Nach 76 Tagen friedlicher Proteste gegen die Regierung und gegen mit Jared Kushner und Ivanka Trump verbundene Entwicklungsprojekte erwartete die Bewegung der „Flamingo-Revolution“ am 14., 15. und 16. August die Ankunft von Hunderten Mitgliedern der Diaspora, die sich den abendlichen Kundgebungen in Tirana am Boulevard der Märtyrer der Nation anschließen.

Diaspora-Koordinator:innen aus Dutzenden Städten weltweit hatten Hunderte Menschen organisiert, die aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Österreich und anderen Ländern anreisten.

„Wir unterstützen die Entwicklung des Landes, aber Entwicklung muss auf die richtige Weise erfolgen – im Interesse der Bürger:innen und nicht im Interesse einer kleinen Handvoll Menschen. Vor allem lehnen wir maßgeschneiderte Gesetze und Projekte ab, die unser kulturelles und natürliches Erbe zerstören.

Schutzgebiete müssen unangetastet bleiben. Wir fordern die Aufhebung des Gesetzes Nr. 21/2024 und werden kein Projekt akzeptieren, das im Namen von Entwicklung Zerstörung verursacht. Wir fordern Jared Kushner und Ivanka Trump auf, sich aus den Projekten in Zvërnec und Sazan zurückzuziehen.

Darüber hinaus fordern wir die Ablösung dieser politischen Klasse, der wir nicht mehr vertrauen, sowie die Demokratisierung des Landes.“ – Paola Kolaj, Mitglied der Diaspora und Koordinatorin, Paris, Frankreich

Die „Flamingo-Revolution“, wie sie von lokalen Aktivist:innen genannt wird, wurde ursprünglich durch die geplanten Luxusresort-Projekte von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von Donald Trump, und Ivanka Trump in geschützten Naturschutzgebieten Albaniens ausgelöst. In Zvërnec, in der geschützten Landschaft Vjosa-Narta, wurde ein Stacheldrahtzaun errichtet, der den Zugang der lokalen Bevölkerung zu einem der wertvollsten Naturküstengebiete und einem der letzten unberührten Küstenökosysteme des Mittelmeers einschränkt.

2024 verabschiedete die Regierung unter Premierminister Edi Rama von der sozialistischen Partei (Mitte-links) das Gesetz 21/2024. Es erlaubt dem Nationalen Territorialrat, Genehmigungen für luxuriöse Tourismusresorts überall im Land zu erteilen – auch in geschützten Landschaftsgebieten. Drei Tage nach Verabschiedung des Gesetzes machte Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner seine Pläne für Luxusbauprojekte im Gebiet von Zvërnec und auf der Insel Sazan – einem geschützten Meeresgebiet vor der albanischen Küste – öffentlich.

„Seit der Änderung des Gesetzes über Schutzgebiete – heute als Gesetz Nr. 21/2024 bekannt – sind geschützte Gebiete in Albanien groß angelegten Tourismusprojekten wie Fünf-Sterne-Hotels und Luxusresorts ausgesetzt.

Besonders besorgniserregend ist das geplante Resort in Zvërnec. Das berüchtigte Vorhaben von Kushner, Rama und Al-Khayyat, das in einem Gebiet von herausragendem ökologischem und landschaftlichem Wert innerhalb der geschützten Landschaft Vjosa-Narta angesiedelt ist, veranschaulicht, wie der Bau einer einzigen touristischen Großanlage eine weitreichende Umgestaltung eines Schutzgebiets auslösen und wichtige Lebensräume zahlreicher Arten der Vernichtung preisgeben kann.“ – Denisa Kasa, Projektmanagerin bei der Organisation Protection and Preservation of Natural Environment in Albania (PPNEA)

Ausgelöst durch die Kushner-Trump-Projekte, ist die friedliche Bewegung, die sich nun im dritten Monat nächtlicher Proteste befindet, inzwischen viel größer geworden: Das unmittelbare politische Ziel ist mittlerweile der Rücktritt der gesamten Regierung. Anschließend fordern die Demonstrierenden eine einjährige technische Übergangsregierung, die das Land auf Neuwahlen vorbereiten soll. Zudem verlangen sie die Aufhebung des Gesetzes 21/2024 sowie weiterer wichtiger Gesetze im Zusammenhang mit ausländischen Investitionen und dem Wahlrecht.

Die zahlenmäßig beträchtliche albanische Diaspora hat in diesem Sommer in mehreren Städten Europas und Amerikas Proteste organisiert. Am 20. Juni flogen und fuhren Hunderte Menschen zur Unterstützung nach Tirana und sorgten damit für die bislang größte Kundgebung seit Beginn der Bewegung. Die Organisator:innen schätzen, dass sich mehr als 100.000 Menschen an den Protesten beteiligten. In einem so kleinen Land wie Albanien mit 2,33 Millionen Einwohner:innen entsprechen 100.000 Demonstrierende umgerechnet 12,7 Millionen Menschen in den USA – und die nächtlichen Proteste dauern seitdem an.

Die Bewegung hat Menschen über das gesamte politische Spektrum hinweg zusammengeführt: Jugendliche, Umweltschützer:innen, Rentner:innen, junge Familien und Influencer:innen vereinen sich, um Dynamik zu erzeugen und Druck auf den Premierminister auszuüben, damit dieser zurücktritt. Die friedlichen Kundgebungen am Boulevard der Märtyrer sind familienfreundlich gestaltet. Lokale Künstler:innen und Freiwillige haben einen eigenen Bereich eingerichtet, in dem Kinder malen können. Auch gibt es ein „Volkspodium“, das allen Bürger:innen offensteht, die ihre Meinung äußern und ihren Unmut über die Regierung zum Ausdruck bringen wollen.

Nach den Kundgebungen ziehen die Demonstrierenden durch die Straßen Tiranas. Viele Anwohner:innen winkten ihnen von ihren Balkonen aus zu, Taxifahrer:innen hupten, und Tourist:innen beobachteten das Geschehen aus den Cafés – und schließen sich teilweise sogar den Protesten an.

Die Bewegung ist basisdemokratisch und dezentral organisiert. Es gibt keine eindeutigen Anführer:innen, sondern lediglich „Koordinator:innen“ der Proteste. Sie ist ein Aufbegehren gegen den Status quo und das politische Establishment, das das Land seit 36 ​​Jahren regiert – ein Protest gegen Korruption und Oligarchie.

Es wird erwartet, dass die Proteste bis in den Herbst hinein allabendlich fortgesetzt werden – bis zum Rücktritt der Regierung.

Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!


Für Kontakt und Informationen

Paola Kolaj – Aktivistin, Diaspora-Koordinatorin, Paris, kolajpaola@gmail.com, +33 7 80 06 0284
Denisa Kasa – Projektmanagerin, PPNEA, d.kasa@ppnea.org, +355 69 403 7715
Mei Seva – Fotografin, Aktivistin, Mitglied der Diaspora, studio@meiseva.com, +1 917 301 9217