Anbei mein Interview mit der Redakteurin von ProMosaik Children, Mariya Traore aus der Ukraine, die sich mit der Veröffentlichung von Märchen beschäftigt und in diesem Interview über die ukrainischen Märchen und ihr Potenzial für die Friedenspädagogik spricht.

Milena Rampoldi: Warum engagieren Sie sich für ProMosaik Children?

Mariya Traore: ProMosaik Children ist für mich ein kleiner Hoffnungsschimmer in einer Welt, die von Krieg und Militarismus geprägt ist. Ich habe diese Kriegskultur selbst erlebt, als ich nach der russischen Invasion meine Heimat, die Ukraine, verlassen musste. Ich bin in diesen Jahren der Beschäftigung mit Märchen zu diesem Schluss gekommen: Eine Friedenskultur fängt mit der Erziehung der Kinder an.

Denn, wie der große russische Schriftsteller Leo Tolstoi in seinem Roman „Krieg und Frieden“ so schön sagte:

„Alles hängt von der Erziehung ab.“

Ich bin der Meinung, dass es keinen Frieden ohne eine wahre interkulturelle Friedenspädagogik geben kann. Daher bemühe ich mich im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten um die Redaktion von Märchenbüchern aus aller Welt. Seit der russischen Invasion der Ukraine versuche ich, durch die Veröffentlichung ukrainischer Märchen auf die Notwendigkeit einer authentischen Friedenskultur in meinem Lande aufmerksam zu machen.

Sie haben auch zwei russische Bände veröffentlicht. Wie wichtig ist der Dialog zwischen den beiden Völkern?

Mariya Traore: Ich bin der Meinung, dass ethnische und kulturelle Unterschiede kein Hindernis für den Frieden darstellen. Denn die Gemeinsamkeiten sind mehr als die Unterschiede. Die Unterschiede können gerne konstruktiv hervorgehoben werden. Aber sie werden gleichzeitig von den Gemeinsamkeiten des Menschseins positiv überschattet. Wenn wir uns die Märchen ansehen, die weltweit in allen Traditionen erzählt werden, so finden wir neben den kulturspezifischen Unterschieden riesige Schnittmengen, die uns den Weg zu einer konstruktiven und kulturell vielfältigen Friedenspädagogik weisen. Auch Themen rund um den interreligiösen Dialog können in die Friedenspädagogik einfließen.

Hierzu möchte ich zwei Zitate anführen, das erste von Leo Tolstoi, welcher meinte:

„Wenn jeder für seine eigenen Überzeugungen kämpfen würde, gäbe es keinen Krieg.“

Das zweite stammt von der ukrainischen Kinderbuchautorin Oksana Lushchevska:

„Im Krieg geht es nicht um Nationen, Klassen oder Rassenidentitäten. Er macht alle Menschen gleich.”

Warum sind Märchen so wichtig in der Friedenserziehung?

Eine Welt ohne Konflikte und ohne Auseinandersetzungen gibt es nicht. Und das verstehen die Kinder schon im Kindergarten, wenn es zu den ersten Problemen im Sandkasten oder beim Spielen mit den anderen kommt. Somit gibt es im Menschen ein natürliches Konfliktpotenzial. Und wenn wir uns die Märchen ansehen, stellen wir gerade das fest. Die Märchen sprechen von Konflikten und von Auseinandersetzungen zwischen Gut und Böse. Am Ende siegt das Gute, aber der Konflikt wird im Märchen bearbeitet. Ich finde, dass die Märchentherapie ein wichtiger Bereich der Bibliotherapie ist, der oft unterschätzt wird. Die Kinder durchleben im Märchen den Konflikt. Sie identifizieren sich mit dem guten Protagonisten und nicht mit dem Antagonisten. Am Ende siegt der Frieden, und der Dialog führt zum Schweigen des Konflikts und auch der Gewalt.

Welche Hauptthemen kommen in den Märchen vor, die Sie veröffentlicht haben?

Dazu ist mein Standpunkt folgender: Alle Märchen, die ich bisher veröffentlicht habe, würde ich in drei Kategorien aufteilen. Einerseits finden sich hier die Wundermärchen, die vollkommen von Wunderfiguren und Zauber beherrscht werden und sozusagen in einer Wunderwelt außerhalb der Realität spielen. Dann kommen die sozialen Märchen, die hingegen die gesellschaftlichen Zustände widerspiegeln. Und zwischen diesen beiden Kategorien möchte ich dann noch die sozialen Wundermärchen ansiedeln. In den Wundermärchen können Tiere sprechen und Leute können sich in Tiere verwandeln. Dies geschieht beispielsweise im Märchen mit dem Titel “Рак-неборак і його вірна жінка” („Der arme Krebs und seine treue Ehefrau“), in dem ein Mann sich in einen Krebs verwandelt hat. Ein anderes Beispiel ist das Märchen “Про жар-птицю та вовка“ („Über den Feuervogel und den Wolf“). In den sozialen Märchen treten hingegen normale Leute als „Helden“ auf. Wir befinden uns in der Welt der sogenannten Alltagshelden. Diese Märchen berichten von der Ausbeutung der armen Landsleute durch die Herren und Großgrundbesitzer. In diesen Märchen werden die Reichen ausgelacht und bestraft, und die Armen werden dann zu den wahren Reichen. Ein typisches Beispiel für ein soziales Märchen dieser Art ist “Як Тимофій відвіз панів до пекла“ („Wie Timofij die Herren in die Hölle brachte“) oder „Про бідного парубка і Марка багатого“ („Über einen armen Kerl und den reichen Mark“).

Es gibt auch soziale Wundermärchen, in denen ein Wunder geschieht. Menschen verwandeln sich in Tiere und handeln in ihrem sozialen Umfeld. Im Märchen “Свинка-Парасинка” („Schweinchen-Parasynka“) verwandelt sich ein Mädchen in ein Schwein. Am Ende wird ein Mann, der den armen Jungen bei seiner Hochzeit mit Parasynka ausgelacht hat, wegen seiner Dummheit und Arroganz bestraft.

Wie wichtig ist die Übersetzung auf dem Gebiet der Märchenkultur?

Die Übersetzung von Märchen ist sehr wichtig für den interkulturellen und interreligiösen Dialog, der für die Friedenserziehung ab dem Kindesalter ausschlaggebend ist. Denn Kinder, die den Frieden lieben, ziehen als Erwachsene nicht in den Krieg. Diesen Gedanken sollte man nicht als banal oder simplizistisch abtun, sondern einfach mal zu Ende denken: Wenn wir die Anzahl der Wehrdienstverweigerer so in die Höhe treiben, dass keine zukünftigen Erwachsenen mehr eine Militärkarriere anstreben, haben wir diesen wundervollen Frieden durch die Pädagogik im Kindesalter gesichert. Je mehr Kinder Märchen aus anderen Ländern durch Übersetzungen in ihre Muttersprache kennenlernen, desto mehr erkennen sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten jenseits kultureller, ethnischer, religiöser und auch gesellschaftlicher/wirtschaftlicher Unterschiede, die das Menschsein kennzeichnen.