Eine Welt in Krise humanisieren

23.11.2019 - Javier Tolcachier

Eine Welt in Krise humanisieren

Prominente Analysten und Politiker warnen immer wieder vor der Gefahr eines bevorstehenden internationalen Krieges auf großem Niveau. Protagonisten könnten zentrale Machthaber im Besitz von Nuklearwaffen sein. Sollte es tatsächlich zu solch einem Vorfall und dem Einsatz von Atomwaffen kommen, wäre das Überleben eines Großteils, wenn nicht der gesamten Menschheit gefährdet. Solche Warnungen können, angesichts des großen Ausmaßes, nicht auf die leichte Schulter genommen werden und stimmen uns nachdenklich.

Die Situation, wie sie in den meisten Berichten beschrieben wird, stellt sich als ein globaler Moment des Verfalls der einseitigen amerikanischen Hegemonie dar, dieser lässt zunehmend Raum für vielfältige Polarität, bei der China und Russland als bestimmende Akteure hervorstechen. Genau diese neue Ordnung könnte eine nordamerikanische Reaktion hervorrufen mit dem Ziel, den Status Quo zu erhalten oder verlorene Positionen wiederherzustellen. Eine solche Offensive – nicht immer militärischer Art, aber doch zumindest durch militärische Präsenz gestützt – könnte auf die eiserne Allianz der Regierungen von Großbritannien, Saudi Arabien, Israel, der Nato-Staaten und einiger anderer Partner von geringerer Wichtigkeit zählen, allesamt besorgt ob dem neuen Wind, der nun bläst und die Beziehungen zwischen den Völkern zu verändern droht. Andererseits wächst die Zahl wirtschaftlich aufstrebender und nach Souveränität strebender Staaten, die individuell für sich oder gemeinsam den Geist der Nicht-Alliierten der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts heraufbeschwören.

Diversen Quellen zufolge nähren aber auch andere Faktoren diesen Konflikt. Zu diesen zählt ohne Zweifel auch der Kampf um die Energiereserven, hauptsächlich um Öl und Gas. Wenn man die Gebiete, in denen in naher Zukunft militärische Konflikte ausbrechen könnten, auf einer Karte betrachtet (zum Beispiel die des Council on Foreign Relations [1](http://www.cfr.org/global/global-conflict-tracker/p32137#!/), so ist nicht zu leugnen, dass sich viele davon in energiepolitisch strategisch wichtigen Orten befinden, wie in Saudi Arabien, Iran, Irak, Mexiko oder der Ukraine. Auf dieser Karte finden wir auch Venezuela und Nigeria, weitere wichtige Erdölproduzenten, wenn auch mit einem geringeren Risiko kriegerischer Auseinandersetzungen behaftet.

Glaubt man der Mehrheit der Gelehrten, so stellt der wachsende Einfluss Chinas auf dem globalen Finanz- und Investmentmarkt zu Lasten der Vereinigten Staaten und Europas eine weitere Motivation für eine globale Eskalation absurden Ausmaßes dar. Dies ist eine der größten Sorge der heutigen Zeit, oder besser gesagt der Wirtschaft, so wie auch das maßlose Ungleichgewicht im amerikanischen Haushalt, zusammen mit der schwindenden Unterstützung ihres Hauptkreditgebers (nämlich China) und schließlich der Zweifel am Dollar als Referenzwährung bei internationalen Transaktionen. Weitere Faktoren könnten angeführt werden, wie die wachsende Rolle Russlands und Chinas bei der Herstellung und bei dem Export von Waffen, eine Tatsache, die die moralisch zweifelhaften, aber dennoch sehr einträglichen Geschäfte nordamerikanischer und europäischer Firmen bedroht, die noch immer Marktführer in diesem Bereich sind. Hervorzuheben sind hier die klaren Absichten der Industrie (zum größten Teil mit Hauptsitz in Europa oder den Vereinigten Staaten), globale Märkte ohne Regulierungen zu schaffen, wobei das Auftreten von anderen globalen Konkurrenten oder staatlichen Hürden hier nicht mit Wohlwollen betrachtet werden würde.

Auf einer eher geopolitischen Ebene und immer auch auf der Suche nach Gründen, die die Absicht, Konflikte zu provozieren, erklären könnten, kann man eine anhaltende Notwendigkeit der Vereinigten Staaten nach einem Feindbild, sei es nun real oder fiktiv, feststellen. Dieses rechtfertigt die eigene umfassende Militärpräsenz sowie den Druck auf das eigene Volk, diese finanziell zu unterhalten. Ein weiteres Thema ist die Schwierigkeit, die alle Imperien, (ob noch im Aufbau oder schon gefestigt), hatten, wenn die USA Truppen abbauen, würden diese Menschen nach ihrer Rückkehr in die Heimat, nur einen weiteren Beitrag zu einem bereits großen sozialen Chaos leisten.

Nicht zu verachten ist auch die Tendenz dieses Landes aggressiv aufzutreten. Dies hat sich im Laufe der kurzen Geschichte dieses Landes in den Beziehungen mit anderen Nationen gezeigt.

Ein weiterer Indikator ist die Diskussion um die Funktion der Strukturen internationaler Institutionen und das Auftreten neuer Protagonisten und Blöcke wie der Union Südamerikanischer Nationen (UNASUR), der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC), der BRICS-Staaten oder der Entwicklungsbanken alternativ zur Weltbank und dem Internationalen Währungsfond, im offenen Gegensatz zu den bisher vorherrschenden Modalitäten der überlegenen Vorherrschaft.

Mit diesen Beobachtungen wollen wir keinesfalls die Theorie eines weltweiten Übels aufstellen, dass vermeintlichen Wohltätern gegenübersteht. Denn letztere verfolgen in Wirklichkeit ebenfalls eigene Interessen und weisen in sich ähnliche Widersprüche auf. Wir zeigen lediglich Kräfte auf, die eine Richtung anzeigen, der die Ereignisse folgen, unabhängig von den jeweils konjunkturellen Protagonisten.

In dieser unausgeglichenen Situation, die einen Bruch mit der während des Zusammenbruchs des britischen Empire geschmiedeten Welt, und den Aufstieg ihres nordamerikanischen Sprösslings in die Sphäre des internationalen Einflusses darstellt, explodieren andere Konflikte. Diese Konflikte werden, neben ihrem wesentlichen Inhalt, auch mit diesem bipolaren Heiligenschein versehen, in die sich die neue Multipolarität“ zu verwandeln scheint.

Wir beziehen uns dabei zum Beispiel auf den uralten Streit zwischen Schiiten und Sunniten um die Nachfolge Mohammeds in der islamischen Welt. Dieser Streit ist in Wirklichkeit ein Spiegelbild der Rivalität persischer und arabischer kultureller Werte und nährt heute zusammen mit bereits zitierten Faktoren Morde und Kriege im gesamten Mittleren Osten, auf der arabischen Halbinsel, in Nord- und Zentralafrika sowie im vorderen Asien. Eine ähnliche Bedeutung haben verschiedene interethnische und interreligiöse Konflikte. Sie zeigen, dass in vielen Punkten der Nationalstaat eine auferlegte Fiktion darstellt, unfähig alte Wunden zu heilen und in manchen Fällen sogar für eine Vertiefung der Konflikte verantwortlich ist.

Dasselbe geschieht mit dem Auftauchen starker Identitäten, die von kolonialen Invasoren unterdrückt waren und die im aktuellen Sturm die Gelegenheit sehen, wieder zu erstarken und ihrer Stimme, die lange zum Schweigen gebracht worden war, wieder Gehör zu verschaffen.

In einem ganz anderen Geiste erwachen nun im Zuge der Krise und dem Zerbröckeln dieser verlorenen und von den Allmächtigen beweinten Welt enorme gewaltfreie Proteste auf dem gesamten Planeten. Von Lateinamerika bis Asien, vom mittleren Osten bis Europa erklingen junge Stimmen und bunte Gesänge für eine neue Welt, die gerechter, anders, und definitiv menschlicher ist.

Dieser sprudelnde Elan der jungen Generation kann in gewissem Sinne mit dem der 60er Jahre verglichen werden, der damals einen radikalen Wandel in den Denkmustern und sozialen Strukturen provoziert hatte, die noch in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts stecken geblieben waren.

Diese neue Bewegung schwimmt gegen den Strom und erscheint wie eine Flut an mehreren Orten gleichzeitig, trotz Repression und Drohungen eines Systems der Gewalt, das nicht aufgeben will. In ihren unbefangenen und selbstsicheren Forderungen lassen sich Inhalte finden, die das Zentrum einer menschlichen Landschaft der nächsten Jahre bilden wird. Der zeitlich Ablauf ist ungewiss und die Bestätigung könnte noch zehn oder zwanzig Jahre auf sich warten lassen, aber es ist wichtig zu verstehen, dass diese Inbrunst, wenn sie auch manchmal kurzlebig erscheint, mit dem Wind der Geschichte segeln wird, auf dem Schiff des Mechanismus, der die Generationen überwindet.

Wird diese Revolution der Generationen, die von unten emporwächst, die harte und gefährliche Überfahrt in einer explosiven und mit Gewalt behafteten Welt durch schiffen können? Können wir die Enge der Thermopylen im Angesicht der drohenden totalen Zerstörung durchfahren?

Dies ist die schwierige Herausforderung, die wir als Menschheit bewältigen müssen. Sie ist nicht nur sozialer und politischer Natur, sie ist nicht nur der Kampf derer, die wie wir den Frieden wollen, die Abschaffung aller Atomwaffen, totale Abrüstung und Einführung neuer politischer und ökonomischer Modelle ohne Geiz, Ausnützung, Hass und Lügen. Es ist der Kampf um eine neue Welt, in der die Diskriminierung der Vielfalt weicht, in der Gleichförmigkeit der Andersartigkeit Platz macht, in der das Essentielle nicht der Erfolg des Einzelnen ist, sondern die Gleichheit aller Rechte und Möglichkeiten, in der die Freude am Leben, am Erschaffen und Verwandeln ein graues Dahintreiben in den Tod ersetzt.

Diese Herausforderung ist gleichzeitig auch ein innerer Weg für jeden von uns, der über die Versöhnung mit allen Wunden und Misshandlungen in der Geschichte der Menschheit führt. Eine wahre Reise, genährt von einem erneuerten Lebenssinn, der uns helfen wird, den Egoismus des Unterdrückers, wie auch der Unterdrückten zu überwinden, und der uns in ein Schicksal der Befreiung führen wird, das wir mit allen Menschen teilen. Ein Abenteuer, bei dem wir uns selbst und gleichzeitig auch das Menschliche im Anderen entdecken werden.

Das Dilemma ist klar: Gewalt bringt nur Rückentwicklung, vielleicht sogar das definitive Ende. Die Gewaltfreiheit hingegen, in einer integrativen und umfassenden Art verstanden, ist der Weg, der ab sofort zu gehen ist.

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige! 


[1] amerikanische Denkfabrik mit großem Einfluss im Bezug auf die Auslegung amerikanischer Außenpolitik

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, International, Jugend, Meinungen, Südamerika
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