Die israelisch-palästinensisch-jordanische Nichtregierungsorganisation EcoPeace Middle East hat 2025 die Idee eines Friedensdreiecks für die gesamte Region Westasiens entwickelt. Sie knüpft an ein Memorandum vom 9. September 2023, der USA mit Indien, Saudi-Arabien, den Emiraten, Frankreich, Deutschland, Italien und EU an, das einen neuen Handelskorridor von Indien über Israel, nach Europa andenkt. Wandel durch Handel? Eine Idee von vor den jetzigen Kriegen als Lösung für Frieden und Klima nach all der Gewalt und Zerstörung?
EcoPeace Middle East ist die einzige israelisch-palästinensisch-jordanische Nichtregierungsorganisation (NGO), die mit dem Schutz des gemeinsamen Naturerbes einen dauerhaften Frieden in der Region erreichen möchte. Ihr neuestes Projekt (Juli 2025) heißt „IMEC-Friedensdreieck: Eine EcoPeace-Strategie für Frieden im Nahen Osten, gemeinsamen Wohlstand und inklusive Resilienz“. Die NGO sieht im India Middle East Economic Corridor (IMEC) die Chance für nachhaltigen Frieden in Westasien, vor allem zwischen Israel, Palästina, Gaza einbezogen, und Jordanien.

Totes Meer Blick von Kisan.
Das IMEC-Memorandum of Understanding, beschlossen am 9. September 2023 auf einer G20-Sitzung, beinhaltet einen Handelskorridor von Indien über die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Saudi-Arabien zur Drehscheibe Israel und weiter nach Europa. Die Vereinbarung wurde von den USA angeregt und von Indien, den USA, Saudi-Arabien, den VAE, Frankreich, Deutschland, Italien und der EU unterzeichnet. Einen Monat später kam die Umsetzung (zunächst) durch den Hamas-Überfall am 7.10.2023 und den darauffolgenden Gazakrieg ins Stocken, innerhalb von 60 Tagen hätte Arbeitsgruppe einen Zeitplan und Investitionsbedarf ausarbeiten sollen; 2024 wären Finanzen und Ausbau realisiert worden.
Die vier Säulen des Friedensdreieck-Aspekts bei IMEC
Geopolitisch soll IMEC gemäß EcoPeace ein tragfähiger unumkehrbarer Weg zu einem palästinensischen Staat werden und mit Erweiterung der Abraham-Abkommen die Beziehungen Israels und der arabischen Staaten stützen. Dafür sind sowohl Haifa als auch Gaza als Häfen vorgesehen. Waren kommen auf Schienen an und werden auf Schiffe nach Europa umgeladen.
Dieser Grundgedanke entspricht sowohl Netanjahus „Gaza 2035“ Plan vom Mai 2024 als auch dem Anfang 2025 von Trump vorgelegten Plan, nämlich dass Gaza einen Hafen erhalten soll. Aus der EcoPeace Vorlage ist nicht zu ersehen, warum es dafür zwangsläufig einen autonomen Staat Palästina geben müsste; bislang besteht Israel auf fortgesetzter militärischer Kontrolle über Gaza, während Trump sich seinerseits eine Übernahme vorstellen konnte. Nur Saudi-Arabien ist zurückhaltend in seiner Beteiligung, weil es einen Staat Palästina zur Bedingung macht, zumindest um der pro-palästinensischen Stimmung im eigenen Staat und in anderen arabischen Staaten zu genügen. Eventuell rührt das Zögern auch daher, dass es in Konkurrenz stände zur eigenen Saudi Vision 2030, das Land u.a. mit Projekten zu erneuerbarer Energie aus der Erdölabhängigkeit herauszuführen.
Die wirtschaftliche Säule beinhaltet die Verbindung zwischen wohlhabenden europäischen Staaten, dem israelischen Staat und Golf-Staaten mit schwächelnden arabischen Volkswirtschaften. Unternehmen der reichen Länder werden animiert zu investieren und so den Wiederaufbau Palästinas, Syriens und des Libanon zu bestreiten, so dass Zuschüsse und Spenden überflüssig würden. Hier wird deutlich, dass auf einen Trigger-Effekt nach unten gesetzt wird, das klassische Prinzip neoliberaler Marktwirtschaft: Der Privatsektor investiert und erzielt Profite, das sorgt für Arbeitsplätze und damit kaufkräftige Konsument:innen.
Ein Beispiel aus den besetzten palästinensischen Gebieten möge die Machbarkeit des Ansatzes beleuchten: In Kisan (20 km südlich von Bethlehem) genehmigte Israel den Bau einer Mülldeponie für den gesamten Süden der Westbank, unter der Bedingung, dass auch die illegalen israelischen Siedlungen ihre Abfälle hier entsorgen dürfen. Auf die Ausschreibung meldeten sich eine palästinensische und eine ausländische Firma; letztere durfte bauen. Eine zweite Deponie wird bei Kisan von der israelischen Firma Elidori Green betrieben; das Instrumentarium für den Betrieb lieferten unter anderem das kanadische Unternehmen McCloskey International und LKWs kommen von Volvo (Schweden). Hier wird Bauschutt aus Westjerusalem entsorgt, der Wind trägt die (teils giftigen) Staubpartikel oft nach Kisan, bedeckt sichtbar die Pflanzen und verursacht bei den Menschen Atembeschwerden.

Israelische Deponie für israelischen Bauschutt nahe des palästinensischen Dorfes Kisan
2022 ging der Bürgermeister mit seinem etwa achtjährigen Sohn zu der Deponie, beschwerte sich und schlug vor, die Staubentwicklung mit Wasser einzudämmen. Der Manager veranlasste danach, dass Militär zum Privathaus des Bürgermeisters fuhr, um ihn zu verhaften. Weil er abwesend war, nahmen sie kurzerhand den kleinen Jungen mit, bis sich sein Vater selbst stellte und sechs Stunden lang dazu verhört wurde, die israelische Sicherheit gefährdet zu haben.
IMEC ist weder auf die Gründung eines Staates Palästina angewiesen noch würde es garantieren, dass die palästinensische Wirtschaft ein eigenständiges starkes Bruttosozialprodukt erarbeiten könnte. Und obendrein können ökologische Projekte, wie das Beispiel in Kisan zeigt, israelischen und palästinensischen Menschen unterschiedlich nützen oder schaden, Ungerechtigkeit, die kein Friedens- sondern Konfliktpotential enthält.
Ökologisch setzt EcoPeace mit IMEC auf die Schaffung eines gesunden Wasser-Energie-Nahrungsmittel-Ökosystems (WEFE = water-energy-food-ecosystem).
Langfristig soll in den Wüstengebieten Solarenergie gewonnen werden, die die Meerwasserentsalzungsanlagen an der östlichen Mittelmeerküsten betreiben könnte. Saudi-Arabien und die VAE können ihre Wirtschaft diversifizieren und langfristig grünen Wasserstoff herstellen, für die Region ebenso wie über die IMEC-Route für Europa.
Wasser steht zurzeit völlig unter israelischer Kontrolle, Wasserversorgung läuft über die staatliche israelische Wassergesellschaft. In den besetzten palästinensischen Gebieten gilt die israelische Militärorder von 1967, dass Palästinenser:innen keinen Zugang zu Aquifern, Seen, Flüssen, inklusive des Jordans (ohne Genehmigung der israelischen Militäradministration) mehr haben. Sie kaufen ihr eigenes Wasser von Mekorot. Wasser ist damit zur Ware geworden.
Nahrungsmittel wird somit in Zukunft nur herstellen können, wer sich die Ware Wasser für die Bewässerung leisten kann, egal ob es Grundwasser ist, recyceltes oder in Meerwasserentsalzungsanlagen produziertes.
In Gaza sind laut UN zurzeit nur noch 1,5 % des landwirtschaftlichen Landes zugänglich; wie stark kontaminiert ist unklar. In der Westbank befindet sich das landwirtschaftlich genutzte Land fast gänzlich auf den besetzten C-Gebieten (etwa zwei Drittel gemäß Osloer Abkommen von 1994). Ein Großteil der C-Gebiete wurde zu Militärzonen oder Naturschutzgebieten erklärt, wodurch den Palästinenser:innen Möglichkeiten zum Lebensunterhalt entzogen werden. Auf diesem palästinensischen Land der C-Gebiete werden die israelischen Siedlungen errichtet; Siedler:innen vertreiben palästinensische Schäfer:innen und Bäuer:innen, zerstören ihre (Oliven-)Ernte und können selbst (mit genügend ihnen zur Verfügung stehendem Wasser) Produkte sogar für den Export herstellen.
Für gerechten Übergang zu ökologischer Wirtschaft ist, angesichts der Kapitalisierung von Wasser und der fortschreitenden israelischen Landnahme in Palästina wenig Hoffnung zu erkennen.
Bezüglich Sicherheit vergleicht EcoPeace europäische Sicherheit, wie sie in der Nachkriegszeit aus Kohle und Stahl hervorging, mit Westasien: Von europäischen und Golfstaaten-Investoren finanzierte grenzüberschreitende Projekte sollen die nationalen Sicherheitsinteressen bedienen. Die Konnektivität konfliktgefährdeter Staaten basiere auf (hohen) Investitionen, so dass der Erfolg nur in der Kooperation erreicht werden könne.
Das mag auf Staaten zutreffen: Zwischen den Staaten Frankreich und Deutschland hat es seit 1945 und erst recht mit dem Freundschaftsvertrag 1963 sowie durch Mitgliedschaft im gemeinsamen Interessenverbund EU keinen Krieg mehr gegeben. Wiederum setzt solche Absenz von offenem Konflikt im Nahen Osten die Schaffung eines palästinensischen Staates voraus, damit zwei Staaten (wie einst Frankreich und Deutschland) Verträge miteinander schließen können.
Ecopeace verwendet den englischen Begriff „security“, der Sicherheit einer Nation vor Gefahren von außen bedeutet. Für Palästinenser:innen geht es allerdings (auch) um „safety“. „security“ geht von zwei sich als Feinde bekämpfenden Nationen aus, die die Feindseligkeit durch Krieg austragen; das Ende wird durch einen Vertrag besiegelt. „safety“ umfasst die Sicherung eines jeden Menschen, ein Alltag ohne tägliche physische Übergriffe, garantierter Lebensunterhalt, Chancen für die Kinder in der Zukunft. Für „safety“ müsste vor allem die Landfrage geklärt werden. Es geht um das seit 1948 respektive 1967 enteignete, okkupierte und de facto annektierte, zunehmend illegal israelisch besiedelte palästinensische Land. Freiheit und Existenzsicherung der Palästinenser:innen sind letztlich die notwendige Grundlage für die Sicherheit sowohl der Israelis als auch der Palästinenser:innen.
Die Friedensdreieck-Idee vertraut hingegen auf den Mechanismus von (hauptsächlich privaten) Wirtschaftsmaßnahmen.
Ein Friedensdreieck durch Export erneuerbarer Energie
Erstens geht es um den Export erneuerbarer Energie von Westasien nach Europa. Grüner Wasserstoff wird durch die sogenannte Wasserelektrolyse hergestellt. Dabei wird Wasser mithilfe von (sehr viel) elektrischem Strom, der ausschließlich aus erneuerbaren Energiequellen (wie Wind- oder Solarkraft) stammt, in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten.
Der Nordwesten von Saudi-Arabien (das Projekt NEOM), das südliche Jordanien und die ägyptische Sinai-Halbinsel gelten als „Sonnenaufgangsregion“, wo, laut einer Studie von Qamar Energy (emiratisch), die besten Chancen für Solar- und Windenergie im gesamten Mittelmeerraum vorhanden sein sollen. Der gesamte Energiebedarf von Jordanien, Palästina und Israel, sowie 30 % dessen von Griechenland bis Deutschland könne gedeckt werden. Die Studie belegt die Machbarkeit für Herstellung und Export von grünem Wasserstoff über Knotenpunkte nach Zypern, Griechenland und Italien (Brindisi und Triest), weiter nach Österreich (Graz) und Deutschland (München).
Das Unterfangen wirke, laut EcoPeace, als Katalysator für Frieden durch die Höhe der Investition, den Beitrag zur Klimaresilienz, der Kapitalrendite und der Vernetzung des Nahen Ostens / Westasiens mit Europa. „Die Studie unterstreicht die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens anhand der Kapitalrendite. Nicht weniger wichtig ist, dass dieses Projekt durch die Einbeziehung des Gazastreifens als Exportknotenpunkt – zusätzlich zu Ägypten und Israel – im Rahmen eines Friedensdreiecks geopolitische und sicherheitspolitische Überlegungen grundlegend verändert und so den Weg zu einem palästinensischen Staat und zur Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und Saudi-Arabien ebnet.“ Das Vertrauen des Privatsektors würde verstärkt.
Qamar Energy wurde 2015 von seinem heutigen CEO Robin Mills gegründet. Er hatte zuvor u.a. für Shell (ein britisches multinationales Öl- und Gas-Unternehmen) gearbeitet, spricht u.a. Farsi und gilt als Shell Experte für Iran. Die Beratungsfirma prüft Machbarkeit und Kapitalrendite, „Qamar Energy deckt alle Sektoren des Energiespektrums ab, von der Förderung, dem Transport und der Weiterverarbeitung von Kohlenwasserstoffen bis hin zu alternativen Energien, erneuerbaren Energien, unkonventionellen Energiequellen, Stromerzeugung und -versorgung sowie Elektrizität.“ R. Mills schrieb die Studie schon 2012 (also kurz nach dem Sturz Ghaddafis in Libyen 2011), um eine andere Region zu erschließen, die mit Nordafrika als Quelle für grünen Wasserstoff konkurrieren könnte. In Marokko wird seit 2013 an der großen Solaranlage Noor Qarzazaate gebaut, Noor I ging 2016 in Betrieb.
Ecopeace setzt mit dem Friedensdreieck darauf, dass riesige Privatinvestitionen aus aller Welt und die Interdependenzen der Beteiligten die Sicherheit für einen Staat Israel ebenso wie einen Staat Palästina garantieren. – Die Frage ist, ob eine palästinensische Staatsbildung überhaupt Voraussetzung für die Investitionen sein muss, ob es internationalen Unternehmen nicht ausreicht, wenn die Region „befriedet“ ist und in Gaza ein zusätzlicher Umschlaghafen zu ägyptischen und israelischen gebaut wird.
Voraussetzung für eine solche ökonomische Zone in Gaza ist allerdings die „Beseitigung“ dessen, was sich dort bislang befunden hat: Das Zuhause für palästinensische Menschen. Durch den Krieg seit 7. Oktober 2023 ist diese Zerstörung nun weitestgehend erfolgt. Netanyahu wies Ende Mai 2026 die Armee (IDF) an, schrittweise weiteres Land von Gaza unter ihre Kontrolle zu bringen. Im Waffenstillstandsabkommen vom Oktober 2025 handelte es sich um 53 % des Gazastreifens, wovon sich die IDF allerdings allmählich zurückziehen soll. Stattdessen wird jetzt die militärische Kontrolle von 60 % auf 70 % erhöht. Die Organisation Forensic Architecture, gegründet von dem britisch-israelischen Architekten Eyal Weizman, dokumentiert den fortschreitenden Prozess der Landnahme und Verdrängung palästinensischer Menschen auf Karten und mit Luftbildern. Eyal Weizman hat seit 2020 Einreiseverbot in die USA, er stelle eine Sicherheitsbedrohung dar.
Die 70 % geraubten Landesfläche (Israel nennt es Sicherheitszone) liegen an der Ostgrenze, wo einst vor allem Felder lagen, die Gaza weitgehend selbst versorgten. Kein palästinensischer Mensch hat dort mehr Zutritt, während alles dort dem Erdboden gleichgemacht wird. Für künftige Solaranlagen oder wofür? An der Stelle sei auch die Frage gestellt, warum Israel nun (angeblich zur Sicherheit gegen terroristische Übergriffe) auch den Südlibanon von seinen Bewohner:innen entleert, Glyphosat versprüht und damit eine gesunde landwirtschaftliche Nutzung langfristig unmöglich macht, sowie durch Zerstörung Tabula Rasa schafft.
Die jetzige israelische Regierung lehnt die Gründung eines Staates Palästina völlig ab, wer die Kontrolle in Gaza bekommen soll, wird allenfalls gemäß der UN Sicherheitsrat Resolution 2803 vom 17.11.2025 verhandelt, während gleichzeitig weiter die Leerung des potentiellen Hafen- und Industriegebiets von Menschen und Zuhause fortgesetzt und de facto manifestiert wird. Noch zögern internationale Unternehmen, mit dem sogenannten Wiederaufbau zu beginnen, weil es keine Garantie für ein endgültiges Ende der Gewalt in der Region gibt, nicht nur in Gaza, sondern auch in Syrien und Libanon. Bislang sieht es eher so aus, als ob statt Interdependenzen Palästinenser:innen ausgeschlossen oder bestenfalls bleiben können und abhängig von den entstehenden wirtschaftlichen Umständen werden.
Wie soll mit IMEC ein „Peace Triangle“ – Friedensdreieck geschaffen werden? Elektrifizierte Eisenbahn
Das zweite Element im Friedensdreieck ist der Bau einer elektrifizierten Eisenbahn von Dubai zur Mittelmeerküste, zu den Häfen von Ägypten (Alexandria), Palästina (Gaza), Israel (Haifa), Libanon (Beirut) und Syrien (Tartus), gemäß EcoPeace: „Insbesondere die IMEC-Eisenbahn nach Gaza, Beirut und Tartus kann der notwendige Wirtschaftsmotor für den Wiederaufbau dieser Volkswirtschaften sein und unterstreicht die katalytische Wirkung der damit verbundenen Investitionen. Eine prioritäre Investition wäre hier der Ausbau der bestehenden Landübergänge zwischen Israel und Jordanien sowie zwischen Jordanien und dem Westjordanland, um den humanitären Bedarf und den Wiederaufbaubedarf für Gaza zu decken.“ Laut der Qamar-Engery-Studie wäre ein anfängliches Containeraufkommen von 10 Mio. TEU auf 25 Mio. TEU steigerbar. EcoPeace geht davon aus, dass so gemeinsamer Wohlstand aufgebaut wird, was Sicherheit garantiert, beziehungsweise die Gewaltbereitschaft senkt.
Es ist der Grundgedanke neoliberaler Wirtschaftstheorie, dass Umsatzsteigerung ganze Volkswirtschaften in Ländern aufblühen lässt und nicht nur die beteiligten (privaten) Unternehmen enorme Profite einnehmen, sondern durch Arbeitsplatzbeschaffung der Wohlstand auch zu den Menschen im Lande durchsickert. Außer Acht bleibt, dass internationale Unternehmen ihre Profite in beliebige andere Länder transferieren können. Internationale Unternehmen können oft nur zu Investitionen angereizt werden, wenn der Staat ihnen weder Steuern noch Zölle abverlangt oder dem Profittransfer keinen Einhalt gebietet.
Ein Hafen in Gaza müsste naturgemäß an der Mittelmeerküste liegen. Dorthin werden allerdings zurzeit die 1,9 Mio. vertriebenen palästinensischen Menschen (von geschätzt 2,1 Mio. Einwohner:innen) zusammengedrängt. Wohin sollten sie gehen, wenn ihnen bislang von 53 % über 60 % und nun 70 % des Gazastreifens im Osten verwehrt werden?
Am 26.12.2025 hat Israel als bislang einziger UN-Mitgliedstaat die 1991 sich unabhängig erklärte Provinz Somaliland anerkannt und diplomatische Vertretungen ausgetauscht. Somalia vermutet, dass die versprochenen israelischen Wirtschaftshilfen an eine nicht veröffentliche Vereinbarung geknüpft sind, nämlich die Bevölkerung Gazas aufzunehmen. Bislang hat Israel weder Ägypten noch Jordanien oder gar Saudi-Arabien dazu überreden können. Bislang schreitet stattdessen fort, was die westliche Welt nicht als Genozid benennen will, aber auch nicht verhindert, wie es gemäß dem Internationalen Gerichtshof (Bericht: 01.08.2024 – 31.08.2025) verpflichtet wäre.
Die Anbindung einer elektrifizierten Eisenbahn an einen Hafen in Gaza müsste zuerst Überlegungen anstellen, wie die dort lebenden Menschen in ihrer Heimat verbleiben können und wie ihr (Über)Leben gesichert werden soll.
Wie soll mit IMEC ein „Peace Triangle“ – Friedensdreieck geschaffen werden? Wasser-Energie-Austausch
Als Drittes hält EcoPeace den Wasser-Energie-Austausch für geeignet ein Friedensdreieck zu schaffen. Hier knüpft EcoPeace an sein Green-Blue-Deal Projekt von 2020 an, das es in der israelisch-jordanisch-emiratischen Absichtserklärung von 2021 umgesetzt sieht. Im Friedensvertrag von 1994 sagte Israel Jordanien schon 50 Mio. m³ Wasser pro Jahr zu. Ab 2021 bauten die VAE Solaranlagen in Jordanien, das Solarenergie an Israel liefert; dafür erhält es nochmals 50 Mio. m³ Wasser mehr. Es wird vorgeschlagen, den Wasser-Energie-Austausch vollständig auf Palästina auszuweiten. In Gaza solle eine Meerwasserentsalzungsanlage mit einer Kapazität von 200 Mio. m³/Jahr errichtet werden, womit nicht nur der Wasserbedarf in Palästina, sondern auch der regionale, inklusiv der jordanische gedeckt werden könne. Die größte israelische Entsalzungsanlage Sorek I produziert 625,000 m3/Tag = 228,125 Mio. m³/Jahr. Die israelische Regierung spricht von 600 Mio. m³/Jahr entsalztem Meerwasser, was um weitere 300 Mio. m³/Jahr bis 2030 gesteigert werden soll.
Dabei stellt sich die Frage, in wessen Händen eine Meerwasserentsalzungsanlage in Gaza sein würde, ob Mekorot Konkurrenz zulassen würde oder ob es die Kontrolle über Wasser für Gaza, Palästina und auch Jordanien in israelische Hand gewinnen würde. Von palästinensischer Kontrolle über das zu produzierende Wasser ist gar nicht die Rede und ebenso nicht über das (wieder herzustellende) in Aquifern unter ihren eigenen Füßen.
Die Erweiterung der vornehmlich von EU und UNICEF finanzierten größten Meerwasser-Entsalzungsanlage von Khan Younis (Südgaza), die am 19. Januar 2017 eingeweiht wurde, war erst im Sommer vor dem 7. Oktober 2023 fertiggestellt worden und versorgte 250.000 Menschen (von über zwei Millionen in Gaza lebenden Palästinenser:innen) mit kostengünstigem Wasser. Am 9. Oktober 2023, zwei Tage nach dem Hamas Massaker in Südisrael, verkündete der israelische Verteidigungsminister Gallant die totale Blockade von Gaza: „kein Strom, kein Essen, kein Wasser, kein Treibstoff…“. Die Organisation Oxfam weist in einem Bericht vom Juli 2024 nach, dass Israel Wasser als Waffe im Gazakrieg benutzt. 80 % der Wasser- und Sanitäranlagen sind zu dem Zeitpunkt zerstört und 94 % der Bevölkerung müssen täglich mit 4,7 Litern Wasser pro Tag pro Person klarkommen.
„Die Investition hier wirkt katalytisch, da sie eine Reihe gesunder wechselseitiger Abhängigkeiten schafft.“ verspricht sich EcoPeace vom Wasser-Energie-Austausch. Die Erfahrung aus dem jetzigen Gazakrieges belegt, dass mehr getan werden muss als eine noch größere Meerwasserentsalzungsanlage zu errichten und dass eine „gesunde“ und „wechselseitige“ Abhängigkeit keine Frage von Privatinvestition in Technologie (allein) ist. Es geht darum die Machtfrage zu klären: Wer kontrolliert den Zugang zu Wasser (egal ob über den unmittelbaren Zugang zu Grundwasser oder Quelle, den Besitz einer Entsalzungsanlage oder die Wasserpreisregulierung)?
Chancen des Ecopeace Modells für Frieden in Westasien
EcoPeace Middle East ist eine von über 170 NGOs im Netzwerk Alliance for Middle East Peace (ALLMEP). Sie wandten sich am 3. Juni 2024 zusammen mit 200 weiteren zivilgesellschaftlichen Organisationen in einem Brief an die Staatsoberhäupter, die sich in Italien zum G7 Gipfel trafen. Auch der Papst und eine Reihe von EU-Parlamentarier:innen unterzeichneten die Forderung, Zivilgesellschaft in den Friedensprozess einzubeziehen. Tatsächlich fand sich in der G7-Abschlusserklärung daraufhin der Passus: „Wir bekräftigen unsere Verpflichtung, gemeinsam – und mit anderen internationalen Partner:innen – daran zu arbeiten, unsere Unterstützung für die Friedenskonsolidierung der Zivilgesellschaft eng zu koordinieren und zu institutionalisieren, um sicherzustellen, dass solche Bemühungen Teil einer größeren Strategie sind, um die Grundlage für einen verhandelten und dauerhaften israelisch-palästinensischen Frieden zu schaffen.“
Die Generalversammlung der Vereinten Nationen entschied auf einer Sondersitzung am 18. September 2024, eine internationale Konferenz einzuberufen, um die UN-Resolutionen bezüglich der Palästinafrage und der Zwei-Staaten-Lösung voranzubringen (Resolution ES-10/24). Die Resolution 79/81 vom 3.12.2024 regelte dann die Modalitäten, ernannte Frankreich und Saudi-Arabien zu den Ko-Vorsitzenden der Konferenz. Frankreich ist bislang der einzige Staat von den Unterzeichnern des Memorandum of Understanding vom 9. September 2023, der einen IMEC-Gesandten mit der Aufgabe betraut hat, das Projekt voranzubringen.
Am 10.-12. Februar 2025 war der indische Premierminister Modi zu Gesprächen in Frankreich. Dabei bezeichnete der französische Präsident Macron den IMEC-Korridor als beeindruckenden „Katalysator“ (die gleiche Bezeichnung wie Ecopeace ein halbes Jahr später). Indien ist eines von 50 Ländern, die nicht zu den etwa 150 an der chinesischen Belt and Road Initiative („Neue Seidenstraße“) beteiligten Staaten gehören. IMEC wird daher ähnlich wie die Global Gateway Initiative der EU gern als Gegenstück oder Konkurrenz, als Anti-Seidenstraße gesehen. „Der Korridor würde eine physische und ideologische Alternative zu Chinas eigenem landesweiten Infrastrukturprogramm bieten.” So urteilte das Weiße Haus bei Abschluss des Memorandums.
Die ersten offiziellen Besucher nach Trumps Inauguration waren der israelische Ministerpräsident Netanjahu (auf Trumps Einladung hin, 04.02.2025), der König von Jordanien (11.02.2025) und der indische Premierminister (ab 12.02.2025, nach seinem Frankreich-Besuch). Während Trump nach Amtstritt vielfach bemüht war, Initiativen seines Vorgängers Biden zurückzunehmen, erklärt er auf der Pressekonferenz am 13. Februar, dass er den Plan des Handelskorridors von Indien über Nahost nach Europa wieder aufgreifen will. Modi seinerseits besucht 2025 auch die VAE und Jordanien, um IMEC (wieder) in Gang zu bringen.
Präsident Macron lud Zivilgesellschaft zur Paris Peace Conference am 13. Juni 2025 ein, über 500 Teilnehmende kamen und beschlossen den Paris Call For the Two-State Solution, der dann von den unter französischem und saudischem Vorsitz arbeitenden Staaten am 29.7. 2025 in die Vorlage der New York Declaration on the Peaceful Settlement of the Question of Palestine and the Implementation of the Two-State solution eingearbeitet wurde. Deutschland nahm nicht aktiv mit prominenten Repräsentant:innen an dieser Vorbereitung teil, begrüßte aber das Ergebnis und unterzeichnete die New York Erklärung während der UN-Generalversammlung im September 2025.
Amnesty International legte am 24. Juli 2025 eine Erklärung zur Pariser Friedenskonferenz vor, die eine deutlichere Sprache spricht und zum Beispiel ein Ende des Genozids sowie Druck auf Israel fordert.
EcoPeace freute sich über die Teilnahme ihrer siebenköpfigen Delegation an der Pariser Friedenskonferenz, darunter die jordanische Direktorin Yana Abu Taleb. Die palästinensische Direktorin Nada Majdalani sprach im Panel „Wiederaufbau des Gazastreifens: Von humanitärer Hilfe zur regionalen Integration“, und der israelische Direktor Gidon Bromberg leitete gemeinsam mit einem Kollegen die Arbeitsgruppe zur „Wirtschaftlichen Tragfähigkeit des palästinensischen Staates“. Beide Präsentationen konzentrierten sich auf das IMEC-Friedensdreieck.
G. Bromberg erörterte die Idee des Friedensdreiecks auch in Brüssel im Rahmen der Gespräche über den neuen EU-Pakt für das Mittelmeer und die EU-Nahoststrategie gegenüber der EU, Frankreich, Italien und Deutschland (die IMEC am 09.09.2023 unterzeichnet hatten). Auch Österreich, Griechenland, Zypern, Malta und Slowenien zeigen sich angetan von der EcoPeace Idee. Ausdrücklich wird von EcoPeace der deutsche Botschafter in Israel S. Seibert genannt, der die IMEC-Friedensdreieck-Strategie begrüßt. Die schwedische Botschafterin in Israel A. Rydmark empfing europäische Diplomat:innen zu einem EcoPeace-Briefing über das Friedensdreieck.
Der Angriff Israels und der USA auf den Iran und infolge der Blockade der Straße von Hormus haben die Chancen für eine Umsetzung des IMEC-Handelskorridors und der Friedensdreieck-Variante einerseits erhöht, andererseits stellen die Angriffe des Irans auf die Emirate eine Hürde für baldige Investitionen in die zu schaffende Infrastruktur dar. Alternative Routen und alternative Energielösungen sind in Diskussion. Dabei steht allerdings nicht die Schaffung von Frieden oder das Wohl der Menschen in der Region im Mittelpunkt, sondern die wirtschaftlichen Interessen und allenfalls die Versorgung der Menschen in Europa (mit Energie und nicht kriegs-verteuerten Waren).
Die gesamte Region Westasien wird fortgesetzt als Lieferant von Energie (bislang Öl und Gas, in Zukunft grüner Wasserstoff) für westliche Bedürfnisse gesehen. Israel ist dabei der europäische Vorposten im nahen östlichen Gebiet von Europa, nicht ein Staat unter anderen im westlichen Gebiet Asiens. – Das bezeichnen Kritiker:innen als koloniale Strukturen.
Eine andere Sicht auf die IMEC-Route
N. Arafeh und M. Turner greifen in einem Artikel für die Carnegie Stiftung über die Nachkriegspläne für Gaza Naomi Kleins Begriff „Katastrophenkapitalismus“ auf. „Darüber hinaus würde die Integration des Plans in das saudische NEOM-Projekt und den Wirtschaftskorridor Indien-Naher Osten-Europa (= IMEC) Gaza in einen Transitknotenpunkt verwandeln, der regionale Kapitalströme und Handelsrouten erleichtern soll, die die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Palästinenser umgehen. Diese Integration spiegelt die Denkweise des umfassenderen Abraham-Abkommens wider, das regionale Wirtschaftspartnerschaften ermöglicht hat, welche die Forderungen der Palästinenser marginalisieren.“ Sie sehen im Gazakrieg ein weiteres Beispiel, wo aus einer Katastrophe, einer massiven Zerstörung, gemäß Friedman Milton, ein kompletter Neuaufbau inszeniert werden soll und bezeichnen das als Katastrophenkapitalismus. Eine zufällige oder bewusst herbei geführte Katastrophe schafft durch Zerstörung Tabula Rasa, eine Chance durch völlige Freiheit für Unternehmen und den Marktmechanismen alles gänzlich neu aufzubauen.
Es bleibt festzuhalten, dass das Memorandum of Understanding für den Indien-Nahost-Wirtschaftskorridor (IMEC) am 9. September 2023, also schon vor dem Hamas-Übergriff am 7. Oktober 2023 vereinbart wurde und nun, gestützt von einer zivilgesellschaftlichen israelisch-jordanisch-palästinensischen Organisation, EcoPeace Middle East, als nachhaltige Lösung des gesamten Nahostkonflikts propagiert wird, Frieden durch internationale Privatinvestitionen und Handel.
Bundeskanzler Merz absolvierte seinen ersten Staatsbesuch bei Premierminister Modi in Indien zusammen mit 23 CEOs und Industrieführern. Die Abschlusserklärung (12.01.2026) hält fest: „Die Staats- und Regierungschefs bekräftigten ihre starke Unterstützung für den Wirtschaftskorridor Indien–Naher Osten–Europa (IMEC) und betonten dessen transformatives Potenzial zur Neugestaltung und Förderung des globalen Handels, der Vernetzung und des Wohlstands. In diesem Zusammenhang freuen sie sich auf das erste IMEC-Ministertreffen, um konkrete Schritte zur Weiterentwicklung dieser Initiative zu beschließen.
IMEC einschließlich das EcoPeace Friedensdreieck sind Deals, in denen die betroffene palästinensische und auch israelische und jordanische Bevölkerung nicht gefragt wird.
Deals, in denen das+ in der UN-Charter verankerte Selbstbestimmungsrecht der Völker außer Acht gelassen wird.
Deals, die weder Klimagerechtigkeit noch gerechten Frieden bewirken.
Deals, die sogar falsche Lösungen für die Klimafrage präsentieren, denn hier werden Wasser und Land (der einheimischen Bevölkerung) in einem Maße verbraucht, was Umweltzerstörung und Erderwärmung vorantreibt: Hier wird aus Wasser in der wasserärmsten Region der Welt, SWANA (Südwestasien und Nordafrika) mit Elektrolyse unter Verwendung von Solarenergie, gewonnen auf „menschenfreiem“ kriegszerstörtem Land, grüner Wasserstoff produziert und dann aus der Region hinaus zur Versorgung von Menschen im globalen Norden exportiert.










