Warum ist die Politik manchmal so töricht?

20.05.2019 - Günter Buhlke

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch verfügbar.

Warum ist die Politik manchmal so töricht?
Aphrodite lenkt die Entführung Helenas durch Paris (Bild von Francesco Primaticcio | Public domain)

Die provokante Frage war u.a. Thema eines Veranstaltungsvortrages im Zentrum für empirische Evaluationsmethoden e.V. der Berliner Humboldt-Universität am 10. Mai 2019. Vorgestellt wurde die Thematik vom Prof. Dr. Dr. Dietrich Dörner, Bamberg. Er stützte seine Ausführungen auf das Buch von Barbara Tuchmann „Die Torheiten der Regierenden, von Troja bis Vietnam“ (Rowohlt, 2001).

Auf allen Gebieten hätten die Menschen sehr viel gelernt, führte Dr. Dörner aus. In der Landwirtschaft, der Medizin, der Technik, im Verkehrswesen usw. Von dieser Fortentwicklung sei aber im Bereich der Politik wenig zu spüren; weiterhin handeln die Politiker in hohem Maße „gegen ihre eigenen Interessen“, so wie in Troja geschehen.

Torheiten sind gewissermaßen Dummheiten. Warum aber verhalten sich Politiker so häufig töricht? Auf diese Frage gibt es schon seit langem eine Antwort. Platon meinte (Timaios 69d), dass Fehler in der Politik wesentlich darauf zurückgeführt werden können, dass sich die Akteure überschätzen. Es gibt – und das verwundert auf den ersten Blick sehr – nur etwa ein Dutzend Fehler, die ständig wiederholt werden. Und diese Fehler lassen sich wiederum allesamt auf eine Grundreaktion von Menschen (auch von Tieren) zurückführen. Es ist die sogenannte „Notfallreaktion“. Sie enthält außer „Flucht“ oder „Angriff“ noch eine Reihe anderer Komponenten, wie Selbstüberschätzung, Mutmacher, Aussitzen und ähnliches, meinte der Kognitionspsychologe.

Zur gleichen Thematik, aber außerhalb der Veranstaltung soll hier auf ein weiteres Buch aufmerksam gemacht werden. Immanuel Kant veröffentlichte seine Gedanken und Vorschläge an die Politik u.a. in seinem kleinen Buchwerk „Zum ewigen Frieden“ vor 224 Jahren (Reklam Nr. 1501). Er formulierte sechs Komplexe, wie die Politik Kriege vermeiden könnte. So in Friedensverträgen keine Anlässe für neue Kriege formulieren, stehende Heere sollen abgeschafft werden, Staatsverschuldungen könnten neue Ursachen für Kriege sein, kein Staat soll sich in Verfassungen anderer Staaten einmischen, Vertrauen und Toleranz zum Nachbarstaat sind hohe Güter.

Heute würde Kant noch andere hinzufügen, beispielsweise Geschäftsmodelle der Rüstungsindustrie reglementieren oder mehr Staat wagen. Die Politik hat die Vorschläge von Kant in den langen Jahren missachtet. Zwei opferreiche Weltkriege und viele andere militärische Auseinandersetzungen haben Unglück für die Bevölkerung und zeitweiligen Reichtum und Machtzuwächse für begrenzte Schichten und Länder gebracht. Das Schicksal von Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien, Jemen und das Erbe der Kolonialzeit in Afrika, Lateinamerika, Asien sollte den Politikern neue Wege suchen lassen. Unsere `Eine Welt` ist nicht nur von Kriegen gefährdet, die Natur antwortet zunehmend auf Fehler der Politik mit Katastrophen.

Unsere Altvorderen aus Griechenland, die Aufklärer des 17./18./19. Jahrhunderts und die Humanisten hüteten beharrlich die Werte des Friedens, der Toleranz, der Vernunft, der Wahrheit. Sie verstanden sich stets als aktive Wächter der Demokratie und Selbstbestimmung. Ihr Geist sorgte dafür, dass in der Geschichte Alternativen gedacht und ins praktische Leben eingeführt werden konnten. Die Charta der Menschenrechte von 1947 und die UNO mit ihren Regeln im internationalen Umgang oder den Sicherheitsrat können als Beispiele gelten.

Die gegenwärtige Politik räumt der egoistischen Profitlogik des Kapitals im Wertekanon den höchsten Platz ein. Zunehmend ist im praktischen Leben erkennbar, das diese Logik die angestrebten Werte der menschlichen Gesellschaft deformiert, über Krisen bis hin zu Kriegen und der realen Spaltung der Gesellschaft.

Die von der deutschen Bundeskanzlerin oft beschworene westliche Wertegemeinschaft ist im eigentlichen Sinne ein Bündnis zur Verteidigung und Ausweitung ihres Machtbereiches (NATO); keinesfalls zur Vertiefung und Stärkung humaner Werte. Zu sehr unterscheiden sich die Länder innerhalb des Bündnisses in ihren Interessenslagen, in ihren gesellschaftlichen Machtstrukturen (parlamentarische versus präsidiale Formen) und im Herangehen bei der Bewältigung von internationalen Problemlagen (diplomatische Verhandlungen bis zum Punkt der Übereinstimmung der Interessen versus schneller Einsatz von Sanktionen als Druckmittel, unbenommen von Auswirkungen auf die eigenen Bündnispartner).

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, Meinungen, Politik
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