Angesichts der planetaren Polykrise ist es an der Zeit, den vorherrschenden Strang des westlichen Denkens infrage zu stellen, demzufolge nur Menschen Rechte besitzen und andere Spezies lediglich zum Nutzen des Menschen existieren. In ihrem Beitrag zur „Deep Democracy“-Reihe schlagen Shrishtee Bajpai und Ashish Kothari eine erdverbundene Regierungskunst vor. Dabei handelt es sich um eine Form der demokratischen Selbstverwaltung, die auf dem Verständnis beruht, dass alle Spezies und die Natur als Ganzes Träger*innen von Rechten sind.
„Wir sitzen um das Feuer herum und lauschen den Geschichten. Ich komme aus Tharaka – dem Land der Bienen. Bienen sind sehr weise. Bienen wissen, wie man Pflanzen auswählt. Bienen kamen aus dem Meer und aus den tiefen Gewässern. Es gibt einen Weg, auf dem wir ins Land der Bienen gelangten. Unsere Sippen stammen von Tieren ab, und unsere Verwandten sind Schlangen, Elefanten, Affen und Bäume. Sie sind bei uns, wenn wir Entscheidungen treffen“, sagt Simon Mitambo aus der Tharaka-Gemeinschaft in Kenia.
Für Simon und seine Gemeinschaft sowie für zahlreiche andere indigene Völker und lokale Gemeinschaften auf der ganzen Welt deutet dies auf ein tieferes, weiseres und lebensbejahenderes Demokratieverständnis hin als das derzeit vorherrschende. In diesem Konzept ist die erdverbundene Regierungskunst verankert, eine Form der Entscheidungsfindung, die sich nicht allein auf den Menschen konzentriert, sondern auch den Rest der Natur einbezieht.
„Wir sind für unsere Selbstverwaltung verantwortlich und müssen sicherstellen, dass alle gleichermaßen Gehör finden, einschließlich der übrigen Natur. Das ist in einem Panchayat (gewählter Dorfrat) nicht möglich, wo alles von Parteipolitik bestimmt wird“, sagt Tsewang Gyalson Lachungpa. Er ist Ältester des Dorfes Lachung, das im östlichen Himalaya im Bundesstaat Sikkim nahe Indiens Grenze zu Tibet auf einer Höhe von etwa 3.000 Metern über dem Meeresspiegel am Zusammenfluss der Flüsse Lachung Chu und Lachen Chu liegt.
Probleme der liberalen Demokratie
Mit dieser Aussage verdeutlicht Tsewang Gyalson die Probleme der modernen repräsentativen oder liberalen Demokratie. Ein solches Regierungsmodell stützt sich stark auf Wahlen und Parteipolitik, schürt Feindseligkeiten zwischen Teilen der Bevölkerung, begünstigt diejenigen, die über reichlich finanzielle und andere Ressourcen für den Wahlkampf verfügen (die dann ihre Ausgaben oft mit zweifelhaften Mitteln ‚wieder hereinholen‘ müssen) und führt in der Regel dazu, dass die Macht in den Händen einiger weniger konzentriert wird.
Wie Murray Bookchin und Abdullah Öcalan hervorgehoben haben, stützt sich das Nationalstaatsmodell auf die Logik, dass Natur und kolonisierte Völker Dinge sind, die erobert, assimiliert, beherrscht und ausgebeutet werden müssen. Diese Logik wurde durch die kapitalistische und ressourcenausbeuterische Moderne weiter gestützt und bekräftigt. Es wurde behauptet, die einzige Möglichkeit, das Leben zu organisieren, sei eine zentralisierte Regierung, die den ‚Massen‘ ‚Wohlstand‘ verschaffen könne. Dies diente als Rechtfertigung dafür, Gebiete indigener Völker und lokaler Gemeinschaften für nationalistische Ziele wie ‚Entwicklung‘ und ‚Sicherheit‘ zu übernehmen.
Wenn also jemand wie Gyalson sagt: „Wir wollen unsere Ökosysteme nicht durch Tunnel durchbohren. Wir wollen unsere Flüsse nicht aufstauen. Alles, was wir haben, sind unsere Flüsse, Berge und Wälder. Wenn wir sie zerstören, können wir nicht überleben. Auch wir werden zerstört werden“ – dann steht seine Weltanschauung in direktem Konflikt mit der vorherrschenden, ausbeuterischen Weltanschauung, die die Natur als Ware betrachtet und sie im Streben nach ‚Fortschritt‘ (in seiner eng gefassten, modernistischen westlichen Bedeutung) zerstört.
Notwendigkeit von Selbstverwaltung
Mohandas (Mahatma) Gandhi und Rabindranath Tagore betonten nachdrücklich die Notwendigkeit von Swaraj (Selbstverwaltung) als Form der demokratischen Dezentralisierung und wahren Unabhängigkeit. Dabei handelte es sich nicht nur um einen politischen, sondern auch um einen spirituellen, wirtschaftlichen und ökologischen Kampf.
David Graeber und David Wengrow beschreiben in ihrem Buch „The Dawn of Everything“, wie indigene Völker in Nordamerika und Südamerika eine bemerkenswerte Vorstellungskraft bei der Organisation und Steuerung von Gesellschaften jenseits der Logik des Nationalstaats an den Tag legen. In diesem Artikel zeigen wir auf, dass diese alternativen Ansätze von verschiedenen Gemeinschaften in Indien und dem Rest der Welt weiterhin aufgebaut und gepflegt werden.
Diese Gemeinschaften bieten interessante Erkenntnisse darüber, wie Demokratie und Regierungskunst tatsächlich aussehen können. Dabei folgen wir diesem Ansatz: Wir idealisieren lokale Gemeinschaften nicht (insbesondere angesichts der Tatsache, dass viele von ihnen geschlechtsspezifische und andere Ungleichheiten aufweisen), sondern heben das Experimentieren, die Vorstellungskraft, die ökologische Weisheit, die Freude sowie die Beherrschung der „Kunst, nicht regiert zu werden“ hervor.
Alternativen zur liberalen, anthropozentrischen Demokratie
In den im Februar 2025 in Südafrika vor einer Versammlung indigener Völker, lokaler Gemeinschaften und zivilgesellschaftlicher Bewegungen aus über 20 Ländern vorgetragenen Erzählungen wurde deutlich, dass wir nicht an der liberalen Demokratie festhalten können, wenn wir nach wahrhaft partizipativen Formen der Regierungskunst suchen.
Dieses globale Treffen zu radikaler Demokratie, Autonomie und Selbstbestimmung wurde vom Global Tapestry of Alternatives, der Academy of Democratic Modernity, der Jineoloji Academy, der WoMin Allianz und dem Amadiba Crisis Committee organisiert. Es bot den Gemeinschaften die Gelegenheit, ihre Konzepte und Praktiken radikaler Demokratie vorzustellen, mit dem Ziel, Entscheidungsgewalt breit zu verteilen. Sie betonten, dass die Grundlagen ihrer Konzepte nicht in hegemonialer Macht und Profit lägen, sondern in Gerechtigkeit, Gleichheit und Respekt – sowohl unter den Völkern als auch gegenüber der übrigen Natur.
Die gastgebende Gemeinschaft, das Amadiba-Volk von Xolobeni, gewährte einen Einblick in die Funktionsweise seiner Regierungskunst. Zwar gibt es strukturelle Hierarchien von lokalen Unterhäuptlingen bis hin zum König, doch in der Praxis verfügen die Menschen über beträchtliche Macht, Entscheidungen zu treffen und zu beeinflussen. Politische oder traditionelle ‚Führer‘, die versucht haben, sich mit ausbeuterischen Kräften von außen – wie Bergbauunternehmen – zu verbünden, wurden abgesetzt. Aus verschiedenen historischen Gründen haben Frauen hier ein deutlich größeres Mitspracherecht als in vielen anderen Gemeinschaften in Südafrika. Eine entscheidende Grundlage der Autonomie ist, dass das gesamte Land als Gemeingut geführt und nicht privatisiert wird.
Auf der Versammlung wurden mehrere weitere solcher Beispiele vorgestellt: die indigenen Kuna in Panama, das Volk der Lachung in Sikkim, Indien, die Karen in Burma-Myanmar, die Kurden in Zentralasien (insbesondere in Rojava, Syrien), die Tharaka-Gemeinschaft in Kenia, das Volk der Sarayaku in Ecuador sowie die Tao und andere indigene Völker in Taiwan. Obwohl sie nicht anwesend waren, wurde die autonome Region der Zapatist*innen in Mexiko oft als Beispiel angeführt.
In all diesen Fällen akzeptieren die Menschen weder die Herrschaft nationaler Regierungen noch die von kapitalistischen Konzernen, sondern setzen eigene Regierungssysteme durch. Ihnen ist jedoch auch bewusst, dass es in ihren Gemeinschaften interne Ungleichheiten und Konflikte (geschlechtsspezifische, ethnische usw.) gibt. Ein wesentlicher Teil ihrer Initiativen besteht daher darin, marginalisierten Gruppen mehr Mitspracherecht zu verschaffen und Bedingungen für mehr Gleichheit und Gerechtigkeit zu schaffen.
Elemente der erdverbundenen Regierungskunst
Im Kern der erdverbundenen Regierungskunst steht die innewohnende Weisheit und das ethische Verständnis, dass menschliche Gemeinschaften Teil der Natur sind. Daher müssen die mehr-als-menschlichen Gemeinschaften, die zum Netz des Lebens gehören, integraler Bestandteil der Regierungskunst sein. Indem Gemeinschaften den Wegen oder Gesetzen von Flüssen, Bergen, Waldgottheiten und anderen zuhören und ihnen folgen, bekräftigen sie eine Lebensweise, die im Rhythmus und in den Stimmungen der natürlichen Welt verankert ist. Dabei geht es nicht nur darum, sich an die Natur anzupassen, sondern auch darum, anzuerkennen, dass dieses Netz das Leben wie ein Bindegewebe durchzieht.
Auffällig bei allen oben genannten Beispielen ist die Fähigkeit der Gemeinschaft, Systeme zu entwerfen, die auf autonome Weise funktionieren, auf Prinzipien der kollaborativen Gestaltung basieren, auf den jeweiligen Ort eingehen und ökologisch sinnvoll sind. Mehrere Gemeinschaften gestalten ihre Regierungskunst als ‚Designs of Coherence‘ – mit einer gründlichen, klaren und nicht- bzw. dekolonialen Perspektive. Sie bauen bewusst Systeme auf, die das Lokale fördern, die moralische Verantwortung stärken, Kosten verinnerlichen und kollektive Zurückhaltung wahren.
An vielen dieser Beispiele ist die Rolle und das Wesen von Macht interessant. Es gibt keine einheitliche Art und Weise, wie Macht wirkt, aber wir können beobachten, dass sie im Großen und Ganzen in Fürsorge verwurzelt ist. Macht existiert zwar, ist jedoch dem Feedback durch das Handeln anderer in menschlichen Gemeinschaften sowie durch das Land, die Berge, Flüsse und Ökosysteme, in denen diese Gemeinschaften leben, untergeordnet. Es gibt keine Autorität ohne Verantwortung. Die in vielen dieser Praktiken verankerte Vision besteht darin, eine Bewegung aufzubauen, die für die Souveränität der Natur gegenüber der staatlichen Souveränität kämpft. Dies geschieht, indem die Bewegung als Hüter*innen der Lebensräume fungiert, die alle Lebewesen und Wesen umfassen.
Es ist diese Erkenntnis, die das tägliche Leben der Menschen, ihren kollektiven Lebensunterhalt und ihre saisonalen Produktionsaktivitäten – einschließlich ihrer Institutionen – auf einzigartige Weise verkörpert. Zeremonien und Rituale sind Teil der kontinuierlichen Wiederherstellung bzw. Erneuerung dieser Beziehungen. Die meisten von uns in modernen, industriellen und städtischen Kontexten haben die Fähigkeit verloren, Beziehungen zu nähren, die menschliche und übermenschliche Verbindungen ermöglichen. Erdverbundene Regierungskunst kann jedoch nur gedeihen, wenn diese Beziehungsfähigkeit Teil des Alltagslebens wird.
Eine Ästhetik-Ethik des Lebens
In der radikalen Demokratie und der erdverbundenen Regierungskunst treffen Gremien in kollektiven, demokratischen Prozessen Entscheidungen darüber, wie die Gemeingüter verwaltet, genutzt und erhalten werden sollen. Die Ethik der Gemeingüter und der Hüter*inrolle ist für eine solche Regierungsform von zentraler Bedeutung. Die oben beschriebenen Gemeinschaften weisen eine Pluralität an politischer Repräsentation, Überzeugungen, Interessen und Lebensweisen (einschließlich rechtlicher und anderer Formen des institutionellen Pluralismus) auf und verkörpern damit pluriversale radikale Demokratien.
Ein weiteres entscheidendes Element, das sich in vielen dieser Praktiken und Weltanschauungen erkennen lässt, ist die nahtlose Integration von Schönheit und Ethik, eine Ästhetik-Ethik des Lebens. Ein ästhetischer Blick auf die Natur, der ihre unglaubliche Schönheit in ihren Elementen, Funktionsweisen und Rhythmen wahrnimmt, ist untrennbar damit verbunden, ihr mit Respekt zu begegnen – genauso wie wir Schönheit in menschlichen Kunstwerken sehen. Vielfalt selbst wird zu einer Ethik, die in indigenen und gemeinschaftlichen Weltanschauungen weit verbreitet ist – im Gegensatz zur homogenisierenden Tendenz der vorherrschenden, kolonialen westlichen Ideologie.
Dies führt uns zu unserem letzten, aber nicht weniger wichtigen Element: der Infragestellung eines vorherrschenden Strangs des westlichen Denkens, demzufolge nur Menschen Rechte besitzen und andere Arten lediglich zum Nutzen des Menschen existieren. Eine erdverbundene Regierungskunst basiert hingegen auf dem Verständnis, dass alle Arten und die Natur als Ganzes Träger*innen von ‚Rechten‘ sind – oder, um es weniger formell auszudrücken, Respekt und Gleichbehandlung verdienen. Dies bringt fantasievolle und radikal alternative Wege des Seins in der Welt deutlich zum Ausdruck.
Als das Adivasi-Volk (indigene Bevölkerung) der Dongria Kondh in Indiens Bundesstaat Odisha gefragt wurde, ob das aus England stammende Unternehmen Vedanta in ihren Hügeln Bergbau betreiben dürfe, antworteten sie, dass eine solche Entscheidung nur im Gespräch mit der Gottheit der bewaldeten Hügel, Niyamraja, getroffen werden könne. Damit – und durch die letztendliche Ablehnung des Bergbauvorhabens – praktizierten diese Menschen eine Form der erdverbundenen Regierungskunst, von der wir alle lernen können.
Anmerkung der Redaktion von BG | berlinergazette: Das Buch „What Makes Governance Earthy?“ von Shrishtee Bajpai und Ashish Kothari wird noch in diesem Jahr in der Reihe Oxford Handbook of Multispecies Justice bei Oxford University Press erscheinen.
Shrishtee Bajpai · · · Deep Democracy
Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung von BG | berlinergazette übernommen. Wir danken herzlich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.










