Iuventa, das Schiff, das tausende Leben gerettet hat: ein Dokumentarfilm über Hoffnung und Utopie

01.07.2018 - Anna Polo

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Italienisch verfügbar.

Iuventa, das Schiff, das tausende Leben gerettet hat: ein Dokumentarfilm über Hoffnung und Utopie
(Bild von Cesar Dezfuli)

Produziert von Lazy Film und Rai Cinema in Koproduktion mit Sunday Films und ZDF/3Sat sowie Bright Frame folgt der Dokumentarfilm „Iuventa“ der Initiative einer Gruppe junger Deutscher, die sich angesichts der tragischen Tode im Mittelmeer entschließen, zu handeln. Sie gründeten den Verein Jugend Rettet e.V. und retteten tausende von Leben. Wir haben darüber mit dem Regisseur Michele Cinque gesprochen.

Woher kam die Idee zu diesem Dokumentarfilm?

Es war eine Art Geistesblitz: im Frühjahr 2016 las ich über eine Gruppe junger Deutscher, die sich angesichts der – im besten Fall – Untätigkeit der Europäischen Union dazu entschlossen hatte, nicht weiter zuzuschauen, wie sich eine Tragödie nach der anderen im Mittelmeer ereignet, sondern selber zu handeln. Sie gründeten einen eingetragenen Verein, die „Jugend Rettet“, sammelten Spendengelder via Crowdfunding in Höhe von 400.000 Euro und kauften einen alten Fischkutter. Ich war damals auf der Suche nach neuem Stoff für einen Dokumentarfilm und entschloss mich dazu, ihre Geschichte zu erzählen. Ihr Elan und ihre Überzeugung, die Dinge ändern zu können, indem man sich direkt engagiert, haben mich beeindruckt, denn so etwas kommt doch heutzutage eher selten vor. Also habe ich die Jungs und Mädels per Email und Telefon kontaktiert, mich davon vergewissert, dass niemand anders einen Film über sie dreht, und dann zugesagt: „Ich mache es!“.

Es war gar nicht so einfach: sie standen zu dem Zeitpunkt bereits kurz vor der Abreise zu ihrer ersten Mission und wollten nicht, dass Externe sie dabei beobachten. Ich bin daraufhin nach Malta gereist und 15 Minuten vor Abfahrt haben sie mir dann das OK gegeben. Das war im Juli 2016.

Was ist das zentrale Thema des Films?

„Iuventa“ erzählt vor allem von Utopie, von Hoffnung, von einem Projekt, das über das Retten aus Seenot hinaus geht und dann auf die harte Realität traf. Ich war 18 Tage mit den Freiwilligen von Jugend Rettet auf See und danach begleitete ich sie für ein Jahr und drei Monate nach Berlin und nach Sizilien, wo wir auf einige während der ersten Mission in Kroatien Gerettete trafen, und wo das Schiff für Instandhaltungsarbeiten im Hafen lag. Dann, im August 2017, als die Diffamierungskampagne gegen ehrenamtliche Rettungsaktionen in vollem Gange war, riefen sie mich von Lampedusa aus an und sagten: „Komm, etwas Schlimmes passiert gerade“. Ich bin sofort los und habe dann die Beschlagnahmung der Iuventa miterlebt.

Aber was genau wird den Jungen Leute überhaupt vorgeworfen?

Praktisch nichts. Die präventive Beschlagnahmung fand im Rahmen einer Untersuchung von Beihilfe zu illegaler Immigration statt, aber bis heute ist keine Anklage erhoben worden. Obwohl eine Rechercheagentur aus London, die Forensic architecture, alle Vorwürfe (gegen Unbekannte) widerlegen konnte, bleibt das Schiff weiterhin im Hafen von Trapani blockiert. Man muss sehen, wie es weitergeht, aber in der Zwischenzeit geben die jungen Leute nicht auf. Einige von ihnen haben einen neuen Verein gegründet, Mare Liberum, und machen sich für weitere Rettungsmissionen bereit.

Was hat Dich bei dieser Erfahrung am meisten berührt?

Wie ich schon sagte, die Fähigkeit, nicht aufzugeben, der Mut und die Kraft dieser immer noch sehr jungen Menschen. Die Iuventa war ein Ort, an dem sich junge Menschen der gleichen Generation trafen, die einen reich, die anderen arm. Junge Menschen, die auf den ersten Blick aus verschiedenen Welten kamen und die aber dann eine gemeinsame Art zu kommunizieren fanden, die Beziehungen zueinander aufbauten und tiefe menschliche Kontakte schufen. Später, als wir nach Sizilien fuhren, um einige der in der ersten Mission geretteten Jungs in den Aufnahmezentren zu besuchen, hat mich ihre Lage sehr getroffen, total in der Luft zu hängen, ohne klare Zukunft vor den Augen.

Die Kriminalisierung von Solidarität durch Attacken auf Nichtregierungsorganisationen, die Leben im Meer retten, und auf Vereinigungen, die Migranten juristischen Beistand und Gesundheitsversorgung bieten, schlägt immer heftigere Töne an. Was kann man Deiner Meinung nach tun, um dieser Offensive zu begegnen?

Ich bin Geschichtenerzähler und gebe die Fakten der Geschichte dessen, was da mit Migranten passiert, auf einfache und Zweck-bezogene Weise wieder. Wir müssen wieder zu einer realitätsnaheren Narrative zurückfinden, die auch NGOs, die sich für humanitäre Zwecke einsetzen, eine Stimme gibt, und um dafür zu sorgen, dass Abkommen respektiert werden, die übrigens von allen europäischen Ländern unterzeichnet wurden. Wir müssen die Kräfte gegen Intoleranz bündeln, und wir dürfen uns nicht entmutigen lassen, sondern sollten stattdessen entschlossen handeln. Die Jungs und Mädels der Iuventa haben uns allen gezeigt, dass das möglich ist.

Der Film „Iuventa Seenotrettung – Ein Akt der Menschlichkeit“ von Michele Cinque wird im Sommer auch in deutschen Kinos laufen. Im Folgenden die bis jetzt bekannten Termine sowie der Trailer zum Film (Englisch mit deutschen Untertiteln):

09.07. Berlin
10.07. Leipzig
19.07. Magdeburg
24.07. Halle
01.08. Nürnberg
07.08. Hamburg
08.08. Hannover
12.08. Dresden

 

Alle Fotos von Cesar Dezfuli

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: Europa, Interviews, Kultur und Medien, Menschenrechte, Nichtdiskriminierung
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