Die Menschen ziehen von den Küsten in die Städte, doch Sicherheit und ein Leben in Würde bleiben ein flüchtiges Gut.
Zahida Parvez Chhanda für Pressenza Dhaka.
Wirbelstürme, von Flüssen abgetragener Boden, steigender Salzgehalt des Wassers und Springfluten zerstören die Küstenregion des Ganges-Deltas, eines der höchst verwundbaren Regionen der Welt. Täglich fliehen Tausende von Menschen aus den katastrophengefährdeten Küstenzonen, suchen Zuflucht in den Großstädten und dort eine neue Lebensgrundlage und Sicherheit. Doch ihr Überlebenskampf endet an ihrem neuen Ziel nicht. Stattdessen wird für sie ein neues Kapitel der Unsicherheit aufgeschlagen, charakterisiert durch eine unsichere Wohnsituation, befristete Jobs, beschränkten Zugang zu Gesundheitsfürsorge und Ausbildung, und soziale Entrechtung.
Experten warnen davor, dass die durch den Klimawandel verursachte Vertreibung innerhalb des eigenen Landes zu einer der größten Herausforderungen Bangladeschs geworden ist, sowohl im sozialen Bereich als auch auf der Ebene der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Rahmenkonzepte und die koordinierten Initiativen, die notwendig wären, um die Rechte und die Sicherheit der Klimamigrant*innen zu schützen, bleiben bisher völlig unzureichend.
Vor diesem Hintergrund trafen sich Journalist*innen, Personen aus der Entwicklungsarbeit und Medienvertreter*innen zu einem ‚Runden Tisch‘, zu dem Caritas Bangladesch in das Auditorium des Journalisten-Verbandes in der Hauptstadt Dhaka (Dhaka Reporters Unity: DRU) eingeladen hatte. Die Beteiligten forderten die Ausarbeitung eines effektiven Rahmenkonzepts für die Klimamigrant*innen und riefen dazu auf, dieses Thema mit größerer Dringlichkeit zu beleuchten, sowohl in nationalen als auch in den internationalen Medien.
Steigende Vertreibung, wachsender Druck auf die Städte
Bangladesch bleibt eines der Länder, die am meisten durch den Klimawandel in Mitleidenschaft gezogen werden. Steigender Meeresspiegel, ständig auftretende Wirbelstürme, starke Bodenerosion durch die Flüsse und ein alarmierender Anstieg des Salzgehalts des Flusswassers in der südlichen und südwestlichen Küstenregion bedrohen das Leben und die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen. Das alles bedeutet eine elementare und dauerhafte Bedrohung des Lebens und der Lebensgrundlagen von Millionen von Menschen. Dieser verheerende Angriff durch den Klimawandel ruiniert die Landwirtschaft und führt dazu, dass sich eine riesige Bevölkerungsgruppe in die Ballungszentren verschiebt.
Die Wirklichkeit der Vertreibung und die Krise der Städte
Die Zukunftsaussichten (2011 – 2050): Innerhalb des Landes Bangladesch könnten aufgrund des Klimawandels zwischen 16 und 26 Millionen Menschen von ihren Territorien verdrängt werden.
Vorrangige Ziele: Die überwiegende Mehrheit der vertriebenen Familien sucht Zuflucht in Mega-Cities wie Dhaka, Khulna und Chattogram.
Unmenschliche Lebensbedingungen: Die meisten Migrant*innen sind bei der Ankunft in den Städten gezwungen, in Slums oder illegalen Siedlungen zu leben. So ist ein sicherer Zugang zu Wasser, sanitären Anlagen, medizinischer Grundversorgung und Ausbildungsmöglichkeiten für ihre Kinder massiv eingeschränkt. Gleichzeitig besteht aufgrund dieses außerplanmäßigen Zustroms von Menschen ein immenser Druck auf die bestehende Infrastruktur und die öffentlichen Dienstleistungen der Stadt.
‚Niemand verlässt freiwillig Haus und Herd‘
Die Diskussion am Runden Tisch beleuchtete die tiefen humanitären und sozialen Dimensionen der durch die Migration ausgelösten Krise. Sohrab Hassan, ein renommierter Journalist, beschreibt die Schwierigkeiten, mit denen die vertriebenen Menschen konfrontiert sind, als zunehmend tiefgreifend und komplex.
Sohrab Hassan im Wortlaut: „Freiwillig verlässt niemand Heim, Herd und die Erinnerungen an die Angehörigen. Diese brutale Entscheidung wird ihnen nur aufgezwungen durch die Notwendigkeit zu überleben“.
Er sei tief besorgt, weil die Klimamigrant*innen sich außerhalb des sozialen Sicherheitsnetzes wiederfinden, sobald sie in den Städten angekommen sind. Sie sind laufend mit bürokratischen Hürden konfrontiert, weil ihrem nationalen Identitätsausweis (NID) weiterhin ihr Heimatdorf als ständiger Wohnsitz eingetragen ist. Die Folge ist Diskriminierung, wenn sie versuchen, Zugang zu öffentlichen Notdiensten, Lebensmittelrationen und finanzieller Unterstützung zu bekommen.
Die Klimafrage und globale Verantwortung
Bei der Diskussion betonten Ökolog*innen und Expert*innen den entscheidenden Punkt der Klimagerechtigkeit. Obwohl der Anteil Bangladeschs an den globalen CO₂-Emissionen unerheblich ist – weniger als ein Prozent, trägt dieses aufstrebende Land die Hauptlast der destruktivsten Folgen des Klimawandels.
Alexander Tripura, Chef der Katastrophenschutzabteilung von Caritas Bangladesch, stellte fest, dass solch vulnerable Länder wie Bangladesch den Preis für die jahrhundertlange unkontrollierte CO₂-Emissionen der entwickelten Länder zahlen. Deshalb muss die internationale Klimaschutzfinanzierung und die globale Zusammenarbeit im ‚Loss and Damage‘-Fond (Fond zur Bewältigung von Verlusten und Schäden wirtschaftlicher und nichtwirtschaftlicher Art durch den Klimawandel, Anm.d.Ü.) wesentlich deutlicher und effektiver werden. Die Klima-Migration ausschließlich als eine regionale humanitäre Krise zu behandeln, ist nach Meinung von Expert*innen ein Fehler; sie ist ein grundlegendes Thema der internationalen Klimagerechtigkeit.
Neue Verantwortlichkeiten und die investigative Rolle der Medien
Journalist*innen, die an dieser Veranstaltung teilnahmen, stellten selbstkritisch fest, dass fortlaufende, datengestützte und ausführliche Berichterstattung über die Klimamigration in den Mainstream-Medien beschränkt bleibt. Es gäbe in vielen Bereichen einen deutlichen Mangel an Feldforschung und Langzeituntersuchungen.
Rafiqul Islam Azad, ehemaliger Präsident des Journalistenverbandes in Dhaka, legte dar, dass die vertriebenen Menschen besser als ‚Klima-Kämpfer:innen‘ betrachtet werden sollten als ausschließlich als ‚Opfer‘. Er unterstrich, dass es notwendig wäre, ihren Erzählungen von Widerstandsfähigkeit und systematischer Entrechtung im nationalen und globalen Diskurs eine Stimme zu geben. Alle, die zu Wort kamen, stimmten darin überein, dass die Medienberichterstattung über reine Nachrichten über aktuelle Naturkatastrophen hinausgehen müsse. Erforderlich sei eine Konzentration auf investigative Artikel, in denen über die Arbeitsverhältnisse, Sicherheit von Frauen, Gesundheit, Ausbildung und gesetzliche Rechte vertriebener Bevölkerungsgruppen berichtet wird.
Unmittelbare Forderungen: Fünf Punkte einer konzertierten Politik
Die Teilnehmenden fordern den Staat und die in der Politik Verantwortlichen auf, eine umfassende und konzertierte Politik umzusetzen, um die eskalierende Situation anzugehen. Die wichtigsten Empfehlungen beinhalten:
Ein deutlicher Rahmen für den Rechtsschutz: Es werden spezifische Gesetze zum Schutz der Bürger- und Menschenrechte der Klima-Migrant*innen verabschiedet.
Inklusion bei städtischen Dienstleistungen: Der Zugang zu Ausbildungshilfen und Gesundheitsversorgung in den städtischen Slums und den Übergangssiedlungen wird gewährleistet.
NID-Bürokratie abbauen: Vereinfachung der Verwaltungsvorgänge, so dass die Migrant*innen an ihrem aktuellen Aufenthaltsort leichter einen Zugang zu sozialen Absicherung bekommen.
Sicherung internationaler Fonds: Es muss sichergestellt werden, dass die Bereitstellung von Ressourcen aus dem globalen ‚Loss and Damage‘-Fond besonders für die Rehabilitation der vertriebenen Bevölkerung eingesetzt wird.
Koordination zwischen den Ministerien: Es wird ein gemeinsamer Aktionsplan des Ministeriums für Umwelt, des Ministeriums für Stadtentwicklung und des Katastrophenschutzes entworfen.
Klimamigration ist nicht länger ein einzelnes oder regionales Phänomen; sie ist untrennbar verbunden mit allen Zukunftsentwicklungsplänen, mit den Aufgaben der städtischen Verwaltung, mit der Möglichkeit dauerhafter Beschäftigung, mit sozialem Schutz und fundamentalen Menschenrechten.
So wie die Folgen des Klimawandels tief in Bangladesch einschneiden, so ist es unleugbar, dass die Klimamigration keine entfernte Bedrohung ist – sie ist vielmehr eine gnadenlose Gegenwart. Angesichts dieser Wirklichkeit sind Staat und Zivilgesellschaft mit der entscheidenden Frage konfrontiert: Wie sind wir darauf vorbereitet, die Sicherheit und Würde von Millionen vertriebener Menschen zu sichern?
Zahida Parvez Chhanda: Mitarbeiterin im Pressenzateam im Büro von Dhaka.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Dirk Harms vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!










