In meinem Essay zum Thema der muslimischen Soziologie, das in fünf Sprachen erschienen ist, betone ich die Bedeutung der Soziologie für die Menschenrechte, indem ich gleichzeitig eine interdisziplinäre Perspektive vorschlage, um das Thema theoretisch wie praktisch anzugehen. Ich finde, dass die Soziologie einen noch zu unbedeutenden Stellenwert auf dem Gebiet der Menschenrechte und der Friedensforschung in der muslimischen Welt einnimmt, die seit Jahrzehnten von Kriegen und Konflikten heimgesucht ist.

von Milena Rampoldi

Die Soziologie muss ausgehend von Max Webers Anschauung eine „verstehende Soziologie“ sein, die gesellschaftliche Phänomene untersucht und mit interdisziplinärem Wissen und Können durchdringt, um auf diese Weise eine interne Lösung der Probleme herbeizuführen, die mit der Ideologie der Aufrüstung und Militarisierung einhergehen. Der wahre Frieden im Nahen Osten bedarf einer aktiven Lösung auf gesellschaftlicher und nicht nur politischer Ebene.

Die Friedensbewegung von „unten“ bietet eine solche interne Lösung. Sie kann sich der „verstehenden“ Soziologie bedienen, wenn diese interdisziplinär und hermeneutisch argumentiert und diese Glaubenssätze einer innovativen Soziologie für die dynamische Transformation und die Menschenrechte auch gesellschaftlich umsetzt, um sich Krieg, Kolonialismus, Aufrüstung und Militarisierung aktiv und dynamisch von „unten“ zu widersetzen.

Es braucht heute in den muslimischen Gesellschaften eine interne Lösung, die von einer muslimischen bzw. islamischen Perspektive ausgeht, die auf Egalitarismus und Multiperspektivismus basiert. Eine Soziologie der Menschenrechte und des Friedens muss sich aber vor allem auf die Partizipation und Kompetenz muslimischer Frauen stützen.

Meine Perspektive zur Überwindung eurozentristischer Ansätze in soziologischen Forschungsarbeiten über die muslimische Welt stützt sich auf Edward Saids (1935-2003) Aussage in seinem Werk „Orientalismus“, das für mich bis heute als wesentliches Forschungsparadigma gilt.

Said schreibt treffend:

„Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs beherrschten Frankreich und Großbritannien den Orient und den Orientalismus; seit dem Zweiten Weltkrieg hat Amerika den Orient beherrscht und vertritt seinen Ansatz wie einst Frankreich und Großbritannien. Aus jenem nahen Kontakt, dessen Dynamik enorm produktiv gestaltet ist, auch wenn sie immer die vergleichsweise größere Stärke des Abendlandes (Briten, Franzosen oder Amerikaner) demonstriert, entsteht die große Fülle an Texten, die ich als orientalistisch bezeichnen möchte“. (Vgl. Said W. E., Orientalism, Routledge & Kegan Paul and Henley, London 1978, S. 12.)

Die von Edward Said beschriebene Haltung gegenüber allen Kulturen, Gesellschaften und Religionen, die nicht als typisch westlich gelten, ist „orientalistisch“ in dem Sinne, dass der sogenannte Orient objektiviert wird, indem er seiner eigenen Subjektivität beraubt wird. Auf diese Weise missbraucht die westliche Kultur den dialektisch entgegengesetzten „Orient“, um sich selbst zu definieren und ihre eigene Identität zu finden, indem sie sich dem sogenannten „Anderen“ widersetzt.

Die Soziologie darf sich nicht auf die akademischen Kreise reduzieren, sondern muss Methoden und Theorien anwenden, die einen gesellschaftlichen Wandel in der muslimischen Welt hervorbringen, und dies im Namen der Menschenrechte, des Egalitarismus, der sozialen Gerechtigkeit und der Gleichwertigkeit.

Genau aus diesem Grund brauchen wir eine innovative Soziologie, die eine Semantik aus inter-kultureller und multikultureller Sicht kommuniziert und sich darauf fokussiert, indem sie eine Welt des Friedens schafft, wie der Forscher A.C. Leyton bereits 1956 in seinem Artikel bestätigte, in dem er Folgendes festhielt (Vgl. Leyton A. C., Semantic Aspects of Sociological Studies, in: Synthese, 10 (1956), S. 270):

„Allein im Bereich der internationalen Politik ist es dringend erforderlich, die semantischen, gesellschaftlichen und psychologischen Probleme, die dem Sprachgebrauch innewohnen, zu untersuchen und ihr Verständnis in internationalen beratenden Gremien und Gerichten anzuwenden; dies ist dringend erforderlich, wenn wir auf eine sicherere und stabilere Welt hoffen wollen und dringend erforderlich, wenn wir jemals die Begründung für den Frieden erreichen wollen.“

Die an der Schnittstelle zwischen Hermeneutik, „verstehender Soziologie“, Konflikttheorie im Sinne des deutschen Philosophen Karl Marx und Lebensweltphänomenologie im Sinne von Edmund Husserl entwickelte soziologische Methode ist der Grund, weshalb ich zur folgenden Überzeugung gelangt bin: Soziologie kann und darf nicht positivistisch und evolutionistisch im Sinne des französischen Philosophen Auguste Comte und der sogenannten „ersten“ westlichen akademischen Soziologie sein. Denn die Soziologie muss verschiedene Ansätze miteinander verbinden und auf diese Weise ein offenes, flexibles und selbstinnovierendes Paradigma hervorbringen, das auf Zweifel, Konfliktakzeptanz, Multikulturalismus und Reformismus/Transformismus/sozialem Wandel von innen basiert und die Integration der Makro- und Mikroebenen soziologischer Studien und Praxis einschließt.

Ich bin in diesem Zusammenhang von der Bedeutung der Schaffung einer bidirektionalen Wechselbeziehung zwischen Mikro- und Makrosoziologie überzeugt, weil sowohl die Mikro- als auch die Makrosoziologie genutzt werden müssen, um das gesellschaftliche Leben und die Gesellschaft als Ganze und gleichzeitig im Detail bzw. eingehend zu erfassen.

Bedeutend ist für mich auch die Fundierung einer sozialistischen muslimischen Friedenssoziologie, welche feministische Ansätze, die aus den muslimischen Gesellschaften stammen, als innovatives Transformationspotenzial nutzt. Das Zusammenspiel zwischen Konflikttheorie und Analyse der Lebenswelt und die parallele Theorie und Praxis auf mikro- und makrosoziologischer Ebene machen aus der muslimischen Soziologie ein Instrument für die authentische Umsetzung aktiver und dynamischer Friedenspotenziale im Sinne der koranischen Gerechtigkeitsideale.

Zusammenfassend möchte ich noch Folgendes anführen:

Die muslimische Soziologie ist eine Disziplin an der Schnittstelle zahlreicher Studienrichtungen und sollte die Bedeutung theologischer Standpunkte nicht außer Acht lassen. Diese können in eine Soziologie integriert werden, die ich wie folgt definieren würde: Sie ist egalitär und kreationistisch und fördert den sozialen Wandel und die Gleichheit/Gleichwertigkeit in der Gesellschaft, was zum Aufbau und zur Erhaltung des friedlichen Zusammenlebens beiträgt.

Um jedoch jegliche Art von fatalistischem Immobilismus zu vermeiden, müssen wir die Bedeutung eines offenen soziologischen Projekts für die muslimischen Gesellschaften verstehen, in dem Forscher um eine interne Lösung kämpfen, die auf den Kernprinzipien des islamischen Egalitarismus und den in der Kernbotschaft des Korans zum Ausdruck gebrachten Gerechtigkeitskonzepten basiert.