Am 20. August wird eine Delegation der Global Sumud Flotilla (GSF), bestehend aus Aktivist:innen, Mitgliedern der albanischen Diaspora, Journalist:innen und Vertreter:innen von Umweltorganisationen, vom Hafen von Brindisi in Apulien aus in See stechen, um die Insel Sazan in Albanien zu erreichen. Bei ihrer Ankunft werden sie sich umgehend den anhaltenden Protesten auf der Insel und dem Festland anschließen.

Die Wahl des Abfahrtshafens ist kein Zufall: Anlässlich des 35. Jahrestags der Ereignisse von Vlora werden die Kinder der Überlebenden dieser Tragödie mit den Booten der Flottilla nach Albanien zurückkehren, um den Protest der Bevölkerung zu unterstützen.

Die Initiative entstand aus der Zusammenarbeit der Global Sumud Flotilla mit den Kollektiven Mesdhe, Palestine und Lire, die sich für die Rechte von Migranten, gegen Verwaltungshaft und für die Unterstützung der palästinensischen Sache einsetzen. Die Boote, mit denen die Expedition stattfinden wird, wurden geborgen und zur Verfügung gestellt, nachdem sie — nach den Abfangmanövern während der letzten Mission der Global Sumud Flotilla auf dem Weg nach Gaza – von der israelischen Armee beschädigt und treibend zurückgelassen worden waren.

Die Aktion soll die „Flamingo-Revolution“ unterstützen, also die Mobilisierung des albanischen Volkes, das sich seit dem 16. Mai wehrt — gegen den Verkauf der Insel an den von Trump-Schwiegersohn Jared Kushner verwalteten Investmentfonds und gegen Unregelmäßigkeiten bei den von der Regierung unter Edi Rama vorangetriebenen Infrastrukturvereinbarungen.

Die Initiative ist Teil einer breiteren Mobilisierung gegen die wirtschaftliche, finanzielle und politische Expansion des US-israelischen Bündnisses, die sich in Projekten zur strategischen Kontrolle des Mittelmeers und seiner Küsten äußert, wie eben zum Beispiel dem Versuch, die unter Schutz stehende Insel Sazan zu „erwerben“.

Der koloniale Vormarsch in Albanien: Die Rolle von Kushner und die Antwort der „Flamingo-Revolution“

Im Januar 2025 wurde der Verkauf der Insel an Affinity Partners, die von Jared Kushner gegründete Private-Equity-Gesellschaft, vorläufig genehmigt, um über die Tochtergesellschaft Atlantic Incubation Partners LLC ein Luxusresort mit einem geschätzten Wert von 1,4 Milliarden Dollar zu errichten. Möglich gemacht wurde das Ganze durch das albanische Gesetz 21/2024, das die Aufnahme wirtschaftlicher Aktivitäten und luxuriöser Bauprojekte in ökologisch sensiblen und geschützten Gebieten erlaubt.

Jared Kushner ist nicht bloß ein Investor: Als Mitglied des „Board of Peace“ ist er der Initiator der „Gaza-Riviera“, jenem Plan, der im Januar 2026 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorgestellt wurde und die Umwandlung des Gazastreifens in ein Tourismus- und Finanzzentrum vorsieht.

Er ist Trumps Ansprechpartner für die Beziehungen zu Südwestasien und zugleich einer seiner wichtigen Unterstützer und Geldgeber. Außerdem hat er sich seiner politischen und persönlichen Beziehungen zu Benjamin Netanjahu gerühmt und unterhält enge strategische Kontakte zum American Israel Public Affairs Committee (AIPAC), mit dem er sich bereits seit Trumps erster Amtszeit in zentralen Fragen der pro-israelischen Politik abstimmt. Kushner, der als Architekt der historischen Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und verschiedenen arabischen Staaten gilt – den sogenannten „Abraham-Abkommen“ –, ist heute das Gesicht einer neokolonialen Expansion, die an mehreren Fronten voranschreitet. Derselbe Wirtschaftsakteur, der am Plan für den Gazastreifen beteiligt ist, spielt jetzt auch eine Hauptrolle bei dem Immobilienprojekt in Sazan – in einer Region, die zudem für Europa und den Westen von erheblicher energetischer und wirtschaftlicher Bedeutung ist.

Die Reaktion der albanischen Bevölkerung ist am 16. Mai 2026 regelrecht explodiert, nachdem die Insel mit Stacheldraht umzäunt worden war und Baustellenwächter während eines friedlichen Protests einen Anwohner angegriffen hatten. Der Protest hat sich landesweit ausgebreitet, wird als „Flamingo-Revolution“ bezeichnet und bringt Beschwerden über die Korruption der Regierung unter Edi Rama und Unregelmäßigkeiten bei öffentlichen Ausschreibungen im Zusammenhang mit großen Infrastrukturprojekten ebenso zum Ausdruck wie Umweltschutzforderungen für das Schutzgebiet.

Sazan, ein strategischer Knotenpunkt im Mittelmeer zwischen Ökologie und Geopolitik

Sazan liegt im Kanal von Otranto, direkt an der geschützten Lagune von Vjosa-Narta, und ist seit Jahrzehnten einer der strategischen Knotenpunkte im Mittelmeer – immer wieder wurde die Insel besetzt, unter anderem auch von Italien in den Jahren 1914 und 1939. Die Lage der Insel am Kanal ist eng mit Energieinteressen und Strategien zur Kontrolle von Handelsrouten verflochten, wie zum Beispiel dem IMEC-Projekt (India-Middle East-Europe Economic Corridor), dem großen Logistik- und Infrastrukturplan, der im September 2023 auf dem G20-Gipfel in Neu-Delhi ins Leben gerufen wurde, und in dem Triest als strategischer Dreh- und Angelpunkt für die Verbindung nach Nordeuropa vorgesehen ist. Genau bei Sazan verläuft auch die Trans Adriatic Pipeline (TAP), die Gasleitung, die an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland beginnt und Gas auf den Kontinent transportiert.

Die Insel ist außerdem der einzige Nistplatz der rosa Flamingos in Albanien und ein Durchzugsgebiet für über 200 Zugvogelarten. Und es gibt dort etwa 3.600 Bunker aus der Sowjetzeit, die von Sazans Vergangenheit als strategisch-militärischer Knotenpunkt zeugen. Die Umwandlung der Insel in ein Luxusresort wäre eine ökologische Katastrophe und würde zudem das historische Gedächtnis auslöschen.

Ähnliche Fälle von Rohstoff-Extraktivismus und Immobilienspekulation gibt es auch an der italienischen Adriaküste, wie zum Beispiel das bereits beanstandete Resort, das Four Seasons in Ostuni plant – umgesetzt von der Omnam Investment Group unter der Leitung des israelischen Unternehmers David Zisser. Das Projekt sieht den Bau eines 100-Millionen-Dollar-Resorts in einem Naturgebiet vor – ein Vorhaben, das auf den Widerstand von Bürgerinitiativen und Umweltverbänden gestoßen ist. Das Ziel der GSF-Initiative ist es daher, die Küsten und die Kämpfe miteinander zu verbinden und so die Kraft der Proteste zu verstärken.

Der Aufruf der Global Sumud Flotilla

Wir dürfen außerdem die Geschichte der Beziehungen zwischen Italien und Albanien nicht vergessen – von den beiden militärischen Besetzungen im 20. Jahrhundert bis hin zum jüngsten italienisch-albanischen Protokoll von 2023 zur extraterritorialen Verwaltung von Migrant:innen in den Zentren von Shëngjin und Gjadër, wobei letzteres 2025 in das x-te unmenschliche Rückführungszentrum (CPR) umgewandelt wurde. So zeichnet sich ein Kontinuum von Ausbeutung und Kontrolle ab, das sich von den albanischen bis zu den italienischen Küsten erstreckt und dabei Energieinteressen und institutionelle Komplizenschaft vertritt.

Unsere Geschichte ist schwer belastet von Verbrechen gegen das albanische Volk, wie zum Beispiel dem Vorfall mit dem Schiff „Vlora“: Am 8. August 1991 landeten über 20.000 albanische Menschen an der italienischen Küste auf der Suche nach Asyl. Was eigentlich ein Gesuch um humanitäre Hilfe sein sollte, wurde zu einem der beschämendsten Kapitel in der Geschichte der italienischen Republik. Die Passagiere – Männer, Frauen, Kinder – wurden im Stadio della Vittoria in Bari unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt, ohne Essen, ohne Wasser, ohne medizinische Versorgung. Dutzende Menschen starben, andere wurden krank. Und als die italienische Regierung beschloss, zu reagieren, tat sie dies mit der größten Zwangsrückführungsaktion in der Geschichte der Republik: 17.000 Menschen wurden abgeschoben und in ein Albanien zurückgeschickt, das am Rande des Zusammenbruchs stand – womit jeglicher Anschein von Menschlichkeit und Achtung des Asylrechts über Bord geworfen wurde.

Die Global Sumud Flotilla mobilisiert sich erneut – diesmal, um die koloniale Expansion und den Landraub durch Kushner und seine Verbündeten anzuprangern, wo wirtschaftliche Interessen, Immobilienspekulation und die geopolitische Kontrolle über das Mittelmeer Hand in Hand gehen. Wir stehen an der Seite der „Flamingo-Revolution“ und des albanischen Volkes und rufen alle zivilgesellschaftlichen Kräfte dazu auf, diesen Kampf zu unterstützen.

Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde von Domenica Ott vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!