Der Tag an dem die Welt fast unterging

26.09.2018 - Valentin Grünn

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Der Tag an dem die Welt fast unterging
Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow war Oberstleutnant der sowjetischen Luftverteidigungsstreitkräfte. (Bild von Queery-54 | CC BY 4.0 from wikimedia commons)

Atomraketen im Anflug! Das nigelnagelneue Frühwarnsystem der Sowjets meldete am 26. September 1983, also heute vor 35 Jahren, den Anflug von amerikanischen Atomraketen auf das Territorium der Sowjetunion.

Dem diensthabenden Offizier blieben nur wenige Minuten zu entscheiden, ob es sich um einen tatsächlichen Angriff oder um einen Fehlalarm handelt. Es war die wohl für die Menschheit wichtigste Entscheidung des vergangenen Jahrhunderts.

1983 war der Höhepunkt des kalten Krieges. Die Sowjets hatten zuvor Hunderte von SS-20-Raketen, „Schrecken Europas“ genannt, stationiert. Jede hatte die 50ig-fache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe, sie waren auf westeuropäische Städte gerichtet. Es war die Zeit des Nato-Doppelbeschlusses und der westlichen Nachrüstung, Reagan war US-Präsident und mit den Pershing-II-Raketen hat die USA reagiert. Es war die Zeit der Ostermärsche der Friedensbewegung und ein zentraler Punkt der noch ganz jungen GRÜNEN. Szenarien über die Zerstörungskräfte der Bomben wurden veröffentlicht – eine Bombe, eine Stadt, hunderttausende Tote.

Im Kino war „The day after“ der Kassenschlager. Ein Film, dem nachgesagt wird, dass er die Menschen aufgeweckt habe, Perestroika, Glasnost und das Ende des kalten Krieges überhaupt erst möglich gemacht habe.

Auf beiden Seiten waren die Geheimdienste in voller Aktion, spähten die Beleuchtung wichtiger Ministerien und deren Postaufkommen aus. Beides galt als Zeichen erhöhter Aktivität und ließ bevorstehende Angriffe vermuten. Wenige Tage zuvor hatten Sowjets ein koreanisches Linienflugzeug über Sachalin abgeschossen; eine Reaktion des Westens war also erwartet worden. Ein geplantes Großmanöver der NATO „Able Archer 83“ sollte kurz darauf stattfinden. Die sowjetische Führung war hochgradig alarmiert.

Oberst Stanislaw Petrow arbeitet als diensthabender Offizier in einer geheimen Militärstadt südlich von Moskau und tat seinen Dienst an einem satellitengestützten Radarwarnsystem, das den Start von Atomraketen frühzeitig melden sollte. 10 Minuten blieben im Falle eines Angriffs um den Gegenangriff zu starten.

Am 26. September 1983 kurz nach Mitternacht schellten alle Alarmsysteme und meldeten den Start einer amerikanischen Atomrakete. 25 Minuten bis zum Einschlag in Moskau. Dass ein Angriff stattfinden würde, das war nicht nur möglich, es wurde von allen als wahrscheinlich angesehen. Die Politik der Angst hatte die Welt ergriffen; der Virus der Panik hatte alle infiziert.

Petrow stand vor der Entscheidung, einen Angriff nach Moskau zu melden, was wahrscheinlich den sofortigen Gegenschlag zur Folge gehabt hätte oder es als einen Fehlalarm zu deuten und nichts zu tun.

200 Mitarbeiter warteten auf seine Entscheidung. Er bewahrte die Ruhe. „Hinsetzen! Weiterarbeiten!“ war seine Reaktion. Er entschied sich für einen Fehlalarm; war sich seiner Entscheidung aber nicht sicher. Kurz darauf schrillten die Alarmsirenen wieder und das System meldete den Start weiterer Atomraketen.

„Wir sind klüger als die Computer. Wir haben sie geschaffen.“ Er blieb bei seiner Entscheidung und vermied wohl 800 Millionen Tote und 400 Millionen Verletzte. Das waren die Zahlen die Analysen für den Fall eines umfassenden Atomkrieges errechnet hatten.

Die Sowjetführer hätte binnen Minuten eine Entscheidung treffen müssen, Juri Andropow, der damalige Staats- und Parteichef der Sowjetunion, bereits krank hätte er wohl vom Krankenbett aus den „roten Knopf“ gedrückt und die Amerikaner hätten auf die gleiche Weise auf den Start von sowjetischen Raketen reagiert, so die Einschätzung von Abrüstungsexperten.

Es war ein Fehlalarm, vermutlichen wurden Wolkenformationen im Zusammenhang mit der aufgehenden Sonne, die sich in Seen spiegelte, von dem System als Lichtblitze von startenden Raketen gedeutet.

Petrow wurde getadelt und wohnte bis zu seinem Tod in einer ärmlichen Wohnung am Rande Moskaus.

„Glauben Sie mir“, sagt Petrow, „ich bin kein Held. Ich habe nur meine Arbeit getan.“ So sieht er es. Alle anderen wissen: Er hat die Menschheit vor einem nuklearen Inferno bewahrt.

Kategorien: Frieden und Abrüstung, International
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