Seit mehr als einem Jahrhundert geht die Mainstream-Neurowissenschaft weitgehend davon aus, dass Bewusstsein etwas ist, das das Gehirn produziert. Man ging davon aus, dass unsere Gedanken, Emotionen, Erinnerungen und unser Selbstgefühl aus der außerordentlichen Komplexität von Milliarden von Neuronen hervorgehen.

Heute wird diese Annahme jedoch von einer wachsenden Zahl von Forschern neu überdacht. Darunter sind Christof Koch, einer der weltweit führenden Neurowissenschaftler und Pionier der wissenschaftlichen Erforschung des Bewusstseins, sowie Nicco Reggente, dessen Arbeit neue Ansätze zum Verständnis des Bewusstseins erforscht, die über konventionelle materialistische Modelle hinausgehen.

Obwohl sie an die Frage aus unterschiedlichen Perspektiven herangehen, tragen beide zu einer breiteren wissenschaftlichen Diskussion bei: Was, wenn Bewusstsein nicht vom Gehirn produziert wird? Was wäre, wenn Bewusstsein stattdessen ein fundamentales Realitätsmerkmal ist, und das Gehirn dabei als biologisches System fungiert, welches dieses organisiert, filtert oder zum Ausdruck bringt?

Dieser Gedanke bleibt eine Hypothese und stellt keine etablierte wissenschaftliche Schlussfolgerung dar. Doch seine Implikationen sind tiefgreifend. Wenn Bewusstsein fundamental ist, dann geht die Diskussion weit über den Rahmen der Neurowissenschaft hinaus. Es lädt uns ein, nicht nur das Wesen des Bewusstseins neu zu überdenken, sondern auch, was es bedeutet, Mensch zu sein.

Frage: Angenommen, Bewusstsein wird nicht vom Gehirn erschaffen. Was ändert sich?

Antwort: Fast alles.

Die Frage ist nicht mehr einfach Was ist Bewusstsein?

Sie wird zu: Was ist ein Mensch?

Anstatt uns selbst als biologische Organismen zu sehen, die zufällig durch eine Evolution bewusst wurden, könnten wir uns als bewusste Wesen verstehen, deren Körper eine einzigartig menschliche Art bieten, im Universum etwas zu erleben, sich auszudrücken und zu handeln.

Der Körper ist nicht mehr einfach nur eine Maschine.

Er wird zum außergewöhnlichen Mittel, durch das das Bewusstsein in die Geschichte eintritt.

Frage: Klingt das nicht ähnlich wie Gedanken, die in der Philosophie und der Spiritualität zu finden sind?

Antwort: In gewisser Hinsicht, ja.

Viele philosophische und spirituelle Traditionen gehen schon lange davon aus, dass das Bewusstsein fundamentaler ist als Materie.

Die Wissenschaft hingegen funktioniert anders. Forscher wie Christof Koch und Nicco Reggente versuchen nicht, spirituelle Überzeugungen zu validieren. Sie entwickeln Theorien, die durch Beobachtung, durch Experimente und durch logische Konsistenz erforscht werden können.

Doch etwas Wichtiges hat sich verändert.

Fragen, die einst als unwissenschaftlich abgetan wurden, werden nun mit zunehmender Ernsthaftigkeit untersucht. Das Gespräch ist nicht mehr eines von Gegensätzen zwischen Wissenschaft und Spiritualität, sondern ein Dialog zur Lösung eines gemeinsamen Rätsels.

Frage: Wo passt Intentionalität in dieses Bild?

Antwort: Hier wird die Diskussion besonders interessant.

In der Wissenschaft der Phänomenologie bezieht sich Intentionalität auf die Idee, dass Bewusstsein immer das Bewusstsein von etwas ist – es ist von Natur aus auf die Welt gerichtet, anstatt nur als passiver Gedankencontainer zu existieren.

Aufbauend auf dieser Tradition beschrieb der Denker und Humanist Silo Intentionalität nicht bloß als „Absichten haben“, sondern als ein fundamentales Merkmal des Bewusstseins selbst. Bewusstsein ist dynamisch und nicht passiv; es greift immer über sich hinaus, hin zu Objekten, zu Menschen, zu Möglichkeiten und zu einer Zukunft.

Wenn Bewusstsein etwas Fundamentales ist, kann Intentionalität als die einzigartig menschliche Fähigkeit verstanden werden, bewusstes Erfahren zu lenken und durch Handeln sowohl uns selbst als auch die Welt zu transformieren.

Bedeutung von etwas wird daher nicht einfach entdeckt. Sie wird realisiert durch intentionales Handeln.

Frage: Wenn Bewusstsein fundamental ist, sollte die eigentliche Frage dann nicht sein, wie wir uns damit identifizieren?

Antwort: Vielleicht.

Frage: Wenn Bewusstsein fundamental ist, was bedeutet das für die menschliche Entwicklung?

Antwort: Es könnte unsere Sichtweise darauf verändern.

Wenn Bewusstsein ein grundlegender Aspekt der Realität ist, könnte die menschliche Entwicklung mehr umfassen als nur den Erwerb von Wissen oder die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten. Es könnte auch die Kultivierung der Qualität des Bewusstseins selbst mit einschließen.

Aus dieser Perspektive sind Kohärenz, Intentionalität, Aufmerksamkeit und innere Balance nicht bloß psychologische Merkmale. Sie können wesentliche Dimensionen menschlichen Wachstums werden.

Das ist noch keine wissenschaftliche Schlussfolgerung. Es ist eine philosophische Möglichkeit, inspiriert sowohl von zeitgenössischer Bewusstseinsforschung als auch von Traditionen, die innere Transformation betonen. Es legt jedoch nahe, dass das Verstehen von Bewusstsein nicht nur eine objektive Untersuchung erfordert, sondern auch die Entwicklung von Bedingungen, durch die es deutlicher zum Ausdruck kommt.

Frage: Öffnet diese Perspektive auch wieder die Frage der Transzendenz und der Möglichkeit eines Lebens nach dem Tod?

Antwort: Es macht die Frage wieder legitim, auch wenn sie sie nicht beantwortet.

Die Neurowissenschaft hat weder gezeigt, dass das Bewusstsein den physischen Tod überlebt, noch hat sie Transzendenz nachgewiesen. Wenn jedoch das Bewusstsein nicht vollständig auf Gehirnaktivität reduzierbar ist, kann die Möglichkeit, dass Bewusstsein über das Gehirn hinausgeht, nicht länger ausgeschlossen werden, nur weil der Materialismus es für unmöglich hält.

Dies stellt keinen Beweis für Transzendenz dar. Sie wirft lediglich eine Frage wieder auf, von der viele glaubten, die Wissenschaft habe sie bereits geklärt.

Silo ging diese Frage nicht mittels der Neurowissenschaft an, sondern durch eigene Erfahrungen. Er sagte einmal:

„Wir sind sehr interessiert, diese Möglichkeiten zu verstehen – die Möglichkeiten eines Sinnes des Lebens, der definitiv und nicht temporär ist, und der sogar dazu dient, uns etwas zu lehren, wann immer wir im Leben einen Rückschlag erleiden.“

Es ist zu beachten, dass er davon spricht, Möglichkeiten zu verstehen, und nicht Überzeugung einzufordern.

Ob das Bewusstsein letztlich das physische Dasein übersteigt, bleibt unbekannt. Aber wenn Bewusstsein fundamental ist, wird die Frage selbst erneut eine offene, sowohl wissenschaftlich als auch philosophisch.

Frage: Könnte diese Perspektive auch verändern, wie wir Autismus verstehen?

Antwort: Es könnte uns ermutigen, andere Fragen zu stellen.

Anstatt Autismus in erster Linie als ein Defizit zu sehen, verstehen viele Forscher ihn mittlerweile als eine andere Organisation von Wahrnehmung, Kommunikation und Kognition.

Wenn Bewusstsein fundamental ist, könnte man weiter fragen, ob autistische Geister unterschiedliche Formen darstellen, wie bewusstes Erfahren organisiert und ausgedrückt wird.

Das bedeutet nicht, dass autistische Menschen mehr oder weniger Bewusstsein haben.

Es legt nahe, dass die menschliche Vielfalt auf unterschiedliche Weise widerspiegeln kann, wie Bewusstsein verkörpert wird.

Ob dies wissenschaftlich Früchte tragen wird, bleibt abzuwarten, aber es zeigt, wie ein neuer konzeptioneller Rahmen neue Fragen generieren kann.

Frage: Warum spielt das alles eine Rolle?

Antwort: Weil unser Verständnis von Bewusstsein unser Selbstverständnis prägt.

Wenn Bewusstsein lediglich ein zufälliges Nebenprodukt der Materie ist, können Sinn und Zweck den Anschein rein temporärer Konstrukte geben.

Wenn Bewusstsein fundamental ist, dann wird Sinn etwas, an dem wir durch unseren Lebensverlauf teilnehmen.

Zweck ist dann nicht mehr nur etwas, das wir erfinden. Es wird zu etwas, das wir bewusst verkörpern.

Diese Perspektive schmälert die Wissenschaft nicht. Ebenso wenig ersetzt es Philosophie oder Spiritualität. Stattdessen lädt sie zu einer breiteren Konversation ein, in der wissenschaftliche Untersuchung, gelebte Erfahrung und menschliches Streben sich gegenseitig verständigen können.

Frage: Welche Frage sollten wir jetzt stellen?

Antwort: Es ist vielleicht nicht mehr einfach: Was ist Bewusstsein?

Es könnte sein: Zu was für Menschen sind wir fähig zu werden?

Die Wissenschaft wird weiterhin untersuchen, ob Bewusstsein fundamental ist, was Evidenz, sorgfältiges Argumentieren und überprüfbare Theorien erfordert. Aber unabhängig vom Ausgang dessen hat sich eines bereits geändert: Bewusstsein ist wieder ins Zentrum der wissenschaftlichen Forschung zurückgekehrt – nicht nur als Problem neuronaler Berechnung, sondern als eine der tiefgründigsten Fragen zur Realität selbst.

Im Laufe diese Untersuchung könnte die größte Revolution nicht nur in der Neurowissenschaft stattfinden. Es könnte in unserem Verständnis menschlicher Möglichkeit liegen.

In dieser Möglichkeit liegt nicht eine Schlussfolgerung, sondern eine Einladung – eine, die die Wissenschaft zu untersuchen beginnt, über die die Philosophie lange nachgedacht hat und die letztlich jeder von uns durch seine eigene Erfahrung erforschen muss.

 

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Ursula Nollenberger vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!