In ihrem Artikel mit dem Titel „Vergleich zwischen der Anschauung des Paradieses in Abu l-‘Ala al-Maʿarrī und Dante Alighieri“, der in diesem Jahr auch in englischer und französischer Sprache erschien, präsentiert die Autorin Milena Aziza Rampoldi einige Parallelismen und Unterschiede zwischen zwei großen Werken der Weltliteratur: die Göttliche Komödie des Florentiner Dichters Dante Alighieri einerseits und den Brief der Vergebung des abbasidischen Dichters Abi ‘Ala al-Maʿarrī andererseits.
In ihren Überlegungen zum Thema bedient sie sich der komparatistischen Literaturrecherche zwecks Förderung des interreligiösen Dialogs zwischen Christentum und Islam. In diesem Zusammenhang erläutert sie auch die Fundamente der philosophischen Weltanschauung der beiden Autoren. Das Thema dieser Parallelismen ist der Meinung der Autorin zufolge vordergründig eschatologisch bzw. soteriologisch und betrifft die Anschauung des Paradieses.
Die Autorin, die Arabistin ist und aus Italien stammt, ist der Überzeugung, dass Arbeiten wie diese an der Schnittstelle zwischen Literatur und Philosophie dazu beitragen können, den Dialog zwischen zwei großen Weltreligionen, der des Christentums und der des Islam, zu erneuern und voranzubringen. Wenn wir auf das literarische Erbe der Tradition der beiden Religionen zurückgreifen und uns mit den Gemeinsamkeiten und auch den Unterschieden auseinandersetzen, sind wir dann auch in der Lage, in der aktuellen, historischen Situation und in der politischen Arbeit heute pseudotolerante Haltungen einerseits und auch extreme Dialektik andererseits zu vermeiden.
Die Pseudotoleranz ist ein Begriff, den die Autorin bereits in ihrem „Manifesto“ beschreibt. Hier heißt es zur Komplexität des Zusammenspiels zwischen Toleranz und Intoleranz in der Seele eines jeglichen Menschen wie folgt:
„ProMosaik fokussiert auf Unterschiede mehr als auf Gemeinsamkeiten, das kann in vielfacher Hinsicht irritieren: einerseits auf ästhetischer, klanglicher, philosophischer und ideologischer, aber auch ethischer, sprachlicher, ethnischer und religiöser Ebene.
ProMosaik wirkt auf diese Weise der Pseudotoleranz entgegen, die oft auf einer oberflächlichen und gut gemeinten Pseudoempathie basiert.“
Menschen gehen davon aus, Toleranz sei wie ein Kleid, das man sich einfach überziehen kann. Ein Lächeln, ein freundlicher Umgang und das richtige Wort und das passende Schweigen an der richtigen Stelle machen das aus, was man die soziale Tugend der Toleranz nennt. Tolerantsein ist in, es liegt im Trend.
Toleranz hat je nach Umfeld verschiedene Ausdrucksformen. Das Ganze kann gleich mal peinlich werden, wenn jemand die Grenzen seiner Toleranz nicht kennt und dann die Masken fallen, vor allem wenn die Pseudotoleranz in dieser bunten Welt nicht Farbe bekennt.
Was ProMosaik durch die Fokussierung auf Unterschiede, Vielfalt und Unterscheidungsmerkmale erreichen möchte, ist gerade der Aufbau einer wahren Toleranz mit ihren Grenzen und ihrem tiefen Verständnis der vielschichtigen Komplexität der wahren Toleranz und auch ihres Gegenpols, der Intoleranz.
Toleranz bedeutet im Sinne von ProMosaik auch die Toleranz der Grenzen der eigenen Toleranz. Denn die Farben dieser bunten Welt können mal das Auge überanstrengen, den Wunsch aufkommen lassen, die Augen mal zu schließen, wegzusehen oder sich umzudrehen.
Darin besteht auch der Mut zur wahren Toleranz, die auch mal eine Pause braucht, ein Nachdenken, ein In-Sich-Gehen, das in der offenen Erforschung unserer intrinsischen Pseudotoleranz oder Intoleranz und in der Auseinandersetzung mit diesen Dimensionen besteht.
Sobald wir an die Grenzen unserer Toleranz stoßen, lernen wir die Samen des diskriminierenden und rassistischen Denkens kennen, das sich in uns wie ein blinder Fleck im Johari-Fenster verbirgt. Wir durchdringen die dunkle, unethische Seite unserer Selbst und wachsen an ihr.“
Zum Thema der Universalität in der Belletristik, die sich unabhängig von kultureller und religiöser Unterschiede durchsetzt, schreibt Rampoldi in diesem Artikel Folgendes:
„Meines Erachtens beschäftigen sich Literatur und Philosophie immer mit universellen Themen, die man in vielen Kulturen und Religionen wiederfinden kann. Dieses Unterfangen möchte ich mit dem folgenden Artikel unterstützen, in dem ich u.a. auf die Biografie der beiden Dichter, ihre religionspsychologischen Standpunkte, ihre subjektive Haltung zum Transzendenten und zur Tradition ihrer Religion, ihren Fatalismus und ihre skeptische Haltung eingehen werde.“
Zusammenfassend kann man zwei größere Unterschiede zwischen den beiden Autoren der Weltliteratur, die sich mit dem Thema der subjektiven Erfahrung des Jenseits befasst haben, anführen.
Einerseits fällt al-Maʿarrī viel mehr aus dem traditionellen Rahmen. Er wirkt frischer und innovativer und teilweise auch frecher als Dante, der sich der Tradition der Scholastik von Thomas von Aquin vollkommen unterwirft und seine subjektive Erfahrung sozusagen „dogmatisiert“. Das Thema, das al-Maʿarrī im Titel seines Werkes anführt, und zwar die Vergebung (ghufran), kann als Höhepunkt des dogmatischen Unterschieds zwischen Christentum und Islam angeführt werden, wenn es um soteriologische Themen geht.
Die Episode im Buch Genesis und die Verzeihung Adams und Evas im Koran können in ihrer dogmatischen Unterschiedlichkeit nicht überwunden werden, da der Islam die Erbsünde nicht kennt, während die Erbsünde sehr stark in der christlichen Soteriologie verankert ist.
Der zweite Unterschied betrifft die Dialektik zwischen Poesie und Wahrheit/Offenbarung in Dante, der al-Maʿarrī widerspricht, indem er vorislamische Dichter in sein Werk einführt, ohne sie religiös und dogmatisch zu „filtern“.
Abschließend führt die Autorin aber an, wie al- al-Maʿarrī jeglicher dogmatischen Kategorisierung entrinnt, denn „die Problematik dieser Vergleiche liegt aber vor allem in der Undurchdringlichkeit der Persönlichkeit und Weltanschauung von al- al-Maʿarrī, der im Gegensatz zu Dante um vieles komplexer und widersprüchlicher erscheint.”
Der authentische Frieden zwischen den Religionsgemeinschaften darf aber nicht an diesen Unterschieden scheitern, die es einfach hervorzuheben gilt, ohne daraus intolerante Auseinandersetzungen entstehen zu lassen. Frieden basiert nicht auf Gleichheit, sondern auf der respektvollen Akzeptanz und realistischen Betonung der Unterschiede. Die komparatistische Literatur kann uns dabei unterstützen, die dogmatischen Unterschiede zwischen Christentum und Islam aufzuzeigen, um kreative Diskussionen und authentische Wertschätzung von Unterschieden zu pflegen.










