Die beiden Vertreterinnen von „Combatants for Peace“, Iris Gur (Israel) und Mai Shahin (Palästina), nehmen an der Veranstaltung „Re-Imagine Peace“ in Florenz teil. Beide sind zur Vorführung des Films „There Is Another Way“ eingeladen. Daniela Bezzi von Pressenza sprach mit ihnen. Hier folgt der zweite Teil des Interviews:

DB: Können Sie uns etwas über die verschiedenen Friedenskonferenzen erzählen, die in den letzten zwei Jahren organisiert wurden?

Iris: Die jährliche Friedenskonferenz wird von der „Peace Partnership“ organisiert. Die beteiligten Organisationen arbeiten auf der Grundlage einer gemeinsamen Vision und gemeinsamer Ziele zusammen. Bei dieser Art von Partnerschaft kommt es nicht auf den Namen der Koalition an. Entscheidend ist der Wille, zusammenzuarbeiten, die Kräfte zu bündeln und anzuerkennen, dass unsere gemeinsamen Ziele wichtiger sind als das, was uns voneinander trennt.

Die Stärke dieser Partnerschaft beruht auf der bewussten Entscheidung zur Zusammenarbeit und auf der Fähigkeit verschiedener Organisationen, sich trotz ihrer jeweiligen Identität, Geschichte und Herangehensweise zusammenzuschließen und gemeinsam für Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit und Sicherheit für alle einzutreten.

Mai: Was sich derzeit abzeichnet, ist die Erkenntnis, dass Zersplitterung uns alle schwächt und keine Bewegung allein das Ausmaß der Herausforderungen bewältigen kann, vor denen wir stehen. „The Platform“, die jüngste Koalition, steht für einen Wandel hin zu stärker vernetzten Bewegungen. Dabei bleiben die Organisationen zwar eigenständig, stimmen sich aber auf gemeinsame Prinzipien ab: Gleichheit, Gewaltfreiheit, Gerechtigkeit, Verantwortung und Menschenwürde.

Es geht nicht darum, Identitäten zu verschmelzen. Es geht darum, ein Ökosystem des Widerstands aufzubauen, das stärker ist als die Isolation.

DB: Sie beide beteiligen sich häufig an Einsätzen der „Protective Presence“ – einem Programm zur schützenden Begleitung palästinensischer Gemeinden. Können Sie uns etwas über Ihre Erfahrungen berichten?

Iris: Vielen Dank für diese Frage. Sie bedeutet mir persönlich so viel, dass mir die Tränen in die Augen steigen. Ich gehöre einer Gruppe namens ‚Jordan Valley Activists‘ an. Sie wurde vor etwa 17 Jahren von Aktivist:innen von „Combatants for Peace“ gegründet. Aus einer Initiative israelischer Aktivist:innen, die palästinensische Hirt:innen und Bäuer:innen im Jordantal im Rahmen der „Protective Presence“ begleiten, hat sich im Laufe der Zeit eine eigenständige Gruppe entwickelt.

Im Rahmen der „Protective Presence“ sind wir vor Ort präsent und leisten Hilfe in Form von Lebensmitteln, Wasser, rechtlichem Beistand und allem, was die letzten verbliebenen Gemeinschaften sonst noch benötigen. Sie halten der Gewalt durch Siedler:innen und die israelische Armee weiterhin stand: Abrissverfügungen, Vertreibungsdrohungen, Einschränkungen beim Weideland sowie die Verweigerung von Wasser und anderen Lebensgrundlagen und so weiter.

Ich begann im November 2023, mich an den Einsätzen der „Protective Presence“ zu beteiligen, als sich die Gewalt seitens der Siedler:innen und der Armee drastisch verschärfte. Die Gewalt richtete sich nicht mehr nur gegen die Hirt:innen auf den Weiden, sondern auch gegen die Familien in ihren eigenen Häusern. Infolgedessen wurde die Präsenz der Aktivist:innen auf eine Begleitung rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, ausgeweitet.

Ich habe eine enge Beziehung zu einer Gemeinschaft namens „Farsiya al-Razala“ aufgebaut. Sie besteht aus fünf Familien, darunter Kinder, Frauen und ältere Menschen. Sie ist eine der letzten zehn verbliebenen Hirtengemeinschaften im Jordantal, und leider könnte auch ihr schon bald die Zwangsräumung bevorstehen.

Letzte Woche habe ich zwei junge Hirten begleitet, die ihre Herden in einem Gebiet namens „Hammam al-Malih“ weideten. Noch vor wenigen Monaten lebte dort eine große Gemeinschaft mit Familien, Feldern, Herden, Kindern, und es gab sogar eine regionale Grundschule. All das wurde vom Staat Israel zerstört. Die Bewohner:innen wurden gewaltsam vertrieben, obwohl sich das Gelände im Privatbesitz einer Kirche befindet. Auf der anderen Straßenseite, direkt neben der Gemeinde, befindet sich ein Militärstützpunkt, der bereits seit vielen Jahren besteht.

In den vergangenen Monaten haben Soldat:innen systematisch verhindert, dass die Hirt:innen aus den benachbarten Gemeinden nach der Vertreibung der Familien und der Räumung des Ortes zurückkehren, um ihre Herden dort weiden zu lassen. Früher gab es dort auch eine Quelle, die Menschen und Tiere mit Trinkwasser versorgte.

Als ich dort war, baten uns die beiden jungen Hirten, bei ihnen zu bleiben, denn wenn wir gingen, würden die Soldat:innen kommen und sie festnehmen. Einer von ihnen erzählte uns von seiner früheren Festnahme: „Soldatinnen, 18 oder 19 Jahre alt, schrien uns an und fesselten uns die Hände mit Kabelbindern. Ich fragte sie: ‚Warum? Hier ist genug Platz für uns alle. Ich will doch nur in Frieden leben.‘ Die Soldaten schrien uns an: ‚Verschwindet!‘ Ich antwortete: Wohin sollen wir denn gehen? Wir haben keinen anderen Ort als den hier. Das ist unser Zuhause. Wir haben unser ganzes Leben hier verbracht.“ An jenem Tag gelang es den Hirten, ihre Herden in Ruhe weiden zu lassen.

Gestern kamen an derselben Stelle zwei Soldaten vorbei und nahmen einen der jungen Männer fest. Dem anderen gelang die Flucht. Einer der Soldaten feuerte mit seinem M16-Gewehr in die Luft und erklärte, er habe vor niemandem Angst. Der palästinensische Hirte wurde in Handschellen zu einer mehrere Kilometer entfernten Militärbasis gebracht. Wenige Stunden später wurde er wieder freigelassen –mit Blutergüssen und Prellungen übersät. Dies ist nur eine von Hunderten Geschichten über alltägliche Misshandlungen.

Yousef, ein 13-jähriger Junge mit besonderen Bedürfnissen, rief mich an und erzählte mir, dass seine Familie einen Abrissbefehl für ihr Haus in Farsiya erhalten hatte. Ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte. Dieser Junge und seine Familie haben kein anderes Zuhause.

In der „Protective Presence“ wird all das konkret erfahrbar. Es bedeutet, Gemeinschaften beizustehen, die unmittelbarem Druck ausgesetzt sind. Es sind Bäuer:innen, Hirt:innen, Familien und Kinder, die versuchen, auf ihrem Land zu bleiben und unter außergewöhnlichen Bedingungen ein normales Leben zu führen.

Im Westjordanland haben insbesondere seit dem 7. Oktober Gewalt, Unsicherheit und Instabilität zugenommen. Die Gemeinschaften sind täglich Angriffen durch Siedler:innen, militärischen Übergriffen und anhaltendem Druck ausgesetzt, der sie zur Vertreibung zwingt.

In diesem Kontext ist unsere Anwesenheit nicht nur symbolisch. Sie ist eine Form des Schutzes, aber auch des Zeugnisablegens. Sie vermittelt eine einfache, aber wesentliche Botschaft: Ihr seid nicht allein. Manchmal beugt sie Gewalt vor, manchmal nicht. Aber sie durchbricht stets die Isolation – und Isolation ist eines der grundlegenden Mittel der Unterdrückung.

Genau hier wird die Verbindung zu „Combatants for Peace“ greifbar: Es geht nicht nur um Dialog, sondern um gemeinsamen Widerstand in der Praxis. Die „Protective Presence“ ist eine der deutlichsten Ausdrucksformen davon vor Ort. In solchen Momenten ist die verkörperte und bewusste Traumaarbeit von Satyam Homeland unverzichtbar, denn um Menschen in solchen Situationen beizustehen, braucht es innere Verwurzelung und nicht nur politische Überzeugung. Beide Dimensionen sind untrennbarer Bestandteil unserer Arbeit.

DB: Was können wir tun, um Ihre Sache zu unterstützen?

Iris: Es gibt viele Möglichkeiten. Neben finanzieller Unterstützung können Menschen in die Region reisen und sich als internationale Freiwillige an der „Protective Presence“ beteiligen. Das ist nicht ohne Risiko: Es besteht die Gefahr, körperlich von Siedler:innen angegriffen zu werden, ebenso wie die Möglichkeit, von den israelischen Behörden ausgewiesen zu werden. Gleichzeitig ist eine Reise ins Westjordanland und nach Israel durchaus möglich und kann zu einem tieferen und genaueren Verständnis der Realität beitragen. Nichts ersetzt die eigene Erfahrung vor Ort und die unmittelbare Begegnung mit der Realität. Die Geschichte hat gezeigt, dass internationaler Druck politische Entscheidungen beeinflussen, Maßnahmen verändern und sogar den Lauf der Geschichte verändern kann. Menschen können aktiv werden, indem sie sich an Medien, Politiker:innen, Künstler:innen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wenden. Sie können die öffentliche Debatte verändern und ein sofortiges Ende von Gewalt, Missbrauch, Besatzung, Apartheid und Vertreibung fordern. Dazu gehören Forderungen nach Zugang zu Wasser und Lebensgrundlagen, nach Bewegungsfreiheit sowie nach der Freilassung palästinensischer Gefangener. Dazu gehört auch die Forderung, dass alle Menschen ein Leben ohne Angst und Gewalt führen können. Unsere Forderung muss Sicherheit, Freiheit und gleiche Rechte für alle Menschen umfassen, die zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer leben. Die Debatte muss sich ändern. Wir müssen aufhören, eine Seite gegen die andere auszuspielen, und zu der Erkenntnis gelangen, dass das Ziel ein sicheres und freies Leben für alle Menschen sein muss. Zwischen dem Meer und dem Jordan leben 14 Millionen Menschen: etwa sieben Millionen Jüdinnen und Juden sowie sieben Millionen Palästinenser:innen. Keine der beiden Seiten wird irgendwohin verschwinden. Wir teilen eine gemeinsame Zukunft – ob es uns gefällt oder nicht. Die Frage ist nicht, ob wir zusammenleben, sondern wie. Unsere Kinder verdienen es, in Freiheit, Sicherheit und Würde aufzuwachsen.

Mai: Unsere erste Verantwortung ist Klarheit. Antisemitismus muss entschieden zurückgewiesen werden. Ebenso müssen Islamfeindlichkeit und anti-palästinensischer Rassismus entschieden zurückgewiesen werden. Jede Vorstellung, die dem Leben eines Menschen einen geringeren Wert beimisst als dem eines anderen, muss zurückgewiesen werden.

Die zweite Verantwortung ist die Wahrheit. Es kann keine Gerechtigkeit geben, solange wir die Realität leugnen. Wir müssen Besatzung, Vertreibung, strukturelle Ungleichheit und Gewalt beim Namen nennen – ohne Euphemismen.

Die dritte Verantwortung besteht darin, Bewegungen zu unterstützen, die Widerstand und Heilung miteinander verbinden. Denn genau das ermöglicht einen langfristigen Wandel.

„Combatants for Peace“ bildet das politische Rückgrat des gewaltfreien Widerstands und des gemeinsamen Ringens. „Satyam Homeland“ trägt die verkörperte, emotionale und gemeinschaftliche Kraft, die es diesem Widerstand ermöglicht, weiterzubestehen, ohne daran zu zerbrechen. Gemeinsam verkörpern sie etwas Seltenes: einen Weg, auch im Widerstand menschlich zu bleiben.

Für mich als palästinensische Frau, die im Westjordanland arbeitet, ist das keine Theorie. Es ist mein Alltag, geprägt von Risiko, Verantwortung und Schmerz, aber auch von tiefem Engagement und Vertrauen in die Beziehungen, die wir über alle Trennlinien hinweg aufgebaut haben – das ist es, was diese Arbeit am Leben erhält. Denn letztlich geht es bei dem, was wir aufbauen, nicht nur um politischen Wandel. Es geht auch um die Möglichkeit, ganz und gar menschlich zu bleiben und zugleich Systeme zurückzuweisen, die anderen ihre Menschlichkeit absprechen.

Redaktion: Daniela Bezzi. Den ersten Teil des Interviews finden Sie hier.

Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!