Lange Zeit war das Wort ‚Kapitalismus‘ tabu. Mit der Übernahme der US-Regierungsverantwortung durch Multimillionäre und Milliardäre ist es nun in aller Munde. Doch über ‚Kapitalismus und Krieg‘ gibt es nur wenige systematische Analysen.
Von Klaus Moegling
Kapitalismus – in wenigen Sätzen zusammengefasst
Marx/ Engels lehrten uns, dass der Kapitalismus ein System ist, das prioritär durch die private Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel gekennzeichnet ist. Also: Fabriken und Banken sind in Privatbesitz. Betriebliche Entscheidungen sind daran orientiert, ob sie einen Mehrwert erzielen, der als Profit von den Besitzenden abgezweigt werden kann. Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen werden zu einer Ware, die sich allerdings selbst vermarkten und einen Tauschwert erzielen muss. Der Staat hat in diesem Zusammenhang primär die Aufgabe, diese Produktionsverhältnisse abzusichern und die Interessen der unterschiedlichen Kapitalfraktionen auszutarieren. Hierbei versuchte die Konstruktion neoliberaler Ideologien, die staatlichen Leistungen für die ärmeren Schichten einer Gesellschaft zu minimieren, Schutzmechanismen ärmerer Gesellschaften zu zerstören und gleichzeitig aber staatliche Ressourcen an die kapitalistischen Oligarchien zu transferieren. Diejenigen, die Subventionsabbau forderten, nahmen also selbst diese Subventionen in Anspruch. Elon Musk, der aktiv behilflich war, Staatsausgaben zu verringern und gleichzeitig Subventionen für SpaceX durchsetzte, ist ein aktuelles Beispiel hierfür.
Das Kapital war und ist beständig auf der Suche nach neuen Verwertungsmöglichkeiten. Dies erfordert einerseits die Notwendigkeit permanenten innergesellschaftlichen Wirtschaftswachstums und andererseits die beständige Erschließung neuer globaler Absatzmärkte. Dies geht nicht nur zu Lasten der Menschen, sondern vernichtet und zerstört auch die Ökologie dieses Planeten. Der Zwang und die dem Kapitalismus innewohnende Dynamik, ständig zu wachsen und immer höhere Profite zu erzielen, führt zur Aufzehrung des Planeten und vernichtet Schritt für Schritt, aber auch mit Kipppunkten die Existenzbedingungen auf der Erde.
Marx/Engels (1848/1983, 27) haben bereits weitsichtig in der Mitte des 19. Jahrhunderts analysiert, wie sich der Prozess der Globalisierung im Kapitalismus vollzieht – hier ihr berühmtes und noch immer aktuelles Zitat aus dem Kommunistischen Manifest:
„Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch die Exploition des Weltmarkts Produktion und Konsumtion kosmopolitisch gestaltet.“
Kapitalismus bedeutet die Verankerung ökonomischer Gier in den Tiefenstrukturen einer Gesellschaft. Dies äußert sich in einem extremen Reichtumsgefälle mit einer kleinen Gruppe immer vermögender werdender Multimillionäre und -milliardäre und einer zunehmend größeren Schicht verarmender Menschen. Die marxistische Verelendungstheorie lässt sich nicht nur auf das Reichtumsgefälle zwischen reichen Staaten des globalen Nordens und den von globaler Ausbeutung betroffenen Staaten des globalen Südens beziehen, sondern findet sich nun auch in den reicheren Staaten selbst wieder.
Der Kapitalismus weitete sich im Rahmen seines historischen Siegeszuges weltweit aus. Er drang nicht nur von Europa ausgehend in alle geografischen Gebiete der Erde vor, sondern er dringt auch hegemonial in die inneren Räume des menschlichen Zusammenlebens ein – so Elmar Altvater (2006, 22):
„Die Mikro- und Nanostrukturen des Lebens werden in Wert gesetzt und dabei so manipuliert, dass die Verwandlung in Ware und ihre Verwertung in Geldform herauskommen. Private Rückzugsräume sind vor Sachzwängen von Geld und Kapital nicht sicher. Formen des sozialen Zusammenlebens werden mehr und mehr vertragsförmig gestaltet und dadurch der Logik von monetärer Marktäquivalenz unterworfen. Kapitalistische Inwertsetzung ist ein allumfassendes und dennoch im Binnenraum des Planeten begrenztes und begrenzendes Prinzip, dessen Regeln zu befolgen sind, als ob es sich um Gebote Gottes handele.“
Im sich immer weiter entwickelnden und variierenden Kapitalismus entwickeln sich weltweit Zonen, in denen die Finanzoligarchien hinter bewachten Mauern wohnen, Steuern weitgehend hinterziehen und sich den gesellschaftlichen Pflichten eines Gemeinwesens verweigern. Das vom in Kanada geborenen Historiker Quinn Slobodian (2023, 12) als Crack-up-Kapitalismus (übersetzt: Zersplitterungskapitalismus) bezeichnete System wird von ihm wie folgt beschrieben:
„Innerhalb der nationalen Container findet man ungewöhnliche Rechtsräume, anormale Territorien und eigentümliche Zuständigkeitsbereiche. Da sind Stadtstaaten, Steueroasen, Enklaven, Freihäfen, Technologieparks, Zollfreibezirke und Innovationszentren. Die Welt der Nationalstaaten ist übersät mit Zonen – und deren Einfluss auf die Politik der Gegenwart beginnen wir erst zu verstehen.“
Der kapitalistische Kampf um die Ressourcen
Die Privatisierung öffentlicher Gelder, die destruktive Investition in Waffen und Militär, die fehlende Kaufkraft verarmter Bevölkerungsteile, geopolitische Rivalitäten sowie die Endlichkeit der Ressourcen der Erde und die Kämpfe hierum führen zu ökonomischen Krisen, die auf unterschiedliche Weisen bewältigt werden. Öko-imperiale Spannungen sind – so die Politikwissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen (2024, 128):
„Spannungen zwischen Staaten und Staatenverbünden, die aus dem Zugriff des Kapitalismus auf ein ‚Außen‘ resultieren, das in der ökologischen Krise zunehmend verfügbar und umkämpfter wird. Diese öko-imperialen Spannungen werden zu einem Strukturmoment internationaler Politik, sind also nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft vorhanden.“
Insbesondere die extreme politische Rechte nutzt die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus aus, um autoritäre Krisenlösungen zu versprechen und letztendlich noch einmal das Reichtumsgefälle zu verschärfen, wenn sie denn die Macht hierzu erhält. Menschenrechte werden ausgeschaltet, das Völkerrecht wird gebrochen. Der Kampf um Ressourcen, wie Öl, Gas und seltene Erden, und die damit verbundenen Milliardengewinne bestimmen die internationale Politik und führen zu Kriegen und Massenfluchten.
Derzeit kämpfen die größten Fossildealer – USA, Russland und Iran – im Interesse ihrer Ökonomie und des Finanzkapitals um die globalen Ressourcen. Sie kämpfen auch gegen eine aufkommende Kapitalfraktion und auch gegen genossenschaftliche Initiativen, die mit Hilfe regenerativer Energieversorgung das globale Energieproblem lösen wollen.
Diese Kritik bezieht sich nicht nur auf die Verhältnisse des globalen Nordens, sondern ebenfalls auf den kapitalistischen Entwicklungspfad in den Ländern des globalen Südens – so der Politikwissenschaftler und Aktivist Alexander Behr (2022, 29):
„Auch in vielen anderen Ländern des globalen Südens ist ein brutaler Klassenkampf im Gange. Die nationale Bourgeoisie bedient die Interessen transnationaler Konzerne. Kurzfristig kann sie sich dabei zwar auf eine wachsende Mittelschicht stützen, die ihre imperiale Lebensweise absichern will. Doch der hegemoniale Entwicklungspfad – ob staatsinterventionistisch wie in China oder neoliberal wie in Brasilien – ist zutiefst zerstörerisch und wird Ressourcenkonflikte in Zukunft weiter verstärken. Er gefährdet damit letztlich die Versorgungssicherheit aller Menschen.“
Hierbei ist anzumerken, dass ein Kampf um die Sonnenenergie nicht zu Kriegen führt. Die Energie der Sonne ist für uns Menschen grenzenlos nutzbar. Der Kampf um fossile Energien und seltene Erden ist ein Kampf um begrenzte und in Zukunft knapper werdende Ressourcen. Der friedensökologisch orientierte Journalist und Autor Franz Alt schreibt daher in seinem Artikel „Sonne und Wind brauchen nicht die Meerenge von Hormus“:
„Eine der entscheidendsten Zukunftsfragen heißt: Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne? Der Irak-Krieg, der Afghanistan-Krieg, der Krieg um Venezuela und jetzt der Iran-Krieg: All diese Kriege waren oder sind Kriege um die fossilen Rohstoffe. Sonne und Wind jedoch sind Geschenke des Himmels. Sie sind Friedensenergien.“
Hierbei darf natürlich nicht vergessen werden, dass auch ‚grüne‘ Rohstoffe, die man für die Produktion der Batterien von Elektroautos benötigt (z.B. Lithium oder Kobalt) bereits umkämpft sind – unabhängig davon, ob die Elektroautos mit Sonnenenergien aufgetankt werden.
Autoritärer Kapitalismus
Autoritär gelenkte kapitalistische Systeme haben kein Problem damit, andere Staaten zu überfallen, um das eigene Wirtschaftswachstum sowie die Renditen und Privilegien für ihre besitzenden Schichten zu sichern und zu erweitern. In Staaten, deren Handlungsspielraum für Öffentlichkeiten noch vom Anspruch demokratischer Verfassungen bestimmt sind, findet hingegen eine innergesellschaftliche Auseinandersetzung statt. Hier geht es um die Frage, ob Völkerrecht und Menschenrechte zu achten sind oder eine Interessendurchsetzung mit militärischen Mitteln angezeigt ist. Gesellschaften mit einem demokratischen Selbstanspruch neigen allerdings derzeit angesichts einzelner Staaten, die als Bedrohung erfahren werden, hin zu einer Militarisierung und autoritärer werdenden Strukturen. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine ist hier beispielsweise ein Trigger.
Hierbei scheint sich die Rüstungsökonomie aufgrund der geopolitischen Tendenzen gegen die eher am Frieden interessierten kapitalistischen Kreise hinsichtlich des Einsatzes öffentlicher, staatlicher Mittel durchzusetzen. Dies bedeutet, dass eine Industrie und deren Anteilseigner sich derzeit durchsetzen, deren Produkte zur Zerstörung, also nicht für konstruktive Investitionen, verwendet werden. Hingegen wird versucht der ökologisch orientierten Industrie sowie der sozialen Unterstützung unterprivilegierter Gesellschaftsschichten die öffentlichen Gelder zu entziehen, um Waffen und Kriegspersonal zu finanzieren.
Hierzu wird, z.B. in Deutschland eine horrende als ‚Sondervermögen‘ getarnte Staatsverschuldung in Kauf genommen. Dies bedeutet, dass auch zukünftigen Generationen die Gelder entzogen werden, die für die Reparatur des Zerstörten und für den Neuaufbau alternativer Gesellschaften notwendig wären. Es handelt sich hierbei um eine gigantische Privatisierung öffentlicher Gelder.
Die in den USA geborene und dann nach Kanada ausgewanderte Autorin Naomi Klein (2023) spricht über den Katastrophen-Kapitalismus und dessen Profite maximierender Schockstrategie. Naturkatastrophen, militärische Auseinandersetzungen oder massive Wirtschaftskrisen würden im Kapitalismus bewusst ausgenutzt, um für ökonomische Umverteilungen zu sorgen und Renditen zu erhöhen. Demokratische Strukturen und Entwicklung würden brutal unterdrückt, wenn die Ausnutzung von Katastrophen behindert werden würde.
Insbesondere die Verbindung aus Kapitalismus und autoritär-repressiver Gesellschaftsstruktur ist eine hochgefährliche systemische Verbindung.
Hierbei dient die Weiterentwicklung der Produktionsmittel in eine digitale und durch Künstliche Intelligenz bestimmte Richtung sowohl der Profitsteigerung als auch der Überwachung und Manipulation der eigenen Bevölkerung sowie der Effizienzsteigerung bei in Kriegen eingesetzten Waffensystemen – so der griechische Ökonom und Politiker Yannis Varouvakis (2025):
„Die Auswirkungen sind atemberaubend: allgegenwärtige Überwachung, automatisiertes Targeting auf den Schlachtfeldern, makroökonomische Instabilität (da Cloud-Renten die Gesamtnachfrage zerstören), das Ende der Demokratie selbst als Ideal (bejubelt von Peter Thiel) und der Tod der Universitäten, ersetzt durch personalisierte KI-Erweiterungen.“
Trump, Thiel, Musk und Vance u.a. sind Beispiele der kapitalistischen Rechten, die mit radikalen Mitteln versuchen, den Sozialstaat auszuhebeln und eine extrem rücksichtslose Form des Kapitalismus zu installieren. Hiermit versuchen sie, den Jahrhunderte währenden Kampf der ausgebeuteten und entfremdet lebenden und arbeitenden Menschen gegen die menschenfeindliche Macht des entfesselten Kapitalismus zu revidieren und aufzuheben.
Fazit: Zur Notwendigkeit rechtsstaatlicher und demokratisch organisierter Herrschaftskontrolle
Kriege sind – neben geopolitischen Machtambitionen – primär Ressourcenkriege im Interesse hiervon profitierender Kapitalbesitzer und spekulierender Kriegsgewinnler. Je repressiver die gesellschaftliche Struktur eines Staates ist, desto leichter fällt es seiner herrschenden ‚Elite‘ bzw. den kapitalistischen Oligarchien, Kriege zu legitimieren und innergesellschaftlich durchzusetzen.
Der Tod von Menschen – auch von Zivilbevölkerung – die Zerstörung von mühsam aufgebauter Infrastruktur sowie der Ökozid, die Zerstörung der Natur als Kampfmittel, spielen für diese Systeme keine handlungsbegrenzende Rolle.
Kritische Friedensforschung versucht diesen Zusammenhang analytisch herauszuarbeiten und bewusst zu machen. Gleichzeitig sollte es auch ihre Aufgabe sein, Schritt für Schritt zu realisierende Perspektiven zu entwickeln, wie innergesellschaftlich Demokratie in einem erweiterten Sinne zu stärken ist und international Völkerverständigung und Zusammenarbeit gelingen kann.
Hierbei darf das Thema ‚Kapitalismus‘ nicht übergangen werden. Alle Systeme – so auch der Kapitalismus – sind daraufhin zu hinterfragen, inwieweit ihre Struktur Herrschaftsüberschüsse aufweist, die über ein legitimes Gewaltmonopol des Staates hinausgehen. Herrschaft ohne rechtsstaatliche und demokratische Kontrolle führt zur innerstaatlichen Repression und zur Zerstörung des zwischenstaatlichen Friedens und internationaler Friedensordnungen. Staaten, wie Russland, die USA oder die Türkei, sind aktuelle kapitalistische Beispiele hierfür – auch wenn sie in unterschiedlicher Weise autoritär sind.
Der Frieden hingegen benötigt ein Gesellschaftssystem, das in seiner Wirtschaftsweise solidarisch und ökologisch zugleich ist und mit Rechtsstaatlichkeit, Völker- und Menschenrechten sowie Demokratie Ernst macht. Dieses System kann im Kapitalismus beginnen, wird aber erst in einer anderen Gesellschaftsformation zur Entfaltung kommen können, die nicht mehr als kapitalistische Gesellschaft bezeichnet werden kann.
Literatur:
Altvater, Elmar (2006): Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot.
Behr, Alexander (2022): Globale Solidarität. Wie wir die imperiale Lebensweise überwinden und die sozial-ökologische Transformation umsetzen. München: oekom verlag.
Brand, Ulrich/ Markus Wissen (2024): Kapitalismus am Limit. München: oekom verlag.
Klein, Naomi (2023): Die Schockstrategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag.
Marx, Karl/Engels, Friedrich (1848/1983): Manifest der Kommunistischen Partei. Stuttgart: Reclam.
Slobodian, Quinn (2023): Kapitalismus ohne Demokratie. Wie Marktradikale die Welt in Mikronationen, Privatstädte und Steueroasen zerlegen wollen. Berlin: Suhrkamp Verlag.
Der Artikel wurde zuerst veröffentlicht in: Common Dreams, https://www.commondreams.org/
und ist auch hier veröffentlicht worden: https://www.telepolis.de/article/Kapitalismus-und-Krieg-Warum-Frieden-systemfremd-wirkt-11277866.html
Zum Autor:
Prof. Dr. Klaus Moegling ist ein deutscher Politikwissenschaftler, Soziologe (apl., i.R.) und Autor des Buches „Neuordnung. Eine friedliche und nachhaltig entwickelte Welt ist (noch) möglich“, das hier frei zugänglich lesbar ist. Er ist des Weiteren Co-Herausgeber des Bandes „Wege zum Frieden. Perspektiven der kritischen Friedensforschung.“ (zusammen herausgegeben mit Josef Mühlbauer, Verlag Westfälisches Dampfboot)










