Es gibt wohl wenige Themen, die in der muslimischen Geschichte und Gegenwart so missverstanden wurden wie die Polygamie (zu Deutsch: Mehrehe) im Islam. Es gibt hierzu zwei vollkommen eindeutige Verse der Offenbarung Allahs, die das Thema ansprechen. In einem dieser Verse wird festgestellt, dass ein Mann mehrere Ehefrauen nicht vollkommen gleich behandeln kann. Im Vers 129 der Sure der Frauen (zu Arabisch: Sura an-Nisā) heißt es in der Tat:
„Und ihr werdet zwischen den Frauen nicht gerecht handeln können, auch wenn ihr danach trachtet.“
Von Milena Rampoldi, ProMosaik
Dieser Vers ist laut der iranischen Menschenrechtlerin Jila Movahed Shariat Panahi der letzte Schritt hin zur Abschaffung der Polygamie, die nur als absolute Ausnahme und nicht als kultureller Brauch zwecks Stärkung eines frauenfeindlichen Patriarchats, wie ich diese Sitte nennen möchte, bestehen bleiben darf.
In ihrem Buch mit dem Titel „Echos der Gerechtigkeit: Enthüllung der Rechtsgleichheit zwischen Männern und Frauen im Koran“ thematisiert sie den Weg von der reduzierten Polygamieoption des Korans zur vollkommenen Abschaffung derselben auf der Grundlage von Koran 4:129.

Wenn Allah im Vers 3 der Sure der Frauen dem frei erschaffenen Mann die Freiheit einräumt, selbst zu entscheiden, ob er sich als gerecht sieht und somit auf der Grundlage seines Gerechtigkeitsempfinden die sogenannte Polygamiekompetenz aufweist, die im hohen islamischen Ideal der Gerechtigkeit besteht, so weiß der Erhabene aber gleichzeitig, dass der muslimische Mann dies nicht kann, wie Allah dann im Vers 129 derselben Sure bestätigt.
„Und wenn ihr fürchtet, ihr würdet nicht gerecht gegenüber den Waisen handeln, so heiratet, was euch an Frauen gut erscheint, zwei, drei oder vier. Wenn ihr aber fürchtet, nicht gerecht zu sein, dann (nur) eine, oder was eure rechte Hand besitzt. Das ist eher geeignet, dass ihr nicht ungerecht seid.“
Der Vers 129 ist eine Aussage Allahs bezüglich einer ethischen Kompetenz des Mannes, während der Vers 3 derselben Sure offenbarungsgeschichtlich (gemäß den asbab an-nuzul) analysiert werden muss, um darin folgende soziohistorische Elemente vorzufinden:
Im Einklang mit der Überlieferung des Propheten, die unter anderem von Ibn Kathir in seiner Koraninterpretation angeführt wird, befasste sich dieser Vers offenbarungsgeschichtlich mit den Vormündern der schönen Waisenmädchen, die aus zwei Gründen kostenlos (ohne die Entrichtung der vorgesehenen Mitgift, zu Arabisch: Mahr) von ihren Vormündern geheiratet wurden: einerseits wegen ihrer Schönheit und andererseits wegen ihres Vermögens.
Allah empfiehlt diesen Männern, diese Waisenmädchen aus diesen Beweggründen nicht zu heiraten und begrenzt die Zahl möglicher Ehefrauen gegenüber den Praktiken der vorislamischen Zeit (zu Deutsch: Zeitalter des Unwissens) auf vier. Es mag paradox klingen, aber der Koran erhöht nicht die Anzahl der potenziellen Ehefrauen auf vier, sondern reduziert die unbegrenzten Frauenanzahl der vorislamischen Zeit auf „nur“ vier. Aber im selben Vers suggeriert Allah, dass die Begrenzung auf eine einzige Frau, also die Monogamie, vorzuziehen ist, falls man als Mann an der eigenen Gerechtigkeit zweifelt, die Allah im Vers 129 ausschließt.
Vor dem Islam galt keine Obergrenze für die Anzahl der Frauen, die ein Mann heiraten durfte. In diesem Sinne ist der Koranvers 4:3 der Ausdruck einer Begrenzung einer vollkommen zügellosen Mehrehe der vorislamischen Zeit auf vier Frauen. Aber die Forderung der absoluten Gleichheit und Gerechtigkeit, die der muslimische Mann walten lassen soll, führt nach Auffassung der iranische Frauenrechtlicherin Shariat Panahi zum Verzicht auf die Polygamie, da Allah die Monogamie empfiehlt, ohne aber die Freiheit des Mannes zu beschneiden, der sich aus eigener Überzeugung trotzdem für eine Mehrehe entscheiden kann.
Wenn der Mann aber seine unvollkommene Gerechtigkeit einsieht und die Gerechtigkeit nur auf Allah überträgt, verzichtet er auf die Polygamie. Um es in die Worte von Jila Panahi zu fassen:
„In diesem letzten Schritt wird die Fähigkeit des Ehemanns, Gerechtigkeit zu schaffen, dem Allweisen Gott selbst zugeschrieben. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass aus der Sicht des Schöpfers kein Mensch, selbst wenn er sich noch so sehr danach sehnt, Gerechtigkeit durchzusetzen, jemals die Fähigkeit dazu besitzen wird!!!!!!. Diese direkte Aussage Gottes sollte alle gläubigen muslimischen Männer unweigerlich zu der Schlussfolgerung führen, dass „die Einehe eine der notwendigen und unverzichtbaren Voraussetzungen für die Gründung einer harmonischen, koranischen Familie ist.“
Sozialhistorisch und soziologisch sei an dieser Stelle noch angeführt, wie die Polygamie (Polygynie) in den ersten Jahrzehnten des Islam vor allem soziale Versorgung und Sicherheit der Witwen der Ehemänner anstrebte, die in den Schlachten von Badr und Uhud ihr Leben gelassen hatten. In der arabischen Stammesgesellschaft des 7. Jahrhunderts, die kein modernes staatliches Sozialsystem kannte, trug die Heirat mit den Witwen dazu bei, deren finanzielle Sicherheit, sozialen Status und körperliche Unversehrtheit zu gewährleisten. Beispiele hierfür sind Hafsah bin Umar und Zaynab bin Khuzaymah, zwei Witwen, die der Prophet heiratete.
Aber welche Auswirkungen haben diese exegetischen Überlegungen nun auf das Leben und die Träume der muslimischen Frauen von heute? Um dies herauszufinden, sehen wir uns die Aussagen der malischen Feministin und Frauenrechtsaktivistin Awa Dembele der Initiative „Caravane“ an, die in einem kurzen Video klar formuliert, wie Frauen in der Ehe als „Objekte“ und Arbeitskräfte angesehen und ausgenutzt werden. Sie spricht nicht von der Frau, sondern von Frauen und kritisiert hier auch die Mehrehe, die in Mali oft als „Ausbeutungssystem“ manipuliert wird. Sie sagt:
“Männer heiraten Frauen nicht aus Liebe, sondern um Arbeitskräfte zu bekommen.”
Sie spricht hier die malische Realität der Frauen an, die sich auf dem Markt durchkämpfen, um ihre Familien zu ernähren, während ihre Ehemänner zu Hause schlafen, Tee trinken und fernsehen.
Sie spricht dann die Verbindung zwischen Polygamie und Zwangsehe an. Frauen werden schlecht behandelt, weil sie nach einer Zwangsehe dem Mann ausgeliefert sind. Sie werden zu kostenlosen Arbeitskräften.
Provokativ fragt sie, wie viele Herzen ein Mann habe, wenn er der Meinung ist, er könnte mehrere Ehefrauen nehmen. Im Alter von 13 Jahren widersetzte sich Awa einer Zwangsehe. Denn sie will ihr Leben selbst bestimmen. Sie spricht von einer Tradition und einer Mentalität, gegen die muslimische Frauen ankämpfen sollten.
Denn in den Gesellschaften, in denen diese Art von Polygamie gemeinsam mit der Zwangsehe vorherrscht, werden die bereits bestehenden Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und die wirtschaftliche Abhängigkeit muslimischer Frauen weiter verschärft.
Frauen werden zu unbezahlten Dienstmädchen und zu Sklavinnen in der Landwirtschaft. Die Zahl der Kinder macht sie dann wirtschaftlich und sozial noch angreifbarer.
Entscheidungsfähigkeit und Erziehungsmöglichkeiten werden aufgrund der Abhängigkeit mehrerer Frauen von einem einzigen Ehemann zusätzlich stark eingeschränkt. Natürlich führt das zu Problemen und Konflikten zwischen den Ehefrauen und zu extremer psychologischer Belastung.
In seltenen Fällen bleibt die Polygamie aber eine Option, beispielsweise wenn die erste Ehefrau damit einverstanden ist, weil sie keine Kinder bekommen kann oder weil sie krank ist und möchte, dass die Mitfrau sich nach ihrem Tod um ihre Kinder kümmert. Abschließend möchte ich meine Schlussfolgerung anführen:
Der muslimische Feminismus muss meiner Meinung nach die Gesellschaft sensibilisieren und aufklären und mit einfachen Worten wie denen von Awa Dembele aufzeigen, wie ungerechte Zustände in keiner Weise wirtschaftliche Ausbeutung in einem polygynen Rahmen rechtfertigen, der sich dem Koran und der islamischen Religion widersetzt.










