In Tirana traf ich den Roma-Aktivisten Emiliano Aliu. Er setzt sich dafür ein, einer neuen Generation von Roma die Integration in die albanische Gesellschaft zu ermöglichen, ohne dass sie dabei ihre kulturelle Identität und ihre Wurzeln verliert.

Für welche Organisation arbeiten Sie?

„Ich koordiniere die Aktivitäten von Roma Versitas Albania (RVA). Das ist eine zivilgesellschaftliche Organisation, die seit 2016 offiziell in Albanien tätig ist. Wir fördern die Rechte, die soziale Inklusion und die Entwicklung der Roma-Gemeinschaft.

Der Name lässt sich mit „Roma-Universität Albanien“ ins Deutsche übersetzen.

Er bezieht sich nicht auf eine Universität im herkömmlichen Sinne, sondern steht für einen Ort des Wachstums, des Lernens und der Chancen.

Der Name bringt unsere Überzeugung zum Ausdruck, dass Bildung, Wissen und aktive Teilhabe grundlegende Instrumente für den Aufbau einer gerechteren und inklusiveren Gesellschaft sind.

Durch unsere Arbeit unterstützen wir Roma-Kinder, Roma-Jugendliche, Roma-Frauen und Roma-Familien, indem wir den Zugang zu Bildung, Beschäftigung und Dienstleistungen sowie die uneingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben fördern.

Als Geschäftsführer von RVA bin ich stolz darauf, jeden Tag dazu beizutragen, konkrete Chancen zu schaffen und das Potenzial der Menschen zu fördern, indem ich Stereotypen und Diskriminierung entgegenwirke sowie den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Gemeinschaften fördere.

Womit befasst sich der Verein konkret?

Roma Versitas Albania ist eine Organisation, die sich dafür einsetzt, die Bildungs- und Berufswege junger Roma und „Ägypter:innen“* in Albanien zu stärken – mit einem klaren Ziel: Bildung als wirksames Instrument des sozialen Wandels zu etablieren.

Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht die Bildung. Wir begleiten die Studierenden auf ihrem gesamten Bildungsweg – von der Schule bis zur Universität und darüber hinaus – durch individuelles Mentoring, Nachhilfe, Stipendien, Studienberatung und Unterstützung bei der Kompetenzentwicklung.

Die Idee ist einfach, aber von grundlegender Bedeutung: Je mehr Studierende ihr Studium abschließen, desto größer ist die Chance, dass eine neue Generation von Roma-Fach- und Führungskräften heranwächst, die die Gesellschaft aktiv mitgestalten kann.

Neben der Bildung setzen wir uns für Beschäftigung und die Integration in den Arbeitsmarkt ein.

Wir unterstützen Absolvent:innen beim Zugang zu Praktika und qualifizierten Stellen, insbesondere in der öffentlichen Verwaltung, um die Vertretung der Roma in Entscheidungsprozessen zu stärken.

Eine weitere zentrale Säule unserer Arbeit ist die gesellschaftliche und politische Teilhabe.

Wir fördern die aktive Beteiligung junger Roma an demokratischen Prozessen und stärken ihre Fähigkeit, an der Gestaltung der öffentlichen Politik mitzuwirken und ihre Gemeinschaften auf lokaler und nationaler Ebene zu vertreten.

All dies ist Teil einer umfassenderen Vision: den Aufbau einer gerechteren Gesellschaft, in der junge Roma nicht nur Nutznießer von Programmen sind, sondern Akteure des Wandels.

Wie war die Situation der Roma während des stalinistischen Regimes, und wie hat sie sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Welche Probleme bestehen weiterhin, und welche Fortschritte wurden erzielt?

Während des kommunistischen Regimes in Albanien, das einer stark stalinistisch geprägten Linie folgte, war die Situation der Roma-Gemeinschaften vor allem durch institutionelle Unsichtbarkeit und erzwungene Assimilation gekennzeichnet.

Der Staat propagierte die formale Gleichheit aller Bürger:innen, doch in der Praxis bedeutete dies auch die Auslöschung kultureller Unterschiede.

Die Roma wurden nicht als Minderheit mit eigener Identität anerkannt; folglich fanden ihre Sprache, ihre Traditionen und ihre Formen der gemeinschaftlichen Organisation keine Anerkennung.

Viele Familien lebten unter prekären und ausgegrenzten Bedingungen, oft in informellen Siedlungen oder am Stadtrand, mit eingeschränktem Zugang zu wirtschaftlichen Möglichkeiten und geringen Chancen auf sozialen Aufstieg.

Mit dem Sturz des Regimes und dem demokratischen Wandel hat sich die Situation erheblich verändert, wenn auch nicht ohne Rückschläge.

Einerseits entstand Raum für die Anerkennung von Minderheitenrechten, für die Vereinigungsfreiheit und für die Entstehung von Roma-Organisationen der Zivilgesellschaft, die zuvor nicht möglich gewesen wären.

Dadurch konnten Programme in den Bereichen Bildung, Inklusion und gesellschaftliches Engagement eingeführt werden.

Andererseits hat der wirtschaftliche Wandel bereits bestehende Benachteiligungen noch verschärft.

Arbeitslosigkeit, Armut und strukturelle Diskriminierung gehören nach wie vor zu den größten Problemen, die einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Arbeit und öffentlichen Dienstleistungen behindern.

In einigen Fällen sind gesellschaftliche Vorurteile sogar deutlicher zutage getreten als in der Vergangenheit.

In den letzten Jahrzehnten gab es jedoch auch konkrete Fortschritte.

Die institutionelle Anerkennung der Roma-Gemeinschaften hat zugenommen und es gibt immer mehr Bildungsinitiativen und Inklusionsprogramme, die auch von internationalen Partnern unterstützt werden.

Vor allem ist eine neue Generation gut ausgebildeter junger Roma herangewachsen, die sich stärker am öffentlichen Leben beteiligt und das Bild sowie die Rolle ihrer Gemeinschaften in der Gesellschaft allmählich verändert.

Die heutige Realität bleibt daher komplex: Einerseits gibt es bedeutende Fortschritte, andererseits bestehen nach wie vor ungelöste strukturelle Probleme. Doch im Vergleich zur Vergangenheit gibt es heute echte Möglichkeiten zur Teilhabe und zum Wandel, die es früher nicht gab.

Meine persönliche Geschichte ist eng mit der Arbeit verbunden, die ich heute bei Roma Versitas Albania leiste.

Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem der Zugang zu Bildung und Chancen keine Selbstverständlichkeit war – insbesondere für viele Familien der Roma-Gemeinschaft.

Dies hat meine persönliche Entwicklung und meine Entscheidung, mich dem Recht, der Bildung und dem Einsatz für die Menschenrechte zu widmen, maßgeblich geprägt.

Ich habe Rechtswissenschaften studiert und mein Masterstudium in internationalem und europäischem Recht abgeschlossen.

Im Laufe der Jahre war ich in verschiedenen Funktionen im Bereich der sozialen Gerechtigkeit und Inklusion tätig: als Rechtsberater, als Mitarbeiter in Projekten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zur Integration der Roma, als Übersetzer und Dozent für die Sprache der Roma sowie im Büro des Bürgerbeauftragten, wo ich mich mit Diskriminierungsfällen und dem Schutz der Rechte der Bürger:innen befasste.

Zudem habe ich Erfahrungen in der Kommunalpolitik gesammelt – als stellvertretender Vorsitzender des Gemeinderats von Rrogozhina. Diese Funktion ermöglichte es mir, aus nächster Nähe zu beobachten, wie sich Politik konkret auf das Leben der Menschen auswirkt.

All diese Erfahrungen sind untrennbar mit meiner Familiengeschichte verbunden.

Wie viele andere Familien hatte auch meine Familie mit Hürden beim Zugang zu Bildung und bei der sozialen Integration zu kämpfen. Aber sie hat der Bildung stets großen Wert beigemessen.

Das hat den entscheidenden Unterschied gemacht und auch die Art und Weise beeinflusst, wie ich heute meine Arbeit betrachte: nicht als etwas Abstraktes, sondern als konkrete Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen.

Heute ist mein Ziel als Geschäftsführer von Roma Versitas Albania im Kern einfach: Ich möchte die Voraussetzungen dafür schaffen, dass junge Roma echte Chancen auf Bildung, persönliche Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe erhalten  – unabhängig von ihren Ausgangsbedingungen.

* Die „Ägypter*innen Albaniens“ (auch „Jevgjit“ genannt) sind eine der offiziell anerkannten Minderheiten des Landes. Während die Volkszählung von 2011 rund 3.368 Angehörige dieser Minderheit erfasste, gehen Schätzungen lokaler Verbände von 200.000 bis 250.000 Menschen aus.

Es wird angenommen, dass diese Gemeinschaft vor vielen Jahrhunderten auf den Balkan gelangte, vermutlich während der byzantinischen oder der osmanischen Zeit.

Integration und Rechte: Die Gemeinschaft ist heute Teil des gesellschaftlichen Lebens, war jedoch über lange Zeit von Ausgrenzung und Marginalisierung betroffen. Organisationen wie Roma Versitas Albania setzen sich aktiv für die Förderung von Bildung sowie der beruflichen Integration junger „Ägypter*innen“ und Roma ein.

Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!