Ein Einfallstor zur Zerstörung des Amazonas
Die Fernstraße Transamazônica (BR-230) wurde in den 1970er Jahren während der brasilianischen Militärdiktatur mit dem Ziel gebaut, das Innere des Amazonasgebiets zu erschließen und zu besiedeln. Jahrzehnte später hat sich gezeigt, dass Straßen im Amazonasgebiet nicht nur Verkehrswege sind. Sie fungieren als Korridore für die Besiedlung und begünstigen die Ausweitung von Holzeinschlag, Bergbau, Viehzucht und Landspekulation.
Heute richtet sich die große Sorge auf die Fernstraße BR-319, die Manaus mit Porto Velho verbindet. Ihre endgültige Asphaltierung würde noch relativ intakte Gebiete des Amazonas mit dem sogenannten „Bogen der Entwaldung“ verbinden – einer Region, in der die Entwaldung bereits besonders weit fortgeschritten ist. Verschiedene wissenschaftliche Studien warnen davor, dass diese Straße zu einer neuen Transamazônica werden könnte, wodurch sich die Entwaldung im Herzen des Regenwaldes drastisch ausweiten würde.
Warum bereitet das so große Sorge?
Forschende beschreiben ein Phänomen, das als „Fischgräten-Effekt“ bekannt ist. Sobald eine Hauptstraße gebaut oder ausgebaut wird, entstehen rasch illegale Nebenstraßen, die sich zu beiden Seiten verzweigen. Über diese breiten sich Holzeinschlag, Viehzucht, Bergbau und neue Siedlungen immer weiter aus und zerschneiden den Wald nach und nach. Aus der Luft betrachtet erinnert dieses Muster an eine Fischgräte.
Die Erfahrung zeigt, dass der Bau großer Straßen im Amazonasgebiet fast immer die gleichen Folgen hatte:
- Zunahme der Entwaldung
- Vorsätzlich gelegte Waldbrände
- Illegale Landbesetzungen
- Ausweitung des Bergbaus
- Wildtierhandel
- Gewaltsame Landkonflikte
- Zunehmender Druck auf indigene Gebiete

Die Bedrohung für die indigenen Völker
Die indigenen Völker gelten als die wichtigsten Hüter des Amazonasgebiets. Zahlreiche Studien zeigen, dass die Wälder in ihren Territorien häufig besser erhalten sind als in staatlichen Schutzgebieten.
Doch wenn Straßen gebaut werden, entstehen neue Bedrohungen. Selbst brasilianische Medien haben angeprangert, dass einige Straßenbauprojekte vorangetrieben werden, ohne das in der ILO-Konvention Nr. 169 verankerte Recht der indigenen Völker auf vorherige Konsultation angemessen zu beachten.
Der indigene Anführer Raoni Metuktire hat öffentlich davor gewarnt, dass diese Infrastrukturprojekte eine direkte Bedrohung für den Regenwald und die dort lebenden Völker darstellen.
Gold: der neue Eindringling im Amazonasgebiet
Steigende internationale Goldpreise fördern die Ausweitung des Goldabbaus im Amazonasgebiet.
Aktuelle Berichte zeigen, dass sich der illegale Bergbau in den indigenen Territorien Brasiliens weiter ausbreitet. Schwere Baumaschinen und illegale Camps dringen immer tiefer in die Schutzgebiete vor.
Die Folgen sind verheerend:
- Verschmutzung der Flüsse durch Quecksilber
- Zerstörung der Wälder
- Verschwinden zahlreicher Tierarten
- Krankheiten in den betroffenen Gemeinschaften
- Prostitution und Kriminalität im Umfeld der Bergbaulager
Die Erschließung neuer Verkehrswege erleichtert den Zugang zu bislang schwer erreichbaren Gebieten und beschleunigt diese Entwicklung.
Die globale Klimagefahr
Der Amazonas ist nicht nur ein Wald. Er ist ein gigantischer natürlicher Klimaregulator. Die Bäume geben enorme Mengen an Wasserdampf ab, der die sogenannten „fliegenden Flüsse“ speist – atmosphärische Strömungen, die Feuchtigkeit in weite Teile Südamerikas transportieren.
Sollte die Entwaldung weiter zunehmen, warnen zahlreiche Forschende davor, dass ein Punkt ohne Wiederkehr („Tipping Point“) erreicht werden könnte. Ab diesem Punkt könnten sich weite Teile des Amazonasgebiets nach und nach in degradierte Savannenlandschaften verwandeln.
Die Folgen wären weit über den Amazonas hinaus spürbar: in Brasilien, Argentinien, Paraguay, Bolivien, Uruguay und für das Weltklima. Hinzu käme die Freisetzung enormer Mengen an CO₂, das im Regenwald gespeichert ist.

Aktuelle Lage
Im Mai 2026 kündigte die brasilianische Regierung Investitionen zur Verbesserung der BR-319 an, verbunden mit einem Umweltschutzplan, der die erwarteten Auswirkungen mindern soll. Forschende, indigene Organisationen und Naturschutzverbände sind jedoch der Ansicht, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen angesichts des Drucks, der mit der Erschließung neuer Zufahrtswege einhergeht, unzureichend sein könnten.
Daher dauert die Debatte zwischen denjenigen an, die die Straße als notwendig für isolierte Bevölkerungsgruppen ansehen, und jenen, die befürchten, dass sie in den kommenden Jahrzehnten zu einem der stärksten Beschleuniger der Zerstörung des Amazonasgebiets werden könnte.
Die wichtigsten Forderungen der indigenen Völker und Umweltorganisationen lauten:
- Vorherige, freie und informierte Konsultation aller betroffenen Völker
- Wirksamer Schutz der indigenen Gebiete
- Konsequente Bekämpfung des illegalen Bergbaus und der Goldmafia
- Ständige Überwachung des illegalen Holzeinschlags
- Moratorium für neue Infrastrukturprojekte, die kritische Gebiete beeinträchtigen
- Anerkennung der Rolle der indigenen Völker als Hüter der Artenvielfalt
- Investitionen in Gesundheit, Bildung und Kommunikation, die nicht mit der Zerstörung des Waldes einhergehen
- Internationaler Schutz des Amazonasgebiets als lebenswichtiges Erbe der Menschheit
„Der Amazonas ist nicht nur ein brasilianischer Wald. Er zählt zu den bedeutendsten Ökosystemen für das globale Klima. Jeder Kilometer unkontrolliert gebauter Straße kann zu einer Wunde werden, durch die Abholzung, illegaler Bergbau und die Vertreibung der Völker voranschreiten, die den Regenwald seit Jahrtausenden geschützt haben. Die indigenen Völker sind kein Hindernis für die Entwicklung, sondern die besten Hüter eines Ökosystems, von dem das Klimagleichgewicht des Planeten abhängt. Wenn der Amazonas-Regenwald zerstört wird, zahlen nicht nur die indigenen Völker den Preis – die Folgen werden uns alle treffen.“
Die Übersetzung aus dem Spanischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!










