Von Hafza Girdap
Einleitung: Geschlechtsspezifische Regierungsführung unter autoritären Bedingungen
Autoritäre Regime wirken sich nicht in gleicher Weise auf Männer und Frauen aus. Anstatt ausschließlich durch Zwang zu herrschen, nutzen sie häufig bestehende patriarchale Strukturen, um die gesellschaftlichen Rollen von Frauen, ihre Mutterschaft, ihre berufliche Identität und ihre Staatsbürgerschaft in Instrumente politischer Kontrolle zu verwandeln. Am Beispiel der Folgen des gescheiterten Putschversuchs vom 15. Juli 2016 in der Türkei argumentiert dieser Beitrag, dass die Säuberungswellen der Nach-2016-Ära nicht bloß als politische Repressionsmaßnahmen verstanden werden sollten, sondern als Konsolidierung eines Systems geschlechtsspezifischer autoritärer Herrschaft. Er zeigt auf, wie sich autoritäre Herrschaft über Inhaftierungen und Strafverfolgung hinaus ausweitete und Phänomene wie den sozialen Tod, die Instrumentalisierung der Mutterschaft sowie eine autoritäre Form von Staatsbürgerschaft hervorbrachte. Dadurch wurde die Teilhabe von Frauen am öffentlichen Leben, ihre familiären Beziehungen und ihre politische Zugehörigkeit grundlegend neugestaltet.
Die Folgen des gescheiterten Putschversuchs vom Juli 2016 haben bereits bestehende Muster von geschlechtsspezifischer Gewalt, Diskriminierung und Unterdrückung in der Türkei erheblich verschärft.
Erstens hatte die Regierung bereits vor dem Putschversuch damit begonnen, Frauenrechte im Kontext der Familienpolitik neu zu definieren. Unabhängige Frauenorganisationen wurden zunehmend an den Rand gedrängt, während konservative Narrative Frauen in erster Linie in der Rolle von Müttern und Ehefrauen darstellten.
Zweitens markierte der Putschversuch selbst einen Wendepunkt mit geschlechtsspezifischer Dimension. Notstandsdekrete führten zur Schließung von Frauenhäusern, Beratungsstellen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Frauen, die traditionelle Geschlechternormen infrage stellten, wurden zunehmend als Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung dargestellt. Tausende wurden aus dem öffentlichen Dienst entlassen und inhaftiert – darunter schwangere Frauen und Mütter mit Säuglingen. Sie mussten Leibesvisitationen erdulden, sowie sexuelle Gewalt und erniedrigende Behandlung über sich ergehen lassen.
Drittens trugen geschlechtsspezifisch geprägte politische Diskurse und Hassrede zu einer weiteren Legitimierung von Repression bei. Feminismus wurde zunehmend als „westliche“ und „familienfeindliche“ Ideologie dargestellt, während LGBTQ+-Identitäten offen dämonisiert wurden. In einigen Fällen bezeichneten Regierungsvertreter:innen und religiöse Würdenträger:innen Frauen, die mit der Gülen-Bewegung in Verbindung gebracht wurden, (einer glaubensbasierten zivilgesellschaftlichen Bewegung, inspiriert vom verstorbenen islamischen Gelehrten Fethullah Gülen, die sich seit den frühen 1990er-Jahren zu einem globalen Netzwerk für Bildung und interreligiösen Dialog entwickelte,) als „Kriegsbeute“ und befeuerten damit ein Klima von Frauenfeindlichkeit und geschlechtsspezifischer Gewalt.
Viertens zwang diese Repression Tausende Frauen ins Exil. Viele von ihnen riskierten bei der Überquerung von Flüssen und Meeren auf der Suche nach Sicherheit ihr Leben. Die Fälle von Birgül Kocal – die vor ihrer Flucht gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn inhaftiert war und erst später erfuhr, dass er an Leukämie litt – sowie von Esma Uludağ, die nach ihrer Flucht aus der Türkei mit ihren drei Kindern verstarb, verdeutlichen das sich verstärkende Trauma von Verfolgung, Vertreibung und erzwungener Migration.
Schließlich markierte der Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention im Jahr 2021 einen erheblichen Rückschritt hinsichtlich des Schutzes vor geschlechtsspezifischer Gewalt. Bis heute begünstigen rechtliche Schlupflöcher Kinderehen; Täter häuslicher und sexueller Gewalt haben von vorzeitigen Haftentlassungen während der COVID-19-Pandemie profitiert, und Frauen sind angesichts steigender Femizidraten weiterhin mit einer systemischer Straflosigkeit konfrontiert.
Vor diesem Hintergrund sollte die Säuberungswelle nach 2016 nicht nur als politische Repressionsmaßnahme verstanden werden, sondern auch als geschlechtsspezifischer Prozess autoritärer Herrschaft sowie als umfassenderes gesellschaftliches Phänomen von Einbeziehung und Ausgrenzung. Die Erfahrungen der Frauen, die von den Notstandsdekreten betroffen waren, zeigen, wie autoritäre Systeme auf bestehende patriarchale Strukturen zurückgreifen, um Bestrafung zu verschärfen, staatliche Kontrolle bis ins Privatleben hinein auszudehnen und langfristige Formen gesellschaftlicher Marginalisierung zu erzeugen.
Die Konstruktion eines geschlechtsspezifischen Autoritarismus in der Türkei
Autoritäre Regime herrschen durch weit mehr als durch Verhaftungen und Inhaftierungen. Sie kombinieren rechtliche, wirtschaftliche, soziale und symbolische Formen der Bestrafung, die mit bestehenden geschlechtsspezifischen Ungleichheiten zusammenwirken und Frauen besonders anfällig für politische Repression machen. Frauen werden dabei häufig nicht ausschließlich als politische Akteurinnen verfolgt, sondern erfahren Unterdrückung aufgrund ihrer Rolle als Mütter, Pflegende, Ehefrauen und Berufstätige. Dadurch erstreckt sich autoritäre Herrschaft über das Individuum hinaus auf Familien und Gemeinschaften, in denen Arbeitsplatzverlust, gesellschaftliche Stigmatisierung, Mobilitätseinschränkungen und Sorgeverantwortung zu miteinander verflochtenen Mechanismen patriarchaler Kontrolle und politischer Ausgrenzung werden.
Die geschlechtsspezifische Unterdrückung, die sich nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 verschärfte, trat nicht isoliert auf. Vielmehr spiegelte sie einen umfassenderen autoritären Wandel wider, der sich bereits seit 2011 durch zunehmend restriktive politische Maßnahmen und Diskurse vollzog. Diese stärkten patriarchale Normen und schränkten gleichzeitig den Handlungsspielraum für Frauenrechte und zivilgesellschaftlicher Beteiligung immer weiter ein.
Eine der frühesten institutionellen Manifestationen dieses Wandels war die Umwandlung des Frauen- und Familienministeriums in das Ministerium für Familie und Sozialpolitik. Es symbolisierte den Übergang von einem auf Frauenrechte basierenden Verständnis hin zu einem familienzentrierten Ansatz. Gleichzeitig wurden feministische und kurdische Frauenorganisationen zunehmend marginalisiert, während konservative Narrative Frauen immer stärker vor allem als Mütter und Ehefrauen definierten. Die Aussage von Präsident Recep Tayyip Erdoğan: „Man kann Frauen und Männer nicht gleichstellen; das widerspricht der Natur“, wurde zum Sinnbild dieser ideologischen Ausrichtung.
Diese Entwicklung war Teil eines umfassenderen Musters einer sogenannten Anti-Gender-Politik, in dessen Rahmen Gleichstellung der Geschlechter, Feminismus und LGBTQ+-Rechte zunehmend als Bedrohung für die nationale Identität, die religiösen Werte und die traditionelle Familie dargestellt wurden. Frauenrechtsorganisationen wurden delegitimiert, während der Spielraum für eine unabhängige Zivilgesellschaft schrittweise eingeschränkt wurde. Anstatt Frauenrechte rundweg abzulehnen, definierte der Staat sie im Sinne von Familienschutz, Moral und gesellschaftlicher Ordnung neu.
Nach dem gescheiterten Putschversuch institutionalisierten sich diese ideologischen Entwicklungen im Zuge des Ausnahmezustands. Frauen wurden zunehmend nicht mehr nur als Mütter und Fürsorgende dargestellt, sondern auch als potenzielle Bedrohung der nationalen Sicherheit, wenn sie staatlich vorgegebene Geschlechterrollen infrage stellten oder mit der politischen Opposition in Verbindung gebracht wurden. Ethnografische Befunde veranschaulichen diese Entwicklung:
„Frauen werden bestimmte Aufgaben zugewiesen. Wenn sie etwas anderes tun als diesen zu entsprechen, sagt der Staat: ‚Lasst sie tun, was sie wollen, aber beschränkt es auf den familiären Bereich.‘ … Er weiß, dass es die Frauen sind, die Veränderungen im Land herbeiführen, wenn sich etwas verändert. Er hat panische Angst vor der Solidarität der Frauen.“
Die politische Rhetorik normalisiert geschlechtsspezifische Feindseligkeit zusätzlich. Frauen, die mit der Gülen-Bewegung in Verbindung gebracht wurden, wurden öffentlich als „Kriegsbeute“ bezeichnet, während regierungsnahe religiöse Persönlichkeiten offen Gewalt gegen vermeintliche Gegner:innen befürworteten. Gleichzeitig schränkten Notstandsdekrete die Rechenschaftspflicht für Folter und Misshandlungen ein und schufen damit Bedingungen, unter denen geschlechtsspezifische Gewalt und deren Straflosigkeit gedeihen konnten.
Die türkische Erfahrung zeigt daher, dass die Säuberungswelle nach 2016 nicht einfach als sicherheitspolitische Reaktion auf einen Putschversuch verstanden werden sollte. Vielmehr stellte sie die institutionelle Konsolidierung eines umfassenderen autoritären Projekts dar, in dem eine Anti-Gender-Ideologie, eine patriarchale Regierungsführung und Notstandsgesetzgebung sich zu sich gegenseitig verstärkenden Mechanismen politischer Kontrolle verbanden.
Herrschaft durch Ausgrenzung: Geschlechtsspezifische staatliche Gewalt nach dem 15. Juli
Der nach dem 15. Juli 2016 verhängte Ausnahmezustand verwandelte das Notstandsregime in ein dauerhaftes System autoritärer Herrschaft. Durch Notstandsdekrete setzte die Regierung Massenentlassungen, die Schließung von Institutionen, strafrechtliche Verfolgungen sowie weitreichende Einschränkungen der Zivilgesellschaft durch. Obwohl diese Maßnahmen breite Schichten der türkischen Gesellschaft betrafen, waren ihre Auswirkungen deutlich geschlechtsspezifisch geprägt
Frauen erlebten die politische Unterdrückung nicht nur als Einzelpersonen, denen politische Straftaten vorgeworfen wurden, sondern auch aufgrund ihrer Rolle als Mütter, als Fürsorgende, als Berufstätige und als Familienangehörige. Unabhängige Frauenorganisationen wurden geschlossen, die Bewegungsfreiheit durch Annullierungen von Pässen und durch Reiseverbote eingeschränkt, und Frauen wurden häufig Ziel kollektiver Bestrafung wegen mutmaßlicher politischer Verbindungen ihrer Ehemänner oder Verwandten. Offizielle Statistiken verdeutlichen das Ausmaß dieser Entwicklung: Gegen mehr als 633.000 Frauen wurde ermittelt, fast 150.000 wurden inhaftiert, und rund 40.500 verloren durch Notstandsdekrete ihre Anstellung im öffentlichen Dienst.
Für viele Frauen markierte die Entlassung eher den Beginn als das Ende politischer Verfolgung. Berufliche Laufbahnen wurden über Nacht zerstört, wirtschaftliche Unabhängigkeit ging verloren, und die gesellschaftliche Stigmatisierung reichte weit über formelle juristische Verfahren hinaus. Frauen, die über Jahre Bildungs- und soziale Hürden überwunden hatten, um sich eine berufliche Identität aufzubauen, fanden sich häufig nicht nur vom öffentlichen Dienst ausgeschlossen, sondern auch vom gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben insgesamt.
Die Säuberungswellen nach 2016 markierten zugleich einen entscheidenden Wendepunkt in der geschlechtsspezifischen Ausprägung staatlicher Gewalt. Frauen waren zunehmend willkürlichen Festnahmen, Folter, sexueller Gewalt und wirtschaftlicher Marginalisierung ausgesetzt, während bestehende patriarchale Normen in eine autoritäre Regierungsführung integriert wurden. Selbst ohne individuelle strafrechtliche Anschuldigungen gerieten Frauen ins Visier, weil sie Ehefrauen, Mütter, Töchter oder sonstige Angehörige politisch Verfolgter waren.
Sozialer Tod: Jenseits rechtlicher Bestrafung
Die wohl gravierendste Folge der Säuberungswelle nach 2016 ist der soziale Tod – ein Zustand, in dem Menschen körperlich weiterleben, jedoch systematisch von einer sinnvollen Teilhabe am beruflichen, gesellschaftlichen und öffentlichen Leben ausgeschlossen werden. Über rechtliche Sanktionen hinaus erlebten Frauen die Auslöschung ihrer beruflichen Identität, Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit und ihrer finanziellen Selbstständigkeit sowie eine anhaltende Stigmatisierung, die ihr Zugehörigkeitsgefühl grundlegend veränderte.
Für viele Frauen bedeutete ihre Entlassung weit mehr als nur den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Sie bedeutete den Verlust wirtschaftlicher Unabhängigkeit, beruflicher Anerkennung und sozialer Identität. Der Fall der Krankenschwester Sevgi Balcı, die im achten Monat ihrer Schwangerschaft entlassen wurde, verdeutlicht diese sich verstärkenden Auswirkungen. Nach ihrer Entlassung litt sie, bevor sie sich das Leben nahm, unter langanhaltender Arbeitslosigkeit, sozialer Isolation und schwerwiegenden psychischen Belastungen. Ihr Schicksal zeigt, dass autoritäre Unterdrückung oft weit über eine formale rechtliche Bestrafung hinausgeht.
Der soziale Tod betraf auch Familien. Häufig wurde politische Ausgrenzung generationenübergreifend wirksam, da Kinder in Haushalten aufwuchsen, die von Inhaftierung, Arbeitslosigkeit, Überwachung und gesellschaftlicher Stigmatisierung geprägt waren. Hunderte Kinder leben weiterhin zusammen mit ihren Müttern im Gefängnis, während viele andere eine langwierige Trennung von einem oder beiden Elternteilen erlebt haben. Die Folgen autoritärer Herrschaft lassen sich daher nicht allein an Verhaftungen oder Verurteilungen messen, sondern auch an ihren langfristigen Auswirkungen auf das Familienleben, die kindliche Entwicklung und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Auch die Mutterschaft selbst wurde zu einem Instrument politischer Bestrafung. Schwangere Frauen und Mütter kleiner Kinder wurden trotz internationaler Rechtsschutzgarantien inhaftiert – manche unmittelbar nach der Entbindung oder während sie noch Säuglinge versorgten. Eine Mutter blieb in Haft, während ihr fünfjähriges Kind außerhalb des Gefängnisses wegen einer Krebserkrankung behandelt wurde. Dies verdeutlicht, wie autoritäre Bestrafung über Einzelpersonen hinaus auf ganze Familien ausgedehnt wurde. Anstatt die Rolle der Mutter zu schützen, machte der Staat die Mutterschaft zu einer Quelle politischer Verwundbarkeit.
Die Erfahrungen in der Türkei zeigen, dass sozialer Tod nicht lediglich eine Individuen treffende Folge autoritärer Herrschaft ist, sondern eine ihrer Herrschaftsstrategien. Durch die Zerstörung beruflicher Identitäten, die Schwächung sozialer Bindungen und die Ausweitung von Bestrafung auf die Familien reproduziert autoritäre Herrschaft Ausgrenzung noch lange nach dem Abschluss von juristischen Verfahren
Die Istanbul-Konvention und die Geschlechterpolitik
Die Abkehr der Türkei von der Istanbul-Konvention im Jahr 2021 stellte einen der bedeutendsten symbolischen und institutionellen Rückschläge für die Frauenrechte in der Zeit nach dem Putsch dar. Obwohl die Konvention 2011 ursprünglich von der AKP-Regierung unter der Führung von Präsident Erdoğan ratifiziert worden war, wurde sie später von Regierungsvertreter:innen und regierungsnahen Organisationen als Bedrohung für Familienwerte und die nationale Identität dargestellt.
Diese politische Umdeutung verzerrte grundlegend die eigentliche Zielsetzung der Konvention. Anstatt Familie als gesellschaftliches Modell zu untergraben, verfolgt die Istanbul-Konvention das Ziel, Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt als solche zu verhindern, sowie Gleichstellung, Nichtdiskriminierung, Opferschutz und die Bekämpfung von Geschlechterstereotypen durch Bildung zu fördern. Dennoch stellte der populistische politische Diskurs die Konvention zunehmend als eine Stärkung „abartiger“ Familienstrukturen und von LGBTQ+-Identitäten dar. Dies entspricht einer umfassenden Anti-Gender-Bewegung, die auch in anderen zeitgenössischen autoritären Regimen zu beobachten ist.
Der Ausstieg bedeutete daher weit mehr als die Aufkündigung eines internationalen Abkommens. Er wurde zur symbolischen Absage an die Gleichstellung der Geschlechter.
Obwohl die Umsetzung der Konvention über lange Zeit nur unzureichend erfolgt war, betrachteten Frauenorganisationen sie als einen unverzichtbaren rechtlichen Rahmen, der durch politischen Willen und institutionelle Reformen hätte gestärkt werden können. Stattdessen schwächte der Ausstieg den ohnehin fragilen Schutz nun weiter.
Institutionalisierung einer konservativen Geschlechterideologie
Präsident Erdoğan bekräftigte diese Sichtweise wiederholt mit den Worten:
„Man kann Frauen und Männer nicht gleichstellen. Das widerspricht der Natur. Unsere Religion misst der Mutterschaft einen sehr hohen Stellenwert bei. Feministinnen verstehen das nicht; sie lehnen die Mutterschaft ab.“
Gleichzeitig förderten staatliche Institutionen zunehmend konservative Vorstellungen von Geschlechterrollen. Organisationen wie KADEM – von einer Tochter Präsident Erdoğans mitbegründet – unterstützten zunächst die Istanbul-Konvention, befürworteten später jedoch deren Aufkündigung. Dies verdeutlicht die Institutionalisierung einer regierungsnahen Geschlechterideologie.
Obwohl an Universitäten keine direkten Verbote bezogen auf Geschlechterforschung verhängt wurden, schränkte die zunehmende staatliche Kontrolle über Hochschulen und die Zivilgesellschaft den Spielraum für kritische wissenschaftliche Forschung zur Gleichstellung der Geschlechter erheblich ein.
Anhaltende Folgen
Die Folgen dieser Politik prägen den Alltag von Frauen bis heute. Rechtliche Schlupflöcher erleichtern weiterhin Kinderehen. Während der COVID-19-Pandemie profitierten wegen häuslicher Gewalt, sexueller Übergriffe und Femiziden verurteilte Straftäter von Gesetzen zur vorzeitigen Haftentlassung, während zahlreiche politische Gefangene – darunter Mütter von kleineren Kindern – weiterhin inhaftiert blieben.
Berichten zufolge erhielten Richter:innen Anweisungen, die eine Begrenzung von einstweiligen Verfügungen gegen Täter häuslicher Gewalt förderten. Gleichzeitig nahm die häusliche Gewalt zu, während der institutionelle Schutz weiter geschwächt wurde. Diese Entwicklungen gingen mit einem Anstieg von Femiziden einher.
Aktuelle Daten zeigen:
- 294 bestätigte Tötungen von Frauen im Jahr 2025
- einen anhaltenden Anstieg verdächtiger Todesfälle von Frauen
- weitergehende Versäumnisse beim zur Verantwortung ziehen
Geschlechtsspezifische Gewalt jenseits der Säuberungswelle
Die nach 2016 dokumentierten Erfahrungen zeigen, dass Frauen mit vielfältigen und sich überschneidenden Formen von Gewalt konfrontiert waren.
Dazu gehörten:
- willkürliche Inhaftierung
- Inhaftierung während der Schwangerschaft und im Wochenbett
- Leibesvisitationen
- Entbindungen unter Überwachung
- Trennung von Neugeborenen
- sexuelle Übergriffe
- Vergewaltigung
- Psychische Folter
Der Fall der inhaftierten Kurdin Garibe Gezer, die starb, nachdem sie Vergewaltigung und Folter im Gefängnis gemeldet hatte, verdeutlicht das Zusammenwirken von politischer Unterdrückung, geschlechtsspezifischer Gewalt und ethnischer Diskriminierung.
Ebenso waren Transgender-Frauen verstärkter Polizeigewalt, Hausdurchsuchungen und gesellschaftlicher Ausgrenzung ausgesetzt. Dies zeigt, dass autoritäre Repression gleichzeitig auf mehrfach marginalisierte Identitäten abzielte.
Frauen, die durch Notstandsdekrete aus dem Staatsdienst entlassen wurden – unabhängig von ihrer ethnischen, religiösen oder politischen Zugehörigkeit –, erlebten häufig eine vielschichtige Marginalisierung sowohl durch staatliche Institutionen als auch durch die Gesellschaft insgesamt.
Viele von ihnen berichteten, in ständiger Angst vor Verhaftung und Gewalt zu leben – ein Zustand, den einige als eine Form von kollektivem gesellschaftlichem Wahnsinn beschrieben. Weitere Praktiken wie erzwungene Jungfräulichkeitstests, Einschränkungen reproduktiver Rechte sowie zunehmende staatliche Eingriffe in die körperliche Selbstbestimmung von Frauen zeigen, wie Rechtsinstitutionen selbst zu Instrumenten geschlechtsspezifischer Gewalt wurden.
Autoritäre Staatsbürgerschaft, Vertreibung und Gerechtigkeit
Die Säuberungswelle nach 2016 veränderte das Verständnis von Staatsbürgerschaft grundlegend, indem Rechte zunehmend von politischer Loyalität abhängig gemacht wurden. Frauen, die von den Notstandsdekreten betroffen waren, erlebten häufig den Wandel von vollwertigen Staatsbürgerinnen zu politisch Verdächtigen. Lehrerinnen, Wissenschaftlerinnen, Beschäftigte im Gesundheitswesen, Richterinnen, Rechtsanwältinnen und Beamtinnen, die zuvor in öffentlichen Institutionen tätig waren, wurden gesellschaftlich stigmatisiert und von einer sinnvollen Teilhabe am öffentlichen Leben ausgeschlossen. Autoritäre Herrschaft definierte damit nicht nur neu, wer an der politischen Gemeinschaft teilnehmen durfte, sondern auch, wer als würdig erachtet wurde, dazuzugehören.
Die Aushöhlung der richterlichen Unabhängigkeit verstärkte diese Entwicklung. Laut Berichten von Human Rights Watch, Freedom House, dem US-Außenministerium, Advocates of Silenced Turkey sowie meiner eigenen ethnografischen Forschung durchliefen viele Frauen Gerichtsverfahren, in denen die Bestrafung häufig der Möglichkeit vorausging, ihre Unschuld nachzuweisen. Auch Familienangehörige wurden Ziel kollektiver Bestrafung. So verlor beispielsweise die Ehefrau eines Journalisten allein wegen der beruflichen Tätigkeit ihres Mannes ihre Arbeitsstelle. Dies verdeutlicht, wie sich politische Verantwortung zunehmend über das Individuum hinaus ausdehnte.
Ethnografische Erkenntnisse zeigen darüber hinaus, wie der Autoritarismus selbst die Alltagssprache veränderte. Während eines Gerichtsverfahrens schloss eine Mutter ihre Verteidigung mit den Worten: „Wir sind unschuldig.“ Unmittelbar darauf korrigierte sie sich: „Wir – das heißt meine Töchter und ich – sind unschuldig“, weil sie befürchtete, das Pronomen „wir“ könnte als Hinweis auf die Zugehörigkeit zu einer Organisation interpretiert werden. Diese scheinbar geringfügige Korrektur verdeutlicht, in welchem Ausmaß autoritäre Herrschaft Selbstzensur hervorbringt und selbst die Grammatik des alltäglichen Sprachgebrauchs erreicht.
Für viele Frauen wurde Vertreibung letztendlich eher zu einer Überlebensstrategie als zu einer freiwilligen Migration. Tausende flohen vor politischer Verfolgung über gefährliche Routen durch den Fluss Evros und die Ägäis, wodurch die Türkei Teil eines umfassenderen Phänomens transnationaler Unterdrückung wird, bei dem die Folgen autoritärer Herrschaft über nationale Grenzen hinausreichen. Die Erfahrungen von Frauen wie Birgül Kocal und Esma Uludağ zeigen, dass das Exil die Verfolgung nur selten beendet; vielmehr begleiten Traumata, Familientrennungen und psychische Belastungen die Betroffenen häufig noch lange nach ihrer Flucht aus autoritären Systemen.
Fast ein Jahrzehnt später sind die Folgen der Säuberungswelle weiterhin sichtbar. Viele Frauen sehen sich nach wie vor mit Hindernissen beim Zugang zu Arbeit, Mobilität und gesellschaftlicher Teilhabe konfrontiert. Gleichzeitig haben jüngste Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte erhebliche Bedenken bezogen auf Verurteilungen aufgeworfen, die für Verhaltensweisen verhängt wurden, welche nach internationalen Rechtsstandards keine Straftaten darstellen. Für viele Frauen bedeutet Gerechtigkeit daher mehr als nur die rechtliche Rehabilitierung – sie bedeutet die Möglichkeit, ihre Würde wiederherzustellen, ihr Leben neu aufzubauen und nach Jahren der Ausgrenzung ihre Bürgerrechte zurückzugewinnen.
Fazit
Die Erfahrungen von Frauen nach der Säuberungswelle vom 15. Juli zeigen, dass autoritäre Unterdrückung grundlegend geschlechtsspezifisch geprägt ist. Ihre Folgen reichen weit über Gerichtssäle und Gefängnisse hinaus und erfassen Arbeitsplätze, Familien, Gemeinschaften, Bildungseinrichtungen und das Privatleben. Frauen tragen häufig die schwersten Lasten autoritärer Herrschaft – nicht nur als unmittelbare Ziele politischer Repression, sondern auch als Fürsorgende, Ernährerinnen, Pädagoginnen, Fachkräfte und Hüterinnen der familiären Stabilität.
Der Fall der Türkei verdeutlicht eine grundsätzlichere Erkenntnis über die Situation von Frauen unter autoritären Regimen. Autoritäre Regierungen nutzen bestehende geschlechtsspezifische Ungleichheiten häufig aus, um die politische Kontrolle zu vertiefen, die soziale Ausgrenzung zu verstärken und Unterwürfigkeit zu institutionalisieren. Wirtschaftliche Marginalisierung, gesellschaftliche Stigmatisierung, die Zerstörung familiärer Strukturen, erzwungene Vertreibung und generationenübergreifende Traumata werden so zu integralen Bestandteilen autoritärer Herrschaft – und sind also keine unbeabsichtigten Folgen.
Darüber hinaus zeigt die türkische Erfahrung, dass geschlechtsspezifische Gewalt mit ethnischer Zugehörigkeit, Religion, politischer Orientierung und sexueller Identität zusammenwirkt. Kurdinnen, Frauen, die mit der Gülen-Bewegung in Verbindung gebracht werden, Alevitinnen, LGBTQ+-Personen und andere marginalisierte Gemeinschaften haben überschneidende Formen von Diskriminierung und Repression erlebt. Der Staat erscheint damit nicht lediglich als passiv Handelnder, der beim Schutz von Rechten versagt, sondern in vielen Fällen als aktiv Produzierender von geschlechtsspezifischer Gewalt. Frauen werden zunehmend als „Terroristinnen“, „Verräterinnen“ oder sogar als „Kriegsbeute“ abgestempelt und dadurch sowohl aus dem politischen als auch aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Infolgedessen verändert sich auch die Bedeutung von Migration. Frauen migrieren nicht länger in erster Linie auf der Suche nach besseren Chancen. Sie migrieren auf der Suche nach Sicherheit.
Letztlich erzählen die in diesem Beitrag geschilderten Geschichten nicht nur von Leid. Sie erzählen ebenso von Resilienz, Überleben, Widerstand und dem ungebrochenen Streben nach Gerechtigkeit. Sie erinnern daran, dass sich die wahren Belastungen von Autoritarismus nicht allein an Verhaftungen, Verurteilungen oder Haftstrafen messen lassen. Sie müssen auch an unterbrochenen Lebenswegen, zerstörten Familien, traumatisierten Kindern und verweigerten Zukunftsperspektiven gemessen werden.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!
Hafza Girdap ist Assistenzprofessorin am Fachbereich Soziologie, Kriminologie und Anthropologie der Hofstra University sowie Sprecherin von Advocates of Silenced Turkey (AST). Sie promovierte in Frauen-, Gender- und Sexualitätsstudien an der Stony Brook University, New York. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlecht, Rasse, Migration, Rassifizierung und Identität, Menschen- und Frauenrechte in mehrheitlich muslimischen Kontexten sowie die Integration und Anpassung muslimischer Migrantinnen, wobei sie insbesondere die Neudefinition ihrer kulturellen Identitäten untersucht.










