Die beiden Vertreterinnen von „Combatants for Peace“, Iris Gur (Israel) und Mai Shahin (Palästina), nehmen an der Veranstaltung „Re-Imagine Peace“ in Florenz teil. Beide sind zur Vorführung des Films „There Is Another Way“ eingeladen. Daniela Bezzi von Pressenza sprach mit ihnen. Hier folgt der erste Teil des Interviews:
DB: Beginnen wir mit Ihren persönlichen Geschichten: Wie kam es dazu, dass Sie sich „Combatants for Peace“ angeschlossen haben?
Iris Gur: Mein gesamtes Erwachsenenleben lang habe ich im Bildungswesen gearbeitet, als Lehrerin und als Schulleiterin. Ich habe Bildung stets nicht nur als Beruf, sondern als Lebensweise betrachtet, die ich für mich selbst gewählt habe. Ich bin in einer zionistischen jüdisch-israelischen Familie aufgewachsen. Meine Eltern kamen nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlinge aus Europa nach Israel und ich wuchs mit Geschichten über den Holocaust und das Überleben auf. Ich kannte nur die Erzählung, dass wir, das jüdische Volk, schon immer verfolgt worden seien und keine andere Wahl hätten, als uns selbst und unser kleines Land zu verteidigen. Alles, was ich über die Araber wusste, war, dass sie uns vernichten wollten.
Mein Vater war Offizier in der Armee. Ich bin auf Militärstützpunkten aufgewachsen, war sehr stolz auf die israelische Armee und hielt sie für unbesiegbar. Den größten Teil meines Lebens hatte ich keine Gelegenheit, mich mit der palästinensischen Sichtweise vertraut zu machen oder arabische Freunde zu finden. Ich verwende bewusst das Wort „Araber“, denn in meinem Umfeld existierte der Begriff „Palästinenser“ gar nicht. Auch das Konzept der Besatzung war mir schlichtweg fremd.
Heute ist mir bewusst, dass sich im Laufe der Jahre Risse in meinem Weltbild auftaten. Doch ich ließ nie zu, dass sie größer wurden. Die Person, die meine Sichtweise schließlich veränderte, war meine Tochter Noa. Vor elf Jahren, als sie siebzehn war, beschloss sie, die Wehrpflicht zu verweigern. Dadurch eröffnete sich mir eine völlig neue Welt voller Werte, Ideen und neuer Gemeinschaften.
Ihre Entscheidung kostete sie vier Monate Militärhaft, für mich bedeutete sie jedoch den Beginn einer Entdeckungsreise – einer Reise, die mich mit der Realität der Besatzung, der Apartheid und vor allem mit dem palästinensischen Volk konfrontierte.
Meine Entscheidung, mich „Combatants for Peace“ anzuschließen, entsprang der Erkenntnis, dass ich die Realität, in der wir leben, nur durch enge Zusammenarbeit mit den Palästinenser:innen und durch gewaltfreie Aktionen wirklich verändern kann.
Mai Shahin: „Ich bin nicht aufgrund einer einzelnen Entscheidung zu „Combatants for Peace“ gekommen. Ich habe mich der Organisation im Laufe eines langen Prozesses angeschlossen, der durch das Leben unter der Besatzung im Westjordanland geprägt war, wo die Kontrolle nicht nur politischer, sondern auch physischer, emotionaler und psychologischer Natur ist. Sie prägt unsere Bewegungen, unseren Atem, unsere Beziehungen und unsere Fähigkeit, uns eine Zukunft vorzustellen, die über das bloße Überleben hinausgeht. In diesem Umfeld ist Widerstand nichts Abstraktes – er ist Alltag.
Doch mit der Zeit begann ich, mir eine tiefgreifendere Frage zu stellen: Wie können wir Widerstand leisten, ohne unsere eigene Menschlichkeit zu verlieren? Diese Frage führte mich zur Traumaarbeit, zu gemeinschaftlicher Heilung und zur gewaltfreien Kommunikation.
Mir wurde allmählich klar, dass die Besatzung nicht nur das Land kontrolliert, sondern auch in das Nervensystem eindringt, Vertrauen zerstört, Gemeinschaften isoliert und Kreisläufe der Trauer hervorruft, die sich, wenn sie nicht durchbrochen werden, von Generation zu Generation fortsetzen.
So kam ich mit „Combatants for Peace“ in Berührung. Es war der erste Raum, in dem ich Palästinenser:innen und Israelis begegnete, die nicht dazu aufgefordert wurden, die Realität auszublenden, um miteinander sprechen zu können. Vielmehr wurden wir aufgefordert, gemeinsam in dieser Realität zu bleiben und Gewalt dennoch nicht als Antwort zu akzeptieren.
Was „Combatants for Peace“ so besonders macht, ist, dass die Organisation nicht nur ein Raum des Dialogs ist. Sie ist auch eine gemeinsame Widerstandsbewegung und vertritt die Auffassung, dass die Beendigung der Besatzung, die Überwindung von Herrschaftssystemen und der Schutz der Menschenwürde nicht von der Gestaltung von Beziehungen zu trennen sind. Sie sind Teil desselben Kampfes.
Parallel zu dieser Arbeit und in engem Zusammenhang damit habe ich gemeinsam mit Palästinenser:innen, Israelis und internationalen Partner:innen Satyam Homeland mitbegründet. Die Organisation entstand aus derselben Erkenntnis: Widerstand erfordert Räume, in denen Menschen selbst mitten im Krieg lernen können, ihre Menschlichkeit zu bewahren. Satyam Homeland ist ein gemeinschaftlicher Raum, in dem sich Palästinenser:innen, Israelis und internationale Akteure versammeln, um sich der Trauma- und Trauerarbeit, der körperlichen Heilung, der Ausbildung in gewaltfreiem Widerstand, dem Dialog und dem Erzählen von Geschichten zu widmen – und von dort aus in der Welt aktiv zu werden. Die Organisation ist nicht von „Combatants for Peace“ getrennt, sondern Teil eines größeren Ökosystems: Ein Teil verkörpert den politischen Mut des gemeinsamen Widerstands, der andere Teil die gemeinschaftlichen Praktiken, die ein nachhaltiges gewaltfreies Engagement ermöglichen. Beide stehen in einem fortlaufenden Dialog miteinander.
Nach dem 7. Oktober 2023 ist diese Verbindung noch deutlicher zutage getreten. Während die Palästinenser:innen Massaker und massive Zerstörungen im Gazastreifen sowie die Eskalation der Gewalt, Angriffe von Siedler:innen und Vertreibungen im Westjordanland erlebten, war der Drang zur Abgrenzung groß. Angst und Schmerz waren keine abstrakten Konzepte, sondern unmittelbar, allgegenwärtig und erdrückend. Und doch blieb innerhalb von „Combatants for Peace“ etwas bestehen. Wir verfielen weder in Schweigen noch trennten wir uns voneinander. Wir haben uns einander zugewandt – nicht, um die Realität zu beschönigen, sondern um ihr weiterhin gemeinsam begegnen zu können. Wir haben gemeinsam geweint. Wir haben benannt, was geschehen ist. Wir hatten Meinungsverschiedenheiten, aber wir sind zusammen geblieben.
Und schließlich haben wir die einzige Frage gestellt, die zählt, wenn alles auseinanderbricht: Was tun wir jetzt? Eine Frage, die wir uns nur stellen konnten, weil wir über viele Jahre Beziehungen aufgebaut hatten, die einen solchen Bruch überstehen konnten.
Deshalb ist die Zugehörigkeit zu „Combatants for Peace” nicht nur ein Teil meiner Arbeit, sondern der zentrale Kern dessen, was ich tue. Deshalb setze ich diese Arbeit auch im Westjordanland fort, wo jeder Akt gewaltfreien Widerstands, jede Begegnung und jede bewusste Präsenz mit einem realen Risiko verbunden ist – und zugleich von echter Bedeutung, von Vertrauen und Verantwortung getragen wird.
DB: In diesem Jahr feiert „Combatants for Peace“ sein zwanzigjähriges Jubiläum. Was macht diese Bewegung Ihrer Meinung nach gerade für junge Menschen so attraktiv?
Iris: „Combatants for Peace“ wurde vor zwanzig Jahren von einer Gruppe junger Menschen gegründet. Sie trafen die mutige Entscheidung, sich der in ihren jeweiligen Gesellschaften vorherrschenden Norm zu widersetzen. Anstatt mit Gewalt zu reagieren, entschieden sie sich, Menschen auf der anderen Seite zu begegnen und über das Etikett des „Feindes“ hinauszuschauen.
Sie entschieden sich dafür, den „Anderen“ als Menschen zu sehen, zusammenzuarbeiten, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen – sowohl auf persönlicher als auch auf kollektiver Ebene – und ehrlich und offen zu sprechen, ohne die schmerzhafte Realität, in der wir leben, zu beschönigen oder zu verleugnen.
Ich glaube, dass dies die Werte sind, die im Mittelpunkt von „Combatants for Peace“ stehen. Sie sind der Grund dafür, dass die Bewegung zwanzig Jahre lang Bestand hatte und in der Lage war, enorme Herausforderungen zu bewältigen. Der deutlichste Beweis dafür ist die Art, wie unsere Mitglieder mit der tiefen Krise umgegangen sind, die viele Israelis und Palästinenser:innen nach dem 7. Oktober 2023 durchlebt haben. Viele Menschen, die an ein friedliches Zusammenleben geglaubt hatten, spürten, wie ihre Welt zusammenbrach.
Was es uns ermöglichte weiterzumachen, war unsere Entschlossenheit, den Dialog fortzusetzen, einander zu lieben und zu respektieren, den Schmerz zu teilen, uns weiterhin als Menschen zu betrachten und die Bedürfnisse des „Anderen“ zu verstehen – auch wenn wir unterschiedlicher Meinung waren. Und vor allem unserer gemeinsamen Vision treu zu bleiben: Freiheit, Gerechtigkeit sowie persönliche und kollektive Sicherheit für alle. Uns verbindet die Überzeugung, dass dies der richtige Weg ist und dass dieser Weg gangbar ist.
Ich glaube, dass viele Menschen, vor allem junge Menschen, auf der Suche nach einer solchen Gemeinschaft sind, die ihnen Zugehörigkeit, Mitgefühl, Orientierung und Hoffnung vermittelt. Sie wünschen sich einen Ort, an dem nicht nur über das Zusammenleben gesprochen wird, sondern an dem erfahrbar wird, dass ein Zusammenleben in Würde, Respekt und Liebe tatsächlich möglich ist. Und genau das finden sie bei „Combatants for Peace“. In einer Zeit voller Grausamkeit, Hass und Unsicherheit tragen wir die Verantwortung, der nächsten Generation nicht nur einen Weg aufzuzeigen, sondern ihr auch Hoffnung zu geben.
Was „Combatants for Peace“ seit zwanzig Jahren zusammenhält, ist nicht Ideologie, sondern die Qualität der Beziehungen – auch unter Druck. Es sind Palästinenser:innen und Israelis, die sich immer wieder dafür entscheiden, ihrem gemeinsamen Engagement treu zu bleiben – selbst wenn die Geschichte sie auseinanderbringt. Dabei handelt es sich nicht nur um eine symbolische Einheit. Es ist ein gewaltfreier, disziplinierter Widerstand, der auf Klarheit gründet.
Wir normalisieren die Besatzung nicht. Wir verschleiern die Ungleichheit nicht. Wir scheuen uns nicht, die Ungerechtigkeit beim Namen zu nennen. Wir bleiben der Wahrheit treu und bewahren zugleich die Beziehung.
Das ist nicht einfach. Es hat seinen Preis. Für die Palästinenser:innen kann dies Misstrauen, politischen Druck und körperliche Gefahren unter den Bedingungen von Besatzung und Instabilität bedeuten. Für die Israelis kann es Isolation und die Auseinandersetzung mit den vorherrschenden Narrativen in ihrer eigenen Gesellschaft bedeuten.
Und doch bleiben die Menschen. Was uns über die Jahre hinweg zusammenhält, ist nicht nur das politische Engagement, sondern auch die stille Grundlage unseres Überlebens: die Trauerarbeit, das Bewusstsein für Traumata sowie der emotionale und gemeinschaftliche Halt.
Hier zeigt sich die tiefste Verbindung zu unserer Schwesterorganisation Satyam Homeland. Denn Bewegungen können nicht allein von politischen Prinzipien leben. Sie benötigen auch die Fähigkeit, Trauer zu verarbeiten, ohne dass sie sich in Hass und Erschöpfung verwandelt.
Junge Menschen erkennen diese Ehrlichkeit. Sie sind einer Sprache überdrüssig, die der Realität nicht gerecht wird. Sie scheuen sich nicht vor Komplexität und haben den Mut, die Besatzung, die Apartheid-Strukturen, die Vertreibung und die Massengewalt beim Namen zu nennen, ohne dabei die gemeinsame Menschlichkeit aus den Augen zu verlieren, die uns alle verbindet.
Dazu gehört die entschiedene Ablehnung von Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und antipalästinensischem Rassismus – und zwar gleichermaßen und ohne jede Einschränkung. „Combatants for Peace“ findet bei jungen Menschen Anklang, weil die Organisation Vereinfachungen ablehnt.
DB: Es ist wirklich bemerkenswert, wie sich so viele israelische und palästinensische Organisationen zu einer Koalition zusammenschließen. Was ist Ihrer Meinung nach die wesentliche Voraussetzung für diese Art Aktivismus, der trotz aller Unterschiede auf Zusammenarbeit beruht?
Iris: Allein die Existenz so vieler israelischer und palästinensischer Friedensorganisationen zeigt den grundlegenden Wunsch, gewaltfrei, in gegenseitiger Anerkennung und Respekt zusammenzuleben.
Natürlich gibt es unterschiedliche Meinungen darüber, welche Strategien am ehesten zum Frieden führen, sowie unterschiedliche Vorstellungen vom künftigen politischen Rahmen, in dem Israelis und Palästinenser:innen in diesem gemeinsamen Land zusammenleben könnten. Doch trotz dieser Unterschiede ist das gemeinsame Ziel stärker als das, was uns trennt.
Es hat viele Jahre gedauert, bis sich diese Organisationen zu einem breiten gemeinsamen „Friedenslager“ zusammengeschlossen haben. Manchmal braucht es einen tiefgreifenden Schock, um zu erkennen, dass unsere kollektive Stärke weitaus größer ist als das, was jede einzelne Organisation für sich allein erreichen kann.
Die politischen Umwälzungen in Israel, das Massaker vom 7. Oktober, der Völkermord in Gaza, die Eskalation der Gewalt und die ethnische Säuberung im Westjordanland, der Krieg im Südlibanon – ganz zu schweigen vom wachsenden Einfluss des Faschismus in der israelischen Gesellschaft und Politik – haben vielen von uns im israelischen „Friedenslager“ deutlich gemacht, dass Zusammenarbeit nicht nur wünschenswert, sondern unerlässlich ist, wenn wir echte Veränderungen erreichen wollen. Schließlich kämpfen wir trotz unserer unterschiedlichen Ansätze alle für dasselbe Ziel: Freiheit, Gerechtigkeit, Sicherheit und gleiche Rechte für alle.
Was diese Bündnisse möglich macht, sind nicht nur Vereinbarungen, sondern auch unser gemeinsames Bekenntnis zur Wahrheit unter den Bedingungen struktureller Ungleichheit.
Der erste Schritt besteht immer darin, die Realität klar zu benennen: Palästinenser:innen leben unter militärischer Besatzung, unter Zersplitterung sowie Einschränkungen ihrer territorialen Integrität, ihrer Bewegungsfreiheit und ihrer Souveränität. Erst auf der Grundlage dieser ehrlichen Anerkennung kann etwas Tieferes entstehen.
Genau auf dieser tieferen Ebene greifen „Combatants for Peace“ und „Satyam Homeland“ am stärksten ineinander. „Combatants“ schafft Raum für gemeinsamen politischen Widerstand und gewaltfreie Aktionen. „Satyam Homeland“, das gemeinsam von Palästinenser:innen, Israelis und internationalen Aktivist:innen gegründet wurde, schafft Räume, in denen sich Menschen der Trauma- und Trauerarbeit, der körperlichen Heilung, dem Erzählen von Geschichten, dem Dialog und der Ausbildung in gewaltfreiem Widerstand widmen können, um das Erlernte anschließend in die Praxis umzusetzen.
Das eine wäre ohne das andere unvollständig. Denn wenn wir nur politisch handeln, ohne Heilung zuzulassen, verhärten wir oder brennen aus. Wenn wir uns hingegen darauf beschränken zu heilen, ohne die Unterdrückung anzugehen, laufen wir Gefahr, uns der Ungerechtigkeit anzupassen.
Wir bauen etwas Schwierigeres auf: eine Bewegung, die in der Lage ist, Trauer zuzulassen, ohne sie in Entmenschlichung umschlagen zu lassen; eine Bewegung, die in der Lage ist, Gewalt zu benennen, ohne sie zu reproduzieren; eine Bewegung, die in der Lage ist, Beziehungen aufrechtzuerhalten, ohne die Wahrheit zu leugnen. Das ist keine Schwäche. Es ist Disziplin. Und es ist die stärkste Form des Widerstands, die ich kenne.
Redaktion: Daniela Bezzi. Den zweiten Teil des Interviews finden Sie hier.
Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!










