von Manfred Böhm
Existenzielle Grunderfahrung im Schatten des Holocausts
Viktor E. Frankl (1905–1997) war eine der herausragendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Als Wiener Neurologe, Psychiater und Philosoph vereinte er medizinischen Scharfsinn mit tiefer humanistischer Weisheit. Sein Leben und sein Werk wurden unbarmherzig von den Extremen seiner Epoche geprägt: Er erlebte und erlitt die Erschütterungen zweier Weltkriege. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde er von den Nationalsozialisten deportiert, verlor fast seine gesamte Familie und überlebte die Hölle des Konzentrationslagers Auschwitz sowie anderer Lager.
Diese existenzielle Extremsituation war für Frankl weit mehr als eine existenzielle Erschütterung; sie wurde zur ultimativen Bewährungsprobe seiner wissenschaftlichen Annahmen. Vor seiner Deportation hatte er ein umfassendes Manuskript verfasst, das seine psychologischen Theorien begründete. Bei der Einlieferung in das Konzentrationslager wurde dieses Lebenswerk – sein theoretisches Fundament mit dem Titel „Ärztliche Seelsorge“ – vernichtet. Nach der Befreiung rekonstruierte er es unter Aufbietung aller Kräfte aus dem Gedächtnis.
Die grauenvolle Lagererfahrung bestätigte seine Kernerkenntnis auf radikalste Weise: Der Mensch ist in seinem tiefsten Wesen nicht primär von Triebstreben (wie bei Sigmund Freud) oder Machtstreben (wie bei Alfred Adler) geleitet, sondern von der Suche nach Sinn – dem „Willen zum Sinn“. Frankl erkannte das Wesentliche am Menschen und betonte, dass dem Individuum zwar alles genommen werden kann, nicht aber die fundamentale Freiheit, die eigene innere Einstellung zu den unabänderlichen Lebensumständen selbst zu wählen. Den Sinn seines eigenen Weiterlebens trotz all der schmerzhaften Verluste sah er fortan in einer klaren Mission: der Fortführung des Kampfes für die Menschlichkeit.
Logotherapie und die Vision einer unteilbaren Menschheit
Aus diesen Trümmern erwuchs die Logotherapie und Existenzanalyse, die als „Dritte Wiener Schule“ der Psychotherapie in die Geschichte ging. Für Frankl implizierte der Kampf für die Menschlichkeit von Beginn an zwingend den Kampf für ein friedliches Miteinander. Bereits 1946, in einem wegweisenden Aufsatz in der Zeitschrift DER TURM, legte er dar, dass wahrer Frieden nur durch das gegenseitige Verständnis und die tätige Verständigung miteinander entstehen kann. Unterschiede dürfen nicht länger als Trennendes begriffen, sondern müssen überbrückt werden.
Hierbei prägte Frankl in Analogie zum Monotheismus – dem Glauben an den einen Gott – den visionären Begriff des Monoanthropismus: den unerschütterlichen Glauben an die eine, unteilbare Menschheit. Im heraufziehenden atomaren Zeitalter, angesichts der existenziellen Bedrohung durch nukleare Massenvernichtungswaffen, gewann dieser Ansatz eine dramatische Dringlichkeit. Frankls logische Konsequenz war unerbittlich: Sobald die Menschheit die technologische Macht besitzt, sich selbst komplett auszulöschen, bricht das Zeitalter des kollektiven Schicksals an. Ein Überleben ist fortan kein nationales Privileg mehr, sondern nur noch als unteilbare globale Einheit denkbar.
Friedenskämpfer im heraufziehenden Kalten Krieg
Frankl blieb kein rein theoretischer Philosoph; er erhob seine Stimme aktiv auf der Weltbühne. Im März 1949 veröffentlichte er in Wien einen vielbeachteten, leidenschaftlichen Friedensappell unter dem Titel „Für einen Weltkongress der Kämpfer für den Frieden“. Dieser Aufruf erfolgte im Vorfeld des historischen Pariser Weltfriedenskongresses im April 1949.
Jener Kongress ging auch kunsthistorisch in die Geschichte ein, da das offizielle Plakat von Pablo Picassos berühmter Friedenstaube geziert wurde. Die schlichte, weiße Taube auf dunklem Grund wurde über Nacht zum globalen Epochen-Symbol. Sie untermauerte visuell perfekt Frankls Appell für eine geeinte Welt: Genau wie Picassos Taube als universelles Zeichen über allen ideologischen Grenzen schwebte, so forderte auch Frankl eine übernationale Allianz des Humanismus.
Es war eine Zeit, in der der Kalte Krieg heraufzog und die Welt in zwei unversöhnliche Blöcke spaltete. Frankl bewies enormen Mut, indem er die Mechanismen der damaligen Zeit offen anprangerte. Er kritisierte scharf, dass Politik und Medien systematisch Feindschaft und Hass gegen andere Länder säten – allen voran gegen die Sowjetunion. Die Propaganda für einen neuen, potenziell nuklearen Konflikt lief auf Hochtouren, während die Großmächte den fatalen Weg der grenzenlosen Aufrüstung beschritten. Frankl sah mit tiefer Sorge, wie sich starre militärische Blöcke formierten und brennende Krisenherde aufflammten. Doch gegen diese Kriegstreiberei hielt er an einer fundamentalen psychologischen und humanistischen Wahrheit fest: Die Völker selbst wollen keinen Krieg. Die einfachen Menschen teilen die Sehnsucht nach Frieden, unabhängig davon, auf welcher Seite der Grenze sie leben.
Psychopathologie der Geopolitik: Der Wiener Vortrag von 1969
Zwanzig Jahre später, in seinem Wiener Vortrag „Das Problem des Friedens“ im Jahr 1969, vertiefte Frankl seine Friedensarbeit um eine medizinische Sichtweise. Als Psychiater verglich er die psychische Erkrankung eines einzelnen Menschen mit den Störungen ganzer Staaten.
Er untersuchte den Verfolgungswahn und übertrug diesen Mechanismus auf die internationale Politik. Dabei nutzte er den Fachbegriff des Verfolger-Verfolgten-Komplexes („le complexe persécuteur-persécuté“). In der Geopolitik wie in der Psychiatrie zeigt sich oft dieselbe Dynamik: wer sich bedroht fühlt, wird aus reiner Angst selbst zum Angreifer. So entsteht ein gefährlicher Kreislauf. Das eigene aggressive Handeln wird als reine Verteidigung gerechtfertigt. Auf der Gegenseite weckt dies echtes Misstrauen, was die eigene Angst wiederum bestätigt und verstärkt.
Frankls therapeutischer Rat für die Weltpolitik war eindeutig: Das gegenseitige Beobachten, Drohen und Sanktionieren muss sofort aufhören. Druck von außen kann diesen Kreislauf nicht durchbrechen. Erst wenn die Aggressionen stoppen, verschwindet auch das Gefühl der Bedrohung auf beiden Seiten.
Brennende Aktualität: Der Abgrund zwischen Ost und West heute
Frankls hellsichtige Analyse aus den Jahren 1949 und 1969 liest sich wie ein direktes Protokoll der heutigen globalen Dauerkrise. Das Verhältnis zwischen dem Westen und Russland ist exakt in diesem psychotischen Verfolger-Verfolgten-Komplex gefangen. Die historische Vorgeschichte von Containment-Politik, NATO-Osterweiterung und der permanenten gegenseitigen Aufrüstung hat genau die Dynamik befeuert, vor der Frankl warnte.
Seit Jahrzehnten fühlen sich die Menschen im postsowjetischen Raum und im heutigen Russland existenziell und strategisch bedroht. Gleichzeitig fürchten sich die Menschen im Westen vor russischer Aggression. Beide Seiten agieren aus einer tief sitzenden, historisch genährten Angst heraus.
Die moderne Praxis von wirtschaftlichen Sanktionen, Isolation und permanenten militärischen Drohgebärden heilt diese Pathologie nicht. Im Gegenteil: Sie verschlimmert die psychologische Disposition der Gegenseite. Sie macht Russland nervöser, unberechenbarer und in der Folge defensiv-aggressiver. Die jüngste Eskalationsstufe – ukrainische Angriffe tief im russischen Hinterland, ermöglicht und gesteuert durch direkte westliche Hilfe, Aufklärung und Hochtechnologie – treibt diese Spirale nun endgültig an den nuklearen Abgrund. Wir befinden uns in einer Phase, in der ein einziger psychologischer oder technischer Fehlgriff den globalen Flächenbrand auslösen kann.
Fazit: Mut zum Dialog als einziges Heilmittel
Viktor Frankls Erbe hinterlässt uns keine wohlfeile Utopie, sondern eine knallharte, psychotherapeutische Notwendigkeit für das Überleben des Planeten. Sein damaliger Appell zur übernationalen Vereinigung für den Frieden besitzt heute eine erschreckende, ungebrochene Aktualität.
Das Fazit seiner Analysen ist unmissverständlich: Vertrauensbildende Maßnahmen sind das einzig wirksame Gegenmittel gegen die globale Paranoia. Drohungen und Waffen schaffen keinen Frieden; sie zementieren nur den Wahnsinn des kollektiven Verfolgungskomplexes. Um den drohenden nuklearen Untergang abzuwenden, braucht es den Mut zum sofortigen, bedingungslosen Dialog. Es braucht die Bereitschaft, das Trennende zu überwinden, die Ängste der Gegenseite als realen Faktor anzuerkennen und den Monoanthropismus – den Glauben an die eine, unteilbare Menschheit – als oberste Prämisse globalen Handelns zu etablieren. Wenn wir nicht lernen, uns als Glieder einer einzigen Menschheit zu begreifen, werden wir im atomaren Zeitalter gemeinsam untergehen.
Orginaltexte von Viktor E. Frankl sind zu finden unter: https://elisabeth-
Zum Autor:
Manfred Böhm, Jahrgang 1956, Publizist und Buchautor, Dipl.-Theologe, Studium der Katholischen Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft in Mainz und Tübingen, Fortbildungen in Logotherapie und Ausbildung in Psychopädie nach Dr. Derbolowsky, Publizistische Schwerpunkte: Spiritualität und Friedenstheologie










