Greta und die Jugendlichen, die über Drehkreuze sprangen

04.11.2019 - Santiago de Chile - Pía Figueroa

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch verfügbar.

Greta und die Jugendlichen, die über Drehkreuze sprangen

„Wie könnt ihr es wagen?“, klagte Greta Thunberg die Verantwortlichen für die Umweltsituation unseres Planeten vor der UNO an, wütend, hilflos, der Generation angehörend, die eine in ihrer Nachhaltigkeit zusammengebrochene Welt erben wird. Sie wollte nach Chile kommen, um an der COP25 Klimakonferenz teilzunehmen. Ihr Aufruhr fand auch bei den chilenischen Jugendlichen Gehör, die weder die Umweltverschmutzung noch die sozialen Bedingungen, die in dem Land herrschen, weiter ertragen, ein Ort, an dem das neoliberale System besser umgesetzt wurde, an dem alles ein Markt ist, an dem sogar Wasser privat ist.

Diese gleiche Wut und Ohnmacht löste bei den chilenischen Schülern einen Protest aus, die zuerst über die Drehkreuze am Eingang zur Metro sprangen und damit eine spontane Bewegung junger Menschen zur Umgehung des Zahlens bei öffentlichen Verkehrsmitteln bildeten, welche sich auf ältere Menschen übertrug und zum stärksten sozialen Protest in der Geschichte des Landes führte.

Der Überdruss wurde ausgedrückt und entwickelte sich zum kollektiven Erwachen eines Volkes. Das System verteidigte sich, indem es dies unterdrückte.

Es waren 13 Tage unaufhaltsamer Proteste, mit gigantischen Demonstrationen, der Besetzung von Plätzen in allen Regionen, Märschen, sogenannten „caceroleos“[1], Lastwagenstreiks und Autobahnblockaden sowie Plünderungen, Bränden und gewalttätigen Äußerungen von Volkszorn.

Vandalismus oder organisierte Aktion, wir wissen es noch nicht, brannte Stationen und U-Bahn-Wagen nieder. Die Polizeikräfte ihrerseits haben viele Menschen getötet, verwundet, vergewaltigt, gefoltert und verhaftet. Zwanzig Menschen sind gestorben, darunter ein vierjähriger Junge. Und mehr als hundert haben unwiederbringlich ein Auge verloren, indem ihnen ins Gesicht geschossen wurde.

Dies geschieht an einem Ort, der eine Erinnerung hat und an dem seit 30 Jahren unermüdlich „nie wieder in Chile“ wiederholt wird, dass nie wieder jemanden gefoltert wird, dass wir aus den dramatischen Erfahrungen lernen müssen, die der Militärputsch uns hinterlassen hat. Und doch war die Schlacht gewaltig, die Polizei rücksichtslos.

Am letzten Mittwoch hat eine Gruppe von Parlamentariern eine verfassungsmäßige Anklage gegen den ehemaligen Innenminister wegen seiner Verantwortung bei Menschenrechtsverletzungen erhoben und angekündigt, dass sie für die nächsten Tage eine ähnliche Anklage gegen Präsident Piñera vorbereitet.

Während die große Mehrheit der Bevölkerung weiterhin mobilisiert und einen neuen Gesellschaftsvertrag fordert, eine verfassungsgebende Versammlung, die eine neue Verfassung ermöglicht, hat der Präsident beschlossen, die APEC hier abzusagen, welche für Mitte November geplant war, und die COP25 im Dezember, da Chile nicht über die Mindestbedingungen verfügt, um jemanden aufzunehmen.

Greta wird dieses neoliberale Modell nun sicherlich nie kennenlernen und auch nicht die Möglichkeit haben, sich mit ihrer Generation auszutauschen, den mutigen Jugendlichen, die Würde verlangen. Es erwartet sie und uns alle eine komplexe Zukunft, die ein neues Paradigma, eine andere Art der Organisation der Gesellschaft erfordert, denn dieses System und der freie Markt sind wie ein Anzug, der der Menschheit viel zu eng wird und den man nicht weiter flicken kann. Es wird notwendig sein, die Lebensweise in der Gesellschaft so zu verändern, dass der Fortschritt allen gehört und alle mit einschließt, damit wir alle Formen der Gewalt überwinden, die volle Entfaltung jedes Menschen ermöglichen und auch die enormen Schäden, die bereits entstanden sind, rückgängig machen können.

Die Übersetzung aus dem Spanischen wurde von Anne Schillinger aus dem ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige! 


[1] Cacerolazo ist eine verbreite lautstarke Protestform in Lateinamerika

Kategorien: Meinungen, Ökologie und Umwelt, Politik, Südamerika
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