Während der Pandemie sind die Arbeitsbedingungen im US-Niedriglohnsegment in vielen Firmen unmenschlich geworden.

Daniela Gschweng für die Online-Zeitung INFOsperber

Seit Monaten gibt es Berichte darüber, dass US-Unternehmen keine Arbeitskräfte mehr finden. Selbst Einstiegsprämien helfen wenig. Grund seien die von der US-Regierung ausgegebenen grosszügigen Corona- und Arbeitslosenhilfen. So würden sich vor allem Menschen in den untersten Lohngruppen lieber einen faulen Lenz machen, als sich weiter um Arbeit zu bemühen und so den Post-Corona-Aufschwung behindern.

Einige Berichte aus den USA vermitteln allerdings ein ganz anderes Bild. Zum Beispiel, dass viele Menschen jetzt Zeit brauchen, um sich zu erholen. Oder, um sich nach einer gänzlich anderen Beschäftigung umzusehen. Denn die Arbeitsbedingungen von Mindestlohnverdienern haben sich durch die Pandemie drastisch verschlechtert.

Horrorschicht im Chips-Paradies

Davon berichtet zum Beispiel die Arbeiterin Cheri Renfro im Podcast «Working People» von «The Real News». Renfro arbeitet seit neun Jahren in einer Fabrik von Frito-Lay in Topeka im US-Bundesstaat Kansas. Frito-Lay gehört zu PepsiCo und ist einer der grössten US-Hersteller von Kartoffel- und Maischips wie die in den USA bekannten Marken Doritos und Cheetos.

Das heisst, momentan arbeitet Renfro nicht. Seit dem 5. Juli streikt sie für bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen. Diese, beschreibt sie, hätten sich während der Pandemie so drastisch verschlechtert, dass sie kaum noch auszuhalten seien.

Auch vor der Pandemie habe es gelegentlich viel Arbeit gegeben, etwa dann, wenn wegen des Super Bowl oder eines Feiertags besonders viele Chips bestellt worden seien. Engpässe habe es auch schon immer gegeben, wenn kurzfristig Mitarbeitende fehlten, erklärt die Arbeiterin. Seit Beginn der Pandemie sei dieses System aus dem Ruder gelaufen. Inzwischen seien weit über 40 Wochenstunden das Standardpensum.

Mehrarbeit, Krankheit, «Selbstmord»-Schichten

Ursache ist der Markt, aber nicht nur: Die Pandemie hat einen Boom im US-Chipsgeschäft ausgelöst. «Die Leute waren mehr zu Hause und assen mehr Chips», erklärt Renfro. Die Bestellungen überstiegen jede Prognose. Gleichzeitig wurde die ohnehin anstrengende Arbeit wegen der Corona-Umstände noch schwerer.

In den Warenhäusern von Frito-Lay herrschen im Sommer Temperaturen von über 37 Grad, die Arbeit sei körperlich anstrengend, dazu komme die Maskenpflicht. Mit einer Maske auf Leitern zu steigen und Kisten zu stapeln sei bei hohen Temperaturen kaum in gewohntem Tempo machbar, sagt Renfro. Ihre Sorge ist berechtigt – auch ohne Masken kam es bei Hitze bereits zu Todesfällen.

Ansteckungen gab es dennoch, viele Arbeitende fielen aus. Die Rekordanforderungen wurden auf die verbliebenen Gesunden verteilt, Schichten wurden von 8 auf 12 Stunden verlängert, die Sechs-Tage-Woche wurde die Regel. Und immer öfter wurden daraus sieben Tage, monatelang.

Bedingungen, die nicht durchzuhalten sind

Am meisten gehasst wird die «Selbstmord-Schicht», einer der wichtigsten Gründe dafür, dass die Frito-Lay-Arbeiter genug haben. Das bedeutet, dass an eine 8-Stunden-Schicht vier Stunden Überzeit angehängt werden und die darauffolgende Schicht dann vier Stunden früher beginnt. Dazwischen bleiben acht Stunden – kaum genügend Zeit zum Schlafen.

Das sind Bedingungen, die über längere Zeit nicht durchzuhalten sind. «Wir sind keine Roboter», sagt auch Monk Drapeaux-Stewart, der bei Frito-Lay als Techniker arbeitet. Das Unternehmen stelle zwar regelmässig neue Arbeitskräfte ein, die Fluktuation bei Frito-Lay sei aber so hoch, dass das nicht helfe. Von 850 Mitarbeitenden in Topeka seien so im vergangenen Jahr mehr als 350 ausgetauscht worden, schätzt Cheri Renfro.

Hohe Profite auf Kosten der Gesundheit

Das Unternehmen profitierte trotz der schwierigen Bedingungen, Frito-Lays Umsatz habe über eine Milliarde Dollar über den Prognosen gelegen, sagt Renfro. Zunächst habe es Boni gegeben, bis zu 20 Dollar pro Tag, maximal 100 Dollar die Woche. Aber nur für einige Wochen, «dann hörte es auf», sagt Renfro.

Die Gesundheit der Angestellten sei dabei zweitrangig gewesen. «Ich meine, Chips sind nicht systemrelevant», findet Renfro. Sie fiel mehrere Wochen wegen einer Covid-Erkrankung aus, auch ihre Familie steckte sich an. Zumindest nimmt sie an, dass die Krankheit Covid-19 war, Tests gab es keine. Wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen fühlt sie sich nicht beachtet und nicht geschätzt. In die Angestellten werde nicht investiert, bemängelt sie. In einem offenen Brief prangerte sie weitere Missstände an.

Nicht viel zu verlieren

Als Renfro nach einer Kinderpause von 17 Jahren wieder ins Berufsleben eingestiegen war, waren die Bedingungen bei Frito-Lay im Vergleich noch überdurchschnittlich. Seither hat das Unternehmen die Löhne aber kaum erhöht.

Würde sie bei einem anderen Unternehmen am Ort einen Einstiegsjob annehmen, bekäme sie etwa denselben Lohn wie jetzt bei Frito-Lay nach neun Jahren, erklärt Renfro. Topeka ist ein beliebter, weil verkehrsgünstiger Standort, an dem sich über die Jahre immer mehr Unternehmen angesiedelt haben. Darunter Warenhäuser, produzierende Unternehmen und zunehmend auch IT.

Viel zu verlieren haben die Streikenden bei Frito-Lay also nicht. Neue Verträge mit einer Lohnerhöhung um zwei Prozent über zwei Jahre und eine Begrenzung der Wochenarbeitszeit auf 60 Stunden bei gleichzeitiger Abschaffung des Schichtmodells, in dem eine Schicht acht Stunden dauert, lehnten sie ab.

Der US-Niedriglohnsektor hat seit Jahren ein Problem

In anderen Niedriglohnarbeitsplätzen sieht es allerdings nicht sehr viel besser aus. Auch Angestellte anderer Unternehmen brachte die Pandemie an die Grenzen der menschlichen Belastbarkeit. Dabei waren die Arbeitsbedingungen schon vorher teils haarsträubend. Immer wieder in die Schlagzeilen gelangen beispielsweise die Umstände in den Amazon-Warenhäusern, inklusive einiger Super-Spreading-Events.

Der Reporter Gabriel Mac (damals Mac McClelland) hat 2012 für das Magazin «Mother Jones» eine Temporärbeschäftigung in einem US-Warenhaus beschrieben: Im Laufschritt hetzt er durch ein Warenhaus. Die Zeit, die er benötigen darf, um einen Artikel auszusortieren, ist von einem elektronischen Taktgeber auf die Sekunde vorgeschrieben.

Hunderte Male täglich bekommt er Stromschläge wegen der elektrostatischen Aufladung der Regale. Sein Arbeitgeber unternimmt dagegen nichts. Berlin schloss wegen ähnlicher Vorkommnisse vor einem halben Jahr fast einen ganzen Flughafen.

Die Zeit ist so eng getaktet, dass die Angestellten nur in kurzen Worten miteinander reden können. Selbst ein Schluck Wasser kostet kostbare Sekunden. Buchstäblich jede Sekunde, die jemand zu spät kommt oder die Pause überzieht, zieht Strafpunkte nach sich.

Sein «Supervisor», der seine Leistung optimieren soll, bemängelt regelmässig seine Erfüllungsquote, freie Tage gibt es nicht. Nach wenigen Tagen gibt er auf. Viele US-Amerikanerinnen und -amerikaner machen solche Mindestlohn-Jobs ein Leben lang, oft weit über den Ruhestand hinaus.

Trotz Vollzeitbeschäftigung wohnungslos? Das könnte passieren.

Und diese Leute können sich immer weniger leisten. In sämtlichen US-Bundesstaaten, wie die Studie einer Nichtregierungsorganisation gerade festgestellt hat, ist eine 2-Zimmer-Wohnung zu marktüblichen Preisen für einen Mindestlohnempfänger nicht mehr bezahlbar. In fast allen Bezirken reicht eine Vollzeitbeschäftigung zum Mindestlohn nicht einmal für eine Einzimmerwohnung.

In Kansas, wo Frito-Lay produziert und Cheri Renfro streikt, liegt der Mindestlohn bei 7,25 Dollar pro Stunde. Die Durchschnittsmiete für zwei Zimmer liegt bei 874 Dollar im Monat. Wenn die Miete 30 Prozent des Einkommens nicht übersteigen soll, können selbst zwei Mindestlohnempfänger diese Miete nicht bezahlen. Zusätzlich steigen die Wohnkosten derzeit stark an. Mehrere US-Organisationen sind in grosser Sorge, weil ein Corona-bedingtes Räumungsmoratorium, das von der US-Regierung mehrmals verlängert wurde, Ende Juli endgültig ausläuft.