Seit den Kriegen in Bosnien und Herzegowina, Kroatien und im Kosovo sind mehr als drei Jahrzehnte vergangen. Während dieser Zeit fanden bedeutende rechtliche und politische Veränderungen statt. Überlebende konfliktbedingter sexualisierter Gewalt, die in den unmittelbaren Nachkriegsjahren weitgehend übersehen wurden, erlangten  durch den beharrlichen Einsatz von Hinterbliebenengruppen, Frauenorganisationen und Menschenrechtsinstitutionen schrittweise rechtliche Anerkennung.

Bosnien und Herzegowina gehörten zu den ersten Ländern weltweit, die eine eigenständige Rechtskategorie für Überlebende  kriegsbedingter Vergewaltigungen schufen. Im Jahr 2006 erhielten die Überlebenden im Rahmen der Gesetzgebung für zivile  Kriegsopfer Anerkennung. Nachfolgende Rechtsreformen  weiteten den Schutz aus,  und die Föderation von Bosnien und Herzegowina verabschiedete ein neues Gesetz zum Schutz ziviler Kriegsopfer, das 2024 in Kraft trat. Das Gesetz führte zusätzliche Rechte ein, darunter vorrangigen Zugang zu medizinischer Versorgung  und Rehabilitationsleistungen. Dennoch bestehen weiterhin Umsetzungsprobleme, und der Zugang zu diesen Rechten ändert sich je nach Verwaltungsebene.

Kosovo schlug einen anderen Weg ein. Im Jahr 2014 änderte die kosovarische Nationalversammlung die Gesetzgebung, um Überlebende kriegsbedingter sexueller Gewalt als zivile Kriegsopfer anzuerkennen. Die Anerkennungsverfahren wurden später durch die Regierungskommission zur Anerkennung  und Nachweisführung von Überlebenden sexualisierter Gewalt  während des Kosovo-Krieges in die Praxis umgesetzt. Seit 2018 sind Überlebende imstande, einen offiziellen Status zu erhalten und einmal pro Monat eine finanzielle Entschädigung  zu bekommen. Der rechtliche Rahmen stellte nach beinahe zwei Jahrzehnten des Schweigens einen bedeutenden Durchbruch dar. Gleichzeitig wirken sich Stigmatisierung, Offenlegungsbedenken und verfahrenstechnische Hürden weiterhin negativ auf den Zugang zur Anerkennung aus.

Kroatien verabschiedete in 2015 das Gesetz über die Rechte von Opfern  sexueller Gewalt während des Heimatkriegs. Die Gesetzgebung schuf den Zugang  zu Entschädigungen, psychosozialer Unterstützung und gesundheitsbezogenen Leistungen für anerkannte Überlebende. Ebenso wie Bosnien und der Kosovo  erkannte Kroatien an, dass kriegsbedingte sexualisierte Gewalt eine spezifische rechtliche Anerkennung  erforderlich macht, die über weitere Rahmenbedingungen für zivile Kriegsopfer hinausgeht.

Diese Entwicklungen  stellen bemerkenswerte Erfolge im Bereich der Übergangsjustiz dar.  Dennoch werfen sie auch eine Frage auf, der weitaus weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Was geschieht nach der Anerkennung?

Seit mehr als zwanzig Jahren dokumentierte ich Berichte von Überlebenden konfliktbedingter sexueller Gewalt in Bosnien und Herzegowina und in anderen Post-Konflikt-Regionen. Meine Dissertation, in der ich die Langzeitfolgen kriegsbedingter Vergewaltigungen  untersuchte, ermittelte immer wieder eine Diskrepanz zwischen rechtlicher Anerkennung und langfristiger Unterstützung. Öffentliche Diskussionen legen den Schwerpunkt oft auf kriegsbedingte Gewalt, strafrechtliche Verantwortlichkeit und Entschädigung. Weit weniger Aufmerksamkeit wird der Frage gewidmet, wie Überlebende zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre nach den Gewalttaten leben.

Diese Diskrepanz wurde durch drei Treffen  offensichtlich, die zwischen 2021 und 2025  in Bosnien und im Kosovo stattfanden.

Im  Jahr 2023 traf ich bei einer Präsentation meines Buches „ Vergewaltigung: eine Geschichte der Schande  – Tagebuch der Überlebenden bei Medica Zenica“, einen männlichen Überlebenden aus Tuzla.  Die öffentliche Debatte über kriegsbedingte sexuelle Gewalt berücksichtigt oft nicht männliche Überlebende, und eine allgemeine Offenlegung ist nach wie vor  unüblich. Er erklärte, dass er aus Scham, Angst vor Stigmatisierung  und  aus Sorge  vor sozialer Ausgrenzung  jahrelang nicht in der Lage war, sich um eine Anerkennung zu bemühen.

Letztendlich  beantragte und erhielt er die Anerkennung als ziviles Kriegsopfer und begann, Entschädigungen  zu beziehen. Seine Beurteilung des Nachkriegssystems war jedoch gemischt. Obwohl er die Bedeutung der Anerkennung  würdigte, beschrieb er jedoch auch ein anhaltendes Gefühl des Alleingelassenwerdens. Mehr als dreißig Jahre nach dem Krieg vermutete er, dass die psychologische Unterstützung nach wie vor unzureichend ist und dass ein breiteres gesellschaftliches Verständnis für Überlebende  nur begrenzt ist. Sein Bericht verdeutlichte eine Differenzierung, über die in öffentlichen  politischen Debatten häufig hinweggesehen wird. Anerkennung mag die Gewalt akzeptieren. Die langfristigen sozialen Folgen des Lebens mit dieser Gewalt werden dadurch nicht unbedingt angesprochen.

Bei einem Besuch im Kosovo im Jahr 2021 wurde  ein anderer Trend sichtbar. Im Anschluss an eine öffentliche Veranstaltung bat eine Frau  um ein vertrauliches Gespräch. Sie schilderte, dass sie während des Kriegs ihren Verlobten verloren habe, vergewaltigt wurde, schwanger geworden sei und das Kind später zur internationalen Adoption  freigegeben habe. Danach verließ sie den Kosovo und baute sich im Ausland ein neues Leben auf.

Im Gegensatz zu den Überlebenden aus Tuzla hat sie nie ein offizielles Anerkennungsverfahren durchlaufen. Sie hat weder einen Rechtsstatus, noch eine Entschädigung oder öffentliche Anerkennung beantragt. Ihre Erklärung war einfach: der emotionale Aufwand einer Offenlegung war ihr zu hoch.

Ihr Fall  zeigt eine wesentliche Einschränkung  von Entschädigungssystemen auf.  Anerkennungssysteme können nur jene Überlebenden unterstützen, die in der Lage sind, Zugang zu ihnen zu finden. Wegen Stigmatisierung, familiärem Druck, Angst vor Bloßstellung oder unbewältigter psychischer Belastung bleiben viele außerhalb der formellen Hilfesysteme. Ihr Fehlen in offiziellen Statistiken sollte nicht mit einem nicht  vorhandenen Bedarf erklärt werden.

Ein drittes Treffen fand 2025 in Ahmici während einer von der Kolo – Frauengruppe organisierten Konferenz statt. Dort traf ich eine Überlebende, die einen Großteil ihres Nachkriegslebens der Erinnerungsarbeit vor Ort und der Dokumentation und  Erfahrungen von Opfern und Überlebenden in Zusammenhang mit dem Massaker von Ahmici gewidmet hat. Ihre Arbeit konzentrierte sich auf Wissensvermittlung, Erinnerungskultur und  gesellschaftliches Engagement.

Ihre Erfahrung zeigt einen anderen Verlauf. Ihre Antwort bestand in der aktiven Mitarbeit bei der Aufrechterhaltung  des kollektiven Gedächtnisses und historischen Bewusstseins. Ihre Aussage wirft auch umfassendere Fragen auf. Warum hängen so viele Kompetenzen im Zusammenhang mit Erinnerungskultur, Wissensvermittlung und der Unterstützung von Überlebenden weiterhin von einzelnen Überlebenden und lokalen Organisationen ab?  Warum werden diese Aufgaben nicht gezielter in dauerhafte staatliche Strukturen eingebettet?

Die  drei Fälle unterscheiden sich deutlich voneinander. Ein Überlebender strebte eine rechtliche Anerkennung an. Ein anderer blieb den Anerkennungssystemen  vollständig fern. Ein weiterer war in die Erinnerungsarbeit eingebunden. Dennoch weisen alle drei auf dieselbe Schlussfolgerung hin.

Die Folgen kriegsbedingter sexualisierter Gewalt bestehen noch fort, lange nachdem die juristischen Prozesse abgeschlossen sind.

Während meiner Forschung habe ich begonnen, diese Erfahrungen durch das zu verstehen, was ich als das „ Soziale und politische Nervensystem“ (SPNS) bezeichne. Der Begriff bezieht sich auf die miteinander verbundenen rechtlichen, sozialen, institutionellen und politischen Milieus, in denen Überlebende nach einem Konflikt weiterleben. Kriegsbedingte sexualisierte Gewalt hat nicht nur Auswirkungen auf den eigenen Körper oder die Psyche. Sie beeinflusst auch die Beziehungen zu Institutionen, Familien, Gemeinschaften und  Systemen der öffentlichen Anerkennung.

Aus diesem Blickwinkel kann Genesung nicht auf klinische Symptome  oder individuelle  Anpassung zurückgeführt werden. Überlebende stehen ihr ganzes Leben lang im Austausch mit juristischen Institutionen, Gesundheitseinrichtungen, Sozialsystemen, familiären Netzwerken, öffentlichen Narrativen und politischen Entscheidungen. Diese Wechselbeziehungen prägen die langfristigen Auswirkungen genauso stark wie die eigentliche Gewalt selbst.

Die in Bosnien und Kosovo zusammengetragenen Erfahrungsberichte legen nahe, dass die größte Herausforderung, mit der die Überlebenden heute konfrontiert werden, nicht im Ausbleiben der rechtlichen Anerkennung besteht. In diesem Bereich wurden  entscheidende Fortschritte erzielt. Die Herausforderung  liegt vielmehr  im Fehlen einer systematischen langfristigen Überwachung  und Unterstützung.

Nur wenige Verfahren untersuchen, wie Überlebende Jahrzehnte nach den Gewalterfahrungen zurechtkommen. Es liegen nur begrenzte Daten zu langfristigen gesundheitlichen Folgen, altersbedingten Bedürfnissen, sozialer Isolation, familiären Beziehungen, oder wirtschaftlicher Verwundbarkeit  in den Gruppen der Überlebenden vor. Unterstützungsdienste werden oft von Nichtregierungsorganisationen, von geförderten Projekten, von lokalen Initiativen angeboten, und nicht von koordinierten nationalen Systemen. Hierauf wurde von internationalen Organisationen und Interessenvertretern der Überlebenden  quer durch die Region wiederholt hingewiesen.

Dies ist besonders bedeutsam, da die Überlebenden älter werden. Viele erreichen nun ein höheres Lebensalter, während sie weiterhin mit Folgen leben, die über das Trauma im engeren psychologischen Sinne hinausgehen. Chronische  gesundheitliche Beeinträchtigungen, Pflegeaufgaben, wirtschaftliche Unsicherheit, unbewältigte Stigmatisierung und soziale Isolation entpuppen  sich häufig als langfristige Probleme. Dennoch waren nur wenige politische Maßnahmen der Nachkriegszeit auf einen Zeithorizont  von dreißig Jahren ausgelegt.

Bosnien und Herzegowina, der Kosovo und Kroatien haben  bedeutende Fortschritte bei der Anerkennung von Überlebenden kriegsbedingter sexualisierter Gewalt erzielt. Diese Leistungen sollten nicht bagatellisiert werden. Anerkennung, Entschädigung und rechtliche Wertschätzung stellen im Vergleich zur unmittelbaren Nachkriegszeit bedeutende Fortschritte dar.

Anerkennung ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Gesundung.

Dreißig Jahre nach den Kriegen besteht die entscheidende Herausforderung nicht mehr darin, nachzuweisen, dass es zu kriegsbedingter sexueller Gewalt gekommen ist. Die Beweislage ist erdrückend. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, ob die Nachkriegsgesellschaften bereit sind, aufeinander abgestimmte rechtliche, medizinische, psychologische und soziale Systeme zu entwickeln, die in der Lage sind, die Überlebenden für die Dauer ihres Lebens zu begleiten.

Die Erfahrungen der Überlebenden legen nahe, dass Anerkennung nicht als Endpunkt der Gerechtigkeit, sondern als Beginn einer langfristigen Verantwortung verstanden werden sollte.

 

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Doris Fischer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!

 


Dr. Wioletta Rebecka ist Psychologin, Psychoanalytikerin und Psychotraumatologin. Als Absolventin der Universität Warschau und der Touro-Universität in Los Angeles, wo sie ihren Doktortitel in Psychologie erwarb, spezialisiert sich Dr. Rebecka auf Traumata im Zusammenhang mit Krieg, sexueller Gewalt und generationenübergreifenden Schädigungen. Sie ist Autorin von Rape: A History of Shame – Diary of the Survivors (2021), das 2024 in einer polnischen Ausgabe erschien. Sie entwickelte die SERS-Methode zur Trauma-Stabilisierung und -Genesung und konzipierte das War Rape Survivors Syndrome (WRSS)-Rahmenwerk, ein wegweisendes Modell, das die langfristigen Auswirkungen sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten untersucht. Sie lebt in New York City.