Zusammen mit meiner Frau bin ich nach Palma de Mallorca gefahren, um die totale Sonnenfinsternis am 12. August zu beobachten. Nach mehrtägigen Erkundungen vor Ort entschieden wir uns für den Strand von Santa Ponsa als den besten Platz – er ist ziemlich groß und wurde von den lokalen Behörden empfohlen.

Bereits am Vortag gingen wir hin und taten, was alle Besucher der Insel in dieser Ferienzeit tun: Wir spazierten am Wasser entlang, bewunderten die prächtigen hundertjährigen Pinien, tranken etwas an der Bar und warteten natürlich auf den Sonnenuntergang und den Zeitpunkt der Sonnenfinsternis, um die Perspektive zu prüfen und sicher zu sein, dass man das Phänomen gut würde sehen können. Viele andere um uns herum taten das Gleiche. Die Sonnenfinsternis war das Ereignis des Moments, die Lichtschutzbrillen ausverkauft, ein Prickeln lag in der Luft. Man spürte bereits jene besondere Stimmung, die bei großen Ereignissen entsteht: Fremde kommen ungezwungen miteinander ins Gespräch, tauschen Informationen aus und knüpfen Kontakte.

Am nächsten Tag gehen wir lange vor dem Ereignis zum Strand, auch etwas besorgt: das Gedränge, eventuelle Übelgesinnte, Gelegenheitsdiebe, die das Durcheinander ausnutzen, zu gewissenhafte Polizisten, überfüllte Busse … Man hatte uns freundlicherweise einen Sonnenschirm geliehen und so richten wir uns als gute Urlauber am Strand ein. Gegen 15 Uhr ist der Strand erst halb voll, doch bereits von einer bunten, internationalen Menschenmenge aller Altersgruppen bevölkert.

Ich komme mir vor wie an einem Strand in einer zukünftigen Welt, in einer Art Universeller Menschlicher Nation – und zugleich an einem ganz gewöhnlichen Strand irgendeines Badeortes am Mittelmeer, mit Sonnenschirmen, Luftmatratzen, Bällen und leichten Schlieren von Sonnencreme im Wasser. Zwei Welten, die nebeneinander existieren und in diesem Moment miteinander in Kontakt treten. Nur wenige Menschen halten ein Handy in der Hand; viele haben eine Kamera und ein Stativ dabei, um das Ereignis festzuhalten.

Die Stunde rückt näher. Die Sonnenfinsternis beginnt kurz vor 20 Uhr, der entscheidende Moment der völligen Verdunkelung wird um 20.30 Uhr eintreten und anderthalb Minuten dauern. Der Strand füllt sich zunehmend, doch niemand stört, niemand drängelt, niemand flucht. Einige bewegen sich weiterhin wie an einem ganz normalen Strandtag, als wollten sie Haltung bewahren.

Die Sonnenfinsternis beginnt, wir beobachten sie durch die Schutzbrillen. Einige applaudieren, man weiß nicht wem. Die Krachmacher nebenan werden gebeten, die Musik leiser zu machen, als ob es etwas zu hören gäbe. Man winkt dem Helikopter der Polizei zu, der ein bisschen zu tief über unsere Köpfe hinwegfliegt.

Und dann geschieht das Wunder: der Himmel verdunkelt sich, die Temperatur sinkt und der Schwarze Mond zeigt sich. Stille hält Einzug bei den zwanzigtausend versammelten Menschen. Und die Ängste sind weg, die Aggressivität, die Unterschiede. In einem Augenblick schafft ein Naturphänomen die Voraussetzung dafür, dass wir uns alle Bewohner eines kleinen, von der Sonne erwärmten Planeten fühlen, von jenem kleinen blauen, von Wolken verschleierten Zufluchtsort, den Apollo 8 fotografiert hat. Dieser Zufluchtsort ist heute in Gefahr und braucht unsere Fürsorge.

In dieser Atmosphäre fühle ich mich mit all diesen anderen Menschen verbunden – denen hier neben uns, aber auch den fernen, die nichts von der Sonnenfinsternis wissen und unter den alltäglichen Problemen leiden, die die Menschheit erlebt: Durst, Hunger, Verzweiflung, Deportation, Ungerechtigkeit, Krieg, Sinnleere …

Eine Minute und dreißig Sekunden lang hat der Schwarze Mond uns gezeigt, dass ein Zusammenleben möglich und notwendig ist, dass es eine größere Welt gibt, die uns umhüllt und uns inspiriert, dass der oder die Unbekannte neben uns kein Gegner ist, sondern Schwester und Bruder, und dass Probleme in Zusammenarbeit gelöst werden, nicht in Konkurrenz – dass entweder alle gerettet werden oder niemand.

Das nehme ich im Herzen mit und ich bin überzeugt, dass auch andere diese Erfahrung gemacht haben, die eigentlich kein außerordentliches Ereignis erfordert, sondern Aufmerksamkeit für die neue Menschheit, die im Entstehen ist, die in den Sternenhimmel blickt und dabei in seinem leuchtenden Mittelpunkt den Sinn ihrer Existenz sucht.

Übersetzung aus dem Italienischen von Annette Seimer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige!