Olivier De Schutter ist nicht nur belgischer Professor. Er ist auch UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte. Wer jedoch glaubt, er übe diese Rolle nüchtern aus, ohne dem Problem auf den Grund zu gehen, irrt sich gewaltig.
Dies sagte er 2024, als er dem Menschenrechtsrat den Bericht „Eradicating poverty beyond growth“ vorstellte, aus dem die Veröffentlichung „La povertà della crescita“ (Die Armut des Wachstums) hervorging:
„Seit fast sechs Jahren haben mir die Vereinten Nationen die Aufgabe übertragen, über die weltweit vielversprechendsten Lösungen zur Beseitigung der Armut zu berichten … Das Streben nach unendlichem Wirtschaftswachstum ist mit dem Leben auf diesem Planeten unvereinbar. Die Beseitigung der Armut darf nicht länger als Vorwand dienen, um ein ständig steigendes BIP anzustreben, wenn dieses Streben Menschen in schlecht bezahlte und oft gefährliche Arbeit treibt, um die Bedürfnisse der Elite zu befriedigen … Wir müssen den Mythos zurückweisen, dass Wirtschaftswachstum gleichbedeutend mit menschlichem Fortschritt ist. Auch wenn dies als radikaler Gedanke erscheinen mag, bin ich nach fast einem Jahrhundert, in dem uns gesagt wurde, dass nur die Geschwindigkeit des Wirtschaftswachstums zählt, optimistisch, dass dies bald zur vorherrschenden Meinung werden wird. Denn ohne diese Einsicht werden der Planet und seine Bewohner nicht überleben.
Heute kann ich mit Sicherheit sagen, dass die Antwort nicht einfach darin besteht, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln – ungeachtet dessen, was uns Politiker, Ökonomen, Entwicklungsexperten und sogar die Institutionen der Vereinten Nationen glauben gemacht haben.“
Genau auf der Grundlage dieses Berichts wurde am 22. April dieses Jahres in Genf die „Roadmap for Eradicating Poverty Beyond Growth“ vorgestellt. Dieser Bericht zeichnet sich durch seine wissenschaftliche Fundiertheit und die Anzahl der beteiligten Experten (400 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, NGOs und der Zivilgesellschaft) aus und wurde ebenfalls von Olivier De Schutter verfasst.
Was besagt das Dokument konkret? Es zeigt auf, dass das Wirtschaftswachstum zunehmend zu einer Konzentration des Reichtums in wenigen Händen führt. „Wir leben auf einem Planeten, der noch nie so reich war. Im Jahr 2024 wuchs das Vermögen der Milliardäre um durchschnittlich zwei Millionen Dollar pro Tag und es wird erwartet, dass es innerhalb eines Jahrzehnts fünf Menschen mit einem Vermögen von über einer Billion Dollar geben wird. Gleichzeitig lebt ein immer größerer Teil der Weltbevölkerung in Armut. Im Konzept des Wachstums selbst liegt also etwas zutiefst Falsches und auch unmoralisches, denn es schafft Elend und verarmt die Erde.“
Vor diesem Hintergrund zeigt das Dokument einen Weg auf, den die Nationen der Welt einschlagen sollten – eine „Roadmap“. Auch wenn es nicht so weit geht, Degrowth als Lösung für die Probleme zu benennen, so hat es doch den Mut, anzuerkennen, dass das Wachstum, das wir kennen, ein Übel ist. Ein BIP, das die Herstellung einer Waffe mit dem Bau einer Unterkunft für Bedürftige gleichsetzt, ist eine Monstrosität. Wir müssen im Grunde genommen in die Phase des Postwachstums übergehen.
Trotz der Tragweite des Dokuments, das man als „revolutionär“ bezeichnen könnte, fand es in den regierungsnahen Medien kein Echo. Diese berichten uns hingegen in genau entgegengesetzter Richtung, dass Deutschland in den nächsten Jahren eine Billion Euro für Waffen ausgeben wird, um zur militärischen Führungsmacht Europas zu werden (während traditionelle Industriezweige unter Druck geraten). Es wird sehr schwer sein, das Wachstumsparadigma aufzugeben, bevor die ökologischen und sozialen Folgen unumkehrbar werden. Halten wir am Wachstumsdogma fest, scheint der zerstörerische Kurs vorgezeichnet.
Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!










