Bevor ich das Thema der Friedenserziehung anspreche, das für ProMosaik unter einem interkulturellen und interreligiösen Gesichtspunkt von wesentlicher Bedeutung ist, möchte ich versuchen, den Begriff des Friedens in einer Mosaikkultur zu definieren. Ein guter Ansatz ist meiner Meinung nach der etymologische Ansatz in Form eines multiperspektivischen Polylogs, indem man verschiedene etymologische Ansätze zusammenführt und miteinander verbindet.

Von Milena Rampoldi, ProMosaik

Der germanische Begriff „vride“ nimmt Bezug auf die Versöhnung, auf die Nähe, Eintracht und Harmonie. Er steht für die Abwesenheit von Krieg, aber eine ältere Nebenbedeutung, die wir nicht ausklammern sollten, bezieht sich auch auf die Abgrenzung, die Umzäunung, das heißt indirekt auf die Wahrung meiner Identität im Mosaik der Kulturen. Ich verfärbe mich somit nicht und behalte meine chromatische Nuance im Mosaik bei.

Der lateinische Begriff „pax“ geht auf den Begriff „pak/pag“ zurück, der im Sanskrit üblich war und befestigen, zusammenbinden, verbinden bedeutete. Hier rückt die Einheit in den Vordergrund und verdrängt ein wenig die Differenzierung und das Anderssein. Friede vereint Menschen und schafft Harmonie unter ihnen. Somit stellt der Begriff pak/pag einen Rückbezug auf die Utopie des harmonischen Weltbürgertums dar, in dem gesellschaftlicher und universaler Friede das Spiegelbild der inneren Harmonie des Einzelnen, somit des Mikrokosmos, sind.

In den semitischen Sprachen Arabisch und Hebräisch nimmt der Friedensbegriff Bezug auf das Wohlbefinden im persönlichen, sozialen und politischen Sinne, auf die Einheit und Unversehrtheit und somit auch auf die Gesundheit. Eine friedliche Gesellschaft bedeutet demzufolge eine vereinte, gesunde und unversehrte Gesellschaft.

Der Friede hängt von uns allen ab und ist für ProMosaik eine soziopolitische Aufgabe jedes Einzelnen. Denn ein Tyrann ist nur ein Tyrann, weil er unterstützt wird. Und der Krieg ist kein Krieg mehr, wenn keiner hingeht und sich keiner an den Kriegshandlungen beteiligt. Es geht darum, unsere Fähigkeit zur Friedensstiftung zu aktivieren, denn dieser Wunsch nach Frieden unter allen oben aufgegriffenen etymologischen Gesichtspunkten schlummert in uns allen. Wir alle können etwas für den soziopolitischen Frieden in unserer Umgebung und in der Welt tun. Wir haben das Recht, uns einzumischen, Zivilcourage an den Tag zu legen und Missstände in unserer Gemeinschaft und Gesellschaft offen zu kritisieren, die dem Frieden schaden. Wer schweigt, ist ein Komplize der Diktatur, der Unfreiheit und des Unfriedens. Wer schweigt, fördert faschistische Entwicklungen in einer Gesellschaft.

Gleichzeitig geht es um Gewaltforschung. Wir müssen uns mit der Gewalt und ihren Rechtfertigungen in den Kulturen und Religionen dieser Welt auseinandersetzen. Der Friede ist das soziopolitische Produkt einer Friedenserziehung. Wir emanzipieren uns von der Gewalt durch die Erziehung, durch die Erziehung zum Frieden. Erziehung sollte aber nicht im Sinne des „Er-Ziehens“ oder des „E-ducere“ erfolgen, sondern eher gemäß der arabischen Etymologie der „Tarbiya“. „Tarbiya“ nimmt Bezug auf Steigerung, Wachstum und Erhabenheit, Autonomie. Ich treibe dich nicht in eine Richtung, sondern lasse dich wachsen. Ich nehme dich an. Ich respektiere dich. Wer nicht angenommen wird, der tötet. Kain tötet Abel und nicht umgekehrt. Hier findet sich der Kern einer authentischen Friedenserziehung im Rahmen einer Mosaikkultur. Kinder sollen emotional einbezogen werden. „Tarbiya“ basiert auf Selbstkritik und auf holistischer Erziehung des Charakters im Sinne der Wahrheit, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit. Unterdrückung in der Erziehung führt zu einer misslungenen Beziehung zum eigenen Ich.

Alfred Adler spricht von Minderwertigkeitsgefühl. Und dieses Minderwertigkeitsgefühl hat eine unglaubliche Bezogenheit zum Krieg. Wer sich minderwertig fühlt, hat einen unstillbaren Drang, sich aus dem Sumpf seiner Minderwertigkeit rauszuziehen. Dieser Mensch strebt dann nach Macht und heiligt alle Mittel, um die Macht zu erhalten. Und eine der besten Methoden zwecks Erhalts von Macht ist Krieg.

Wenn ich mich bejahe und mich liebe und als Mensch erzogen werde, widersetze ich mich jeglicher Kriegskultur und Rechtfertigung von Gewalt.

Friedenserziehung unterstützt Pluralität, die Vielfalt von Meinungen und verschiedenen Standpunkten in einem selbst. Demokratie ist in mir. In mir ist nicht die Diktatur, die nur eine Meinung zulässt. Man darf den Zweifel nicht unterdrücken. Friede ist nicht Ordnung, sondern Zulassen von Pluralität, ganz im Sinne von Erich Fried.

Und in diesem Sinne befasst sich ProMosaik mit der Gewalt im Menschen, die sich in zahlreichen Menschenrechtsverletzungen äußert, wie Genitalverstümmelung der Frau, Tötung weiblicher Föten, Brustbügeln, Sklaverei, Zwangsprostitution, Vergewaltigung, sexuellen Missbrauch von Kindern, Krieg, Terrorismus, Kolonialismus, Imperialismus, Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit.

Frieden bedeutet für ProMosaik die Anerkennung dessen, dass das Leben ein Konflikt ist. Meine Triebe und meine Leidenschaften gehören zu mir und zu meinem Frieden. Der Friede ist nicht statisch. Friede bedeutet nicht Ruhe, sondern Dynamik, Polylog, Mehrstimmigkeit und so auch der Kontakt zu meinen tiefsten Leidenschaften. Politik ist emotional. Und Politik muss emotional sein.

Sexualität gehört zum Frieden. Und so auch meine Konfliktbereitschaft. Denn wenn ich unzufrieden bin, verfalle ich dem Krieg. Glückliche Menschen schaffen einen dynamischen Frieden mit Veränderungspotenzial und Umsturzästhetik. Statischer Friede hingegen ist für mich die Vorstufe zu Diktatur und Krieg.

Feindbilder entstehen, weil wir unsere Widersprüche unterdrücken und dann die negativen Aspekte in uns selbst nicht mehr sehen und auf Andere projizieren und dann den Zeigefinger gegen diese Anderen erheben, die nichts anderes zeigen und sichtbar machen als das, was in uns selbst ist.

Der Originalartikel kann hier besucht werden