Der Artikel versucht zu reflektieren, ob die Rhythmanalyse (Rhythmanalyse ist ein Konzept, das von Henri Lefebvre, franz. Philosoph und Soziologe, 1901-1991, entwickelt wurde und die Wechselwirkung von Raum, Zeit und Alltag untersucht, Anm.d.Ü.), angewendet auf das Verhältnis zu den Ahnen, eine geeignete Methode ist, über schwarz gelesene Menschen in Brasilien nachzudenken. Sie setzt an den Punkten an, an denen die Untersuchungen über ethnische Zugehörigkeit und Klangstudien sich einander annähern.
Text von Julia Barroso da Silveira
Ich gehe von der Vorstellung aus, dass sich hier zwei Forschungsfelder miteinander zur Kommunikationswissenschaft verbinden, weil die Themen fächerübergreifend und transdisziplinär sind (Transdisziplinarität ist ein Prinzip der integrativen Forschung, bei dem es um die Verbindung von verschiedenen Wissensformen geht, wie Körperwissen, Erfahrungswissen, Praxiswissen oder performativem Wissen. Anm.d.Ü.). Darüber hinaus haben sie epistemologisch das Potenzial, den modern-kolonialen Denkrahmen in seiner Erzeugung von Erkenntnis zu hinterfragen. Der hier präsentierte theoretische Diskurs ist Teil der in Arbeit befindlichen Dissertation, die den Prozess der Identifikation mit der eigenen ethnischen Herkunft bei den schwarz gelesenen Menschen in Rio de Janeiro behandelt. In dem vorliegenden Ausschnitt der Untersuchung scheinen gleichzeitig die Rhythmen der Kolonialisierung wie auch die Rhythmen des Widerstands eine Rolle zu spielen – Rhythmen, die nicht nur über die Grenzen des einzelnen Körpers hinausgehen, sondern auch über die Grenzen der Zeit.
Ethnisierung ist sowohl ein entscheidendes Element der symbolischen Gestaltung als auch ein Element von anderen Machtstrategien der Moderne, die versuchen, Prozesse der Ausbeutung und der Ausgrenzung zu rechtfertigen (Silva, 2001). Der Rassismus, der ein natürlicher und verinnerlichter Teil des kolonialen Denkrahmens ist, bringt weiterhin Entfremdung hervor, weil die betroffenen Minderheiten vertrieben wurden und Opfer ungezählter Enteignungen sind – diese Entfremdung ist somit kein individuelles Problem (Fanon, 2020).
Zu den hauptsächlichen Hindernissen auf dem Weg der Identifizierung mit der eigenen ethnischen Zugehörigkeit gehört die Auflösung der Erinnerung der schwarz gelesenen Menschen. Diese Auflösung ist verbunden mit dem Idealbild weißer Hautfarbe und dem Mythos der Demokratie, die im Kern rassistisch ist. Getarnt als Versuch, die nationale Kultur von der „Schande der Sklaverei“ zu reinigen (Sodré, 2023), wurde die Herkunftsgeschichte der früher versklavten Menschen gelöscht. Dieser Versuch führt deutlich die kollektive Amnesie vor Augen. Aber das Vergessen selbst erweist sich auch als Schutzmechanismus angesichts von Leidenssituationen wie dem Rassismus. Sowohl das zivilisatorische Ideal als auch die Gewalt der Kolonisierung hallen wider in den Prozessen der Identitätsfindung der schwarz gelesenen Menschen Brasiliens.
Das System der Ausbeutung schwarz gelesener Menschen dauert an. Und so ist ihre Identitätsfindung nur möglich in einer Wiederbelebung der Vergangenheit und einem Verständnis dafür, wie die kolonialen Werkzeuge auch noch im modischen Gewand funktionieren.
Für den politischen Wert der Identifikation und konsequenterweise für die Mobilisierung von Minderheiten ist es entscheidend, dass das Nachdenken über die Beziehungsstrukturen beim Aufbau ethnischer Identität die Strömungen, die bei diesem Aufbau deutlich werden, berücksichtigt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Bedeutung des rhythmischen Ansatzes für die Auseinandersetzung mit ethnischer Herkunft zu betonen und in größerem Umfang Erkenntnisse der sonischen Epistemologie in die Erforschung von Ursprung und Geschichte dieser Bevölkerungsgruppe aufzunehmen (Voegelin, 2024; Salomé Voegelin, Künstlerin, Theoretikerin und Forscherin, Professorin für Sound am London College of Communication, University of the Arts London, beschäftigt sich mit dem Zuhören als gesellschaftspolitische Praxis, mit der Bedeutung von Klängen und Gesten, Anm.d.Ü.). Ausgangspunkt ist der methodische Ansatz der Rhytmanalyse, die hier auf das Verhältnis zu den Ahnen angewendet wird (Silveira, 2025). Ihre Grundzüge sind: Beziehungsgestaltung, Körperlichkeit und, daraus folgend, multisensorische Wahrnehmung; Umkehrbarkeit oder Nicht-Linearität von Zeit; Transdisziplinarität. Aufgrund der zentralen Bedeutung der Beziehungen und des Aspekts der gemeinsamen Sprache des Rhythmus zeigt die rhythmanalytische Ahnenforschung ihr methodisches Potential für die Forschungen der Kommunikationswissenschaft. Sie schafft darüber hinaus auch eine Verbindung zu den Klangstudien – die, nach Sterne, (2012) eine Reihe intellektueller Bestrebungen darstellen, die sich durch Sensibilität gegenüber einseitiger Wahrnehmung und durch eine weite transdisziplinäre Neugier auszeichnen.
In der derzeit in Arbeit befindlichen Dissertation soll untersucht werden, wie die Rhythmen der Kolonialisierung im generationsübergreifenden Gedächtnis der schwarz gelesenen Menschen widerhallen. Dabei wird berücksichtigt, dass das koloniale Trauma im alltäglichen Rassismus wieder auflebt, sei es durch Gewalttätigkeit, Spaltung oder Unwandelbarkeit, wie durch Kilomba (2019) dargelegt wird. Diese Methode öffnet die Räume zu Dialogen mit persönlichen Erinnerungsstücken, wie Briefen und Fotografien, Elementen also, die Bestandteile von Gestaltung und Vermittlung von Erinnerung sind. Diese Ressourcen werden bei der rhytmanalytischen Ahnenforschung genutzt. Auf ähnliche Weise hat Tina Campt 2017 eine Untersuchung anhand von Passfotos durchgeführt. Schließlich will diese Untersuchung zum Verstehen dessen beitragen, was häufig oder regelmäßig in den Berichten über die rassistischen Erfahrungen schwarz gelesener Menschen auftaucht, ohne zu übersehen, was in diesen Gesprächen vermieden oder verschwiegen wird. So wie in der Rhytmanalyse gibt es auch in den Klangstudien die Möglichkeit, mit dem Verschwiegenen, mit dem Ungesagten und undeutlichen Bruchstücken umzugehen.
Doktorandin, Masterabsolventin und CAPES-Stipendiatin (das CAPES-Humboldt-Forschungsstipendium ermöglicht es, erfahrenen brasilianischen Wissenschaftler*innen ihr Studium in Deutschland fortzusetzen, Anm.d.Ü.) im Graduiertenprogramm für Kommunikationswissenschaften an der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro (PPGCom-UERJ). Bachelor-Abschluss in Journalismus an der Universität Veiga de Almeida (2021) und in Betriebswirtschaftslehre an der Universität Estácio de Sá (2019). Sie ist Mitglied der Studiengruppe zur Mestizität (Gesam) (Mestiçagem bezeichnet in Brasilien Debatten über Vermischung, Zugehörigkeit und die gesellschaftliche Konstruktion gemischter Identitäten, Anm.d.R.) sowie der folgenden Forschungsgruppen: Kommunikation, Akustische Kultur und Technologien des Selbst (Cats); Trama – Kommunikation, Kunst und soziotechnische Netzwerke; und POPMID – Reflexionen über Genres und Trends in Medienproduktionen. In ihrer aktuellen Forschung untersucht sie die Rolle der Erinnerung im Prozess der rassischen Identifikation schwarz gelesener Menschen in Brasilien.
Die Übersetzung aus dem Portugiesischen wurde von Dirk Harms vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!










