Von Helga Merkelbach

Alle offiziellen Delegationen der Klima-Vorkonferenz SB 64 in Bonn, vom 8. bis 18.6.2026, wiesen auf die derzeitigen „Krisen“ der Welt hin, als Erschwernis, der Dringlichkeit von Handeln gegen Klimawandel gerecht zu werden, aber niemand nannte sie beim Namen: Militarisierung, Kriege, Besatzung. Das auszusprechen, hatte ich mir zur Agenda gemacht, für meine Teilnahme als Beobachterin für WILPF, der ältesten Frauen-Friedensorganisation der Welt.

Allein und doch nicht allein

Zusammen mit der Naturzerstörung bedeutet Militarisierung und Krieg für unseren Planeten Ökozid, für die langfristig ihrer Lebensgrundlagen beraubten Menschen (Indigene, Bäuer:innen, Fischer:innen, Kommunen) langsamer Genozid. Alle Betroffenen tragen die Last, auch und gerade die Frauen, die Leben gebären, Leben ernähren und mit Carework Leben bewahren. Sie werden aber nicht an der Problemlösung beteiligt, obwohl sie Jahrtausende lange Erfahrungen darin haben, wie mit Mutter Erde umgegangen werden sollte, damit sie uns nährt und dabei bewahrt wird.

Ich war für WILPF (Women’s International League for Peace and Freedom) 10 Tage lang als Beobachterin auf der SB 64, um auf die Bedeutung von durch Militär verursachte Emissionen und auf die Finanzierung von Militär und Kriegen hinzuweisen und um die nötige Investition in Adaption, Mitigation und Loss & Damage nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Ich war erfolgreich, insoweit eine Person unter 9206 angemeldeten Anwesenden überhaupt etwas ausrichten kann. Anwesend waren 3375 Regierungsvertreter:innen, 2430 Nicht-Regierungsteilnehmer:innen (wovon ein großer Teil Industrie und Business vertritt), beobachtet von lediglich 134 angemeldeten Medienvertreter:innen. Auf der SB 64 (Subsidiary Bodies) wird das Abschlussdokument für die eigentliche Klimakonferenz COP 31, in Antalya /Türkei, im November vorbereitet.

In der ersten Woche waren zwei weitere Frauen von Peace Boat und Tipping Point North South an meiner Seite; zusammen bestritten wir eine Nebenveranstaltung und eine Pressekonferenz (Hier der Bericht dazu). Täglich konnte ich mich beim Treffen der Women and Gender Constituency der Unterstützung durch Frauen aus aller Welt versichern (einer von neun zivilgesellschaftlichen Zusammenschlüssen, die sich bei den Klimakonferenzen als Beobachter:innen einbringen, aber nicht mit abstimmen dürfen.

In vielen pfiffigen Aktionen im UNFCCC-Gebäude machten wir, die NGO-Vertreter:innen, die offiziellen staatlichen Delegierten auf die Dringlichkeit des Handelns aufmerksam – dieser Kampf wird in Antalya weitergehen.

Foto: 2026.06.17 Just Transition action (copyright Helga Merkelbach)

Mit der Vorkonferenz endet die Arbeit nicht. Vom 21. bis 27. September 2026 findet weltweit eine Aktionswoche eines losen Bündnisses für Frieden und Klimagerechtigkeit statt. Hieran kann jede/r sich lokal auch mit der kleinsten Aktion beteiligen.

Die bedrohlichsten CO₂ Emissionen, die niemand zählt

Wissenschaftler:innen haben die Brisanz von Militarisierung und Kriegen für Klima herausgearbeitet:

Wenn das Militär ein Land wäre, stände es mit CO₂ Emissionen weltweit an 4. Stelle, nach China, den USA und Indien.

5,5 % der weltweiten Emissionen (mehr als die aller Staaten des afrikanischen Kontinents zusammen) stammen vom Militär (kriegerische Aktivitäten nicht eingerechnet). Das ist mehr als von allen 46 ärmsten Länder der Welt zusammen (4 %).

Der globale Norden gibt für Militär 30-mal so viel Geld aus wie für den Schutz der Umwelt.

Bis Anfang 2026 hat der Gazakrieg allein 33 Mio. Tonnen CO₂ Emissionen verursacht.

Für den Ukraine-Krieg werden in den vergangenen vier Jahren 311 Mio. Tonnen CO₂ Emissionen  verzeichnet, so viel wie für Frankreich in einem Jahr.

92 Nationen – fast die Hälfte der Welt – führten 2024 Krieg, die höchste Zahl seit dem 2. Weltkrieg.

Wissenschaft und Zivilgesellschaft kommen deshalb zu dem Schluss:

  • Militäremissionen sollten verpflichtend in den nationalen Berichten gemeldet werden. Das Pariser Klimaabkommen überlässt es der Freiwilligkeit.
  • Entmilitarisierung sollte das langfristige Ziel sein, und nicht Erhöhung der Ausgaben wie vor allem von den USA gefordert (auf 5 % des Bruttosozialprodukts eines jeden Landes).
  • Move the money! Von Militarisierung und Kriegen hin zu Klimagerechtigkeit, in Mitigation, Adaption und für Los & Damage.

Wie die Verantwortlichen sich vor der Verantwortung drücken: Pay up for Climate Justice! – Zahlt endlich für Klimagerechtigkeit!

Climate Action Network (CAN), das ungefähr 2500 Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) rund um die Welt vereint und vertritt, drückte täglich allen auf der Konferenz ihr „ECO“ in die Hände, überschrieben mit „End the Genocide. Ende the Illegal Wars“ (Beendet den Völkermord. Beendet alle illegalen Kriege). Am 12.6. schlug ECO sechs Punkte zur Umsetzung eines gerechten Übergangs vor: „ECO schlägt vor, dass sie (die Industrieländer) einfach aufhören, Kriege und andere Formen der Massenvernichtung zu finanzieren, und diese Gelder stattdessen in dieses gerechte Anliegen der Menschheit umlenken.“

Auf der letzten Klimakonferenz COP 30 in Belem / Brasilien im November 2025 verzeichnete die Zivilgesellschaft einen großen Erfolg, nämlich dass die „just transition“ ins offizielle Schlussdokument aufgenommen wurde und als nächstes deren Implementierung diskutiert werden solle. Diejenigen, die hauptverantwortlich für die Klimakatastrophe sind, sollen vorangehen und den schon jetzt stark Betroffenen öffentliche Gelder in Form von Zuschüssen zur Verfügung stellen, um sich an den Klimawandel zu adaptieren, ihn abzuschwächen und um mit schon entstandenen Verlusten und Schäden umzugehen. Stattdessen laden die Länder des globalen Nordens jedoch allenfalls Privatunternehmen ein, in einen grünen Wandel zu investieren, was diese nur tun werden, wenn sie davon profitieren, egal ob damit den Menschenrechten und der Klimagerechtigkeit genüge getan wird.

Alle offiziellen Delegierten und Beobachter:innen der Zivilgesellschaft äußerten am Ende in Bonn ihre Enttäuschung. Denn es wurde nicht über eine Umsetzung gesprochen, auch nicht über die Finanzierung. Die Staaten des globalen Nordens (vor allem die EU-Länder) und Saudi-Arabien wendeten jedwede Ablenkung an, sie wollten neue Roadmaps aufstellen, über einzelne Paragraphen im Text reden, über Formulierungen streiten. Letztlich wurden diejenigen aus dem Schlussdokument entfernt und nicht einmal mehr in Klammern benannt, die für einen gerechten Wandel einbezogen werden müssen: die Indigenen und Kommunen vor Ort als Inhaber von Wissen und Recht, die Frauen (mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung), die Arbeiter:innen und Bäuer:innen (die letztlich dafür sorgen, dass die nötige Arbeit für das Überleben verrichtet wird), die Jugend (deren Zukunft auf dem Spiel steht).

Das Schwinden des Kaspischen Meeres

An der Nebenveranstaltung zum Kaspischen Meer nahmen UN-Organisationen, die Anrainerstaaten, Russland, Saudi Arabien, Kuba, Nicaragua und andere Staaten teil.

Foto: 2026.06.15 Veranstaltung über das Kaspische Meer (copyright Helga Merkelbach)

Dort wagte ich es, beim Punkt „Fragen & Antworten“ die Damen und vornehmlich Herren zu bitten, Kommunen, die jetzt schon vom sinkenden Wasserspiegel des Binnenmeeres und seiner starken Kontamination betroffen sind als „knowledge and rights holders“ (Wissende und Rechte Habende) bei den Gesprächen mit einzubeziehen. Sie haben über Jahrhunderte mit ihrem Wissen und ihrer Lebensweise das Kaspische Meer bewahrt. Vorher hatten wissenschaftliche Beiträge die Bedeutung der Region für Handel herausgearbeitet, aber dabei ausgelassen, dass hier westliche Nationen in Konkurrenz zur Belt and Road Initiative Chinas (die neue Seidenstraße) stehen, die darüber ihre (billigeren) Waren nach Europa liefern. „Macht das Kaspische Meer zu einem Knotenpunkt für Frieden, indem ihr als Anrainerstaaten für den Erhalt des Kaspischen Meeres kooperiert, damit es nicht zur Ursache für einen weiteren Krieg wird.“ Meine Worte wurden laut beklatscht und ich wurde im Anschluss auf diese Worte angesprochen – als „den einzigen ernst zu nehmenden Beitrag“. Ich kam dadurch mit Delegierten aus sensiblen Staaten in weiteren Kontakt.

Offizielle Delegierte inoffiziell mit Herz

Angesichts der Übermacht der Mächtigen mag das Ergebnis enttäuschend sein, nichtsdestotrotz freue ich mich über die Lichtblicke, die es dennoch gab.

Ich konnte persönlich mit Delegierten von über einem Dutzend Nationen sprechen, alle aus dem globalen Süden oder mit prekärer Situation ihrer Bevölkerung; mit einigen bin ich weiter in persönlichem Kontakt, um sie ferner über den Kontext von Krieg, Militarisierung und Klima zu informieren. Der Türöffner war oft, dass ich erwähnte, wie ich auf Reisen in ihrer Heimat ihre Natur wahrgenommen hatte, oder dort Menschen begegnet war und noch mit ihnen verbunden bin. In dem Moment ging ein Lächeln auf ihrem Gesicht auf, als ob sie vor ihrem inneren Auge in ihr Zuhause versetzt wären. Sie glaubten meinen Worten und vertrauten der Echtheit meiner Empathie.

Alle sprachen sich abseits vom offiziellen Auftritt dafür aus, dass Staaten verpflichtet sein sollten, ihre Militäremissionen in ihren nationalen Berichten zu benennen. Alle sahen in den von Ländern des globalen Nordens vorgeschlagenen (falschen) Lösungen eine Verschlimmerung der bestehenden Abhängigkeitsverhältnisse und eine Schwächung, die Zerstörung von Natur durch fortgesetzten Extraktivismus (nun von kritischen Mineralien), die Übernutzung von Wasser, die Förderung von Landraub für Solar- /Windenergieanlagen wie auch für das Agrobusiness und eine fortschreitende Zerstörung der Lebensbasis für die Menschen, also in keinem Fall einen gerechten Übergang. Eine Delegierte, aus deren sonnenreichen, aber wasserarmen Land demnächst grüner Wasserstoff nach Deutschland exportiert werden soll, wertete die Entscheidung hierfür als „grünen Kolonialismus“.

Eine Frau von einer Insel (die langfristig durch den Anstieg des Meerwasserspiegels gefährdet ist und die zu den ärmsten Ländern der Welt gehört) beklagte sich obendrein darüber, dass ihr Termin für ihren Visumsantrag bei der deutschen Botschaft nach der Beendigung der Konferenz gelegen hätte. Es hatte der Fürsprache der UN bedurft, dass es ihr möglich war, überhaupt kommen zu können.

Nur die G 77 (134 Länder des globalen Südens) plus China traten in den offiziellen Gesprächen immer wieder dafür ein, dass die Staaten des globalen Nordens ihren Verpflichtungen nachkommen und mit Zahlungen vorausgehen sollten, statt sich als Hauptverursacher der CO₂ Emissionen davor zu drücken, den im globalen Süden am schlimmsten Betroffenen gerecht zu werden.

Ein interessantes Thema

Auf Nebenveranstaltungen und in (aufgezeichneten) Pressekonferenzen stellte ich insgesamt 15-mal solche, die Auswirkungen von Militarisierung und Krieg hervorhebende Fragen in den Raum; am Ende war ich dafür schon bekannt und wurde darauf angesprochen. Manche fragten auch nach, was es mit der „ältesten Frauen-Friedens-Organisation“ auf sich habe, als die ich WILPF charakterisierte. Gegen Ende der Konferenzzeit hörte ich, wie eine Frau selbst das Thema mit von mir zuvor eingebrachten Fakten ansprach.

Ein Beispiel für die Antwort auf meine Frage ist hier vom Botschafter A.A. Corrêa do Lago für die Präsidentschaft der COP 30 zu hören: https://unfccc-events.azureedge.net/SB64_114046/agenda (ab Minute 20.05) Der Gesichtsausdruck von ihm spricht Bände bezüglich der Brisanz – das Thema ist im Raum angekommen.

Ich erinnerte an Präsident Lulas Eröffnungsrede bei der COP 30 2025 und fragte, wie der Zusammenhang zwischen Krieg, Militärausgaben und Klimawandel weiter Eingang fände auf der nächsten COP in Antalya /Türkei in diesem Jahr. Präsident Lula hatte gesagt:

„Strategische Rivalitäten und bewaffnete Konflikte lenken die Aufmerksamkeit ab und binden Ressourcen, die eigentlich für die Bewältigung der globalen Erwärmung eingesetzt werden sollten. Der Klimawandel ist das Ergebnis derselben Dynamiken, die unsere Gesellschaften über Jahrhunderte hinweg in Arm und Reich gespalten und die Welt in Entwicklungs- und Industrieländer unterteilt haben. Es wird unmöglich sein, ihn einzudämmen, ohne die Ungleichheiten innerhalb von und zwischen denNationen zu überwinden.”

Auf meine Frage erfolgte erwartungsvolle Stille im Raum, bis die Antwort kam: „It’s an interesting topic.“ (Es ist ein interessantes Thema.) Schweigen und nochmals „It’sinteresting“. (Es ist interessant.)