Der jüngste Film „Odyssee“ von Christopher Nolan präsentiert sich dank seiner fesselnden zeitlichen Dekonstruktion und majestätischen Panoramaaufnahmen im 70-mm-Format als filmisches Werk von unbestreitbarem künstlerischem Reiz. Er verwandelt die mythologische Reise in eine tiefgründige philosophische Reflexion über das Gedächtnis und die Obsession der Heimkehr.

Der Film hat jedoch eine schwerwiegende geopolitische Dimension. Die Produktion läuft Gefahr, Teil einer systematischen Strategie der kulturellen Normalisierung zu werden. Diese Strategie zielt darauf ab, die dramatische Lage des saharauischen Volkes sowie seinen legitimen Kampf um Selbstbestimmung in den besetzten Gebieten der Westsahara unsichtbar zu machen. Derzeit kontrolliert das Königreich Marokko militärisch etwa 80 % des Territoriums, während die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) die restlichen 20 % kontrolliert – ein landumschlossenes, wüstenartiges Gebiet ohne Zugang zum Meer und ohne nennenswerte wirtschaftliche Ressourcen.

Der internationale Rechtsrahmen ist jedoch eindeutig. Bereits im Jahr 1975 stellte das Gutachten des Internationalen Gerichtshofs fest, dass keinerlei territoriale Hoheitsbindung zwischen Marokko und der Westsahara besteht. Damit wurde Marokko völkerrechtlich als Besatzungsmacht eingeordnet. Im Jahr 2002 bekräftigte das Rechtsgutachten des Untergeneralsekretärs für Rechtsangelegenheiten der Vereinten Nationen, Hans Corell, dass die Ausbeutung natürlicher Ressourcen in nicht autonomen Gebieten ausschließlich unter zwei zwingenden Voraussetzungen zulässig ist: Sie muss der einheimischen Bevölkerung unmittelbar zugutekommen und nach deren vorheriger Zustimmung sowie im Einklang mit deren Wünschen erfolgen. Diese Rechtsauffassung wurde durch die wegweisenden Urteile des Gerichtshofs der Europäischen Union (EuGH) bestätigt. Der EuGH hat wiederholt die Handels- und Fischereiabkommen zwischen der EU und Marokko für nichtig erklärt, soweit diese unrechtmäßig das Land und die Hoheitsgewässer der Westsahara einbeziehen.

Die Ursprünge des Konflikts reichen bis in den November 1975 zurück. Damals leitete König Hassan II. den „Grünen Marsch” ein, eine strategisch geplante Operation, bei der 350.000 marokkanische Zivilist:innen von umfangreichen Streitkräften begleitet wurden und in das Gebiet vordrangen. Diese Besetzung zwang einen Großteil der einheimischen Bevölkerung zur Flucht in die unwirtliche algerische Wüste. Dort leben heute etwa 200.000 Flüchtlinge in den Flüchtlingslagern der Region Tindouf. Diejenigen, die in den besetzten Gebieten geblieben sind, leben unter einem dauerhaften Entzug grundlegender Rechte in einem Umfeld „struktureller Straflosigkeit“, das dokumentiert ist.

Wie zahlreiche internationale Organisationen – darunter Robert F. Kennedy Human Rights, die Arbeitsgruppe für willkürliche Inhaftierung (WGAD), der Ausschuss gegen Folter (CAT) der Vereinten Nationen, das Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR), Amnesty International, Human Rights Watch und das NOVACT-Zentrum – festgestellt haben, greift die marokkanische Regierung systematisch zu administrativen und gerichtlichen Inhaftierungen als Instrument politischer Verfolgung, um abweichende Meinungen zu unterdrücken. Gleichzeitig schottet sie das Gebiet ab, um unabhängigen Beobachter:innen und internationalen Medien den Zugang zu verwehren.

Trotz des 1991 unter der Schirmherrschaft der UNO geschlossenen Waffenstillstandsabkommens, das die Einrichtung der MINURSO-Mission und die Durchführung eines Referendums zur Selbstbestimmung vorsah, wurde die Volksabstimmung aufgrund anhaltender Vetos und Obstruktionsmaßnahmen seitens Marokkos nie abgehalten. Diese Pattsituation hat sich im Laufe der Zeit auch durch die ausdrückliche Unterstützung wichtiger geopolitischer Akteure wie der Vereinigten Staaten, Israels, Frankreichs und Spaniens sowie des stillschweigenden Einverständnisses zahlreicher anderer Nationen verfestigt. Im Gegensatz dazu vertreten die Afrikanische Union und viele Staaten, die der Bewegung der Blockfreien traditionell nahestehen, weiterhin eine entschiedene Haltung zur Unterstützung der Sache der Saharauis.

Diese anhaltende politische Pattsituation ermöglicht es Marokko, die enormen Ressourcen der Region ungehindert auszubeuten: die strategische Kontrolle über die Atlantikküste mit einem der fischreichsten Fanggebiete der Welt, die reichen Phosphatvorkommen, den Ausbau von Anlagen für erneuerbare Energien, die Exploration von Kohlenwasserstoffen und nicht zuletzt die Förderung des internationalen Tourismus. All dies ist nur durch ausländische Investitionen und eine weit verbreitete internationale Komplizenschaft möglich.

In diesem Szenario werden Kultur und Filmindustrie zu mächtigen Instrumenten geopolitischer Legitimierung und Normalisierung. So sieht der strategische Investitionsplan der marokkanischen Regierung eine Steuerrückerstattung (Tax Rebate) in Höhe von 30 % für internationale Produktionen vor, die mindestens eine Million Dollar investieren und Dreharbeiten von mindestens 18 Tagen im Land vorsehen. Diese wirtschaftliche Vergünstigung wird bewusst auch auf die besetzten Gebiete der Westsahara ausgedehnt. Das Marokkanische Filmzentrum (die für die Vergabe der Fördermittel zuständige staatliche Einrichtung) stellt das Gebiet dem Rest des Königreichs formal gleich und bezeichnet es als „südliche Provinz“, um es international als integralen Bestandteil des Staatsgebiets darzustellen.

So wurde für die Darstellung Ogygias, der mythologischen Insel, auf der die Nymphe Kalypso Odysseus festhält, die Weiße Düne – eine außergewöhnliche, unberührte Naturoase in der Nähe der besetzten Stadt Dakhla – als Drehort ausgewählt. Die Wahl dieses Drehorts zeigt exemplarisch, wie Rabat die Filmindustrie als raffiniertes Instrument der Soft Power einsetzt. Damit lässt sich die Realität der militärischen Besatzung hinter der Schönheit der Bilder und der Effizienz einer weltweit wettbewerbsfähigen Filmindustrie verbergen.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Haltung von Zeitungen, die traditionell den postkolonialen Kämpfen und der Selbstbestimmung der Völker nahestehen, besonders befremdlich. Ein Beispiel ist die italienische Tageszeitung „Il Manifesto“, die in einem langen Artikel mit dem Titel „Odyssee – Die Suche nach dem Mythos in unserer Zeit“ den Film von Nolan ausführlich würdigt, sich jedoch auf eine ausschließlich filmästhetische Betrachtung beschränkt und jeglichen Hinweis auf den geopolitischen Kontext, in dem die Dreharbeiten stattfanden, auslässt.

Kritische Töne kommen hingegen aus der Zeitschrift MOW (Men On Wheels). Dort heißt es zwar, „Odyssee sei ein sensationeller Film, der die Kritiker verzaubert habe“, zugleich wird jedoch daran erinnert, dass „einige Szenen in der Stadt Dakhla gedreht wurden. Wir befinden uns in der Westsahara, einem umstrittenen, von Marokko besetzten Gebiet, in dem die indigene Bevölkerung ihre Geschichte nicht erzählen kann, ohne eine Inhaftierung befürchten zu müssen.“ Der Artikel schließt mit der Kritik, dass die Entscheidung der Produktion „dazu beigetragen hat, die marokkanische Kontrolle über das umstrittene Gebiet zu legitimieren“, und spricht von „einer geopolitischen Odyssee, die weit komplexer ist als die epische“. Parallel dazu hat das Western Sahara International Film Festival (FiSahara) die Produktion scharf verurteilt und hervorgehoben, dass die Produktion „zur Unterdrückung des saharauischen Volkes durch Marokko beiträgt“ und „die Bemühungen des marokkanischen Regimes zur Normalisierung der Besatzung“ begünstigt. Diese Einschätzung bekräftigte auch der sahrawische Aktivist Mamine Hachimi: Er erklärte, dass Dreharbeiten in diesen Gebieten ohne die Zustimmung der lokalen Bevölkerung die Verantwortlichen der Produktion zu Komplizen und damit zu einem integralen Bestandteil des Systems der Unterdrückung machen.

Die bewegendsten und eindringlichsten Worte stammen jedoch vom saharauischen Künstler, Regisseur und Schriftsteller Mohamed Sleiman Labat: „Die Gebiete der Westsahara ohne die Zustimmung des saharauischen Volkes für Dreharbeiten zu nutzen, ist nicht weniger problematisch und ausbeuterisch als die Ausbeutung unserer Phosphate, unserer Fischgründe, des Windes, der Sonne oder jeglicher anderer Ressourcen. Es handelt sich um Diebstahl im wahrsten Sinne des Wortes und um eine widerrechtliche Aneignung des Territoriums und der Kultur.“ Christopher Nolan, Sie müssen nicht 3.000 Jahre in die Vergangenheit zurückgehen, um eine Geschichte von Heimkehr, Vertreibung, Krieg, menschlichem Leid und Verrat zu erzählen. Gerade der Ort, an dem Ihr Film teilweise gedreht wurde, erzählt heute genau diese Geschichten. Sie und Ihr Team befanden sich auf einem Land, dessen rechtmäßige Bevölkerung gewaltsam vertrieben wurde und seit 50 Jahren versucht, nach Hause zurückzukehren. Die heutige Odyssee – diese lange, von Hindernissen geprägte Heimreise – ist eine Realität, die die Saharauis und viele andere vertriebene Gemeinschaften erleben. Es ist unglaublich, dass Sie das Land eines Volkes nutzen mussten, das seit 50 Jahren versucht, nach Hause zurückzukehren, um die Geschichte von Odysseus’ jahrzehntelanger Reise nach Hause zu erzählen.

Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!