Haiti wacht auf: Demonstrationen legen das Land still

09.11.2019 - Pressenza London

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Französisch verfügbar.

Haiti wacht auf: Demonstrationen legen das Land still
(Bild von Wikimedia Commons)

Haiti ist aufgewacht, genauso wie Chile und Ecuador – und fast nichts mehr kann den Volksaufstand noch einzudämmen, der darauf abzielt, Moїse für die Entscheidungen während seiner Präsidentschaft zur Rechenschaft zu ziehen.

Von DenocraciaAbierta – openDemocracy

Im Laufe des letzten Monats beherrschten die Demonstrationen in Chile und Ecuador die Schlagzeilen aus diesem Teil der Welt. Allerdings hatten die Bürger eines anderen Landes bereits sechs Monate zuvor die Straßen besetzt, als die erste Mobilisierung in Quito vor einigen Wochen ihren Anlauf nahm: es handelte sich um Haiti.

Nach fast einem Jahr mit immer wiederkehrenden Streiks sind seit Februar diesen Jahres sind die Proteste der Bevölkerung gegen den aktuellen Präsident Jovenal Moїse und den Premierminister Jean-Henry Céant wieder aufgeflammt. Seitdem gehen Hunderttausende von Menschen in der Hautstadt Haiti auf die Straßen und fordern den Rücktritt der Politiker.

Die Demonstranten haben von der Austeritätspolitik und von der oft damit verbundenen Verteuerung von Grundnahrungsmitteln und Gütern des täglichen Leben genug. Darüber hinaus wollen sie wissen, wo die Millionen an Dollar aus Venezuela geblieben sind, die ohne jegliche Spur verschwunden zu sein scheinen.

,,Das ausbeuterische neoliberale Modell, das Haiti aufgezwungen wurde, ist in schon in der Vergangenheit mehrmals gescheitert‘‘, so der Journalist Antony Loewenstein. Die Folge: viele Bürger Haitis leben in Armut und Verzweiflung. Hinzu kommt die schlechte Führung des Landes durch einer Reihe korrupter Regierungen, die öffentliche und humanitäre Mitteln zweckentfremdeten, sowie der geschichtlich begründete Kolonialismus. Zusammen haben diese Faktoren dazu geführt, dass Haiti das ärmste Land der westlichen Halbkugel ist.

Laut Informationen der Weltbank betrug 2018 das Bruttoinlandsprodukt in Haiti 870 Dollar pro Kopf. In einem Land mit einer Gesamtbevölkerung von 10 Millionen Einwohnern leben 6 Millionen davon unter der Armutsgrenze. Das entspricht 60 Prozent der Bevölkerung.

Doch Haiti ist aufgewacht, genauso wie Chile und Ecuador, und der Volksaufstand, der Moїse für die negativen Folgen seiner Präsidentschaft zur Rechenschaft ziehen will, ist kaum mehr zu bremsen. Deswegen berichten wir über die aktuelle Situation in Haiti und über alles, was man darüber wissen sollte, um zu verstehen, warum dies die Folge von Jahrhunderten des Kolonialismus und der Korruption ist.

Eine koloniale Vergangenheit und Gegenwart

Es ist kein Zufall, dass Haiti eines der ärmsten Länder der Welt ist, denn diese Armut ist das direkte Ergebnis einer kolonialen Vergangenheit und Gegenwart.

Haiti und die Dominikanische Republik befinden sich auf der Insel Hispaniola, die 1492 von Spanien kolonisiert und später unter den Spaniern und Franzosen aufgeteilt wurde. Unter der französischen Herrschaft kam in Haiti die zweitgrößte Anzahl an afrikanischen Sklaven an, die nach Nord- und Südamerika verschifft wurden, nur in Brasilien waren es noch mehr, und so bestand im 19. Jahrhundert rund 90 Prozent der haitianischen Bevölkerung aus deren Nachkommender mit afrikanischer Herkunft.

Während des 20. Jahrhunderts begann dann die Einflussnahme der USA im Land. Sie provozierte zwei Staatsstreiche und stürzte das Land in Verschuldung und Abhängigkeit vom Ausland.

Nachdem Haiti 1804 die Unabhängigkeit von Frankreich erlangt und die Sklaven befreit hatte, boykottierten die USA, damals immer noch eine Sklaven besitzende Nation, den gesamten Handel mit der Insel, aus Angst, dass sich die Revolution auch auf ihr eigenes Territorium ausdehnen würde.

Frankreich, ebenfalls wütend über die Befreiung der Sklavenbevölkerung Haitis und den Verlust seiner Kolonie, zwang das Land, eine finanzielle Entschädigung in Höhe von 150 Millionen Franken zu zahlen, was zehnmal mehr war als das gesamte damalige Einkommen des Landes.

Es war eine Strafe dafür, schwarz zu sein, wie sich jetzt im Nachhinein zurückblickend herausstellt. Diese Schulden lähmten das Land in den folgenden Jahrhunderten und trugen dazu bei, die extreme Armut zu schaffen, die heute Haiti prägt.

Während des 20. Jahrhunderts begann dann die Einflussnahme der USA im Land. Sie provozierte zwei Staatsstreiche und stürzte das Land in Verschuldung und Abhängigkeit vom Ausland. Alles begann in den 60er Jahren mit Millionen von Dollar humanitärer Hilfen, die von autoritären Führern verschwendet wurden, und später in Form von gebundenen Hilfen, die von der Umsetzung bestimmter neoliberaler Politiken abhängig waren. In den 70er Jahren zwangen die USA Haiti, Zölle auf Agrarimporte zu senken, was dazu führte, dass der inländische Agrarmarkt zu Gunsten amerikanischer Importe völlig zusammenbrach.

Später wurde die Familie Clinton zum wichtigsten Förderer des Neoliberalismus auf der Insel, selbst in der dunkelsten Stunde nach dem Erdbeben im Jahr 2010, das rund 1,6 Millionen Menschen obdachlos machte und weitere 316.000 Menschen das Leben kostete. 2011 unterstützten die Clintons den Bau des Caracol-Industriekomplexes, der allerdings vor allem US-Unternehmen zugute kam, und durch den 300 lokale Familien vertrieben wurden. Später half die Clinton-Stiftung, einen Deal für den Bau des Marriott Hotels in Port-au-Prince zu erzielen, während ihre Pläne zum Wiederaufbau von Wohnungen und des Hafens im Sande verliefen.

Aktuelle Proteste und polizeiliche Repressionen

Der Kolonialismus und eine Reihe von korrupten Regierungen waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und der die Proteste in Haiti auslöste, die in der Folge die wichtigsten Städte des Landes lahmlegten. Es ist einen Aufstand gegen den amerikanischen Imperialismus sowie auch gegen Moїse und Céant, die beide in verschiedene Korruptionsskandale verwickelt sind.

Aristide, der bis 2004 regierte, wurde von Mitgliedern der haitianischen Elite mit Unterstützung der USA entführt und ins Exil getrieben, weil er versucht hatte, Sozialprogramme umzusetzen.

Aristide, der der erste demokratisch gewählte Präsident Haitis war und bis 2004 regierte, wurde von Mitgliedern der haitianischen Elite mit Unterstützung der USA entführt und ins Exil getrieben, weil er versuchte, Sozialprogramme zur Linderung der Armut umzusetzen, was den wirtschaftlichen Interessen seiner Gegner zuwiderlief.

Seitdem er weg ist, gab es in Haiti nur noch Regierungen, die die neoliberale Agenda verfolgten. Tatsächlich war die Mehrheit der Wohnungen, die durch das Erdbeben vom 2010 zerstört wurden, ohne jegliche Regulierung und nach neoliberalen Prinzipien erbaut worden. Das führte zu hunderttausenden von Toten und verschlimmerte noch das Leid.

Das sind die Gründe, warum die Haitianer keine Regierung mehr wollen, die nicht in der Lage ist, sich den imperialistischen Interessen und Versuchungen der Korruption zu widersetzen. Die haitianische Polizei und Armee, zusammen mit UN-Truppen, die nach Haiti geschickt wurden, um angeblich den Frieden zu sichern, haben darauf mit Unterdrückung und Brutalität gegen die Bevölkerung reagiert und verursachten damit seit Februar bereits 26 Tote und 77 Verletzte.

Diese Polizeibrutalität folgt einem Muster von Reaktionen in der gesamten Region, aber vor allem in Chile, wo die Regierung in den vergangenen Wochen die Armee auf die Straße schickte, um Proteste zu unterdrücken, was zu mehr als 19 Todesfällen führte.

Es scheint, dass die „Amerikas“ (gemeint ist Nord- und Südamerika; Anm.d.Ü.) erwachen und das wahre hässliche Gesicht des Neoliberalismus zu sehen beginnen: ein System, das schreckliches Leid für die Mehrheit und immensen Reichtum für eine kleine Elite gebracht hat. Ein System, das immer die Unterstützung der USA hatte, um seine Herrschaft des Terrors weiterhin durchzusetzen. Gibt es nun endlich Hoffnung, dass diese Geschichte in Haiti zu einem Ende kommt?

 

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Ioana Pavel aus dem ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!

Kategorien: Menschenrechte, Mittelamerika, Politik
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