Über weite Strecken meines Lebens als Erwachsener waren Menschenrechte nicht lediglich ein Thema, zu dem ich geforscht habe. Es war ein Thema, das mir zu Herzen ging und mich gedanklich beschäftigte. Ich könnte einen Verstoß niemals als etwas Abstraktes betrachten, denn hinter jeder Menschenrechtsverletzung steckt ein Mensch – der Schmerz, die Qual, die Angst von Millionen und Abermillionen Menschen auf jedem Kontinent. Demokratien, autoritäre Regime und jede staatliche Behörde dazwischen begehen oder tolerieren irgendeine Form von Missbrauch: Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen, Völkermord, ethnische Säuberung, Verfolgung von Minderheiten, Online-Gewalt, Sexhandel und Kindesmissbrauch in Konfliktgebieten sowie das zunehmende Leid, das Menschen durch den Klimawandel zugefügt wird, die nichts zur Verursachung dessen beigetragen haben.
Von Alon Ben-Meir
Ich spreche mit schwerem Herzen über diese Verstöße, die fast überall stattfinden, und das bei Straffreiheit. Ich weiß, dass solch Horror über den gesamten Verlauf der Geschichte vorgekommen ist. Was jetzt anders ist, ist, dass wir dessen in Echtzeit Zeugen werden; Gräueltaten geschehen tagein, tagaus. Ich frage mich wie es möglich ist, dass wir als Menschen unseren moralischen Kompass verloren haben und in eine neue Dunkelheit hinabgestiegen sind, in der wir tatenlos zusehen, wie Gräueltaten geschehen und die Täter frei davonkommen.
Deshalb habe ich das Institut für Humanitäre Konfliktlösung (‚Institute for Humanitarian Conflict Resolution‘) gegründet. Der Zweck des Instituts ist es, Informationen über jede verfügbare Form der Kommunikations zu verbreiten, die Intensität und das Ausmaß von Menschenrechtsverletzungen an ihren vielen Orten und in ihren vielen Formen publik zu machen, und vor allem zum Handeln aufzurufen. Wir können uns keine Selbstgefälligkeit mehr leisten. Wir können es uns nicht mehr leisten, uns abzuwenden. Hunderte Millionen Menschen sind betroffen, und viele ertragen ein Ausmaß von Leid, das für diejenigen unter uns, die sich in Sicherheit befinden, einfach unvorstellbar ist.
Mit Gründung des Instituts habe ich führende Wissenschaftler und akademische Fachleute eingeladen, Essays über Menschenrechtsverletzungen in ihren vielfältigen Formen zu schreiben. Ich fühle mich außerordentlich geehrt, dass so viele Menschen mit Begeisterung darauf geantwortet haben. Für diese erste Sommerausgabe (https://ihcr.institute/book/journal-for-humanitarian-conflict-resolution-volume-1-issue-1-summer-2026/) haben uns neben meiner eigenen elf herausragende Beitragende ihre Arbeiten zur Verfügung gestellt. Im Folgenden finden Sie eine kurze Zusammenfassung von jedem Beitrag und dessen Bedeutung für diejenigen, deren Leben davon abhängt, diese Verstöße zu beenden oder zumindest zu mildern.
Evaggelos Vallianatos konstatiert, dass das Verbrennen fossiler Brennstoffe ein langsamer Krieg gegen die Menschheit ist, und dass ein verbindliches Abkommen über die Nichtverbreitung fossiler Brennstoffe sowie ein gerechter Übergang zu erneuerbaren Energien Milliarden vor tödlicher Hitze, Bränden, Überschwemmungen, Hunger und Vertreibung bewahren und damit das Leben von Millionen, die nichts dazu beigetragen haben, retten und sie vor Leid, Vertreibung und Tod bewahren könnten.
Am Beispiel seiner Diplomatie über inoffizielle Kanäle zeigt Botschafter Frederic C. Hof, wie stille Basisarbeit, die sich nun im neuen Israel-Libanon-Rahmenvertrag widerspiegelt, potenziell 78 Jahre der Feindseligkeit, bei der Tausende getötet wurden, beenden kann, indem israelische Sicherheit mit libanesischer Souveränität versöhnt wird, sodass entwurzelte Libanesen und Israelis in ihre Heimat zurückkehren und diese wieder aufbauen können.
Cemre Ulker behauptet, dass technologiegestützte Gewalt zu einem schnell eskalierenden digitalen Krieg gegen Frauen wird, der in körperlichen Missbrauch umschlägt, und dass starke Gesetze, die Verantwortung der Plattformen und eine digitale Kompetenz Millionen von Menschen, insbesondere Journalist:innen und Rechtsverteidiger:innen, es ermöglichen könnten, sicher am bürgerlichen und politischen Leben teilzunehmen.
Sam Ben-Meir vertritt die Ansicht, dass der Entzug der Staatsbürgerschaft den Rohingya die Anerkennung ihres Menschseins verwehrt, und dass die Wiederherstellung ihres rechtlichen Status – eine grundsätzliche Bedingung, und nicht ein Akt der Nächstenliebe – ihre Gefangenschaft in Lagern beenden und ihnen Schutz, eine Stimme und einen Platz der Zugehörigkeit geben würde.
Wioletta Rebecka und Alain Bayongwa argumentieren, dass sexuelle Gewalt im östlichen Kongo Zugehörigkeit ebenso zerstört wie Körper, und dass „Praktische Gerechtigkeit“ – Anerkennung, Geschichtenerzählen, fachliche Kompetenz, wechselseitiges Beitragen – die Würde, das Einkommen und das Ansehen von vertriebenen Frauen selbst dort wiederherstellen kann, wo Gerichte versagen, und sie in die Lage versetzt, ihre Kinder versorgen zu können.
Aus dem Exil heraus schreibt Nguyễn Ngọc Như Quỳnh, dass sich Vietnams Unterdrückungsmaßnahmen weg von Gefängniszellen hin zu Algorithmen verlagert haben, und dass anhaltender internationaler Druck, um freie Meinungsäußerung zuzulassen, gewaltlose politische Gefangene befreien, ihren Familien Jahre der Entbehrung ersparen und gewöhnlichen Vietnames:innen angstfreies Sprechen und Organisieren ermöglichen würde.
Hafza Girdap zeigt auf, wie die türkische Säuberung nach 2016 das Patriarchat instrumentalisierte, Mütter inhaftierte, Hunderttausende Frauen entließ und nach dem Austritt aus der Istanbuler Konvention Schutzmaßnahmen aushöhlte – und dass die Beendigung dieser geschlechterspezifischen Repression Lebensgrundlagen wiederherstellen, inhaftierte Mütter mit ihren Kindern wieder vereinen und es Frauen im Exil ermöglichen würde, ihre Staatsbürgerschaft wiederzuerlangen.
Caroline Ewing und Anne Speckhard vertreten die Ansicht, dass nihilistischer Online-Extremismus weniger von Ideologien als mehr von Verhaltensweisen im Dark-Net – wie Grooming, Sextortion, Grausamkeit, Skandalsucht – getrieben wird, und dass das frühzeitige Erkennen dieser Muster Tausende verletzbare junge Menschen, einige erst acht Jahre alt, vor Ausbeutung, Selbstverletzung und gewaltsamem Tod bewahren könnte.
Daniel Bar-Tal legt dar, dass eine zionistische Ideologie, die im Holocaust wurzelnde Opferrolle und 125 Jahre des Konflikts israelische Juden von Opfern zu Tätern von Besatzung und Massenmord gemacht haben – und dass eine Ende dessen Palästinenser vor weiterer Vertreibung und Tod bewahren würde, während Israelis von endlosem Krieg, Militarismus und der Aushöhlung der Demokratie befreit werden würden.
Katrina Fotovat behauptet, dass die Abschaffung von US-amerikanischen Gender-Programmen und KI-gesteuerter Missbrauch Frauen schutzlos gemacht hätten, und dass die Finanzierung von Organisationen unter Frauenführung sowie das Platzieren von Frauen am KI-Designtisch diese vor politischer Verletzbarkeit und technologiegestützter Gewalt schützen würden, und dadurch Zehntausende von Todesfällen und Kinderehen verhindert würden.
Mike Bedenbaugh argumentiert, dass der Grund für Amerikas humanitäre Versäumnisse – psychisch Kranke aufzugeben, Migranten in der Wüste sterben zu lassen, Krankenhäuser in ländlichen Gegenden zu schließen – in der Trennung von Macht und Verantwortung liegt, und dass ein verantwortlicher, lokal verwurzelter Föderalismus mit stabilen rechtlichen Leitlinien eine beständige Pflege von und die Würde für die Schwächsten wiederherstellen würde.
Alon Ben-Meirs Argumente sind, dass Israel einen Völkermord in Gaza begangen hat und die ethnische Säuberung im Westjordanland fortsetzt. Israel – ein Zufluchtsort, geboren aus unaussprechlichem Leid – ist zu einem Motor desselben geworden. Eine Nation, die gegründet wurde, um Verfolgung zu beenden, kann als ihr Verursacher nicht überleben. Israel hat den eigentlichen Grund seiner Entstehung verraten; seine Erlösung beruht auf Gerechtigkeit für die Palästinenser – ohne dies gibt es überhaupt keine Erlösung.
In Summe erstrecken sich diese Essays über Kontinente, Fachgebiete und verschiedenste Formen des Missbrauchs, und gelangen doch zu einer gemeinsamen Überzeugung: nichts von diesem Leid ist vermeidbar oder reversibel. Jeder Autor identifiziert nicht nur eine Wunde, sondern auch eine Abhilfe. Das ist der Zweck dieses Journals – zu benennen, was Menschen angetan wird, Rechenschaft einzufordern, und zu zeigen, dass Handeln nicht nur eine Möglichkeit ist, sondern ein Imperativ. Die Stimmen auf diesen Seiten verdienen unsere Aufmerksamkeit zu ihrer Unterstützung.
Dr. Alon Ben-Meir ist Präsident des Instituts für humanitäre Konfliktlösung.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Ursula Nollenberger vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!










