Wenig hört man noch über Gaza. Wie geht es den Menschen im palästinensischen Küstenstreifen, der in weiten Teilen von Israel zerstört und zerbombt wurde? Unser Mitarbeiter Abdullah Younis aus Gaza berichtet in einer kleinen Artikelserie – und sagt auch, wie man die Menschen unterstützen kann.
Bei den ersten Sonnenstrahlen des Morgens wacht Khaled Barakat (38) in seinem abgenutzten Zelt westlich von Gaza-Stadt auf. Die Stimmen seiner Kinder fragen nach Wasser. Barakat hat keine Möglichkeit, die Antwort aufzuschieben, denn Durst duldet keinen Aufschub. Mit leeren Plastikkanistern laufen seine Kinder jeden Tag hinter ihm her durch Zelte und Sand und suchen nach irgendeiner Quelle für Trinkwasser. Es ist eine Reise, die seit Monaten fester Bestandteil ihres Alltags geworden ist.
Barakat sagt, während er sich den Schweiss aus dem Gesicht wischt in der brütenden Sommerhitze gegenüber Zeitpunkt: «Wir denken zuerst an Wasser und dann erst an Essen. Meine Kinder schlafen ein und wachen auf mit der Frage: Werden wir heute Wasser finden?» Jeden Morgen läuft der Vater mit seiner Familie lange Strecken zu Wassertransportern oder den wenigen verfügbaren Verteilpunkten. Oft kehren sie mit leeren Händen zurück wegen Überfüllung oder erschöpften Vorräten.
In ihrem Zelt stehen leere Kanister in der Ecke, als wollten sie die Familie täglich an die endlose Krise erinnern. Seine Frau versucht, jeden Tropfen Wasser einzuteilen – einen kleinen Teil zum Trinken, einen weiteren zum Kochen –, während die Kinder wegen der Knappheit oft auf Waschen oder Baden verzichten.
Erschöpft fügt Barakat hinzu: «An manchen Tagen kaufen wir Wasser zu extrem hohen Preisen. Und wenn wir uns das nicht leisten können, trinken wir, was gerade verfügbar ist, auch wenn es nicht sauber ist.» Seine Kinder litten wiederholt unter Bauchschmerzen und Durchfall, aber er habe keine andere Wahl.
Das Leiden der Familie verschärft sich durch die zunehmende Sommerhitze, denn die Plastikzelte verwandeln sich in regelrechte Backöfen, in denen die Kinder grössere Wassermengen brauchen, um Dehydration zu vermeiden. Barakat: «Ich fühle mich hilflos, wenn ich meine Kinder durstig sehe. Der Krieg hat uns ohne Zuhause, ohne Sicherheit und ohne sauberes Trinkwasser zurückgelassen.»
Zusammenbruch der Wasserversorgung
Vor dem Krieg stützten sich die Bewohner Gazas hauptsächlich auf Entsalzungsanlagen in den Wohnvierteln sowie auf haushaltseigene Wasserfiltersysteme. Es war eine Teil-Lösung für die chronische Wasserverschmutzung in Gaza.
Seit Ausbruch des Krieges ist Trinkwasser jedoch zu einer der komplexesten täglichen Krisen für Vertriebene und Bewohner geworden. Viele Entsalzungsanlagen wurden zerstört oder mussten wegen Stromausfällen und Treibstoffmangel den Betrieb einstellen. Zudem fehlen haushaltseigene Wasserfilter und Ersatzteile wegen der Grenzschliessungen und Einschränkungen bei der Einfuhr von Gütern. Der Krieg hat die Wasserinfrastruktur Gazas weitgehend zerstört – Wasserleitungen, Brunnen, Pumpstationen und Abwassersysteme – und die Durstkrise massiv verschärft.
Mit dem Zusammenbruch der sauberen Wasserquellen gehen die Bewohner dazu über, primitive Brunnen zu graben und auf salziges und unsicheres Grundwasser zurückzugreifen, um den täglichen Haushaltsbedarf wie Waschen und Putzen zu decken. Dieses Wasser enthält jedoch hohe Salz- und Schadstoffkonzentrationen und ist besonders für Kinder und Ältere gefährlich zum Trinken.
In einem der Vertriebenencamps westlich von Gaza-Stadt sitzt Reda Aziz (37) vor ihrem Zelt und beobachtet, wie ihre drei Kinder eine kleine Wasserflasche sorgfältig teilen. Seitdem ihr Mann im Krieg getötet wurde, ist die Frau allein für ihre Familie verantwortlich. Die Suche nach Trinkwasser ist neben Trauer, Vertreibung und Hunger zu einer weiteren täglichen Belastungeworden.
Sie erzählt Zeitpunkt müde: «Ich gehe morgens los und laufe lange Strecken, nur um einen Karren zu finden, der Trinkwasser verkauft. Manchmal komme ich mit leeren Händen zurück, manchmal kaufe ich Wasser, ohne die Herkunft zu kennen, weil meine Kinder den Durst nicht mehr aushalten.»
Sie erklärt, dass die Preise für Trinkwasser wegen der hohen Nachfrage und knappen Vorräte stark gestiegen sind. Manchmal muss sie die Trinkmenge ihrer Kinder reduzieren. «Meine Kinder fragen wegen der Hitze ständig nach Wasser, aber ich habe Angst, dass der Vorrat schnell aufgebraucht ist.»
Obwohl das Wasser angeblich zum Trinken bestimmt ist, zweifelt sie an dessen Sauberkeit und Sicherheit. Sie sagt: «Das Wasser hat manchmal einen seltsamen Geschmack und Geruch, aber wir sind gezwungen, es zu trinken.» Sie weist darauf hin, dass ihre drei Kinder immer wieder unter Magenkrämpfen, Bauchschmerzen und Durchfall leiden, aber sie habe kein Geld für besseres Wasser oder eine kontinuierliche medizinische Behandlung.
Während sie ihr jüngstes Kind zu beruhigen versucht, fährt sie fort: «Ich habe jeden einzelnen Tag Angst. Ich weiss nicht, ob ihre Krankheiten vom Wasser, vom Hunger oder vom Leben hier generell kommen.» Sauberes Wasser sei für ihre Familie zu einem fernen Traum geworden – inmitten des andauernden Krieges und der sich verschlechternden humanitären Lage in den Vertriebenencamps.
Mit den Sommertemperaturen wachsen die Befürchtungen unter Tausenden vertriebenen Familien in West-Gaza-Stadt vor der Ausbreitung von Krankheiten durch verunreinigtes Wasser und Dehydration, während die Trinkwasserkrise weiter das Leben der Bewohner bedroht, die nun einen täglichen Überlebenskampf führen.
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Eine «beispiellose Katastrophe»
In einer Stellungnahme erklärte der UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf sicheres Trinkwasser und Sanitärversorgung, Pedro Arrojo-Agudo, dass der Gazastreifen mit einer beispiellosen humanitären Katastrophe konfrontiert sei wegen der weitgehenden Zerstörung der Wasserinfrastruktur. Er beschuldigte Israel, Wasser als Kriegswaffe einzusetzen, was gegen das humanitäre Völkerrecht verstosse.
Rund 90 % der Wasserentsalzungs- und -aufbereitungsanlagen seien während des Krieges zerstört oder direkt beschädigt worden, während die Bewohner Gazas auch Monate nach dem Waffenstillstand weiter unter schwerem Trinkwassermangel litten.
Arrojo-Agudo wies darauf hin, dass die Menge an sicherem Trinkwasser derzeit höchstens 10 % dessen betrage, was vor dem Krieg verfügbar war. Er warnte vor der Ausbreitung von Krankheiten durch verunreinigtes Wasser, besonders bei Kindern und Älteren, sollten die Wasseraufbereitungsanlagen weiterhin stillgelegt bleiben oder nicht repariert werden. Er fügte hinzu, dass die Zerstörung von Brunnen und Wasserreservoires sowie Einschränkungen bei der Arbeit internationaler Organisationen die humanitäre Krise verschärft hätten. Die Wiederinbetriebnahme von Entsalzungsanlagen und die Sicherstellung der Wasserversorgung seien dringende Prioritäten, um Leben zu retten.












