Unsere Autorin hat erlebt, wie es sich auswirkt, wenn sich Angehörige für eine assistierte Freitodbegleitung entscheiden. Oder eben nicht.
von Heike Galensa
Im Jahr 2025 musste ich mich mit zwei Entscheidungen auseinandersetzen, die mein Leben stark beeinflusst und verändert haben. Der Mann, mit dem ich fast 27 Jahre lang mein Leben geteilt habe, beschloss, sein Leben mit Hilfe der assistierten Freitodbegleitung zu beenden. Und mein Vater, unheilbar krebskrank, entschloss sich, das gerade nicht zu tun – obwohl es seit einer niederschmetternden Krebsdiagnose eigentlich sein fester Plan gewesen ist.
Beide Entscheidungen waren die von mündigen Bürgern. Beide Männer sind Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben, kurz DGHS, geworden, weil sie die Freiheit haben wollten, ihr Lebensende selbst in die Hand zu nehmen. Und ich finde, das steht ihnen zu – ganz egal, was ich oder andere davon halten.
Meine Eltern waren über 40 Jahre verheiratet, ein eingeschworenes Team, das sich innig liebte und zusammenhielt. Als mein Vater 1995 an Prostatakrebs erkrankte, begann er mit aller Kraft zu kämpfen. Damals bedeutete die Diagnose die Entfernung der Prostata durch die Blase, die durch die Operation stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Mit nur 60 Jahren wurde mein Vater impotent und inkontinent. Doch diese Beeinträchtigungen änderten nichts an seiner Lebenslust und seinem Lebenswillen.
Auch für meine Mutter stand felsenfest: Sie beide würden sich vom Krebs nicht unterkriegen lassen. Und sie schafften es. Fast 30 Jahre lang genossen sie ihr gemeinsames Leben. Vor drei Jahren haben sie sogar ihr Ehegelübde noch mal erneuert. Eine ganz große Liebe.
Keine Chance auf Änderung seiner Meinung
Dann brachte ein Krankenhausaufenthalt die furchtbare Diagnose: Der Krebs ist zurück und hat metastasiert: in die Knochen, die Lunge, die Nieren. Wieder nahm mein Vater den Kampf auf.
Zu dieser Zeit hatte schon das Bundesverfassungsgericht sein Urteil zum selbstbestimmten Sterben gesprochen und mein Vater erfuhr von der DGHS und der Möglichkeit der assistierten Freitodbegleitung. Meine Eltern fassten einen Plan: Wir werden Mitglieder der DGHS. Und wenn alles Kämpfen keinen Sinn mehr macht, dann schieben wir unsere Pflegebetten zusammen, nehmen uns fest an die Hand und gehen gemeinsam aus dem Leben. Würdevoll und schmerzlos. Du und ich. Hauptsache zusammen.
Es kam anders. Als mein Vater Palliativpatient wurde und die Zeit heran war, den Antrag auf assistierte Freitodbegleitung zu stellen, brachte er es nicht über sich, zu unterschreiben. Er wollte doch lieber der Natur ihren Lauf lassen, sagte, er will so lange auf dieser Welt bleiben, wie es irgendwie geht, nicht auf einen einzigen Tag verzichten.
Mein Vater wurde 90 Jahre alt. Kurz nach seinem Geburtstag verließen ihn sehr schnell die Kräfte. Dank der Palliativmedizin war sein Tod weitgehend schmerzfrei, er schlief friedlich ein. Wir konnten uns alle von ihm verabschieden und er sich von uns. Das war schön und würdig. Meine Mutter blieb zurück. Sie akzeptiert Vaters Entscheidung natürlich. Doch sie fühlt sich fürchterlich allein gelassen.
Dieses Gefühl kenne ich nur zu gut. Und doch lief es bei mir ganz anders: Mein Lebensgefährte setzte mich von seinem Entschluss, diese Welt in nächster Zeit zu verlassen, schlicht in Kenntnis. Keine Diskussionen, keine Chance auf Änderung seiner Entscheidung. Alles hatte er hinter meinem Rücken schon organisiert: Der Antrag bei der DGHS lief, erste Gespräche mit Anwalt und Arzt waren geführt, die Bestattung war organisiert und bezahlt. Es gab keine unheilvolle Diagnose. Unsere Liebe war ungebrochen. Und doch: Er wollte nicht mehr.
Nahtoderfahrung als Kind
Er hatte keine Kraft und keine Lust mehr, sich mit dieser anstrengenden Welt auseinanderzusetzen, die sich in den letzten Jahren so massiv verändert hat. Oder seinen 76 Jahre alten Körper auszuhalten. Er hatte alles erlebt, was er sich gewünscht hatte, hatte die Welt gesehen, lebte in der längsten Friedens- und Wohlstandsperiode Deutschlands und 26 Jahre lang in einer liebevollen Beziehung. Nun war er lebenssatt.
Er wusste, was er mir damit antat. Wie sehr er mich verletzt, wenn er mich verlässt, alleine zurücklässt. Doch er konnte nicht anders.
Als wir uns kennenlernten, war Charly 50 Jahre alt. Was man ihm weder ansah noch anmerkte. Darauf war er stolz. Und auch darauf, eine 15 Jahre jüngere Frau erobert zu haben. Wir wussten beide, wir hatten unseren Seelenverwandten gefunden. Und wir genossen unser gemeinsames Leben in vollen Zügen.
Als mein Liebster, wie ich ihn fast 27 Jahre lang nannte, zum ersten Mal davon sprach, dass er auf sein Leben auch gut hätte verzichten können, waren wir schon einige Jahre zusammen. Ich war schwer irritiert: Sprach da der Mann, der sich vor Lachen biegen kann, der als Gourmet gutes Essen liebt, dem in Konzerten schon mal zutiefst bewegt Tränen in die Augen schießen, der sich bei Waldspaziergängen selbst verliert, mit dem ich leidenschaftlich liebe und lebe?
Charly erzählte mir, er wäre als Kind mit 42 Grad Fieber aufgrund einer Hirnhautentzündung gestorben, wenn seine Mutter ihn nicht im letzten Moment gerettet hätte. Seitdem weiß er, dass Sterben überhaupt nicht wehtut, sondern sogar richtig schön sein kann. Keine Ahnung, ob es diese Nahtoderfahrung war, die meinen Liebsten dazu gebracht hat, sein Dasein auf dieser Welt immer weniger wertzuschätzen. Fakt ist, dass er seit diesem ersten Mal im Abstand von einigen Jahren immer mal wieder Bemerkungen machte: Dass er keine Lust mehr habe zu leben, dass es unwichtig sei, ob er auf dieser Welt weile oder nicht, dass er Sehnsucht nach dem Sterben verspüre.
Corona als harte Zäsur
Natürlich habe ich als liebende und zutiefst lebensfrohe Partnerin immer wieder leidenschaftlich widersprochen, habe ihm manchmal Selbstmitleid unterstellt, manchmal Philosophentum, habe großen Ehrgeiz darauf verwendet, ihm zu zeigen, wie wunderbar das Leben sein kann. Und das ist mir auch immer wieder gelungen. Für einige Zeit. Doch mit zunehmendem Alter wurden die Abstände kürzer, in denen Charly seine „destruktiven Phasen“ hatte, wie er es nannte. Und die Möglichkeiten, ihn erfolgreich davon abzulenken, wurden weniger.
Seine wichtigsten Freunde waren verstorben. Der Job fiel weg und Charly bezog nur eine geringe Rente, weil er lange Zeit eine eigene Firma hatte und als Selbstständiger keine Altersvorsorge betrieben hat. Gleichzeitig brachte Corona in meine freiberufliche Tätigkeit als Autorin eine harte Zäsur, die einzige staatliche Hilfeleistung, die damals für mich infrage kam, war der Bezug von Hartz IV.
Das Geld war also knapp, doch wir kamen gut zurecht. Wir bekochten uns selbst köstlich, statt essen zu gehen. Kultur und Kino wurden strenger ausgewählt, unsere Lieblingsband hatte sich eh aufgelöst. Wir waren uns weitgehend selbst genug. So empfand ich es zumindest. Aber auch körperlich forderte das Alter seinen Tribut.
Rauchen machte auch keine Spaß mehr
Charly hasste jede Beeinträchtigung seiner Gesundheit aus tiefster Seele. Und ja, er hatte einige Einschränkungen zu verkraften: Ein Augeninfarkt nahm ihm die Hälfte der Sehfähigkeit auf einem Auge. Sein Herz erforderte Medikamente, die ihm die Libido und die Potenz nahmen. Er bekam fünf Stents implantiert. An den Beinen bildeten sich Krampfadern. Er konnte nicht mehr wie früher essen, was und wie viel er wollte, er nahm nun zu. Rauchen machte auch keinen Spaß mehr, nicht nur wegen der gesellschaftlichen Ächtung, auch wegen der zunehmenden Luftknappheit.
Er wurde 70 Jahre alt und wollte seinen Geburtstag nicht mehr feiern. Seinen 75. auch nicht. Als ehemaliger 68-iger und Hippie hatte er eh nicht damit gerechnet, so alt zu werden. Älter als seine Eltern, die beide in ihren Sechzigern einem Herzinfarkt erlegen sind. Immer öfter hörte ich, er wünscht sich einen schnellen, schmerzlosen Tod, möglichst im Schlaf, möglichst „gesund“. Ich konnte diesen Wunsch natürlich nachvollziehen, wer will das nicht?
Doch ich empfand seinen Gesundheitszustand als altersgemäß und nicht sonderlich dramatisch, hatte ich doch als Gegenpol die zunehmende Pflegebedürftigkeit meiner fast 90 Jahre alten Eltern vor Augen. Dagegen ging es Charly doch gut. Dachte ich. Und verkannte, wie sehr er litt.
Das wurde mir erst richtig bewusst, als er mich Ende Februar 2025 von seinem Entschluss unterrichtete, jetzt sterben zu wollen. Ich begriff es in den letzten drei Wochen, die ich noch mit ihm hatte und in denen wir viel redeten. In der bleiernen Zeit nach seinem Tod, in der mich die Trauer quälte.
Momente, in denen die Eigenliebe überwiegt
Natürlich respektiere ich seine Entscheidung. Doch sie macht mir auch bis heute arg zu schaffen. Es gibt Tage, an denen ich tolerant und verständnisvoll sein kann: Weiß ich, wie ich mich fühle, wenn ich 76 Jahre alt bin? Vielleicht geht es mir dann ähnlich. Es gibt Momente, in denen mein Stolz und meine Eigenliebe überwiegen: Ich möchte nicht mit jemandem zusammen sein, der lieber stirbt als an meiner Seite zu sein.
Sehr oft fühle ich mich wie meine Mutter fürchterlich allein und verlassen. Und weiß nicht, wohin mit all meiner Liebe für diesen Mann, der nun nicht mehr da ist … meinen Liebsten. Doch die meiste Zeit bin ich vor allem dankbar. Für die fast 27 Jahre währende glückliche Beziehung. Und dass es in Deutschland möglich ist, unser Lebensende selbst zu bestimmen.
Charly starb glücklich und erleichtert, schmerzlos, zuhause, zu seiner Lieblingsmusik. Mein Vater war glücklich, auch noch die letzte Sekunde Leben mitgenommen zu haben. Wir können uns nicht aussuchen, ob wir geboren werden. Doch wir sollten selbst entscheiden können, wie wir diese Welt wieder verlassen. Immer. Egal, aus welchem Grund. Davon sind meine Mutter und ich überzeugt. Und wir hoffen, dass der Bundestag diesem Grundrecht auch in Zukunft keinen Riegel vorschiebt.
Heike Galensa, 1963 geboren, arbeitet als freie Autorin, Drehbuchautorin und Korrektorin. Sie wuchs in Prenzlauer Berg auf, wo sie bis heute lebt.
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