Schätzungen zufolge gelten 90.000 Menschen an der Front – sowohl Soldaten als auch Zivilisten – als vermisst. In der ukrainischen Hafenstadt wollen die Frauen wissen, was aus ihren Angehörigen geworden ist. Aus diesem Grund nehmen sie jeden Sonntag an einer Sitzblockade teil, die vom verborgenen Leid des Landes zeugt.
„Warum? Weil mir nichts anderes übrig bleibt“, sagt Anna und zeigt das Foto von Porsh, das um ihren Hals hängt. Darunter steht: „Hundert Tage ohne dich: Ich warte auf dich.“ „Ach, wenn es doch so wäre …“, ergänzt die 31-Jährige, die ebenso alt ist wie ihr Ehemann. „Die Aufschrift ist alt, ich habe sie ganz am Anfang angefertigt. Damals kamen mir hundert Tage wie eine Ewigkeit vor. Inzwischen sind es fast siebenhundert. Aber ich habe das Warten nie aufgegeben.“
Jeden Sonntag ist sie um Punkt 14 Uhr auf der Deribasovskaja, der langen Fußgängerzone, die sich zwischen den prächtigen Gebäuden von Odessa hindurchschlängelt. Dort, wo sich majestätische Gebäude aus der Zarenzeit, kleine Cafés in Form von Straßenbahnkabinen und die Außentische der Lokale aneinanderreihen, wiederholt sich Woche für Woche das Drama des Leids einer Ukraine, die entschlossen ist, nicht in Vergessenheit zu geraten. Das Land der 90.000 „im Einsatz Vermissten“, wie die Regierung in Kiew mitteilt – größtenteils Soldaten, aber auch Zivilisten, die in den Gebieten nahe der Front verschwunden sind. Vom schwarzen Loch des Krieges verschluckt – so wie Porsh.
Anna hat seit dem 3. August 2024 nichts mehr von ihm gehört. Drei Monate zuvor war er von der Armee eingezogen und an die Front im Gebiet Kupiansk geschickt worden. „Es ist nicht normal, dass ein Mensch einfach so im Nichts verschwindet, als hätte er nie existiert. Und doch geschieht es“, betont die junge Marketingmitarbeiterin mit den langen blonden Haaren, die unter ihrer weißen Mütze hervorschauen, und der großen dunklen Brille. „Genau das bringen wir durch unsere Anwesenheit zum Ausdruck.“
„Ein Zeugnis, kein Protest“, betonen die Organisatorinnen der Initiative, die seit nunmehr vier Jahren in verschiedenen Städten des Landes stattfindet. Sie haben die Aktion „Frauen-Sit-in“ genannt, da die meisten Teilnehmerinnen Mütter, Ehefrauen, Töchter und Schwestern sind, auch wenn einige Männer sie begleiten. Alles begann im Sommer 2022 in der Hauptstadt, als sie die Freilassung der Anführer des Widerstands im Azovstal-Stahlwerk forderten. Diese waren nach der Eroberung von Mariupol von den Russen gefangen genommen worden. Unter ihnen ist auch Dmitri, der beste Freund von Katerina. Die 28-jährige Studentin, die im Februar 2023 die Protestaktion in Odessa mit ins Leben rief, hat gerade ihren Geburtstag gefeiert.
„Dmitri befindet sich in einer Zelle im Norden Russlands, wo er eine 18-jährige Haftstrafe verbüßt. Am vergangenen 28. Mai gelang es ihm, einen Brief an seine Familie zu schicken. Wie es ihm geht? Wie man sich vorstellen kann … Ich vermisse ihn sehr. Wir standen über soziale Medien ständig in Kontakt. Jetzt ist sein Profil verschwunden. Von Zeit zu Zeit schaue ich nach – in der verrückten Hoffnung, ihn wieder online zu finden. Vielleicht geschieht ja eines Tages ein Wunder …“
Es ist schwer zu sagen, wie viele der Vermissten offiziell als Kriegsgefangene gelten. Schätzungen zufolge sind es rund 7.000. Die regelmäßigen Gefangenenaustausche mit den rund 4.000 russischen Soldaten in ukrainischer Gefangenschaft sind einer der wenigen Kanäle, die trotz des Stillstands der Verhandlungen zwischen beiden Staaten offen geblieben sind. Bei der jüngsten Austauschaktion kehrten am 5. Juni 186 Gefangene nach Hause zurück.
„Wir müssen noch mehr von ihnen nach Hause holen. Viel mehr. Das ist es, was wir wollen und von der Regierung fordern. Wir müssen den gegenseitigen Austausch intensivieren“, erklärt die 25-jährige Vlada, die sich gerade den Demonstrationen angeschlossen hat, um die 22-jährige Diana zu unterstützen. Dianas Vater wurde 2024 von Moskauer Soldaten gefangen genommen. „Zumindest glauben wir das. Er war in einem auf TikTok veröffentlichten Video zu sehen, aber es gibt keine offiziellen Bestätigungen“, sagt die junge Frau, die am dritten Sonntag in Folge zur Deribasovskaja geht. Sie trägt ein Plakat mit Dutzenden Bildern junger Männer, auf dem steht: „Wen haben Sie verloren? Ich habe sie alle verloren. Und Sie auch.“
Während sich die Kämpfe Woche für Woche hinziehen, hat das „Frauen-Sit-in“ seinen festen Ablauf beibehalten: die Schweigeminute, die Nationalhymne, die patriotischen Lieder und der Ruf „Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden!“ Die Teilnehmerzahl ist jedoch gestiegen. In Odessa gibt es mittlerweile einen festen Kern von etwa hundert Personen. Die Aktion ist zu einem Barometer für die Mischung aus Gefühlen und widersprüchlichen Erwartungen geworden, die im Land spürbar ist. Die Wut auf Russland vermischt sich mit Frustration, Verzweiflung, Ohnmacht und zermürbender Erschöpfung.
Das im Februar vom ukrainischen Parlament verabschiedete Gesetz, das die Todeserklärung von Vermissten erleichtert, hat die Unzufriedenheit verschärft und die Regierung zu einem Rückzieher veranlasst.
„Wir müssen unsere Gefangenen befreien. Die Haft in den Gefängnissen des Kremls ist ein Tod zu Lebzeiten“, sagt die 35-jährige Aziza, deren Wurzeln auf der Krim liegen und die kurz vor der Besetzung von dort fliehen musste, sichtlich bewegt. Ihre Mutter ist noch immer dort. „Auch meine Heimat ist in Geiselhaft. Ich bin jedoch überzeugt, dass es uns gelingen wird, sie zurückzuerobern.“
Margarita weint und zuckt nur mit den Schultern, wenn sie an die Zukunft denkt. „Ich würde mir so sehr wünschen, dass wieder Normalität einkehrt. Und dass ich zumindest Alexander, meinen jüngeren Bruder, zurückbekomme. Für meinen älteren Bruder Aleksej ist es zu spät, denn er wurde getötet. Aber Alexander ist am 21. April verschwunden, vielleicht ist es noch nicht zu spät … Man sollte uns mehr Informationen geben und uns mit den Kommandanten in Kontakt bringen. Vielleicht wissen sie ja wenigstens etwas. Die Angst, die Ungewissheit, der Zweifel – das zerreißt einen.“
Die wöchentlichen Zusammenkünfte auf der Deribasovskaja lassen sie sich weniger allein fühlen. Jedes Mal nimmt sie ihre Töchter Oresa und Vitalina mit, die 12 und 5 Jahre alt sind. Sie haben eines der Lieder auswendig gelernt, die während der Aktion gesungen werden. Mit Blick auf die üppig blühenden Blumenbeete der Deribasovskaja sagt sie: „Überall ist Blut. Überall. Auch hier, auf den Mohnblumen und den Rosen.“
Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!










