Radioaktiver Unfall war einer der größten zivilen in der Geschichte – Zwei Altmetallsucher, ein Schrotthändler und die Faszination des Unbekannten

Im Frühjahr 1986 gab es den berüchtigten atomaren Störfall in einem sowjetischen Kernkraftwerk im heute ukrainischen Tschernobyl. Kaum ein Jahr später ereignete sich im brasilianischen Goiânia, übrigens Partnerstadt von Idar-Oberstein, ein weiterer Unfall mit radioaktiver Strahlung – hierzulande weit weniger beachtet, wenn auch mindestens genauso verheerend. Der Streamingdienst Netflix hat nun aus dieser Geschichte die äußerst sehenswerte und eindringliche Miniserie „Nuklearer Notfall“ (Originaltitel: Emergȇncia radioativa) gemacht. Start war am 18. März 2026.

Doch wenden wir uns zunächst einmal dem Sachverhalt zu, der in der Tat filmreif ist. Am 13. September 1987 betreten zwei Catadores – so nennt man in Brasilien Müllsammler – Wagner und Roberto, das verlassene Gebäude des Instituto Goiano de Radiotherapia, ein ehemals radiologisches Krankenhaus. Die Betreiberfirma hatte die Einrichtung zwei Jahre zuvor verlassen, geschlossen und dem Bundesstaat Goiás vermacht. Einen Teil der technischen Einrichtung, etwa ein Behandlungsgerät mit Kobalt 60, hatten sie mitgenommen. Ein anderes, ein Behandlungsgerät mit radioaktivem Cäsium-137 ließen sie zurück – offenbar ohne die zuständige Aufsichtsbehörde CNEN darüber zu informieren. Niemand schien also zu ahnen, welch hochgefährliche Altlast in dem Gebäudekomplex schlummerte. Anfangs wurde die geschlossene Einrichtung noch von Sicherheitsleuten vor unwillkommenem Betreten geschützt, irgendwann dann aber nicht mehr. Das sahen Wagner und Roberto als ihre Chance.

Radioaktiver Behälter in der Schubkarre zum Schrottplatz

Mit einer Schubkarre drangen sie in das Gebäude ein, betraten einen Raum, an dessen Tür deutlich das dreiblättrige Radioaktiv-Zeichen prangte, offenbar war den beiden dieses Symbol unbekannt – oder egal. Ihr Objekt der Begierde ist das Altmetall des tonnenschweren Geräts. Weil es jedoch viel zu groß für die Schubkarre ist, beginnen sie, es vor Ort zu zerlegen und bergen aus dem Inneren einen gut 100 Kilogramm schweren Stahlzylinder. Zu Hause im Freien versuchen sie, den Zylinder weiter zu zerlegen bzw. zu öffnen. Doch sie müssen die Arbeit immer wieder unterbrechen, weil ihnen übel wird. Sie müssen häufig erbrechen, bekommen Durchfall und Schwindelanfälle. Ein Arzt, den sie konsultieren, kann nichts weiter feststellen als eine mutmaßliche Allergie. Sie geben auf. Sie wickeln den Behälter in einen Teppich und bringen ihn fünf Tage nach dem Fund, am 18. September 1987, zum Schrotthändler Devair, der ihnen das unbekannte Metallteil für 1600 Cruzeiros abkauft.

Devair weiß den Zylinder nicht zuzuordnen. Etwas Vergleichbares war ihm in seiner Karriere als Altmetallhändler noch nie untergekommen. Immerhin war es Wagner und Roberto gelungen, ihn so zu bearbeiten, dass ein kleines Loch entstand. Aus diesem Loch leuchtete es im Dunkeln blau hinaus. Was war das? Etwas Wertvolles? Seltenes? Devair will es wissen. Er bricht den Behälter auf und findet darin eine Art Stein, der jedoch bei der Berührung zu Staub zerfällt. Was Devair nicht weiß: Das, was er da gefunden hat, ist kein seltener Edelstein, sondern hochradioaktives Cäsium Chlorid, sogenanntes Cäsium-137 – dasselbe Material, das auch nach dem Störfall in Tschernobyl für die weitreichende Kontamination der Umgebung und Teilen Europas verantwortlich war. Doch davon ahnt Devair nichts. Er nimmt sich vor, von einem Teil des Steins seiner Frau Maria einen Ring anfertigen zu lassen. Außerdem lud er Freunde, Nachbarn und Verwandte ein und führte ihnen seinen außergewöhnlichen Fund vor. Die Gäste sind neugierig, berühren das Pulver, reiben es sich wie Schminke ins Gesicht. Andere nehmen kleine Teile mit nach Hause. Auch Davairs Bruder Ivo ließ seine Tochter Leide bedenkenlos damit spielen.

Blaues Licht fasziniert – und tötet

Dieser Menschenauftrieb stellte das ideale Superspreader-Ereignis dar. Der anhaftende Cäsium-137-Staub wurde so in Busse verbreitet, andere trugen Spuren des Materials in benachbarte Städte und kleine Mengen landeten sogar im knapp 1.000 Kilometer entfernten São Paulo. Die Situation geriet allmählich außer Kontrolle. In den nächsten Tagen wurden viele der Freunde, Verwandten und Nachbarn krank. Auch Devairs Frau Maria. Während ihr Mann die Übelkeit auf harmlose Ursachen zurückzuführen versucht, hat sie diesen merkwürdigen Behälter im Verdacht, dem ihr Ehemann seit einigen Tagen diese große Aufmerksamkeit entgegenbringt. Sie fährt in ein Krankenhaus, um sich untersuchen zu lassen. Das war am 21. September 1987. Wieder lautete die Diagnose, wie auch schon bei Wagner und Roberto: Allergie.

Eine Woche später, am 28. September, sind die Krankheitssymptome bei Maria noch immer nicht verschwunden. Auch Angestellte des Schrottplatzes haben sich inzwischen krankgemeldet. Erneut begibt sie sich in ein Krankenhaus. Diesmal jedoch nimmt sie den verdächtigen Behälter in einem Plastiksack gleich mit, um ihn den Ärzten zu zeigen. Die Ärzte sind zunächst ratlos, weisen sie aber vorsichtshalber stationär ein. Dort wird ein Arzt misstrauisch, denn inzwischen hat er eine ganze Reihe von Patienten mit ähnlichen Symptomen. Zudem hat sich bei Maria inzwischen Haarausfall eingestellt und die Arme zeigen merkwürdige Verbrennungen, obwohl sie nichts Heißes berührt hatte. Er wird misstrauisch und kontaktiert einen befreundeten Physiker, der sich zufällig gerade in Goiânia aufhält, weil sein Vater Geburtstag hat, und bittet ihn, sich diesen merkwürdigen Behälter einmal genauer anzuschauen, denn der Arzt vermutet, dass es sich um eine radioaktive Vergiftung handeln könnte.

Mit einem Szintillationsgerät begibt sich der Physiker Walter auf die Spurensuche, zunächst in dem Krankenhaus, in dem sich Maria zunächst behandeln ließ und wo der Beutel mit dem Zylinder auf dem Hof stehen geblieben war. Das Gerät schlug maximal aus. Walter kam übrigens noch gerade rechtzeitig, um zu verhindern, dass ein Feuerwehrmann den Beutel kurzerhand mitnahm, um ihn im Fluss zu entsorgen. Eine Mitarbeiterin des Krankenhauses hatte die Feuerwehr gerufen. Das wäre natürlich die Vollkatastrophe geworden. Doch auch schon so war der entstandene Schaden bereits riesig, da der Behälter und auch sein Inhalt seit rund zwei Wochen fröhlich in Goiânia kursierten – eine Verwandte des Schrotthändlers wusste sich nicht anders zu helfen und spülte das Stück des Steins, das sie bekommen hatte, im Klo herunter. Auf dem Schrottplatz war gewissermaßen das Epizentrum der Strahlung: 1.000 Rem pro Stunde wurden dort gemessen. Erlaubt sind aber nur 5 Rem pro Jahr.

Das Rem, Einheitenzeichen Rem (für englisch roentgen equivalent in man) ist die veraltete Einheit für die Äquivalentdosis oder effektive Dosis, ursprünglich abgeleitet von der Einheit für die Ionendosis Röntgen. Sie wurde am 1. Januar 1978 von der SI-Einheit Sievert (Sv) abgelöst und soll nach Ablauf der Übergangszeit seit 1. Januar 1985 nicht mehr verwendet werden. 1 Sievert entspricht 100 Rem. Da eine Dosis von 1 Sv ein sehr großer Wert ist, werden die üblicherweise vorkommenden Werte mithilfe von SI-Präfixen in Millisievert (mSv) oder Mikrosievert (μSv) angegeben.

Nutzung der Nukleartechnik ist strategisch wichtig für die Regierung

Mit vergleichsweise primitiven Mitteln versuchten die Behörden und die Regierung des Bundesstaats nun der Katastrophensituation Herr zu werden. In Goiás waren keine speziellen Vorkehrungen für solche Anlässe vorgesehen, weil man schlicht nicht mit einem solchen Fall gerechnet hatte. Alle Experten und Einrichtungen zum Thema Nukleartechnik waren in Brasilien im Ballungsgebiet São Paulo/Rio de Janeiro angesiedelt. Seit 1951 beschäftigt man sich in Brasilien mit dem Thema Kernenergie. Die Militärdiktatur (1964-1985) forcierte diese Bemühungen, vermutlich auch aus militärisch-taktischen Gründen. Dieser Grundsatz, aus strategischen Gründen an der Kernenergie festzuhalten, besteht bis heute. Auch, um sich die Tür für weitere Nutzungsoptionen offen zu halten.

Seit den frühen 1970er-Jahren gibt es in der Bucht von Angra dos Reis, im Bundesstaat Rio de Janeiro das erste AKW des Landes, Angra 1. Es kam im weiteren Verlauf noch ein zweiter Reaktor hinzu, ein dritter befindet sich in Planung und der Bau wurde auch schon vor Jahrzehnten begonnen, aber immer wieder unterbrochen, zuletzt im Zuge der Lava Jato-Korruptionsermittlungen 2015. Voraussichtlich in der Jahresmitte 2026, also in wenigen Monaten, will die brasilianische Bundesregierung eine Entscheidung treffen, ob der Meiler Angra 3 zu Enge gebaut oder endgültig stillgelegt werden soll. China und Russland sollen angeboten haben, im Falle eines Weiterbaus als Betreiber fungieren zu wollen. Für die brasilianische Energieversorgung spielt die Kernenergie aktuell eine sehr untergeordnete Rolle. Gerade einmal 2 % der produzierten Energie ist Kernenergie. Im Vergleich dazu kommt der Rest der Energie aus Wasserkraft (56 %), Wind (14 %), Solar (9 %), Biofuels (8 %), Biogas (6 %), Kohle (2 %) und Öl (1 %).

90 Gramm Cäsium = 6.000 Tonnen Sondermüll

Doch zurück nach Goiânia, zurück in das Jahr 1987. Um die Sache in den Griff zu bekommen, wurden zunächst einige Stadtviertel evakuiert. 112.000 Menschen ließen sich im örtlichen Stadion auf Strahlenbelastung messen. Häuser mussten abgerissen oder komplett entkernt werden, Erdreich wanderte ebenfalls in den Container. Die knapp 100 Gramm Cäsium-137 verursachten mehr als 6.000 Tonnen kontaminierten Sondermüll, den natürlich in Brasilien niemand bei sich lagern wollte. Etliche Bundesstaaten wehrten sich gegen eine Deponierung des strahlenden Materials. Auch landwirtschaftliche Erzeugnisse oder Produkte wie Kleidung wollte plötzlich niemand mehr in Brasilien haben – die Brasilianer hatten Angst.

Das Kapitel forderte auch menschliche Opfer. 249 Menschen wurden schwer verstrahlt, bis heute soll die Krebsrate in der Region deutlich höher sein als im brasilianischen Durchschnitt. Den beiden Findern des Zylinders, Wagner und Roberto, mussten später Gliedmaßen amputiert werden. Zwei Mitarbeiter des Schrottplatzbetreibers starben an den Folgen der Strahlenexposition, ebenso wie dessen Frau Maria. Erstes Todesopfer war jedoch die sechsjährige Tochter Leide des Bruders des Schrottplatzbetreibers. Sie verstarb am 25. Oktober 1987. Ihre Beisetzung erfolgte auf dem Parkfriedhof in Goiânia – begleitet von wütenden Demonstranten. Weil sie so dermaßen schwer kontaminiert war – sie soll von dem Cäsium-137 gegessen haben – musste sie in einem Spezialbehälter aus Beton und Blei beerdigt werden. Die Menschen protestierten, durch die Strahlung des toten Mädchens weiter kontaminiert zu werden. Wenige Monate nach dem Vorfall, etwa kurz vor Weihnachten, waren die „Aufräumarbeiten“ weitestgehend abgeschlossen. In ihrem Abschlussbericht bescheinigte die Internationale Atomenergiebehörde IAEA den Verantwortlichen insgesamt gute Arbeit geleistet zu haben. Auf Seite 8 des Abschlussbericht heißt es: „Einmal alarmiert, reagierten die Behörden schnell und effektiv.“ Von der Betreibergesellschaft des Instituto Goiano de Radioterapia, die das frühere Krankenhaus unvollständig geräumt und gesichert zurückgelassen hatte, mussten sich später drei Personen vor der Justiz verantworten.

Link zur Netflix-Serie: „Nuklearer Notfall“ ansehen | Netflix – offizielle Webseite


Anbei die verwendeten Quellen, wobei ich eine, den Abschlussbericht der Organisation IAEA besonders hervorheben möchte: The Radiological Accident in Goiânia

Deutsche Welle: https://www.dw.com/de/goi %C3 %A2nia-brasiliens-supergau-wirkt-weiter/a-40474238
Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Goi %C3 %A2nia-Unfall
Spiegel: https://www.spiegel.de/geschichte/goiania-unfall-1987-nuklearkatastrophe-in-brasilien-a-947734.html
Forschung und Wissen: https://www.forschung-und-wissen.de/magazin/wie-etwas-caesium-zum-schwersten-strahlenunfall-der-zivilgeschichte-wurde-133710763
Spektrum der Wissenschaft: https://www.spektrum.de/podcast/der-nuklearunfall-von-goiania/1941523
taz: https://taz.de/Strahlenfolgen-und-kein-Ende-in-Goiania/!1846669/
Britannica: https://www.britannica.com/topic/Goiania-accident
National Library of Medicine: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37535035/
World Nuclear Organization: https://world-nuclear.org/information-library/country-profiles/countries-a-f/brazil
Reuters: https://www.reuters.com/business/energy/brazil-decide-by-mid-year-whether-complete-angra-3-nuclear-project-2026-02-12/
IAEA: https://inis.iaea.org/records/k75hq-wmw84