Viele Ostdeutsche konnten keine zusätzliche Altersvorsorge aufbauen. 73 Prozent von ihnen bestreiten ihren Lebensunterhalt zumeist nur aus der gesetzlichen Rente.
Von Günther Burbach für die Berliner Zeitung.
Rund 73 Prozent der Rentnerinnen und Rentner in Ostdeutschland bestreiten ihren Lebensunterhalt im Alter nahezu ausschließlich aus der gesetzlichen Rente. Im Westen liegt dieser Anteil deutlich niedriger. Dort verfügen wesentlich mehr Menschen zusätzlich über Betriebsrenten, private Rentenversicherungen, Kapitalerträge oder andere Einkommensquellen. Für viele Ostdeutsche dagegen bleibt die monatliche Rentenzahlung bis heute die wichtigste und oft einzige finanzielle Grundlage ihres Lebensabends.
Auf den ersten Blick wirkt diese Zahl nüchtern. Eine Statistik unter vielen. Doch hinter ihr verbirgt sich eine Geschichte, die man weder in Rententabellen noch in Regierungsberichten vollständig erfassen kann. Es ist die Geschichte einer Generation, die ihr Leben unter anderen Bedingungen geplant hat als die Menschen heute. Einer Generation, die davon ausging, dass jahrzehntelange Arbeit später einmal für ein sicheres Auskommen sorgen würde.
Wer noch in der DDR ins Berufsleben startete, dachte kaum über Aktienfonds, private Rentenprodukte oder Kapitalmärkte nach. Die Altersvorsorge war Teil eines staatlichen Systems. Man arbeitete, zahlte ein und erhielt später seine Rente. Das galt als selbstverständlich. Dann kam die Wiedervereinigung.
Viele Ostdeutsche mussten sich neu orientieren
Innerhalb weniger Jahre veränderte sich für Millionen Menschen nahezu alles. Betriebe verschwanden, Arbeitsplätze gingen verloren, Berufsbiografien gerieten ins Wanken. Viele Ostdeutsche mussten sich neu orientieren, Umschulungen absolvieren oder längere Zeiten der Arbeitslosigkeit überstehen. Wer Familie hatte, dachte in diesen Jahren selten an eine zusätzliche Altersvorsorge. Es ging zunächst darum, Arbeit zu finden und den Alltag zu bewältigen.
Wie sich diese Entwicklung bis heute auf viele Lebensläufe auswirkt, wurde mir vor einigen Wochen bei einem Besuch eines Bekannten in Stralsund deutlich. Herr K. gehört zu jener Generation, die den größten Teil ihres Arbeitslebens bereits hinter sich hatte, als die Wende kam.
An einem Vormittag sitzt der heute 71-Jährige in seiner Küche und sortiert die Post. Zwischen Stromrechnung, Versicherungsunterlagen und Werbeprospekten findet er seinen aktuellen Rentenbescheid.
Fast 45 Jahre hat er gearbeitet. Zunächst in einem volkseigenen Betrieb, später bei verschiedenen Arbeitgebern nach der Wiedervereinigung. Arbeitslos war er nur wenige Monate. Dennoch blieb am Ende keine große finanzielle Reserve übrig.
Wer jeden Monat rechnen muss, hat wenig Spielraum
„Wir haben immer gearbeitet“, sagt er. „Aber reich geworden ist dabei niemand.“ Heute erhält er etwas mehr als 1300 Euro Rente im Monat. Eine Betriebsrente bekommt er nicht. Eine private Rentenversicherung hat er nie abgeschlossen. Wertpapiere oder Fonds besitzt er ebenfalls nicht. Seine gesetzliche Rente ist das Einkommen, aus dem sich sein gesamter Alltag finanziert.
Mit dieser Lebensgeschichte steht Herr K. nicht allein. Viele Menschen seiner Generation verfügen über ähnliche Erwerbsbiografien. Jahrzehntelange Arbeit, oft körperlich belastende Tätigkeiten, dazu die Umbrüche der Neunzigerjahre und Einkommen, die lange Zeit deutlich unter westdeutschem Niveau lagen. Wer jeden Monat rechnen musste, hatte oft wenig Spielraum, um zusätzlich Geld für das Alter zurückzulegen.
Während heute regelmäßig über ETF-Sparpläne, private Altersvorsorge oder Aktienrenten diskutiert wird, spielte all das für viele Ostdeutsche über lange Zeit kaum eine Rolle. Nicht aus Desinteresse, sondern weil andere Sorgen näher lagen. Die neue Waschmaschine musste bezahlt werden. Das Dach brauchte eine Reparatur. Die Kinder sollten eine Ausbildung machen. Nach der Wende musste vielleicht ein Kredit aufgenommen werden oder die Arbeitsstelle stand plötzlich auf dem Spiel. Unter solchen Bedingungen entsteht selten ein Wertpapierdepot.
Dass die gesetzliche Rente im Osten bis heute eine größere Rolle spielt als im Westen, überrascht deshalb nicht. Über Jahrzehnte konnten zahlreiche Arbeitnehmer keine zusätzlichen Ansprüche aufbauen, die heute ihre Renteneinkünfte ergänzen würden. Die Unterschiede werden besonders sichtbar, wenn ältere Menschen über ihre finanzielle Situation sprechen.
Auch beim Vermögen gibt es erhebliche Unterschiede
Im Wartebereich einer Arztpraxis in Vorpommern, in einem Seniorentreff oder bei einem Plausch auf dem Wochenmarkt geht es selten um Aktiengewinne oder Immobilienerträge. Die Gespräche drehen sich meist um gestiegene Lebensmittelpreise, Heizkostenabrechnungen oder die Frage, ob man sich bestimmte Ausgaben noch leisten kann.
Dabei geht es keineswegs nur um Menschen mit kleinen Renten. Selbst viele Rentner mit durchschnittlichen Bezügen verfügen häufig über keine zusätzlichen Einkommensquellen. Während manche westdeutschen Haushalte neben der gesetzlichen Rente noch Betriebsrenten, Mieteinnahmen oder Kapitalerträge erhalten, fehlt diese zweite oder dritte Säule im Osten oftmals.
Auch beim Vermögen zeigen sich die Folgen unterschiedlicher Entwicklungen. Noch immer verfügen ostdeutsche Haushalte im Durchschnitt über deutlich geringere als westdeutsche Haushalte. Das betrifft nicht nur Immobilien oder Geldanlagen, sondern wirkt sich auch auf Erbschaften aus. Wer weniger Vermögen aufbauen konnte, kann später auch weniger weitergeben. Viele Familien kennen diese Situation.
Vielleicht wurde ein kleines Haus gebaut oder eine Eigentumswohnung abbezahlt. Große finanzielle Reserven entstanden dennoch nicht. Anders als in manchen Regionen Westdeutschlands, wo Vermögen über Generationen weitergegeben werden konnte, mussten viele ostdeutsche Familien nach der Wiedervereinigung wirtschaftlich praktisch neu beginnen.
Geprägt von Umbrüchen und Unsicherheiten
Für die Kinder und Enkel bedeutet das häufig andere Startbedingungen. Während manche junge Familien Unterstützung beim Immobilienkauf erhalten oder auf größere Erbschaften hoffen können, fehlen solche Möglichkeiten vielerorts im Osten. Doch trotz aller Unterschiede beklagen sich die meisten älteren Menschen erstaunlich selten. Wer mit ihnen spricht, hört oft andere Sätze. „Wir sind mit wenig ausgekommen.“ „Es hat immer irgendwie gereicht.“ „Andere haben es schwerer als wir.“
Diese Haltung begegnet einem häufig. Vielleicht auch deshalb, weil die Generation der heutigen Rentner Krisen, Umbrüche und Unsicherheiten erlebt hat, die jüngere Menschen nur aus Erzählungen kennen.
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Günther Burbach, Jahrgang 1963, ist Informatikkaufmann, Publizist und Buchautor.










