Noam Chomsky und die Corona-Krise: „Wir stehen einem neuen massiven und kolossalem Versagen des neoliberalen Kapitalismus gegenüber“

01.05.2020 - Redacción Chile

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Französisch, Italienisch, Ungarisch verfügbar.

Noam Chomsky und die Corona-Krise: „Wir stehen einem neuen massiven und kolossalem Versagen des neoliberalen Kapitalismus gegenüber“
(Bild von AFP / Sascha Schuermann)

Der amerikanische Philosoph und Linguist hat die Art und Weise, wie Donald Trump bisher die Pandemie bewältigt hat, scharf kritisiert und gesagt, dass das „was er mit der WHO gemacht hat, wirklich kriminell ist.“

Für den Philosophen und Linguisten Noam Chomsky ist die erste große Lehre aus der gegenwärtigen Pandemie die, dass wir mit „einem erneuten massiven und kolossalen Versagen der neoliberalen Version des Kapitalismus“ konfrontiert sind, welches sich im Falle der Vereinigten Staaten durch das Wesen der „soziopathischen Narren, die die Regierung anführen“, allen voran Donald Trump, noch verschlimmert hat. Von seinem Haus in Tucson, Arizona und weit entfernt von seinem Büro im Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er das Gebiet der Linguistik für immer transformiert hat, erörtert Chomsky in einem Interview mit (der spanischen Nachrichtenagentur, a.d.Ü.) Efe die Auswirkungen eines Virus, welches klar offenbart, dass die Regierungen „das Problem, und nicht die Lösung“ sind.

Welche positiven Lehren können wir aus der Pandemie ziehen?

Die erste Lektion ist die, dass wir mit einem weiteren massiven und kolossalen Versagen der neoliberalen Version des Kapitalismus konfrontiert sind. Wenn wir das nicht erkennen, wird es das nächste Mal, wenn so etwas wie jetzt passiert, noch schlimmer. Das liegt klar auf der Hand angesichts dessen, was während der SARS Epidemie 2003 geschehen ist. Die Wissenschaftler wussten, dass weitere Pandemien kommen würden, möglicherweise durch eines der verschiedenen Coronaviren. Man hätte sich also auf diesen Moment vorbereiten können und der Situation so gegenübertreten können, wie man das mit der Grippe tut. Aber das ist nicht geschehen.

Die Pharmaunternehmen verfügten über die Ressourcen und sie sind superreich, aber sie haben nichts unternommen, da ihnen die Märkte suggeriert haben, dass es keinerlei Nutzen habe, sich auf eine Katastrophe irgendwo um die Ecke vorzubereiten. Und damit fällt der neoliberale Hammer. Die Regierungen können nichts unternehmen. Sie sind das Problem und nicht die Lösung. Die Vereinigten Staaten sind eine Katastrophe aufgrund dessen, was in Washington gespielt wird. Sie wissen, wie sie allen anderen außer sich selbst die Schuld geben können, obwohl sie selber verantwortlich sind. Jetzt sind wir das Epizentrum in einem Land, das dermaßen dysfunktional ist, dass es noch nicht einmal in der Lage ist, Informationen zur Infektion an die WHO zu liefern.

Was halten Sie vom Krisenmanagement der Trump-Regierung?

Die Art und Weise, wie sich das bisher gezeigt hat, ist absurd. Im Februar wütete die Pandemie bereits, jeder in den Vereinigten Staaten wusste das. Ebenfalls im Februar stellte Trump einen Haushaltsplan vor, den man sich genauer anschauen sollte: Budgetkürzungen für das Zentrum für die Verhütung und Kontrolle von Krankheiten sowie für weitere Akteure des Gesundheitswesens. Inmitten der Pandemie machte er weiter und erhöhte die Finanzierung der Industrien auf Basis fossiler Brennstoffe, der Militärausgaben, der berühmten Mauer…

All das sagt uns etwas über das Wesen der soziopathischen Irren, die die Regierung antreiben und über die Tatsache, dass das Land leidet. Nun suchen sie verzweifelt einen Schuldigen. Sie greifen China und die WHO an – und was sie mit der WHO gemacht haben, ist wirklich kriminell. Die Zahlungen einstellen? Was soll das heißen? Die WHO ist auf der ganzen Welt aktiv, vor allem aber in den armen Ländern, mit Problemen wie Durchfallerkrankungen, Mutterschaft – Was sagen sie also? “Einverstanden, töten wir viele Leute im Süden, denn das hilft uns vielleicht für unsere Wahlaussichten“? Das ist eine Welt von Soziopathen.

Zu Beginn hat Trump die Krise negiert, ja er hat es sogar als eine Falschmeldung der Demokraten bezeichnet. Ist das das erste Mal, dass sich Trump den Tatsachen beugen muss?

Etwas muss man Trump zugestehen – Er ist dermaßen von sich selbst überzeugt, so wie man es nie zuvor bei einer Person erlebt hat. Einerseits kann er Dir zurufen „Ich liebe Euch, ich bin Euer Retter, vertraut mir, weil ich für Euch Tag und Nacht arbeite“, andererseits versetzt er Dir dann aber einen Stich in den Rücken. So unterhält er die Beziehungen zu seinen Wählern, die ihn dafür vergöttern. Dabei wird er von einem Medienphänomen bestehend aus Fox News, Rush Limbaugh, Breitbart, etc. unterstützt – die einzigen Medien, die die Republikaner anschauen.

Wenn Trump an einem Tag gesagt hat, „es ist nur eine Grippe, vergesst sie“, sagen sie ja, es ist eine Grippe, vergessen wir sie. Sagt er dann am nächsten Tag, dass es eine schreckliche Pandemie ist und er der erste gewesen sei, sie zu erkennen, bejubeln sie ihn einhellig und sagen er ist der Beste in der Geschichte. Gleichzeitig schaut er selber Fox News am Vormittag und entscheidet aufgrund dessen, was gesagt werden muss. Das ist ein erstaunliches Phänomen. Rupert Murdoch, Limbaugh und die Soziopathen des Weißen Hauses führen das Land in die Zerstörung.

Kann diese Pandemie unser Verhältnis zur Natur ändern?

Das hängt von den jungen Menschen ab. Es hängt von der Art und Weise ab, wie die Weltgemeinschaft reagiert. Es kann uns hin zu sehr autoritären und repressiven Staaten führen, die das neoliberale Handbuch noch erweitern. Erinnert Euch: die kapitalistische Klasse tritt nicht ab. Sie verlangen noch mehr Finanzierung für die fossilen Brennstoffe, sie zerstören die Vorkehrungen, die einen gewissen Schutz gewähren… Inmitten der Pandemie in den Vereinigten Staaten wurden die Regelungen zur Begrenzung der Emission von Quecksilber und anderer Umweltgifte abgeschafft… Das bedeutet, dass damit noch mehr amerikanische Kinder getötet werden, die Umwelt noch mehr zerstört wird. Sie hören nicht auf. Und wenn es dafür keinen Gegenangriff gibt, wird es diese Welt sein, die uns bleibt.

Wie wird sich nach der Pandemie die geopolitische Machtverteilung darstellen?

Was sich auf internationaler Ebene abspielt ist ziemlich schockierend. Es gibt da so etwas, das nennt sich Europäische Union. Man hört den Begriff „Union“. Gut, schauen wir auf Deutschland, die die Krise sehr gut bewältigen. In Italien ist die Krise akut. Haben sie Hilfe aus Deutschland erhalten? Zum Glück haben sie das, jedoch von einer „Supermacht“ wie Kuba, die Mediziner geschickt hat. Oder von China, das Material und Hilfe geschickt hat. Sie haben jedoch keine Hilfe von den reichen Ländern der Europäischen Union erhalten. Das lässt tief blicken…

Das einzige Land, was sich wahrhaft internationalistisch verhalten hat, war Kuba, das immer im Würgegriff der USA war und das wie durch ein Wunder überlebt hat um der Welt weiter zu zeigen, was Internationalismus ist.  Das können sie aber den USA nicht sagen, weil das, was Sie tun müssen, ist sie für die Verletzung der Menschenrechte anzuklagen. In der Tat finden aber die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen im Südosten von Kuba statt, in einem Ort mit Namen Guantánamo, den sich die USA mit Waffengewalt angeeignet haben und den sie sich weigern, zurückzugeben. Eine wohlerzogene und gehorsame Person sollte China beschuldigen, die gelbe Gefahr über uns gebracht zu haben und sagen, dass die Chinesen kommen, um uns zu zerstören, dass wir, wunderbar sind. Es gibt einen Appell an den progressiven Internationalismus mit einer von Bernie Sanders in den USA und Yanis Varoufakis in Europa gegründeten Koalition. Sie bringen progressive Elemente, um der reaktionären Bewegung entgegenzutreten, die sich im Weißen Haus, aus den Händen brutaler Staaten des Mittleren Ostens, in Israel oder mit Leuten wie Orban oder Salvini, deren Freude im Leben darin besteht, so zu handeln, dass die Menschen, die verzweifelt aus Afrika fliehen, im Mittelmeer ertrinken. Lassen Sie diesen ganzen internationalen Reaktionismus beiseite und es stellt sich die Frage – stellen wir uns dem entgegen? Und alles was ich sehe, ist Hoffnung, in dem was Bernie Sanders konstruiert hat.

Der verloren hat…

Man sagt oft, dass die Kampagne von Sanders ein Misserfolg war.  Das ist aber ein völliger Irrtum. Sie war ein enormer Erfolg. Sanders ist es gelungen, die Tragweite der Diskussion und der Politik zu ändern. Und die sehr wichtigen Themen, die noch vor einigen Jahren noch nicht einmal erwähnt werden konnten, stehen jetzt im Zentrum der Debatte, wie der Green New Deal, der essenziell für unser Überleben ist.

Er wurde weder von den Reichen finanziert, noch erhielt er Unterstützung durch die Medien – der Parteiapparat musste manipulieren, um seine Nominierung zu verhindern. Genau wie in Großbritannien, wo der rechte Flügel der Labour Partei Jeremy Corbyn zerstört hat, der die Partei in einer Art und Weise demokratisiert hat, die sie nicht ertragen konnten. Sie waren dafür sogar bereit, die Wahlen zu verlieren. Davon haben wir auch viel in den Vereinigten Staaten gesehen, doch die Bewegung bleibt bestehen. Sie ist populär. In Europa gibt es vergleichbare Bewegungen, sie können den Unterschied machen.

Was denken Sie wird aus der Globalisierung, so wie wir sie kennen?

An der Globalisierung gibt es nichts Schlechtes. Es ist gut, zum Beispiel nach Spanien zu reisen. Die Frage stellt sich nach der Art der Globalisierung. Das was sich entwickelt hat, geschah im Zeichen des Neoliberalismus. Diese Art Globalisierung haben sie geschaffen. Sie hat die Reichsten noch reicher werden lassen und eine enorme Macht liegt in den Händen der Unternehmen und Monopole. Sie hat außerdem zu einer sehr fragilen Wirtschaftsform geführt, basierend auf einem kommerziellen Effizienzmodell, das daraus besteht, Dinge so billig wie möglich herzustellen. Diese Haltung führt zum Beispiel dazu, dass Krankenhäuser nicht über bestimmte Ausrüstungen verfügen, weil diese nicht effizient sind.

Nun bricht das bestehende fragile System zusammen, weil es mit etwas, das schief gelaufen ist, nicht zurechtkommt. Wenn Sie ein fragiles System schaffen und die Herstellung und Produktion ausschließlich in einem Land wie China zentralisieren… Nehmen Sie Apple. Die machen einen immensen Gewinn, wovon wenig in China oder Taiwan bleibt. Der Großteil der Geschäfte ist da, wo sie ein Büro haben, dass vielleicht so groß wie mein Arbeitszimmer ist, in Irland, um wenig Steuern in einem Steuerparadies zu zahlen. Wie können sie Geld in den Steuerparadiesen verstecken? Ist das Teil der Naturgesetze? Nein. Tatsache ist, dass es in Amerika vor Reagan illegal war. Das gleich gilt für Börsengeschäfte. (…) Waren sie notwendig? Reagan hat sie legalisiert. Alles wurde konzipiert, es sind die Entscheidungen … die die Konsequenzen haben, die wir im Laufe der Jahre gesehen haben und die ein Grund für eine Erscheinung sind, die man zu Unrecht „Populismus“ nennt. Viele Menschen waren wütend, hatten Ressentiments und waren zu Recht von der Regierung abgestoßen. Damit stießen Demagogen auf fruchtbaren Boden, denn sie konnten sagen: Ich bin Euer Retter, und überhaupt, die Migranten…

Denken Sie, dass nach der Pandemie die Vereinigten Staaten der Dankbarkeit und Universalität des Gesundheitswesens näher stehen?

Es ist sehr interessant die Diskussion zu beobachten. Sanders‘ Programm, zum Beispiel die allgemeine Krankenversicherung, das kostenfreie Studium… Sie kritisieren es im ganzen ideologischen Spektrum. Die interessantesten Kritiken kommen von den Linken. Die liberalsten Redakteure der New York Times, von CNN und allen anderen sagen, dass es gute Ideen sind, nicht aber für die Amerikaner. Das allgemeine Gesundheitsversorgung gibt es überall. In ganz Europa, in der einen oder anderen Form. In den armen Ländern, wie Brasilien oder Mexiko. Wo gibt es ein kostenfreies Studium? Überall – in Finnland, Deutschland, Mexiko – überall. Die Kritiker der Linken sagen nun, dass Amerika eine Gesellschaft ist, die dermaßen hinterher ist, dass sie den Rest der Welt nicht einholen kann. Nun, das sagt viel aus über die Natur, die Kultur und die Gesellschaft.

Die Übersetzung aus dem Französischen wurde von Silvia Sander vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!

Kategorien: Gesundheit, International, Interviews
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