Zum Gedenken an den 25. April 1974 und die Nelkenrevolution 1974–75 in Portugal.
Vorbemerkungen
Dieser Artikel wurde im April 2026 von einem Portugiesen aus portugiesischer Perspektive verfasst.
Anlass ist das Gedenken an den 25. April 1974 und die darauf folgende Nelkenrevolution – verbunden mit der Erinnerung daran, was dieses Ereignis für Portugal bedeutete und bis heute bedeutet. Zugleich soll an die 50 Jahre der wohlverdienten Unabhängigkeit der ehemaligen portugiesischen Kolonien in Afrika erinnert werden, die sich im vergangenen Jahr vollendet haben.
Es erscheint naheliegend, zunächst die Frage zu stellen: „Welchen Beitrag hat Portugal als Kolonialmacht zur Demokratisierung und Entwicklung seiner afrikanischen Kolonien geleistet?“
Die Antwort auf diese Frage fällt jedoch kurz aus, auch wenn sie sich ausführlich begründen ließe, da Portugal in dieser Hinsicht so gut wie nichts unternommen hat – ganz im Gegenteil. Einige Beispiele:
- Während der Kolonialzeit hatten die meisten Angolaner:innen, Mosambikaner:innen usw. keinen Anspruch auf die portugiesische Staatsangehörigkeit (aus ethnischen, sozialen Gründen oder aufgrund mangelnder Bildung). Sie durften daher weder wählen noch gewählt werden.
- Portugal verhinderte über lange Zeit die Gründung von Universitäten in seinen Kolonien. Die erste und einzige staatliche Universität wurde 1962 unter dem Namen „Universidade de Luanda“ gegründet – ein Jahr nach Beginn des Befreiungskampfes gegen Portugal – und war ausschließlich einer kolonialen Elite vorbehalten.
- Portugal untersagte den Weinanbau in seinen Kolonien, um diese zu einem konkurrenzlosen Absatzmarkt für portugiesische Weine zu machen.
- Die Alphabetisierungsrate der schwarzen Bevölkerung Angolas lag vor dem Kolonialkrieg bei etwa 10 % und danach bei rund 20 %. (Auch in Portugal selbst waren die Werte nicht besonders hoch, lagen jedoch immerhin bei etwa 60 %.) Die Mehrheit der Angolaner hatte keinen Zugang zu einem formalen Bildungssystem.
„Wenn in Portugal ein Regime herrschen würde, das bereit ist, die Zukunft und den Wohlstand des portugiesischen und des angolanischen Volkes auf Augenhöhe aufzubauen – das heißt in absoluter Gleichheit, sodass beispielsweise der Präsident der Republik aus Guinea oder Kap Verde stammen könnte und Gleiches für alle anderen Staatsämter gelten würde –, dann gäbe es für uns keine Notwendigkeit, für die Unabhängigkeit zu kämpfen. Tatsächlich wären wir alle bereits unabhängig, und zwar in einem viel umfassenderen und aus historischer Perspektive vielleicht wirksameren menschlichen Rahmen.“ – Amílcar Cabral, Held des Befreiungskrieges von Guinea-Bissau und Kap Verde sowie bedeutender afrikanischer Politiker
Die antikolonialen Kämpfe als zentraler Katalysator für den Sturz des Faschismus in Portugal
Der erste und entscheidende Beitrag zur Demokratisierung Portugals waren die antikolonialen Kriege, die von Angola (Beginn 1961), Mosambik und Guinea-Bissau gegen die europäische Metropole geführt wurden.
Die Gründung der MFA (Bewegung der Streitkräfte), die den Staatsstreich vom 25. April 1974 auslöste und in den beiden darauffolgenden Jahren die politische und militärische Macht innehatte, stellte einen Wendepunkt dar. Sie ebnete den Weg zur Unabhängigkeit der Kolonien, zur Wiederherstellung der Freiheit und zur Demokratisierung Portugals selbst (Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung 1975 und zur Nationalversammlung 1976).
Die MFA war zuvor bereits durch die Kolonialkriege, die Studentenunruhen, die politischen Oppositionsbewegungen gegen das Regime sowie durch die wachsende Unbeliebtheit dieser Kriege in der portugiesischen Gesellschaft politisiert worden.
Erst die Nelkenrevolution (April 1974 bis November 1975) radikalisierte die MFA weiter – nicht umgekehrt. Vor dieser Entwicklung war die Unabhängigkeit der Kolonien, die erst 1975 erreicht wurde, keineswegs gesichert.
Die Nelkenrevolution war eine breite gesellschaftliche Bewegung, die nahezu alle Teile der portugiesischen Gesellschaft erfasste. Sie entstand aus einer akuten Notlage heraus als Reaktion auf tiefgreifende wirtschaftliche und soziale Probleme: die weit verbreitete Armut (ein Erbe des Faschismus), die Kapitalflucht, die Abwanderung vieler mit dem Regime verbundener Kapitalisten und Großgrundbesitzer sowie der Mangel an Ressourcen zur Bewältigung der drängenden Herausforderungen (Arbeitslosigkeit, fehlende Unternehmer und Investitionen, Lehrermangel, Mangel an erfahrenen und vertrauenswürdigen politischen Führungspersonen usw.).
Die Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonien in Afrika erfolgte unter äußerst ungünstigen internationalen Bedingungen
Der sogenannte „Kalte Krieg“ (1947–1991) war damals sowohl in Europa als auch weltweit in vollem Gange. Das faschistische Portugal wurde in seinen Kolonialkriegen militärisch und politisch von NATO-Staaten wie Deutschland, Frankreich und den USA unterstützt. Die Befreiungsbewegungen hingegen erhielten vor allem Unterstützung von der Sowjetunion und anderen sozialistischen Ländern.
In Angola und Mosambik verschärften interne Spaltungen die Situation, da mehrere Befreiungsbewegungen entstanden. Einige von ihnen verfügten über keine breite gesellschaftliche Basis und wurden von unterschiedlichen internationalen Mächten mit gegensätzlichen Interessen (Sowjetunion, USA, Südafrika, China) unterstützt.
Infolgedessen brachen unmittelbar nach der Unabhängigkeit – die 1975 beziehungsweise 1973 erreicht wurde – in Angola und Mosambik Bürgerkriege zwischen den rivalisierenden Befreiungsbewegungen aus. In ihrem verzweifelten Kampf um die Kontrolle über die neu entstandenen Staaten erwiesen sich diese Konflikte als noch verheerender als der antikoloniale Krieg gegen Portugal selbst.
Gleichzeitig war Portugal mit seiner eigenen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Transformation im Zuge der Nelkenrevolution beschäftigt, was einen geordneten und friedlichen Übergang der Kolonien zur Unabhängigkeit erheblich erschwerte, wenn nicht gar unmöglich machte. Letztlich entschied sich Portugal dafür, sich „rasch aus diesem Schlamassel zu befreien“.
Im Jahr 1975 beabsichtigte Portugal (unter einer Regierung der Sozialistischen Partei), die doppelte Staatsbürgerschaft afrikanischer Bürger zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit auszuschließen.
Dies zwang viele Menschen in den Kolonien zu einer möglicherweise übereilten Entscheidung. Zahlreiche entschieden sich dafür, ihren privilegierten europäischen Status beizubehalten, oder handelten aus Angst vor Repressalien und verließen die Kolonien überstürzt. So entstand die Gruppe der „Retornados“.
Die Rolle der „Retornados“
Die „Retornados“ – etwa 700.000 Menschen, überwiegend Weiße oder assimilierte Schwarze –, die im Laufe des Jahres 1975 aus Afrika nach Portugal kamen, wirkten wie eine „Bluttransfusion“, die die Demokratisierung und Entwicklung Portugals beschleunigte – allerdings erneut auf Kosten der Kolonien selbst (gleichsam als „letzter kolonialer Akt“).
Unter ihnen befanden sich zahlreiche gut ausgebildete Fachkräfte mit Berufserfahrung, die Portugal dringend benötigte: Lehrkräfte – angesichts eines erheblichen Mangels im Bildungswesen –, Beamte und Diplomaten sowie qualifizierte Fachkräfte wie Ärzte und Facharbeiter.
Viele Rückkehrer waren zuvor in Afrika als Unternehmer tätig gewesen und gründeten anschließend in Portugal eigene Unternehmen, wodurch sie neue Arbeitsplätze schufen. Auf diese Weise wurde der Weggang vieler einheimischer Unternehmer aus politischen Gründen zumindest teilweise kompensiert.
Gleichwohl darf nicht übersehen werden, dass der Verlust eines großen Teils der Führungskräfte zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit einen schweren Schlag für die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen der ehemaligen Kolonien darstellte und auch eine spätere engere Zusammenarbeit mit Portugal erschwerte.
Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag, den der Autor im November 2024 auf Einladung der Deutschen Gesellschaft für Afrikanische Staaten Portugiesischer Sprache (DASP) im Rahmen eines Kolloquiums gehalten hat.
Die Übersetzung aus dem Portugiesischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!
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