Der Amazonas auf der Kippe

29.12.2019 - Los Angeles, USA - Robert Hunziker

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Italienisch verfügbar.

Der Amazonas auf der Kippe
Blick auf den Wald des Amazonasbeckens nördlich von Manaus, Brasilien von der Spitze eines 50m hohen Turms für meteorologische Beobachtungen. Ein paar weiße ,Wolken‘ nach einem Regen deuten auf eine schnelle Verdunstung von nassen Blättern hin.

Der Amazonas-Regenwald ist ein entscheidendes lebenswichtiges Ökosystem. Ohne seine wundersame Kraft und Macht, hydrologische Systeme über den Himmel zu erzeugen (bis in den Norden von Iowa), Kohlenstoff (CO2) zu absorbieren und zu speichern, und ohne seinen wundersamen lebensspendenden endlosen Vorrat an Sauerstoff würde die Zivilisation jenseits von vereinzelten Stämme hier und dort aufhören zu existieren.

Leider ist eine kürzlich durchgeführte wissenschaftliche Analyse des Gesundheitszustandes des Amazonas-Regenwaldes geradezu düster. Die beiden führenden Amazonas-Wissenschaftler der Welt, Thomas Lovejoy (George Mason University) und Carlos Nobre (University of Sao Paulo) berichteten kürzlich: „Heute befinden wir uns mitten in einem Schicksalsmoment: Der Kipppunkt ist hier, er ist jetzt“ (Quelle: Amazonas-Tipping Point: Last Chance for Action, Science Advances, Vol. 5, Nr. 12, 20. Dezember 2019).

Das ist eine der verheerendsten Nachrichten in der gesamten Menschheitsgeschichte. Ergo verwandeln sich die anhaltenden Kopfschmerzen des Klimawandels in eine kopfspaltende stampfende Migräne monströsen Ausmaßes.

Es ist bedauerlich, dass die Weltspitze das Potenzial der großen Ökosysteme, die vor aller Augen sterben, nicht ernst nimmt. Diese Geschichte sollte die Führungskräfte vor Angst zittern lassen. Aber allem Anschein nach ist niemand bekümmert, außer den Wissenschaftlern, die die Forschung durchgeführt haben.

Kipppunkte sind letzte Momente in der Natur, Punkte, an denen es für die Ökosysteme kein Zurück mehr gibt, da die Funktionalität zusammenbricht. Was die Tragweite des Amazonas-Regenwaldes betrifft, so ist seine Funktionalität so weltlich mächtig, dass der Verlust unvorstellbar und wahrscheinlich ein letzter Akt für das zivilisierte wie auch unzivilisierte Leben auf dem Planeten ist. Der mächtige Amazonas ist eine Hauptquelle für Sauerstoff sowie der Haupttreiber der hemisphärischen hydrologischen Systeme (Flüsse am Himmel) und beeinflusst die Niederschlagsmuster bis hin zu den Kornfeldern von Iowa.

Der Amazonas an einem Kipppunkt bedeutet: Niemand weiß es sicher, weil es noch nie passiert ist, aber es gibt keine positiven Aspekte.

Tatsächlich ist es unvorstellbar, buchstäblich unfassbar. Und doch hat es vor den verschlossenen Augen einer Weltgemeinschaft begonnen. Und es ist ausschließlich das Ergebnis von dummen Menschen, die wirklich dumme Dinge tun, wie zum Beispiel „die majestätischen Regenwälder aller Zeitalter“ abzuholzen, im Austausch für „vergängliche menschliche Bedürfnisse“. Ehrlich, es ist wahr!

Den Wissenschaftlern zufolge drohen die aktuellen Trends (1) Teile des Regenwaldes in Savanne zu verwandeln, (2) die Tierwelt zu zerstören und (3) Milliarden Tonnen Kohlenstoff in die Atmosphäre freizusetzen. Der Amazonas wird dabei zu einem „Emittenten von Kohlenstoff“, ähnlich wie Kohlekraftwerke.

Lovejoy und Nobre beschlossen, öffentlich die Alarmglocken zu läuten: „Als Zeugen der Beschleunigung beunruhigender Trends. Die Kombination von (1) wärmenden Temperaturen, (2) verheerenden Waldbränden und (3) anhaltender Rodung für Viehzucht und Ackerbau hat die Trockenzeiten verlängert, wasserempfindliche Vegetation abgetötet und die Bedingungen für mehr Feuer geschaffen.

Nicht nur das, die globale Erwärmung führt zu schweren Dürreperioden, die den Amazonas immer wieder hart treffen und seinen mächtigen Kern schwächen. Drei 100-jährige Dürreperioden haben in nur 10 Jahren gewütet! Laut NASA haben die schweren Dürreperioden in den Jahren 2005, 2010 und 2015 den Amazonas buchstäblich „verändert“, sodass er seinen besonderen Status als „Kohlenstoffspeicher“ verloren hat. Das ist die globale Erwärmung, die sich stark bemerkbar macht.

„Das alte Paradigma war, dass, egal wie viel Kohlenstoffdioxid wir in die (vom Menschen verursachten) Emissionen einbringen, der Amazonas helfen würde, einen Großteil davon zu absorbieren“. (Quelle: Sassan Saatchi vom NASA Jet Propulsion Lab, NASA Finds Amazon Drought Leaves Long Legacy of Damage, NASA Earth Science News Team, August 9, 2018)

Heutzutage weicht dieses alte Paradigma ab: Das Ökosystem ist so anfällig für diese Erwärmung und episodischen Dürreereignisse geworden, dass es vom Speicher zur Quelle wechseln kann… Das ist unser neues Paradigma“ (NASA).

Der zeitliche Abstand zwischen den einzelnen Dürreperioden hat das rasche Nachwachsen nach der Dürre zusätzlich erschwert. Er reagiert einfach nicht mehr so wie früher. Der Regenwald hat nicht genügend Zeit zwischen den Dürreperioden, um sich selbst zu heilen und wieder zu wachsen. Das ist ein Novum in der gesamten Menschheitsgeschichte, und die Auswirkungen sind geradezu grauenvoll.

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass die vorstehende Analyse etwa so schlimm ist, wie sie vor dem Beginn der offensichtlichen Zusammenbrüche der Ökosysteme mit ihren schwerwiegenden Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft ist. Dann werden die Menschen endlich anfangen, ihre Führungskräfte unter Druck zu setzen,  „etwas zu tun“, um die Gefahren und Katastrophen zu lindern und den massiven Strom von Horden von Öko-Migranten zu stoppen, die auf der Suche nach Nahrung durch die Landschaft ziehen.

In der Zwischenzeit wird seltenes landwirtschaftlich produktives Land zum wertvollsten Gut aller Zeiten.

Nachwort: „Beginnend mit dem Dürrejahr 2005 und bis 2008 … verlor das Amazonasbecken durchschnittlich 0,27 Petagramme Kohlenstoff (270 Millionen Tonnen) pro Jahr, ohne Anzeichen, dass es seine Funktion als Kohlenstoffspeicher zurückgewinnt.“

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Mai Ly Nguyen vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige! 

Kategorien: Internationale Angelegenheiten, Meinungen, Ökologie und Umwelt, Südamerika
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