Auswirkungen sind weiterhin offen. Doch etwas hatte sich bereits verändert. Junge Menschen, die Institutionen überwiegend als Kräfte erlebt hatten, die ihre Möglichkeiten bestimmten, hatten festgestellt, dass sie gemeinsam handeln und diese Bedingungen ändern konnten. Über ihre Zukunft wurde nicht mehr einfach an anderer Stelle entschieden.

Das Gegenteil tun

Wenn Gewalt Menschen wie Gegenstände behandelt und ihre Fähigkeit einschränkt, ihr Leben selbst zu bestimmen, dann muss Gewaltfreiheit in die entgegengesetzte Richtung wirken. Sie muss Voraussetzungen schaffen, unter denen sich die menschliche Intentionalität regenerieren, entfalten und ausdrücken kann. Silo sagt fast genau dasselbe, wenn er schreibt, dass Humanisieren bedeutet, über die Vergegenständlichung hinauszugehen, und „ die Intentionalität jedes menschlichen Wesens und den Vorrang der Zukunft gegenüber der gegenwärtigen Situation zu bekräftigen.“7

Dies deutet auf eine andere Denkweise bezogen auf Gewaltfreiheit hin. Die menschliche Freiheit kann nur wirklich wachsen, wenn ihre Entfaltung nicht darauf angewiesen ist, dass einem anderen die Freiheit weggenommen wird.

Das bedeutet nicht, dass die Anzahl der Auswahlmöglichkeiten, die für jedes Individuum verfügbar sind, gesteigert werden muss. Fünfzig verschiedene Marken im Supermarktregal machen noch keine freie Gesellschaft aus. Ebenso wenig bedeutet es, dass jede Einschränkung, die einem Einzelnen auferlegt wird, ein Akt der Gewalt ist. In der Begegnung von Menschen ist Freiheit zwangsläufig einem Wechselspiel unterworfen, und manchmal sind Grenzen genau deshalb erforderlich, um zu verhindern, dass die Macht einer Person die Freiheit anderer beschneidet.

Die Besteuerung von geballtem Vermögen zum Beispiel, wie auch die Kontrolle von Arbeitgebern oder die Vermeidung von Diskriminierung können den Handlungsspielraum eines einzelnen Akteurs einschränken, während sie die tatsächlichen Möglichkeiten für viele andere vergrößern. Ein Milliardär hat nach der Besteuerung wohl weniger Möglichkeiten, über einen Teil seines Vermögens zu verfügen, während Millionen von Menschen durch Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum und andere öffentliche Güter neue Möglichkeiten erhalten. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob jede individuelle Entscheidung unbeeinflusst bleibt, sondern ob sich der Gesamtbereich sinnvoller menschlicher Freiheit vergrößert oder schrumpft.

Die Möglichkeiten, um die es hier geht, sind von grundlegender Bedeutung. Können Menschen ihre Meinung äußern und Gehör finden? Können sie sich weigern? Können sie sich zusammenschließen und sich organisieren? Können sie die für ihr Leben notwendigen Grundvoraussetzungen schaffen? Können sie sich an Entscheidungen beteiligen, die sie betreffen? Können sie eigene Projekte erarbeiten? Können Gemeinschaften sich eine andersartige Zukunft vorstellen und gemeinsam handeln, um diese Wirklichkeit werden zu lassen?

Freiheit, in dieser Weise verstanden, ist beziehungsorientiert. Wenn die gewachsene Freiheit eines Menschen davon abhängt, dass andere zu Werkzeugen seiner Absichten herabgesetzt werden, hat sich die menschliche Freiheit nicht vergrößert. Die Macht hat sich lediglich mehr zusammengeballt.

Gewaltfreiheit strebt daher nicht die unbegrenzte Freiheit jedes Einzelnen an. Sie zielt darauf ab, den gemeinsamen Bereich der menschlichen Freiheit zu erweitern: die tatsächliche Fähigkeit von mehr Menschen, an der Gestaltung ihres eigenen Lebens und ihrer gemeinsamen Zukunft mitzuwirken.

Dies trägt auch dazu bei zu erklären, warum Gewaltfreiheit aktiv sein muss. Bisherige Regelungen verteilen Freiheit bereits ungleich. Diese unangetastet zu lassen, kann lediglich dazu führen, dass einige Menschen die Macht behalten, über die Zukunft anderer zu bestimmen. Aktive Gewaltfreiheit bedeutet daher mehr als nur von Schaden Abstand zu nehmen: sie stellt die Bedingungen in Frage, die sich Intentionalität zu eigen machen, und wirkt darauf hin, Beziehungen und Institutionen zu schaffen, in denen die menschliche Selbstbestimmung wachsen kann.

Die Wiederherstellung der Freiheit kann Organisation, Protest, Streiks, Boykott, Nichtkooperation, zivilen Ungehorsam, unabhängige Kommunikation und die Schaffung von Alternativen voraussetzen. Gewaltfreiheit schafft Konflikte nicht ab. Manchmal bedeutet es, direkt in den Konflikt mit einer Machtkonzentration zu treten.

Es geht nicht darum, ob Konflikte verschwinden. Es geht darum, was ein Handeln bewirkt. Gehen die Menschen mit einer größeren Fähigkeit daraus hervor, zu sprechen, sich zu organisieren und an dem teilzunehmen, was als nächstes kommt – oder hat der Kampf lediglich verändert, wer das Sagen hat?

Gewaltfreiheit ist nicht nur die Ablehnung von Gewalt. Sie ist eine Ausrichtung: hin zu Beziehungen und Institutionen, in denen weniger Menschen wie Werkzeuge behandelt werden und mehr Menschen an der Gestaltung der Zukunft mitwirken können.

Es folgt eine einfache Frage: Befähigt eine Handlung mehr Menschen dazu, an der Gestaltung ihres eigenen Lebens  und ihrer gemeinsamen Zukunft mitzuwirken, oder nicht?

Im Journalismus wird die gleiche Frage sehr schnell praktisch. Journalisten entscheiden, wer als Akteur auftritt, wessen Absichten ernst genommen werden, welche Möglichkeiten sichtbar sind und welche Art von Zukunft eine Geschichte in der Vorstellung des Lesers hinterlässt. Dies sind einige der Fragen, die im neuen Kurs für  gewaltfreien Journalismus von Pressenza untersucht werden. Bewerbungen sind ab sofort möglich.1

 

Fußnoten

  1. Pressenza, „Die Welt durch Kommunikation verbessern: Kostenloser Kurs zum gewaltfreien Journalismus“, 23. Juli 2026. Der Kurs beginnt am 27. August 2026. Anmeldung: https://www.pressenza.com/nonviolent-journalism/nonviolent-journalism-training/
  2. Silo, „Über das Menschliche“, in: Silo Speaks (San Diego: Latitude Press, 2000). Die Passage behandelt das Thema der verzögerten Reaktion, die Erweiterung des zeitlichen Horizonts und das Handeln, das auf eine geplante oder imaginierte Zukunft ausgerichtet ist.
  3. Silo, Vierter Brief an meine Freunde, in: Briefe an meine Freunde: Über soziale und persönliche Krisen in der heutigen Welt (San Diego: Latitude Press, 1996), Abschnitt 9, „Der menschliche Prozess“; Brief vom 19. Dezember 1991.
  4. Cockroach Janta Party, „Charta zur Prüfungsreform: 5 Forderungen“, veröffentlicht am 15. Juli 2026.
  5. Cockroach Janta Party, „Friedlicher Marsch zum Parlament“, 20. Juli 2026; Sheikh Saaliq und Piyush Nagpal, Associated Press, „Indische Polizei setzt Tränengas ein, um den Marsch von Anhängern der Cockroach-Bewegung zum Parlament zu stoppen“, 20. Juli 2026.
  6. Chietigj Bajpaee, „Hat die ‚Cockroach‘-Bewegung die indische Politik verändert?“, Chatham House, 29. Juli 2026; Sheikh Saaliq, Associated Press, „Wie Indiens Gen-Z-Bewegung der ‚Cockroaches‘ Modis politisches Image beschädigte“, 4. August 2026.
  7. Silo, Vierter Brief an meine Freunde, Abschnitt 9, „Der menschliche Prozess“.

 

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Doris Fischer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!