Silvio Talamo ist Dichter, Performancekünstler und Gründer der Berliner Literaturzeitschrift EXIT. Er beschäftigt sich mit zeitgenössischer Poesie, Kunst, Philosophie und Stimmforschung, insbesondere mit symbolischem Denken, Sprache und der Transformation der Wahrnehmung. Er lebt und arbeitet in Berlin. In diesem Gespräch mit Milena Rampoldi, Gründerin von ProMosaik Poetry, sprechen sie über das offene Projekt der Verbreitung von Lyrik, das als eine antielitäre Kraft für den sozialen Wandel verstanden wird.
ST: Woher rührt das Bedürfnis, heute ein Manifest von ProMosaik Poetry zu verfassen? Welchen Bedarf sollte dieser Text deiner Meinung nach zum Ausdruck bringen?
MR: Nach der Verfassung des „Manifests“ von ProMosaik in mehreren Sprachen habe ich gemerkt, wie wichtig das Manifest für meine alltägliche intellektuelle Arbeit und auch für die Weiterentwicklung der Kernideen von ProMosaik ist. Daher habe ich den Entschluss gefasst, ein weiteres, kurz gefassteres Manifest für ProMosaik Poetry zu schreiben, das einen dynamischen und ideologischen Kompass für die poetischen Projekte darstellen soll. Als Autor, Übersetzer und Herausgeber lyrischer Werke finde ich, dass wir als Team von ProMosaik Leitlinien und Grundsätze benötigen, um unseren Weg durch das Labyrinth der internationalen poetischen Welt zu finden.
Im Manifest tauchen häufig Begriffe wie Dialog, Vielfalt, Beziehung und Wandel auf. Was bedeutet für dich das Symbol des Mosaiks und warum hast du gerade dieses Bild gewählt?
Für ProMosaik gelten die Begriffe Dialog, Diversität, Beziehung und Veränderung als Hauptachsen sozio-politischer und auch poetischer Arbeit. Lyrik und Politik stellen keinen Widerspruch dar. Die Welt von ProMosaik ist eine Welt des Dialogs im Sinne Martin Bubers, da das „Ich“ ohne das „Du“ keine existentielle Bedeutung hätte, der Diversität, die wir betonen, um jeglicher Pseudotoleranz vorzubeugen, der Beziehung, ohne die Kultur, Poesie, Politik und soziales Engagement nicht existieren könnten, und der Veränderung im Sinne der Maxime der Kulturrevolution, der ästhetischen Revolution und der Poesie als Kraft der sozialen Veränderung einer Welt, die uns, wie sie im Moment aussieht, gar nicht zusagt. Hierzu heißt es im „Manifest“ wie folgt:
„Für uns sind Handeln und Leben, Wissen und Agieren sehr stark miteinander verwoben. Denn für uns ist die Dynamik in den gesellschaftlichen und politischen Prozessen eine revolutionäre Gestaltung des Lebens des Einzelnen, der Gesellschaft und der Weltgemeinschaft sowie eine innovative Veränderung des aktuellen Zustande der Welt, der uns, wie wir oft betonen, nicht gefällt.“
„ProMosaik ist ganz in diesem Sinne die Bezeichnung für eine aktive und dynamische Einstellung zum Leben, zu den Menschen und zu Gesellschaft und Politik. Der Name ProMosaik setzt sich aus zwei positiven Worten zusammen: einerseits das affirmative „Pro“ und andererseits das künstlerische Symbol der Vielfalt, das Mosaik, das in so vielen Kulturen, Religionen und Zivilisationen ähnlich entstanden und gepflegt wurde.
Die lateinische Präposition „Pro“ weist verschiedene Bedeutungen auf, unter anderem „vorwärts, vor, hervor, anstatt“ und „für“. Für uns von ProMosaik geht es vordergründig im sokratischen Sinne um das „Hervor“ der Arbeit der Hebamme als weibliche Kraft der Veränderung, um das Ergebnis einer Suche als Mensch und als Teil einer Kultur, Gesellschaft und politisch denkenden Gemeinschaft und um das „Für“, das den Einsatz für positive und offene Werte meint. Das „Vorwärts“ ist nur der letzte Moment dieser dämonischen Umsetzung dieses Ideals in die Realität, die uns, so wie sie im Moment ist, nicht gefällt.
Diesen letzten Schritt möchte ich als „Kippen der Utopie in die Realität“ bezeichnen. Wir leben glücklich und dynamisch in einer Welt, die uns aber nicht entspricht und die wir daher umwälzen und verändern möchten. Das heißt aber nicht, dass wir das Leben nicht lieben, denn diese begrenzte Zeit in dieser Welt, die uns nicht gefällt, ist alles, was wir haben. Daher ist es an der Zeit, unsere Ideale kraftvoll in diese Welt zu „kippen“, um ihr den Geruch der Müllhalde zu nehmen und sie menschlicher zu gestalten.
Daher ist ProMosaik auch die Bezeichnung eines Gegensatzes, einer radikalen und klaren Verneinung der Zustände dieser Welt, die geprägt ist durch Militarismus, Feindseligkeit, fehlende Schönheit, ein radikales, sozial und politisch fundiertes und gerechtfertigtes Unrecht, eine tiefgreifende und unempathische Ungleichheit, gekennzeichnet durch Rassismus, Diskriminierung, Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus, Gewaltverherrlichung und Islamfeindlichkeit.
Wir lieben auch die Gastronomie und ihre Vielfalt, die Kunst und ihre Vielseitigkeit, die besondere und gleichzeitig universelle Schönheit aus allen Kulturen und Zivilisationen.
Wir lieben das Einzigartige und die Universalität und ihre Symbole, die sich dahinter verbergen. Wir möchten gut essen und vermeiden daher jegliche „Nazisuppe“ ganz im Sinne von Thomas Bernhard, der in seinem Teller voller Nazis die Nudeln vermisste, die ich heute genauso wie er nach dem Anschluss Österreichs vermisse. Braune Suppe ist nichts für uns, und das sagen wir auch ganz offen. Sie schmeckt uns nicht, und sie sieht auch nicht gut aus.
Wir lieben eine bunte Welt der Mosaike, in denen jedes Steinchen seinen Farbton beibehält und sich nicht chromatisch assimilieren lässt. Zwischen jedem Steinchen und seinem Nachbarn gibt es eine dünne Trennlinie, einen Streifen, der die Grenze zwischen den beiden Steinchen zieht. Die Farbe dieser Linie ist meistens weiß. Weiß steht für Reinheit, Ideal, Licht und Wahrheit. Diese Linie steht aber auch für den Abstand zwischen den Steinchen. Und das ist gut so.
Denn jeder hat seine Welt, seine Farbe und tritt über diese Welt in Kontakt mit den anderen. Mithilfe einer Brücke, die er sich selbst baut, überquert er diese weiße Linie und lernt die andere Welt, die Welt des Nachbarsteins, kennen.
Er nähert sich dem Anderen, ja, aber gleichzeitig auch einer Welt, die nicht die seine ist und auch nicht die seine sein soll.“
Ist Poesie für dich in erster Linie eine Kunstform oder eine Kraft, die die gesellschaftliche und politische Realität beeinflussen kann? Wie gehen diese beiden Dimensionen miteinander einher?
Ich bin eine Aktivistin und sehe die Poesie als Instrument zwecks Bewirkung eines sozio-politischen Wandels und auch einer ästhetischen Revolution in unseren Gesellschaften, denen es an Engagement für eine Veränderung im Sinne von Vielfalt, Gerechtigkeit und Frieden fehlt. Poesie und Handeln widersprechen sich nicht. Die Lyrik ist keine passive Welt des ästhetischen Genusses, sondern ein Mittel zwecks Umsetzung sozio-politischer Veränderungskräfte durch poetische Verse, die immer politisch sind, ob sie sich nun von der Politik abkehren oder nicht. Denn jegliches, auch apolitische Handeln ist im Grunde politisch. Vor allem für Frauen und andere in der Gesellschaft benachteiligte Gruppen ist die Poesie ganz im Sinne von Audre Lorde kein „Luxus“, sondern eine Notwendigkeit für ein dynamisches und sinnvolles Leben.
Im Manifest stehen Philosophie, Religion, Menschenrechte und Poesie im Dialog. Inwiefern glaubst du, dass die Poesie eine Brücke zwischen verschiedenen Kulturen und Traditionen schlagen kann?
ProMosaik steht für eine holistische Anschauung des Lebens, das in seiner gesamten Fülle gelebt und auch in Worte gefasst wird, um die Welt zu verändern. Neben der engagierten und politisch gefärbten Literatur steht keine passive Biedermeierpoesie, sondern eine lyrische Stimme, die eine sozio-politische Veränderung anstrebt. Die ästhetische Dimension der Poesie zeigt in die dynamische Handlungsrichtung der Politik und vereint sich mit ihr. Philosophie und Religion sind für ProMosaik sehr wichtige Elemente des menschlichen Lebens, Fühlens und Denkens. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit von ProMosaik betrifft die Menschenrechte. Auch im Bereich der Menschenrechte haben wir in verschiedenen Publikationen gezeigt, wie sich die ästhetische Dimension der Lyrik und die politischen Bemühungen und sozio-politischen Kämpfe für die Gerechtigkeit, Toleranz und Akzeptanz der Vielfalt keinesfalls widersprechen.
ProMosaik vereint Poesie, Übersetzung, Kunst und interkulturellen Dialog. Was ist der rote Faden, der diese verschiedenen Bereiche miteinander verbindet?
ProMosaik unterstützt durch seine Übersetzungen den interkulturellen und interreligiösen Dialog. Die Übersetzung ist die Bemühung, die Botschaft aus einer Sprache in die andere zu bringen, um sie der Zielgruppe zugänglich zu machen. Sehr komplex gestalten sich Übersetzungen poetischer, literarischer, philosophischer und theologischer Texte. Die Übersetzungen unterstützen den interkulturellen und interreligiösen Dialog und die Kommunikation zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen.
Denn Wissen fördert den Austausch. Dies haben schon die Abbasiden bewiesen, als sie im Irak des frühen Mittelalters Übersetzungszentren wie „Bayt al Hikma“ (Haus der Weisheit) aufbauten, in denen Texte vor allem aus dem Griechischen ins Arabische übersetzt und dann über al-Andalus nach Europa gelangten. Diese Mosaikgesellschaften, in denen die Übersetzung von Texten aus anderen Kulturen so gepflegt war, sollen uns heute als Vorbild dienen.
Wir leben heute in einer Zeit, in der wir durch die Unterstützung der künstlichen Intelligenz großartige Potenziale zur Verfügung haben, um Kulturen und Religionen durch Übersetzungen in Kontakt zu bringen. Diese Möglichkeiten sollten wir nutzen.
Und durch die Poesie und ihre Übersetzung ist die Förderung des Dialogs zwischen Kulturen und Religionen in einer ästhetischen Dimension möglich. Kunst und Revolution, Schönheit und Gerechtigkeit, Dialog und Vielfalt finden sich in einem bunten Mosaik wieder, das wir in diesem Manifest der Poesie bejahen möchten.
An wen richtet sich dieses Manifest in erster Linie? Wen stellst du dir als dessen idealen Leser vor?
Wir gehen in diesem Manifest der Poesie davon aus, dass wir alle Dichterinnen und Dichter sind. Die Leserinnen und Leser sind somit aktiv in den Prozess der Dichtkunst und der Veränderung der Welt durch die Poesie involviert. Außerdem betonen wir die Bedeutung der Poesietherapie für den Aufbau friedlicher und gerechter Gesellschaften, die Vielfalt betonen und den Dialog schätzen, ohne in die Falle der Pseudotoleranz zu tappen. Jede einzelne Leserin und jeder einzelne Leser ist für uns die Verkörperung der idealen Leserin und des idealen Lesers.
Wenn du auf die kommenden Jahre blickst, welchen Beitrag sollte ProMosaik Poetry deiner Meinung nach zur internationalen Kulturszene leisten?
Wir haben uns, da die Zeit, die wir dem Projekt widmen können, und auch die Ressourcen, die für das Projekt von ProMosaik Poetry bereitstehen, begrenzt sind, für drei geografische Bereiche entschieden: die muslimische Welt, Afrika und Lateinamerika. Wir versuchen, engagierten lyrischen Stimmen Gehör zu verschaffen und bemühen uns um die Bekämpfung jeglicher elitären Standpunkte, wenn es um die Poesie geht, die allen zugänglich gemacht werden sollte. Frauen spielen für uns in der Poesie dabei eine Hauptrolle. Außerdem sind Lyrik und Poesietherapie eng miteinander verbunden, um den sozio-politischen Wandel im Sinne von Gerechtigkeit, Vielfalt, Toleranz, Dialog und Menschenrechten zu bewirken. Das Projekt ist ein Tropfen auf den heißen Stein, aber wir lieben diesen süßen Tropfen unserer ästhetischen Revolution in dieser Welt, in der wir ganz im Sinne Martin Luther Kings einen „Traum“ haben, den wir verwirklichen möchten.










