Gewalt ist leicht zu erkennen, wenn jemand geschlagen, erschossen oder getötet wird. Schwieriger wird es, wenn niemand eine Waffe in der Hand hält. Armut, Diskriminierung, Ausbeutung und Unterdrückung können ein menschliches Leben ebenso wirksam einschränken, wenngleich sie dies auf sehr unterschiedliche Weise und mit sehr unterschiedlichen Folgen tun. Das bloße Hinzufügen weiterer Kategorien zu einer ständig wachsenden Liste von Gewaltformen löst dieses Problem jedoch nicht. Die interessantere Frage ist, was all diese unterschiedlichen Situationen gemeinsam haben und warum es sinnvoll ist, sie mit demselben Begriff zu beschreiben.
Menschen reagieren nicht einfach nur auf das, was um sie herum geschieht. Sie erinnern sich an die Vergangenheit, stellen sich Dinge vor, die noch nicht existieren, schmieden Pläne und verwirklichen Vorhaben. Arbeitnehmer:innen organisieren sich, weil sie sich andere Arbeitsbedingungen vorstellen, Menschen wandern aus, weil sie sich ein anderes Leben an einem anderen Ort vorstellen, und soziale Bewegungen entstehen, weil Menschen sich weigern, die gegenwärtige Situation als die einzig mögliche Zukunft zu akzeptieren. Diese Fähigkeit, sich die Zukunft vorzustellen und zu handeln, um sie zu gestalten, wird als Intentionalität bezeichnet. Das bedeutet jedoch nicht, dass Menschen tun können, was sie wollen, denn Intentionalität wird stets unter Bedingungen ausgeübt, die nicht frei gewählt wurden.
Jeder Mensch kommt zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt in eine Welt, eine bestimmte Familie, Kultur, wirtschaftliche Situation und ein bestimmtes politisches System. Niemand wählt seine Muttersprache, die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, in die er hineingeboren wird, die ihm zur Verfügung stehende Bildung oder die Vorurteile, denen er als Kind möglicherweise begegnet. Diese Dinge bestimmen zwar nicht, was jemand aus seinem Leben machen wird; sie bedingen jedoch zweifellos, was möglich ist. Wer in Sicherheit geboren wird und Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, finanziellen Mitteln und nützlichen sozialen Verbindungen hat, verfügt von Beginn an über ein ganz anderes Spektrum an Möglichkeiten als jemand, der in Armut, Konflikte oder Diskriminierung hineingeboren wird. Jeder Mensch lebt daher in einem sogenannten Freiheitsfeld, in dem manche Möglichkeiten zum Greifen nah sind, andere enorme Anstrengungen erfordern und wieder andere nahezu unmöglich erscheinen. Doch das Feld selbst ist nicht feststehend. Durch Lernen, Organisation, Zusammenarbeit, Widerstand, Erfindungsreichtum und Handeln versuchen Menschen kontinuierlich, ihre Lebensumstände zu verändern und das Spektrum des Möglichen zu erweitern.
Kein Freiheitsfeld existiert unabhängig von allen anderen. Menschliche Absichten treffen ständig auf andere menschliche Absichten, und das Handeln von Einzelpersonen, Institutionen, Unternehmen und Regierungen kann die Möglichkeiten, die allen anderen offenstehen, erweitern oder einschränken. Bildung, wissenschaftliche Erkenntnisse, Solidarität, politische Teilhabe und wirtschaftliche Sicherheit können Möglichkeiten eröffnen, die zuvor nicht existierten. Armut, Diskriminierung, Ausbeutung, Zensur und Krieg können diese Möglichkeiten jedoch auch verschließen. Freiheit kann daher nicht nur als etwas verstanden werden, das einem isolierten Individuum gehört. Es gibt auch ein kollektives Feld menschlicher Freiheit, das sich entsprechend den Beziehungen, die Menschen untereinander aufbauen, und den sozialen Bedingungen, unter denen sie leben, ständig verändert.
Aus dieser Perspektive lässt sich Gewalt leichter verstehen. Die Sklaverei ist vielleicht das deutlichste Beispiel, da der Wille des Versklavten dem eines anderen Menschen untergeordnet wird. Seine Arbeitskraft, seine Bewegungsfreiheit, seine Zeit und seine Zukunft werden für die Zwecke eines anderen Menschen vereinnahmt. Andere Formen der Gewalt funktionieren anders und lassen sich nicht einfach mit der Sklaverei gleichsetzen, doch lässt sich eine ähnliche Tendenz erkennen. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Rasse, der Religion oder der Herkunft kann Möglichkeiten verschließen; politische Unterdrückung kann Menschen daran hindern, an Entscheidungen mitzuwirken, die ihre Zukunft bestimmen; wirtschaftliche Verhältnisse können so ungleich werden, dass eine Person über ein enormes Spektrum an Möglichkeiten verfügt, während eine andere kaum praktische Möglichkeiten hat, sich dem zu widersetzen, was von ihr verlangt wird. Was all diese Situationen gemeinsam haben, ist die Aneignung, Unterordnung oder Unterdrückung der Absichten eines Menschen durch einen anderen.
Gewalt kann somit als Aneignung menschlicher Intentionalität verstanden werden. Sie schadet einem Menschen nicht nur in der Gegenwart, sondern schränkt auch sein Freiheitsfeld ein und beraubt ihn der Möglichkeiten, die ihm andernfalls in der Zukunft offenstanden. Humanisierung geht in die entgegengesetzte Richtung. Humanisierung bedeutet, gegen Formen der Gewalt zu kämpfen, die sich menschliche Intentionalität aneignen, und die Bedingungen zu verändern, die ihr Fortbestehen ermöglichen. Dadurch wird das kollektive Freiheitsfeld erweitert.
Dies verleiht der Gewaltfreiheit eine weitergehende Bedeutung als die bloße Weigerung, jemanden zu schlagen oder zu töten. Gewaltfreiheit ist ein aktiver Kampf gegen Gewalt, bei dem gleichzeitig versucht wird, nicht dieselbe Logik der Herrschaft zu wiederholen.
Dies hat sehr viel mit Journalismus zu tun, denn Journalismus sammelt nicht einfach Fakten aus der Welt und gibt sie unverändert an ein Publikum weiter. Jeder Artikel beruht auf Entscheidungen darüber, welche Aspekte berücksichtigt werden, wen man befragt, welche Geschichte relevant ist, welche Informationen an den Anfang des Artikels gehören und welche ganz weggelassen werden können. Blockiert eine Demonstration eine Straße, konzentriert sich ein Journalist auf die Beeinträchtigung der Pendler, ein anderer fragt, warum Tausende von Menschen es für notwendig hielten, die Straße zu blockieren, während ein weiterer das Verhalten der Polizei in den Mittelpunkt stellt. Alle drei berichten möglicherweise korrekt über die Fakten und gelangen dennoch zu sehr unterschiedlichen Interpretationen dessen, was geschehen ist. Dies anzuerkennen, ist kein Argument gegen Wahrheit, Genauigkeit oder Überprüfung. Es ist ein Argument dafür, anzuerkennen, dass Journalisten einen Standpunkt vertreten und – ob sie es nun zugeben oder nicht – an der Konstruktion einer kollektiven Erzählung mitwirken.
Auch der Journalismus kann sich Intentionalität aneignen. Ein Flüchtling kann zu einer Zahl werden, die eine Grenze überquert. Eine in Armut lebende Gemeinschaft kann zu einem sozialen Problem werden, das Politiker und Ökonomen zu erklären versuchen. Ein Protest kann zu nichts weiter als einer Störung werden. In jedem Fall laufen die betroffenen Menschen Gefahr, als Protagonisten ihres eigenen Lebens zu verschwinden und zu Objekten in der Darstellung der Realität durch andere zu werden. Selbst eine scheinbar wohlwollende Sprache kann diesen Effekt haben. Jemand, der einen Gewaltakt erlitten hat, mag zweifellos dessen Opfer gewesen sein. Wenn diese Person jedoch dauerhaft auf die Kategorie „Opfer“ reduziert wird, kann alles andere in den Hintergrund treten: Was sie vor der Gewalt wollte, was sie jetzt will, was sie tut und was aus ihr werden könnte. Ähnliches geschieht, wenn jemand, der für schreckliche Gewalt verantwortlich ist, auf ein Monster reduziert wird. Die Verurteilung mag verständlich sein, doch das Etikett erklärt so gut wie nichts darüber, wie diese Gewalt möglich wurde.
Und genau darin liegt eines der Probleme des Journalismus, der sich auf Verurteilungen beschränkt. Zu sagen, dass Rassismus, Krieg, Folter, Armut oder Unterdrückung schrecklich sind, mag moralisch richtig sein. Es hilft jedoch nicht unbedingt zu verstehen, warum sie auftreten, welche Interessen sie aufrechterhalten, welche Überzeugungen sie akzeptabel erscheinen lassen, wessen Stimmen aus der Geschichte verschwunden sind oder was sich ändern müsste, damit die Gewalt aufhört. Gewaltfreier Journalismus kann daher weder mit „angenehmem“ Journalismus gleichgesetzt werden noch mit einem Journalismus, der Konflikte vermeidet. Ein Journalismus, der sich mit der Überwindung von Gewalt befasst, wird unweigerlich mit Regierungen, Konzernen, Armeen, Institutionen, Ideologien und kulturellen Praktiken konfrontiert sein. Die Frage ist nicht, ob der Journalismus in Konflikte gerät, sondern was mit der menschlichen Intentionalität geschieht, wenn dies der Fall ist. Reproduziert er dieselbe Dynamik, indem er Menschen auf Feinde, Kategorien und Instrumente reduziert? Oder trägt er dazu bei, die Absichten und Bedingungen sichtbar zu machen, die aus dem Blickfeld verschwunden sind?
Es gibt noch ein weiteres Problem. Der Journalismus ist äußerst wirksam darin, die Kräfte aufzuzeigen, die die menschliche Freiheit einschränken. Krieg, Ungleichheit, Rassismus, ökologische Zerstörung, politische Unterdrückung und Grausamkeit verdienen zwar die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird, doch sie sind nicht die einzigen Kräfte, die in der Welt wirken. Gleichzeitig organisieren sich Menschen, leisten Widerstand, arbeiten zusammen, erfinden Neues, kümmern sich umeinander und schaffen Alternativen. Diese werden manchmal als „positive Nachrichten“ abgetan, als bestünde ihre einzige Funktion darin, dem Publikum nach den ernsten Berichten ein besseres Gefühl zu vermitteln. Sie sind jedoch weitaus wichtiger, denn sie machen die Absichten von Menschen sichtbar, die darauf abzielen, bestehende Verhältnisse zu verändern. Berichtet der Journalismus über Gewalt, ignoriert aber die Versuche, diese zu überwinden, dann ist er nicht einfach nur pessimistisch, sondern vermittelt ein unvollständiges Bild der Realität.
Menschen handeln entsprechend dem, was sie für möglich halten, und der Journalismus trägt dazu bei, diesen Horizont des Möglichen mitzugestalten. Wenn das Tag für Tag vermittelte Bild eines ist, in dem Gewalt unvermeidlich, Macht unantastbar und gewöhnliche Menschen im Grunde hilflos erscheinen, dann beginnt dieses Bild selbst, das Feld vorstellbarer Handlungen einzuschränken. Gewalt und ihre Ursachen aufzudecken ist eine wichtige Aufgabe des Journalismus. Doch er sollte auch die hinter Statistiken und Kategorien verborgenen Absichten ans Licht bringen, Machtkonzentrationen aufdecken und die bereits laufenden Versuche sichtbar machen, diese Verhältnisse zu verändern.
Dies führt zu einer relativ einfachen Definition: Gewaltfreier Journalismus ist Journalismus, der darauf ausgerichtet ist, das kollektive Feld menschlicher Freiheit zu erweitern.
Jeder Artikel hinterlässt beim Leser etwas: gewiss Informationen, aber auch Bilder, Interpretationen, Emotionen und Möglichkeiten. Die Frage für den gewaltfreien Journalismus lautet, ob das, was zurückbleibt, den Menschen hilft, die Kräfte zu verstehen, die auf ihr Leben einwirken, und ob es ihre Fähigkeit stärkt, an der Gestaltung der Zukunft mitzuwirken.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!










