Das Prinzip 22 aus dem „Manifesto” von Milena Aziza Rampoldi, der Gründerin von ProMosaik, befasst sich mit dem, was wir unter Kinderrechten verstehen und umsetzen möchten. Alle Veröffentlichungen von ProMosaik Children stützen sich auf dieses Prinzip mit dem Titel „ProMosaik bedeutet Einsatz für die Kinderrechte”.
Wie der libanesische Dichter und Künstler Khalil Gibran über die Kinder sagte:
Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und die Töchter der Sehnsucht
des Lebens nach sich selber.
Sie werden sich fragen, warum die Kinderrechte in unserem Manifesto nach den Frauenrechten und nach der Bekämpfung jeglicher Art von Unterdrückung, Armut, Unwissen und Unrecht, Sklaverei, Ausbeutung und Menschenhandel kommen.
Die Antwort ist ganz einfach: Wenn wir bei den Müttern und Vätern der Kinder ansetzen und deren Menschenrechte schützen, werden diese sich ihrerseits für die Rechte ihrer Kinder und der Kinder anderer einsetzen.
UNICEF fasst die Kinderrechte in den folgenden 10 Punkten zusammen, die aber unserer Meinung nach noch interkulturell und interreligiös definiert werden müssen, um auch authentisch und nachhaltig in einer Mosaikgesellschaft angewendet werden zu können.
Gleichheit: Darunter verstehe ich vor allem Chancengleichheit und somit das Recht, unter denselben Voraussetzungen ins Leben gehen zu dürfen. Dies gilt für ProMosaik für alle Kinder, unabhängig von Kultur, Religion, Herkunft, sozialem Status und jeglicher Besonderheit wie einer Behinderung, chronischen Störung oder Krankheit.
Gesundheit: Voraussetzungen für die Gesundheit aller Kinder sind Wasser, Nahrung und Hygiene. Bevor wir Kinder erziehen, müssen wir dafür sorgen, dass sie Zugang zu Wasser, Nahrung und Hygiene haben. Wir müssen dafür sorgen, dass Mädchen keine Genitalverstümmelung erleiden.
Wir müssen dafür sorgen, dass Kinder nicht in Bergwerke, Teppichläden oder Bordelle geschickt werden oder auf der Straße betteln müssen. Wir müssen zusehen, dass Kinder nicht zwangsverheiratet werden. Unter Gesundheit verstehen wir körperliche und psychische Gesundheit, die nur möglich sind, wenn Kinder geliebt und anerkannt werden.
Bildung: Bildung ist das Grundrecht aller Kinder zwecks Gewährleistung von Chancengleichheit in der Gemeinschaft und Gesellschaft. Bildung bedeutet aktiver Kampf gegen Vorurteile, menschenfeindliche Traditionen, Unwissen und Armut. Bildung besiegt Armut und Marginalisierung. Bildung bedeutet Begegnung, Förderung von Toleranz, multiperspektivisches Denken und Empathie. Bildung eignet man sich an, um sie dann weiterzugeben. Bildung ist ein Gut, das allen zugänglich gemacht werden muss.
Spiel und Freizeit: Dieses Recht gestaltet sich in verschiedenen Kulturen und Religionen sehr unterschiedlich. Daher ist die Förderung von Spiel und Freizeit unbedingt in einem interkulturellen und interreligiösen Paradigma zu gestalten.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Wertschätzung von Spielen und Freizeitbeschäftigungen, die sich nicht vor den Regeln des Kapitalismus und des Konsumdenkens verbeugen.
Kreative, selbstentwickelte und hausgemachte Spiele und Freizeitbeschäftigungen sollen wertgeschätzt werden. Dadurch erzielen wir Wertschöpfung. Spiele und Freizeittätigkeiten aus anderen Ländern und Kulturen sollen in der Mosaikgesellschaft ihren Platz finden. Die Spielideen sollen die Erfahrungen von Kindern aus aller Welt einbeziehen und jeglichen Ethnozentrismus vermeiden.
Freie Meinungsäußerung und Beteiligung: In diesem Zusammenhang finde ich den Ansatz von Barbara Leitner sehr gut. Sie schreibt:
„Kindertageseinrichtungen als erste Bildungs- und Erziehungsinstanzen außerhalb der Familie sind die Orte, an denen Kinder Demokratie lernen. Sie erleben dort Demokratie, indem sie sich selbst einbringen können, Kompromisse aushandeln lernen und erfahren, dass ihre Meinung zählt. Teilhabe- und Mitbestimmungserfahrungen bereits in jungen Jahren haben einen großen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Kinder. Indem der Zusammenhang zwischen Kinderrechten und Bildung erläutert und die kinderrechtsbasierte Arbeit erklärt wird, bietet die vorliegende Handreichung pädagogischen Fachkräften vielfältige Anregungen, wie Kinder in der Kita wirkungsvoll beteiligt werden können. Darüber hinaus werden Hinweise für die Kooperation mit den Eltern und für eine erfolgreiche Zusammenarbeit im Team bei der Umsetzung von Kinderrechten gegeben.“
Ganz wichtig ist an dieser Stelle hervorzuheben, wie Demokratie nicht ein Monolog, sondern eine Werkstatt des Polylogs ist, in der verschiedene Anschauungen von Demokratie, Teilhabe und Partizipation einfließen sollen, die auf das kulturelle Erbe zahlreicher Kulturen und Religionen zurückgreifen, welche die Mosaikgesellschaft mitgestalten.
Die Schwierigkeit, mit Diversität umzugehen und Unterschiede wertzuschätzen, soll hier als Herausforderung verstanden werden. Kinder dürfen nicht den Eindruck haben, dass die Meinungen ihrer Kultur und Religion minderwertig sind und die Anschauungen der Mehrheit hingegen als soziale Leitgedanken gelten. Denn so fühlen sie sich ausgegrenzt. Radikalisierung und Gewalt entstehen gerade an dieser Stelle, an der interkulturelle und interreligiöse Wertschätzung und Wertschöpfung fehlen.
Gewaltfreie Erziehung: Wir leben in einer Welt, in der körperliche, seelische und sexuelle Gewalt gegen Kinder allgegenwärtig sind. Gewaltfreie Erziehung und das Recht auf eine Erziehung ohne körperliche, emotionale und sexualisierte Gewalt sind daher das A und O für den Aufbau einer friedlichen Gegenwart und Zukunft. Die Bildungseinrichtungen sind ein wichtiger Begegnungsraum für die Kinder und ein Raum des Dialogs über Trauma und Gewalt.
Gewalterfahrungen werden in der Schule angesprochen und dürfen auf keinen Fall überhört werden. Gewalt in der Familie wird von den Kindern in die Schule geschleppt. Da die Dunkelziffer extrem hoch ist, müssen die Ansprechpartner der Kinder so ausgebildet werden, dass sie Gewalt erkennen lernen, dass sie die Spuren seelischer Gewalt gegen Kinder wahrnehmen. Prävention und Bekämpfung von Gewalt müssen von den Bildungseinrichtungen ausgehen.
Auch hier soll aber interkulturell und interreligiös gedacht und gehandelt werden. Johan Galtung zeigt in seinem Dreieck der Gewalt so treffend auf, wie die personale Gewalt sichtbar ist und kulturelle und strukturelle Gewalt hingegen unsichtbar sind.
Übersehen werden darf aber auf keinen Fall die Gewalt, die in den Bildungseinrichtungen entsteht. Denn Gewalt gegen Kinder beschränkt sich nicht auf die Familie und Gesellschaft außerhalb der Wände der Bildungseinrichtungen. Sexualisierte Gewalt gegen Kinder, wie sie über Jahrzehnte in den katholischen Bildungseinrichtungen und Kirchen straflos begangen wurde, muss mit allen Mitteln unterbunden werden. Daher spricht sich ProMosaik gegen jegliche Verjährung für sexuellen Missbrauch gegen Kinder aus.
Eine andere Form von Gewalt, die nicht unterschätzt werden darf, sind Mobbing und Diskriminierung von Kindern durch andere Kinder, die oft rassistische Denkmuster oder ethnozentrische Denkweisen von zu Hause in die Bildungseinrichtung mitnehmen und Kinder, die anders sind, diskriminieren. Das gilt nicht nur für ausländische Kinder, sondern auch für Kinder mit Behinderung, die ProMosaik zufolge eine Bereicherung für die Bildungseinrichtungen darstellen sollen. Daher fordern wir nicht nur die Integration dieser „Anderen“, sondern ihre Inklusion und Wertschätzung. Denn Kinder mit Behinderung sind für ProMosaik eine wichtige Quelle der Wertschöpfung.
Hierzu noch ein Auszug aus der Rede von Astrid Lindgren, die 1978 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt:
„Jenen aber, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine junge Mutter zu der Zeit, als man noch an diesen Bibelspruch glaubte ‚Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben‘. Im Grunde ihres Herzens glaubte sie wohl gar nicht daran, aber eines Tages hatte ihr kleiner Sohn etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: ,Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen.‘ Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind musste gedacht haben, ,meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein.‘ Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme, und beide weinten eine Weile gemeinsam. Dann legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen als ständige Mahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber gegeben hatte: ,NIEMALS GEWALT!‘“
Aus dieser Geschichte, von der Astrid Lindgren berichtet, lässt sich sehr gut ableiten, wie Empathie der Grundstein für eine gewaltfreie Erziehungsentscheidung ist.
Schutz im Krieg und auf der Flucht: Krieg ist die äußerste Form von Gewalt, vor allem für die Kinder, die Opfer von Krieg sind oder gar für Kinder, die im Krieg als Kindersoldaten missbraucht werden.
Der Krieg zerstört die psychische, emotionale, familiäre und soziale Situation eines Kindes. Das Kind lebt in Angst. Seine Bedürfnisse können nicht mehr erfüllt werden. Das Kind fühlt sich nicht mehr sicher. Es verliert das Vertrauen in sich selbst und in seine Bezugspersonen, die es als machtlos erlebt, weil niemand diesem Krieg auch wirklich was entgegensetzen kann, sondern nur zusieht, leidet, dauertraumasiert ist oder einfach nur hungrig einschläft.
Oft ist Flucht der Weg, den Menschen einschlagen, um die Kriegsschauplätze in ihren Herkunftsländern zu verlassen. Sie werden zu Flüchtlingen. Das internationale Flüchtlingsrecht hat einen Flüchtling als eine Person definiert, die „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will“ (Art. 1A, Abs.2 der Genfer Flüchtlingskonvention).
ProMosaik widersetzt sich der Unterteilung der Menschen in Flüchtlinge und Nicht-Flüchtlinge. Flüchtling ist ein Produkt unserer imperialistischen Kriege, die im Besonderen in Afrika und im Nahen Osten weiterhin geführt werden, um an Bodenschätze zu kommen, ganze Kulturen und Religionsgemeinschaften in der Armut und Verzweiflung zu marginalisieren und weiterhin unter dem Deckmantel der Menschenrechte Waffen zu exportieren, am besten an alle Kriegsparteien gleichzeitig, um noch mehr Profit daraus zu schlagen.
Was wir uns wünschen ist, dass Menschen als Menschen aufgenommen werden und im Gastland Chancengleichheit erfahren, Inklusion erleben und umgehend Teil der Gastgesellschaft werden.
Und dies gilt vor allem für die Kinder der Geflüchteten, die im Gastland in den Bildungseinrichtungen erzogen werden sollen. Nur durch Inklusion und durch die Abschaffung des Wortes „Flüchtling“, sobald der „Mensch“ seinen Weg zu uns geschafft hat, überwinden wir ethnozentrische, rassistische und rechtsradikale Ideologien.
Wenn Flüchtlinge nicht mehr Flüchtlinge heißen und mit uns leben und es keine Flüchtlingskasernen oder gar Flüchtlingslager mehr gibt, nimmt man diese Menschen als Menschen wahr und nicht als Flüchtlinge. Eine rechtsradikale Demo gegen ein Flüchtlingsheim ist einfacher als eine rechtsradikale Demo gegen eine Flüchtlingsfamilie, die in einem Mosaikhaus von 5 Etagen mit anderen Familien zusammenlebt, die aus aller Welt stammen. Ich weiß nicht, ob es dann auch so einfach ist, das Mosaikhaus in Brand zu stecken oder einen Stein durch eine Mosaikscheibe zu werfen.
Schutz vor wirtschaftlicher und sexueller Ausbeutung
Diesen Punkt möchten wir bei seinem wahren Namen nennen. Wir haben als Weltgemeinschaft die Aufgabe, Kinder vor ausbeuterischer Kinderarbeit und vor Prostitution und sexuellem Missbrauch im Kindesalter zu schützen.
Zwangsarbeit von Kindern kann nicht mit Zwangsarbeit erwachsener Menschen verglichen werden. Denn Kinder sind wehrlos. Kinder sind ihren Peinigern ausgeliefert.
Kinder verstehen oft nicht, dass die Gewalt, die sie erleben, ungut ist und nichts mit ihnen zu tun hat, dass sie nicht schuld an dem sind, was mit ihnen gemacht wird. Dasselbe gilt für Kinderprostitution und sexuellen Missbrauch an Kindern, vor allem durch Schutzbefohlene wie Vertreter der Kirche, die von den Kindern als Autorität wahrgenommen werden.
Vorbeugung und Strafverfolgung müssen einhergehen, um diese brutalen Vergehen gegen Kinder aus der Welt zu schaffen. Denn ein solches Leid heilt nie. Und im Katholizismus ist es auch dringend nötig, das Zölibat als Lebensform in Frage zu stellen.
Elterliche Fürsorge. Kinder haben das Recht auf Eltern und deren Fürsorge. Daher ist es im Falle von Scheidungen sehr wichtig, dass den Kindern beide Eltern erhalten bleiben.
Mütterrechte und Väterrechte sollen als gleichwertig angesehen und gefördert werden.
Besondere Fürsorge und Förderung bei Behinderung. Hier möchte ProMosaik einen Schritt weiter gehen und von Inklusion sprechen. Die Menschen mit Behinderung sind gleichwertige Menschen in unserer Gesellschaft. Behinderung und Krankheit gehören wie der Tod zum Leben.
Behinderung darf wie Krankheit nicht versteckt werden. Kinder mit Behinderung gehören in die Bildungseinrichtungen, denn sie sind für uns wertschöpfend. Denn Kinder ohne Behinderung lernen von den Kindern mit Behinderung, wie vielfältig das Leben ist und wie wertvoll auch das Leben derer ist, die nicht der Norm entsprechen.
In diesem Zusammenhang möchte ich noch erwähnen, wie die Inklusion von Kindern mit Behinderung ein antifaschistisches politisches Zeichen setzt. Nie wieder! Es soll keine Abtreibungen von Kindern mit Behinderung mehr geben. Und auch keine Zwangssterilisation psychisch kranker oder Frauen mit Erbkrankheiten. Wir dürfen nicht vergessen, dass die NS-Zeit mit ihrer Verfolgung und Tötung behinderter Menschen nicht so weit zurückliegt, wie man manchmal glauben möchte.










