Im Schatten der Coronakrise nimmt Repression in Chile zu

27.05.2020 - Ignacio Luengo S. - Pressenza Berlin

Dieser Artikel ist auch auf Italienisch verfügbar.

Im Schatten der Coronakrise nimmt Repression in Chile zu
(Bild von Ignacio Luengo S.)

Im Oktober 2019 begannen in Chile landesweite Massenproteste, die sich gegen die extreme soziale Ungleichheit, die Privatisierung und massiven Mängel im Gesundheits- und Bildungswesen, die Privatisierung von Wasser und Bodenschätzen u.v.m. richteten.

Eine Hauptforderung war eine Volksabstimmung über eine neue Verfassung, die im Oktober 2020 stattfinden sollte. Mit dem von der Regierung am 19. März wegen der Corona-Pandemie ausgerufenen Notstand und den damit verhängten Ausgangssperren kamen die Proteste zum Erliegen.

Zunächst wurde die Quarantäne nur in den reichen Vierteln der Hauptstadt verhängt, erst im April wurde sie ausgeweitet. Zunächst wollte der Gesundheitsminister keine komplette Quarantäne verhängen. Erst am 15. Mai, nachdem sich der Virus in der chilenischen Hauptstadt massiv ausgebreitet hat, wurde diese beschlossen.

In den ärmeren Regionen von Santiago de Chile können die Menschen seit fast 2 Monaten nicht mehr arbeiten gehen. Viele Personen haben kein Internet, um von Zuhause aus zu arbeiten. Viele leben vom täglichen Verkauf auf Märkten und ohne das Haus zu verlassen, können sie kein Einkommen erwirtschaften, um Miete, Schulden und vor allem Essen zu bezahlen.

Die Regierung startet Projekte, die im Homeoffice stattfinden sollen, aber da viele der armen Schichten kein Computer oder Internetzugang haben, gehen diese Projekte an denjenigen vorbei, die Unterstützung am meisten benötigen.

Andererseits beginnen Menschen gegen Lebensmittelmangel zu demonstrieren und die Regierung schickt als Antwort Militär auf die Straßen, verstärkt die Polizeikräfte und gibt Millionen Pesos für Waffen und Fahrzeuge aus, während es heißt, es sei kein Geld für die grundlegendste Ausstattung in Krankenhäusern da. Das Gesundheitspersonal, welches sich für die Betroffenen einsetzt, muss mangels Schutzausrüstung mit Ansteckung rechnen. Schon früher kam es zum Zusammenbruch des Gesundheitssystem, aber noch nie in diesem Ausmaß wie unter der Covid-19-Pandemie.

Die Polizeikräfte greifen die Leute auf den Straßen an und nicht nur diejenigen, die keine amtliche Erlaubnis zum Verlassen des Wohnsitzes haben. Obdachlose werden mit Gewalt aus der Stadt vertrieben und müssen um ihr Leben fürchten. Alle, die diesen Personen helfen wollen, werden festgenommen.

Außerdem finden Ermittlungen gegen Personen auf Grundlage der Gesetze zur Inneren Sicherheit statt, die die monatelangen Massenproteste unterstützt haben.

Auch Fälle, in denen der „Hunger“ in Chile thematisiert wird, werden von der Regierung verfolgt. Es macht den Eindruck, als würde die Diktatur wieder erstarken, das „soziale Abstandhalten“ wird genutzt, um die Revolution und die Änderung der Verfassung zu kontrollieren. Die Menschen spüren, dass die Regierung sich nicht nur auf die Kontrolle des Virus konzentriert, sondern die Situation ausnutzt, um die Volksabstimmung über die Verfassungsänderung im Oktober zu verbieten und zusätzlich einen Teil der armen Bevölkerung los zu werden.

Das Wasser und das Fernsehen wurde für einige Tage abgestellt und außerdem die Internetkapazitäten gedrosselt.

All das passiert in den Regionen, wo die Bevölkerung der Mittel- und Unterschicht leben. Im Gegensatz dazu entstehen in den reicheren Gegenden nicht viele Probleme mit der Quarantäne, die meisten können von Zuhause aus arbeiten. Die Probleme beginnen, wenn man zur Arbeit das Haus verlassen muss.

Viele Leute sind arbeitslos geworden und die Krankenhäuser brechen unter der großen Anzahl von Covid-19-Infizierten zusammen.

Das Gesundheitssystem in Chile ist weitgehend privatisiert. Ohne Geld, um die Behandlung zu bezahlen, wird man nach Hause geschickt, um auf eine Genesung oder den Tod zu warten.

Im Süden, in den Gemeinden der Mapuches (indigene Bevölkerung Chiles), die im Wesentlichen von der Landwirtschaft leben, erfahren die Menschen noch mehr Repressionen von Seiten des Militärs als vorher. Die Übergriffe haben sich verschlimmert. Während im Fernsehen nur von Corona berichtet wird, lässt die Regierung arme und indigene Menschen, die um ihre Würde kämpfen, sterben.

Es gibt auch viel Solidarität und Selbsthilfe zwischen den Betroffenen. Meine Eltern und ich backen Brot, um es mit einer Art amtlichen Dringlichkeits-Erlaubnis in eins der armen Gebiete zu schicken.

Auch wir Künstlern organisieren uns und unterstützen die armen Gemeinden. Ich gebe kostenlose Psychotherapiestunden. Alle versuchen zu helfen, wie sie können. Aber es wird jeden Tag härter.

In einigen Gegenden tun sich Leute zusammen, um Essen für alle zu kochen und die Polizei kommt und wirft sämtliche Lebensmittel weg. Nach deren Lesart verbietet das Gesetz sich in Gruppen zusammenzufinden. Aber es gibt kein Essen und die Regierung unternimmt nichts in dieser Hinsicht.

Viele in der Bevölkerung sind davon überzeugt, dass die Regierung bei den offiziellen Todesfällen nicht die Wahrheit sagt oder zumindest den Überblick verloren hat.

Die Kultur und die Künste, die nie eine Priorität für die Regierung waren, brechen zusammen. Die Kunst bietet in dieser Krise den Menschen die größte Inspiration an und gleichzeitig sind die Künstler von den wirtschaftlichen Folgen am meisten betroffen. Es ist unmöglich, heute mit der Kunst zu überleben, was früher schon schwierig war. Jetzt ist sie komplett gelähmt.

Wir müssen Widerstand leisten, und der nächste Schritt wäre eine Verfassungsänderung in Chile, damit dieses Land aufhört, von einer wirtschaftspolitischen Elite missbraucht zu werden, die sein Volk seit mehr als 30 Jahren, seit dem Ende der Pinochet-Diktatur bestohlen hat.

Text und Fotos von Ignacio Luengo S. Aus dem Spanischen von Christina Kronberg übersetzt und von der Redaktion überarbeitet.


Ignacio Luengo S. ist Psychologe, Musiker und Fotograf, er lebt in Santiago de Chile. Die Protestbewegung hat er von Oktober bis März fotografisch dokumentiert und heute, in der Quarantäne, arbeitet er als Psychotherapeut und erlebt tagtäglich wie tief die aktuelle Krise die Menschen auf emotionaler und psychologischer Ebene berührt. Er arbeitet mit #mingaporlospueblos zusammen.

Kategorien: Gesundheit, Meinungen, Politik, Südamerika
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