Der Krieg Russlands gegen die Ukraine sollte mit allen Regeln der diplomatischen Kunst verhindert werden. Regierungschefs und Außenminister unterschiedlicher Länder gaben sich vor Jahren in Moskau die Klinke in die Hand. Die Einstellung Putins zu diesem Thema war optisch durch immer länger werdende Verhandlungstische deutlich, die den inhaltlichen Abstand symbolisierten.
von Paul Koch
Die berechtigte Sorge vor einem neuen Konflikt wurden geschürt durch die Erfahrungen der russisch-ukrainischen Auseinandersetzungen 2014 mit der Annexion der Krim und nun 2022 durch die Übermittlung von Satellitenbilder zu beobachtenden, gewaltigen militärischen Aufmarsch. Diesen Aufmarsch an der ukrainischen Grenze tat Putin beschwichtigend mit dem Hinweis ab: „Ein ganz normales militärisches Manöver“.
Umso größer war die Überraschung, als am 24.02.2022 ein großangelegter Angriff auf die Ukraine erfolgte. Ein Blitzkrieg sollte es werden, der bis heute andauert.
Der US-Präsident Trump behauptete, dass mit ihm damals der Krieg in der Ukraine nie stattgefunden hätte, und dass er – nach seiner Wahl als amerikanischer Präsident – den Krieg in einem Tag beenden werde. Das ist nun auch schon wieder einige Zeit her und der Krieg gegen die Ukraine geht unvermindert weiter. Aber der selbsternannte „Friedensengel Trump“ scheut nicht davor zurück, in einer Blitzaktion seinerseits Venezuela zu überfallen und den dortigen Präsidenten Maduro und seine Frau zu entführen. Ermutigt durch diesen vermeintlichen Erfolg, zettelt Trump auch einen Blitzkrieg gegen den Iran an, mit desaströsen geopolitischen Folgen – bislang ohne Ende.
Aus Sicht eines einfachen, friedliebenden Bürgers gehen in diesem Zusammenhang nicht nur das Vertrauen in Politik und Diplomatie verloren, sondern auch der Glaube an den Pazifismus und an die christliche Friedenlogik, soweit es die Geopolitik angeht.
Meine Frage ist: In welcher Verantwortung stehe ich als Christ vor Gott?
Mir kommt der Gedanke, dass es für den einzelnen Menschen das Wichtigste ist, Frieden mit Gott, Frieden mit dem Nächsten, und Frieden mit sich selbst zu haben.
Das hat dann nichts mehr mit Geopolitik zu tun, hätte aber Auswirkungen auf sie, wenn jeder so denken und handeln würde. Aber das ist ein unrealistischer Tagtraum, weil selbst Christen Probleme mit diesem „Dreiklang“ haben können.
Was also ist eine christliche Friedenslogik in der neuen Realität?
Dieser Frage ist Paul Koch, Sozialdiakon i. R. in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig nachgegangen. Er hat für sich in der Bibel und in öffentlichen Medien recherchiert und hat Freunde und Bekannte eingeladen, ihre Friedenslogik zu Papier zu bringen.
Schmerzhaft war das Niederschreiben für Liudmyla Kosnikova, die minutiös den ersten Tag des Kriegsausbruchs in der Ukraine beschreibt. Sie beschreibt, was sie und ihre Leidensgenossen zur eigenen Verteidigung und zur Stärkung der ukrainischen Soldaten in diesen ersten Stunden getan haben. Sie beschreibt auch die weiteren Tage mit der Absicht, in der Ukraine zu bleiben, um dort das zu tun, was getan werden muss. Sie berichtet von einer beeindruckenden Zusammenarbeit, gar einer Einheit der Überfallenen, um sich keineswegs dem Schicksal hinzugeben und vor allem, um dem sogenannten „russischen Frieden“ zu entgehen. Letztendlich hat sie aus Sorge um ihren jüngsten Sohn mit ihm die Ukraine verlassen und organisiert von hier aus die ihr mögliche Unterstützung für ihre Familie und die in der Ukraine Zurückgebliebenen.
Die Lateinamerikaexpertin Dr*in phil. Elisabeth Steffens schreibt über den Überfall Venezuelas durch die Truppen von Trump und stellt in diesem Zusammenhang Überlegungen zur „(Re)Demokratisierung der internationalen Beziehungen“ an. Sie zitiert den chilenischen Soziologen Andrés Kogan Valderrama, der meint: „Jetzt muss eine umfassende Demokratisierung der Vereinten Nationen gefordert werden. Der Sicherheitsrat muss reformiert werden, damit auch Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas darin vertreten sind. Außerdem muss das Vetorecht, das gemeinsame Resolutionen oft blockiert, begrenzt werden. Nur so kann ein wirkliches internationales Recht aufgebaut werden, um opportunistische Invasionen und Diktaturen zu verhindern“. Frau Steffens zitiert dann noch die Exilvenezolanerin Luisa Ramírez mit den Worten: „[…] Demokratie ist ein Prozess. Aber dieser Prozess beginnt erst, wenn die Angst nicht mehr mit uns durch jede Tür geht“. Frau Steffens hat ihren Beitrag überschrieben „… und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein“.
Ganz anders der Beitrag von Guido Bürkner, der als Deutsch-Japaner seine Kindheit in Oberursel in unmittelbarer Nähe einer US-Kaserne verbracht hat. Er kommt zu dem Schluss: „Bereit zu sterben“, und ist damit ganz nahe an dem Ausgangspunkt der Überlegungen von Paul Koch und Bodo Walther, die zusammen in der Braunschweiger Michaeliskirche beim Besuch einer Ausstellung unvermittelt mit dem Mahnmal aus den beiden Weltkriegen konfrontiert wurden, wo nach Johannes 5,13 zu lesen ist: „Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde“.
Beide Beobachter beschreiben dieses Ereignis unabhängig voneinander und die daraus resultierenden Gedanken und besprachen das mit dem zuständigen Gemeindepfarrer Jakob Timmermann, der seinerseits dazu einen Beitrag mit dem Titel: „Wie kommt das Böse in Gottes Schöpfung?“ verfasst hat.
Bemerkenswert ist der Beitrag von Dr. Rainer Gellermann, der mit seinen zwei Gedichten („Zuviel“ und „Böser Traum“) und seinen Überlegungen dazu, einen literarischen und kritischen Zugang zum Thema findet.
Fromme und dennoch realitätskritische Gedichte aus den Jahren 1920 bis 1945 von Katharina Elisabeth Koch zum Ersten Weltkrieg, in dem sie ihren Vater verlor und dem Zweiten Weltkrieg, wo sie die jungen Männer aus ihren Dorf zusammen mit ihrem Sohn in den Krieg verabschieden musste, rundeten sowohl die Lesung mit Musik am 11. Juli 2026 in der Michaeliskirche in Braunschweig als auch das Buch „Friede sei mit Dir!“ ab.
Das Buch bietet einen lesenswerten Denkanstoß zum Thema Frieden in der neuen Realität, weil darin sehr unterschiedliche Sichtweisen zum Tragen kommen und deutlich gemacht wird, dass ein Aspekt zum Thema Frieden, die Meinungsvielfalt und die Meinungsfreiheit ist. Respekt und Toleranz wären weitere friedendienliche Attribute.
Buchhinweise
Friede sei mit Dir!, Friedenslogik in der „neuen“ Realität
ISBN: 978-66-30-00206-5 (Fromm Verlag)
Inhaltlicher Aufbau:
1) Ausgangspunkt Michaeliskirche Braunschweig mit Beiträgen von Paul Koch, Jakob Timmermann, Bodo Walther
2) Persönliche Friedenslogik mit Beiträgen von Kai Boever, Guido Bürkner, Ursula Gelis, Dr. Rainer Gellermann, Prof. Dr. Christoph Helm, Prof. Dr. Eiichi Kido, Prof. Dr. Christoph Gero Kimura, Patrick Kolzuniak, Liudmyla Kosnikova, Phillip Maiwald, Dr. Jörg Mayer, Dieter Mühlan, Sonja Saalfeld, Dr*in Elisabeth Steffens und Hartmut Voges.
Video zu „Lesung mit Musik“: https://www.youtube.com/watch?v=2HWoUpmMwAw
(Im Video-Begleittext sind die Links für die folgenden Teile zu finden)










