Die erste internationale Konferenz, bei der es ausschließlich um den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen ging, endete Ende April in der kolumbianischen Küstenstadt Santa Marta. An der von Kolumbien und den Niederlanden einberufenen Konferenz nahmen 57 weitere Staaten teil – Länder, die sich besonders stark für den Weg zu einer gerechten Energiewende engagieren. Die kolumbianische Umweltministerin Irene Vélez Torres erklärte in ihrer Eröffnungsrede, diese Konferenz solle ein anderer Rahmen sein als die COP, die UN-Klimagipfel. Länder, die den Prozess beschleunigen wollen, könnten dies tun, ohne auf diejenigen warten zu müssen, die weniger daran interessiert sind.
Wir sprachen darüber mit Renato Di Nicola, einem bekannten Aktivisten aus den italienischen Abruzzen, der mit einer Delegation der Klimakampagne „Fuori dal Fossile“ (Weg von den Fossilen) teilnahm.
Interview mit Renato Di Nicola
Du warst auch bei der COP30 in Belém (Brasilien) im November 2025. Welche Unterschiede hast du im Vergleich zu früheren Konferenzen festgestellt?
An der Konferenz in Santa Marta nahmen nicht nur Regierungen teil, sondern auch soziale Bewegungen, Verbände, Wissenschaftler*innen und Akademiker*innen, Gewerkschaften, indigene Gemeinschaften … alle waren dort versammelt, um zu diskutieren. Es hatte sich ein Teil der Welt versammelt, der ernsthaft darüber debattieren wollte, wie wir fossile Energieträger hinter uns lassen können. In Belém hingegen gab es viele geschlossene, abgeschirmte, unzugängliche Räume. Die gesamte Bürger*innenbewegung blieb fast völlig am Rande der Verhandlungen zwischen den Regierungen. Hier hingegen verlief die Konferenz fließend, die Debatten fanden an öffentlichen und zugänglichen Orten statt. In Santa Marta schien die Besprechung offener und inklusiver zu sein, da verschiedene Akteur*innen denselben Raum teilten. In Belém hingegen überwogen eher geschlossene Verhandlungsräume, in denen die Zivilgesellschaft außen vor blieb.
Was ist dir sonst noch positiv aufgefallen?
Sehr wichtig war die Präsenz der internationalen Gewerkschaften, die sich klar für die Notwendigkeit verbindlicher Beschlüsse aussprachen, aber auch den Fokus auf einen gerechten und sozial nachhaltigen Übergang legten; sowie auf die Notwendigkeit, Pläne zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt gemeinsam mit den Arbeitnehmer*innen und nicht gegen sie zu erstellen. Zudem wurde betont, dass Energie ein Gemeingut und ein Menschenrecht ist und als solches behandelt werden muss. Interessant war auch, dass in allen Bereichen, sowohl im sozialen als auch im institutionellen, das Problem der Verschuldung der Länder des Südens deutlich wurde, das mit der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zusammenhängt: Fossile Brennstoffe sind nicht nur ein Klimaproblem und schüren Kriege, sondern treiben auch die Verschuldung an. Sie schaffen eine schwer zu überwindende Abhängigkeit, eine regelrechte Monokultur, die der lokalen Wirtschaft keine Alternativen bietet. Es gibt arme Länder, die sich nur dank des Erdöls über Wasser halten und jede andere lokale Wirtschaft aufgeben.
Sehr wichtig war auch die Anwesenheit von international renommierten Wissenschaftler*innen und Forscher*innen, die ein Arbeitskomitee zur Unterstützung jener Länder gebildet haben, die den Übergang wirklich in Angriff nehmen wollen. Es gibt eine globale Sicht auf das Thema, aber gleichzeitig wurde betont, dass die Energiewende nur konkret vor Ort in den Territorien und Ländern umgesetzt werden kann.
Wurde auch über Kriege gesprochen?
Fossile Brennstoffe schüren Kriege, und Kriege werden wegen fossiler Brennstoffe geführt. Der Zusammenhang ist eng und untrennbar. Der Krieg gegen den Iran hat viele Länder aufgerüttelt und ihnen vor Augen geführt, dass keine Zeit mehr bleibt.
Und auf institutioneller Ebene: War Italien vertreten?
Italien wurde zur Teilnahme eingeladen, es hat nicht aus eigener Initiative gehandelt. Die italienische Präsenz (und das war für mich ein großes Manko) war nicht politischer, sondern technischer Natur. Die italienische Delegation bestand aus einer einzigen Person: Francesco Corvaro, dem Sonderbeauftragten für Klimafragen. Er sagte vernünftige und richtige Dinge, aber unsere Regierung hat nicht politisch Stellung bezogen. Es ist eine Regierung, die weiterhin in Infrastruktur auf Basis fossiler Brennstoffe investiert (LNG-Terminals, Gaspipelines usw.) und sogar die Stilllegung von Kohlekraftwerken hinauszögert.
Was wurde letztendlich beschlossen?
Eine globale Reduzierung des Verbrauchs und der Förderung von Erdöl und fossilen Brennstoffen, jedoch mit politischen Maßnahmen, die auf den jeweiligen Kontext abgestimmt sind, um etwas zu bewirken, ohne die lokale Wirtschaft oder die Arbeitnehmer*innen zu schädigen. Die Aufgabe, die sich die Staaten gestellt haben, besteht darin, Subventionen für fossile Brennstoffe zu identifizieren, um sie dann schrittweise abzubauen. Ich glaube, dass das, was in Santa Marta passiert ist, positiv ist und auch den Kämpfen der Klimabewegungen helfen wird, die Kräfteverhältnisse zu verändern. Viele Debatten drehten sich um das Wort „verbindlich“, aber letztendlich wurde es nicht aufgenommen; man zog es vor, es stattdessen an den jeweiligen Kontext anzupassen. Auch erneuerbare Energien müssen unter Berücksichtigung der lokalen Gegebenheiten bewertet werden, denn in bestimmten Gebieten, wie auf Bergkämmen, in unberührten Naturräumen oder an für indigene Völker heiligen Stätten, könnten industrielle Anlagen für erneuerbare Energien erhebliche Auswirkungen haben und mehr Probleme schaffen als sie lösen.
Gibt es nächste Termine?
Die nächste Konferenz findet 2027 in Polynesien (Tuvalu) statt und wird von Irland mitorganisiert. Doch bis dahin müssen wir in unseren Regionen weiterkämpfen, auch im Hinblick auf den nächsten Weltklimagipfel COP, der in der Türkei stattfinden wird – einem Land, das offensichtlich wenig Interesse an der Energiewende hat.
Übersetzung: Annette Brox










