Evelyn Rottengatter: Milagro Sala steht für mich symbolhaft, wofür ich kämpfe

29.05.2017 - Milena Rampoldi

Evelyn Rottengatter: Milagro Sala steht für mich symbolhaft, wofür ich kämpfe
(Bild von Evelyn Rottengatter)

Evelyn Rottengatter erzählt im Interview über das Komitee für die Freiheit von Milagro Sala, das vor kurzem in Deutschland gegründet wurde.

Mit Evelyn habe ich mich über Milagro Sala, ihre Bewegung und über die Notwendigkeit unterhalten, sich für sie einzusetzen, vor allem im Ausland. Wir von ProMosaik sind immer schon der Ansicht, dass Frauen die Pfeiler aller Gesellschaften und somit auch des Kampfes für Gleichheit und Menschenrechte sind. Ich möchte mich bei Evelyn für ihre so detaillierten Antworten bedanken. Für mich persönlich ist Milagro ein Symbol des kämpferischen Feminismus.

Wer ist Milagro Sala?

Milagro Sala ist Gründerin und Leiterin der sozialen Nachbarschaftsbewegung Tupac Amaru in der argentinischen Provinz Jujuy und zudem Abgeordnete des Parlasur, dem Parlament des Mercosur, der ein gemeinsamer Wirtschaftsraum in Lateinamerika ist, vergleichbar vielleicht mit der Europäischen Gemeinschaft, bevor sie zur EU wurde. Milagro kommt aus ärmlichen Verhältnissen, wie man so schön sagt, wie so viele der Menschen in Lateinamerika, die indigene Vorfahren haben und die in der postkolonialen Gesellschaft der Weißen nie wirklich Platz und Anerkennung erfahren haben. Doch was zeichnet Milagro aus und was ist das Besondere an ihr? Das ist eine sehr gute Frage, denn ohne Zweifel ist sie eine herausragende Persönlichkeit. Milagro war schon immer politisch aktiv und sieht man Videomaterial aus ihren früheren Jahren, so wird deutlich, dass diese Frau eine unwahrscheinliche Kraft und Energie hat. Sie hat die Gabe, Menschen mitzureißen und zu begeistern und Dinge in klare und verständliche Worte zu packen. Aber noch mehr als das würde ich sagen, dass Milagro ein großes Herz hat. Es berührt sie, dass es anderen Menschen schlecht geht. Es berührt sie so sehr, dass sie den Drang hat, dagegen etwas zu tun. Und hier kommen wir an einen sehr interessanten Punkt: das Leid der anderen an sich heranzulassen ist meiner Meinung nach etwas, was eines der schwierigsten Dinge ist. Denn wenn man es zulässt, dass es einen berührt, leidet man mit und das zu gehört ungeheurer Mut und innere Stärke. Beides zeichnet Milagro mit Sicherheit aus. Ob das eventuell mit der Tatsache zu tun hat, dass Milagro ohne Mutter aufwachsen musste, weiß ich nicht, aber sie sagt von sich selber in dem Dokumentarfilm „Algo está cambiando“, dass sie deshalb schon früh erwachsen werden musste. Sie hat bestimmt sehr darunter gelitten, keine Mutter zu haben und ich vermute, sie hat sich bei der Wahl, vor der jeder in so einer Situation steht, nämlich in Selbstmitleid und Zurückgezogenheit zu versinken oder daran zu wachsen, für letzteres entschieden.

Was repräsentiert Milagro Sala?

Milagro repräsentiert ein neues indigenes Selbstbewusstsein, das vom Establishment nicht gewünscht ist. Sie hat tausenden in bitterster Armut lebenden Menschen geholfen, sich selber zu helfen und so den Kopf wieder hochhalten zu können und nicht auf Almosen angewiesen zu sein. Mit Tupac Amaru, die nach dem letzten Inka-Herrscher benannt sind, hat sie eine inklusive Gemeinschaft geschaffen, in der für alle Platz ist und in der sich niemand ausgeschlossen fühlen muss. Im Gegenteil, alle haben gleiche Rechte und Pflichten, es ist eine Art basisdemokratische Bewegung, weil immer alle Entscheidungen gemeinsam getroffen wurden. Es ist nicht so, dass Milagro kam und sagte: „So machen wir’s“. Nein, sie hat einfach angefangen zu sagen, kommt lasst uns gemeinsam was bewegen, lasst uns gemeinsam Essen für die Kinder auftreiben. Und daraus entstand dann so viel mehr, der Bau der ersten Häuser, bei dem alle erst einmal lernen mussten wie man Häuser baut. Und dann der Rest, Schulen, Fabriken, Gesundheitszentren bis hin zu Sport- und Freizeitstätten. Berühmt ist das große Schwimmbad, das den Kindern von indigenen, armen Leuten dieselbe Freude machen sollte, die andere Kinder auch genießen dürfen, und die Milagro selber als Kind nie erfahren hatte. Das alles war tatsächlich auch deshalb möglich geworden, weil die damalige Regierung Argentiniens, die Kirchners in den 90 er Jahren, sagten, OK wird geben diesen Tupac Amaru mal eine Chance und wollen sehen, was sie auf die Beine stellen können. Sie gaben stattliche Mittel, nicht viel, aber genug, um zu beginnen, und ein wenig Land. Und so begann alles und sie legten gemeinsam los und Milagro war und ist für alle wie eine Mama, egal was es für ein Problem gab, man ging zu ihr und wusste, irgendeine Lösung findet sie und wenn es nur die Tatsache ist, dass sie sich kümmert, sich interessiert, schon das allein kann einen riesigen Unterschied machen für jemanden, der in Not ist, weswegen auch immer. Sie repräsentiert also ein sehr weibliches Element, das im aktuellen System verloren gegangen ist, das Beschützende, Nährende, die Schwachen Einschließende, ganz im Gegensatz zu Konkurrenzkampf, Ellebogengesellschaft und Abbau des Sozialstaates. Und sie repräsentiert auch das indigene Selbstbewusstsein, sie sagt selber von sich „ich bin eine schwarze, indigen Frau und deshalb wollen sie mich nicht“. Man muss wissen, das Milagro einen extrem hohen Bekanntheitsgrad hat, schon allein durch ihr Amt als Abgeordnete, in das sie ja von den Menschen gewählt wurde, und leider nicht zuletzt auch wegen der Hetzkampagne der argentinischen Medien gegen sie und diejenigen, bei denen sie gefruchtet hat, würden mir natürlich in allen widersprechen. Aber für mich repräsentiert sie Kraft, Mut und das Selbstbewusstsein zu sagen, wir haben auch Rechte genauso wie ihr und wenn ihr uns schadet, Arbeitsplätze vernichtet und Armut erzeugt, dann werden wir uns wehren, friedlich, aber mit Bestimmtheit und wir werden unsere Stimme erheben und lassen uns nicht den Mund verbieten. Und genau deswegen sitzt sie jetzt auch im Gefängnis.

Wie kam es zur Gründung des deutschen Komitees für die Freiheit von Milagro Sala?

Wie viele andere auch, gibt es ja das italienische Komitee schon länger und nachdem ich für Pressenza oft die italienischen Artikel über Milagro übersetzt habe, wusste ich auch schon sehr gut Bescheid. Die italienischen Kollegen meinten dann irgendwann, wie sieht’s denn aus mit einem deutschen Komitee und so habe ich mal überlegt und mir gedacht, eigentlich braucht es ja nur zwei oder drei Leute, um ein informelles Komitee zu gründen. Warum nicht auch hier, zumal Milagros Fall von den deutschen Medien immer noch komplett ignoriert wird. Außerdem meine ich, dass gerade Deutschland eine besondere Verantwortung zukommt, wir sind eines der reichsten Länder und die deutsche Industrie hofft jetzt auf dicke Geschäfte mit Argentinien unter seiner neuen neoliberalen Führung, darauf gehe ich auch in meinem Artikel „Warum ein deutsche Komitee für die Freiheit von Milagro Sala?“ näher ein, und es kann nicht sein, dass dafür beim Thema Menschenrechte einfach beide Augen zugedrückt werden. Im Dezember letzten Jahres gab es eine Vorführung des Films „Algo está cambiando“ im Haus der Menschenrechte in Berlin, der die Bewegung Tupac Amaru und deren Entstehung sehr schön dokumentiert und für den ich die Untertitel übersetzt hatte. Es waren hauptsächlich in Berlin lebende Argentinier da, die sich alle Sorgen um die Situation in ihrem Land machen, denn Milagros Fall geht ja leider mit vielen anderen Menschenrechtsverletzungen einher, seitdem die neue Regierung Oktober 2015 die Macht übernommen hat. So habe ich zusammen mit meinen Kollegen die Kontakte, die wir da geknüpft hatten, aktiviert und es war auch gleich Interesse da und wir haben losgelegt. Ich wünsche mir sehr, dass wir das Thema weiter bekannt machen können. Denn wenn solch ein Unrecht geschieht, darf man nicht wegsehen. Die ganze Infrastruktur, die die Tupaqueros, wie sie sich selber nennen, zusammen aufgebaut hatten, all die Fabriken mit den Arbeitsplätzen, die Schulen, die Gesundheitszentren… all das ist jetzt lahmgelegt, zerstört, geschlossen. Sie haben sogar die Webseite von Tupac Amaru gesperrt! Die Menschen sind am Boden zerstört, es ist wie ein Volk, dem sein König geraubt wurde und das die Erniedrigung ertragen muss, ihn im Gefängnis zu sehen, nur, dass Milagro nie Königin war, noch sein wollte, sondern immer nur Mutter, Freundin, Unterstützerin, Helferin, Wortführerin, Mutmacherin, wohlwollend alle Fäden in der Hand haltend und alle sanft in die richtige Richtung dirigierend, so kann man es vielleicht am besten beschreiben.

Was können wir Frauen von Milagro Sala lernen?

Naja, zunächst mal das Offensichtliche, also, dass wir sehr wohl auch Führungspositionen einnehmen können, in einer Welt, die von Männern dominiert wird, dass wir uns ruhig mehr zutrauen können, dass wir stark sein können und so weiter und so fort. Allerdings bin ich beim Thema Gender Equality, Frauenquote etc. immer vorsichtig, denn nur weil jemand eine Frau ist, heißt das noch lange nicht, dass er oder sie auch soziale Verantwortung übernimmt oder für Gleichheit, Inklusion und Menschenrechte steht. Nehmen wir mal Marillyn Hewson, CEO des amerikanischen Waffenherstellers Lockheed Martin und laut Forbes eine der mächtigsten Frauen der Welt, die sich selber gerne als Vorbild für Frauen bezeichnet und deren Firma aber Waffen an Saudi Arabien verkauft, die für den Tod von vielen tausenden, insbesondere auch Frauen und Kindern, verantwortlich sind. Feminismus bedeutet für mich, den weiblichen Aspekt in jedem von uns zu erkennen und zu akzeptieren und lieben zu lernen. Die Schöpfung besteht aus männlich und weiblich, ohne der Zusammenarbeit beider geht nichts, und in jedem von uns sind logischerweise beide Elemente präsent. Jedoch ist im Laufe der letzten Jahrhunderte oder sagen wir mal der letzten beiden Jahrtausende, seit dem Ende matriarchaler Kulturen, ein patriarchales System entstanden, dass den weiblichen Aspekt zu Gunsten von Kontrolle durch Gewalt, Expansion, Gier, Hierarchie, Konkurrenzkampf und so weiter immer mehr in den Hintergrund gedrängt hat. Dieses System hat uns fast an den Rande das Abgrund gebracht, wir haben Kriege für geopolitische Macht, Umweltzerstörung für Profite der Eliten, soziale Armut und Not als Konsequenz von Ausbeutung von Schwächeren durch die sogenannten Stärkeren, die Verwendung der Ausrede der „Survival of the fittest“ hat sich in vollem Maße gelohnt, für einige Wenige. Der Rest der Welt aber schreit nach Liebe, nach Schutz, nach Frieden, Freiheit und Harmonie. Und Milagro, wie so viele andere mutige Frauen und Männer auch, repräsentiert dieses weibliche Element, das diese Aspekte unterstützt, hat es genutzt, um viel Gutes zu tun, den Menschen ihre Würde und Träume zurückzugeben und hat dadurch „Macht“ erhalten. Und davor hat das Patriarchat Angst und deshalb werden Menschen wie sie mit allen Mitteln bekämpft. Es gibt da einen Cartoon, der das gut zum Ausdruckt bringt:

„Für die Straftat, Träume gebaut zu haben, für was erklären Sie sich?“ – „Frei“

Welches sind die wichtigsten sozialen Probleme Argentiniens?

Neben der wachsenden Armut, die mit steigenden Arbeitslosenzahlen und einer offensichtlich verfehlten Politik einhergeht, und die ja leider auch in anderen Ländern ein großes Problem darstellt, gibt es in Argentinien zum einen die große klaffende Wunde der Desaparecidos, der unter der Militärdiktatur Verschwundenen (teilweise auch Kinder und Neugeborene!). Das ist immer noch ein großes Thema, zumal diese Wunde gerade wieder durch ein aktuelles Urteil aufgerissen wurde, bei dem wegen Genozid oder Beihilfe zum Genozid Verurteilte aus dieser Zeit nun Straferlass erhalten können. Man kann sich vorstellen, wie das die Seele des Volkes verletzt, hat doch jeder Argentinier irgendwie eine persönliche Beziehung dazu, entweder wegen Fällen in der eigenen Familie oder eben bei Freunden oder Bekannten oder anderen Menschen, die man kennt. Zur Zeit wird dort gesagt, die Verschwundenen verschwinden gerade zum zweiten Mal. Das ist etwas, von dem man sich glaube ich als Nicht-Betroffener gar nicht vorstellen kann, wie schrecklich das sein muss. Tatsache ist, dass das Thema schmerzlich präsent ist und neben der politischen und sozialen Diskussion auch Eingang in die Kultur findet, es gibt viele Künstler, die sich mit dem Thema beschäftigen, auch in anderen lateinamerikanischen Ländern, bemerkenswert in diesem Zusammenhang finde ich das Lied „Desaparecidos“ (mit englischen Untertiteln) der Rockband Doctor Krapula aus Bogotá, in dem das Aufrechterhalten der Erinnerung an die Verschwundenen als Krieg bezeichnet wird, denn das Establishment würde diese Erinnerung am liebsten auslöschen. „Ich bin der inhumanen Ausbeutung müde“ heißt es da unter anderem, es sind kraftvolle Worte, die einen neuen, energetischen Widerstand der jungen Generation widerspiegeln, sie wollen keine oberflächliche Glitzerwelt mit Limousinen und Champagner, Hollywoodstars und Aktienkurshörigkeit, sie wollen ihr Recht auf ihre Vergangenheit und ihre Zukunft und ich habe große Hoffnung, dass da eine gesunde Gegenbewegung zum Raubtierkapitalismus entsteht, den man auf dem ganzen Kontinent wahrnehmen kann, und der ja auch bei uns mehr und mehr zum echten sozialen, politischen und umwelttechnischen Problem wird mit immer negativeren Auswirkungen bis in die letzten Winkel der Gesellschaft.

Das andere riesige Problem, wiederum nicht nur auf Argentinien beschränkt, aber wohl wegen seiner Größe besonders akut dort, ist die Gewalt gegen Frauen. Sogenannte Femizide, extrem gewalttätige Morde an Frauen, bei denen die Mörder die Opfer meistens kannten oder die sogar aus dem direkten Umfeld stammen, passieren immer häufiger und sind meiner Meinung nach ein weiterer Ausdruck sozialer Ungerechtigkeit in einer extrem durch Machoismus geprägten post-kolonialen Gesellschaft. Man muss sich das mal vorstellen: Frauen demonstrieren gegen die Unterdrückung von Frauen und gegen die extreme Gewalt, die an Frauen verübt wird und werden dann von der Polizei niedergeknüppelt. So geschehen letztes Jahr in Rosario…unglaublich! Die in Argentinien entstandene Bewegung Ni Una Menos ist eine der wichtigsten Strömungen diesbezüglich, das Aufbegehren gegen patriarchale Macht und Gewalt findet auch in anderen Regionen der Welt großen Widerhall. Dazu möchte ich aus meinem Artikel zitieren:

#NiUnaMenos ist ein Kollektiv, eine Bewegung. Es geht um alle Frauen, es geht um die Schwächeren in der Gesellschaft und deren Unterdrückung, zu denen auch die indigenen Bevölkerungsgruppen gehören. Der Verdacht liegt nahe, dass diese blinde Gewalt, die sich in Femiziden manifestiert, Ausdruck einer tiefliegenden Frustration ist. Eine Frustration, die von den finanziell Schwachen und durch Ausgrenzung von der Gesellschaft Gedemütigten an den physisch noch Schwächeren, also an Frauen, ausgelassen wird. Ein Phänomen, das es leider auch in anderen Teilen der Erde gibt, wo Menschen unter extremer Repression durch Kapitalismus leiden.

Wir kommen also immer wieder zu diesem Punkt zurück: Unterdrückung von Frauen, Unterdrückung von Schwachen, und in Lateinamerika sind das oft indigenen Gruppen, ist ein Zeichen des Bankrotts des aktuellen neoliberalen Systems, das in Lateinamerika gerade besonders um sich greift und wer diesen Widerstand unterstützt, hilft mit, in Richtung Paradigmenwechsel zu gehen, hin zu einer Welt, in der genug für alle da ist, in der es keine Gewalt, Kriege und Unterdrückung mehr gibt, in der nicht wenige alles besitzen, sondern alle genug zum gut Leben, dem berühmten „Buen Vivir“ haben. Ich glaube, dass Lateinamerika und Argentinien im besonderen da an der Speerspitze stehen, im Bezug auf das Problem, aber auch im Bezug auf die Lösung.

Wie wichtig sind indigene Gruppen in Lateinamerika für den Kampf um Menschenrechte?

Ich bin froh, dass Du diese Frage stellst. Es wichtig zu verstehen, dass es ja nicht nur „indigene“ und „nicht-indigene“ gibt, sondern, dass sich die Ureinwohner des Kontinents, die man allgemein als „indigen“ bezeichnet, sich im Laufe der Jahrhunderte mit den weißen, aus Europa Kommenden vermischt haben. Die breite Masse der Indigenen, die im Zuge der Kolonialisierung aus ihren Stammesgebieten teils vertrieben wurden, teils abgewandert sind, um in den Städten ihr Glück zu versuchen, gelockt von der materiellen Glitzerwelt, dem Fortschritt usw., bilden ja einen großen Teil der Bevölkerung. So wie eben auch die Menschen von Tupac Amaru, die sich aber auf ihre Wurzeln besonnen haben und auf die Tatsache, dass es vor dem westlichen System der Arbeitsteilung und Monetarisierung Gesellschaften gab, die autonom waren, sich selbst versorgten, nicht Teil einer globalen Maschine waren. Und dann gibt es natürlich auch noch diejenigen, die immer noch mehr oder weniger so leben wie einst, meist in abgelegenen Gebieten wie den weiten Grassteppen, den Anden oder dem Amazonas-Regenwald, schwer zugänglich und leider mehr und mehr im Visier multinationaler Firmen, um Bodenschätze abzubauen, Pipelines zu verlegen, Megadämme zu bauen oder intensives Agribusiness zu betreiben, das sind in Lateinamerika Dimensionen, die wir uns in Europa gar nicht vorstellen können. Riesige Flächen, die abgeholzt werden, um Soja- oder Maismonotonien anzubauen, selbstverständlich unter massivstem Einsatz von Chemie. Leider ist das Thema Monsanto in Argentinien ein noch viel größeres als bei uns, gerade auch für die Indigene, zum Beispiel stellen dort die Flugzeuge, die das Glyphosat über den riesigen Feldern versprühen, ihre Düsen nicht ab, wenn sie über ein Dorf hinwegfliegen und so sind die Krebs- und Missgeburtsraten bei der in diesen Gegenden lebenden Bevölkerung auch besonders hoch. Nur um die Dramatik zu verdeutlichen: die neue argentinische Regierung hat einen Ex-Monsanto-Mann ins Ministerium für Landwirtschaft der Region um Buenos Aires berufen. Das sagt eigentlich alles.

Indigene und indigene Gruppen sind also in jeder Hinsicht extrem wichtig für den Kampf um Menschenrechte, vor allem weil sie direkt betroffen sind. Und wenn man das Recht auf eine unversehrte, nicht vergiftete und intakte Umwelt in die Menschenrechte miteinbezieht, so sind sie die größten und besten Verteidiger dieses Rechtes und kämpfen somit auch für uns, denn der Planet kennt keine Grenzen, der Amazonas-Regenwald ist einer der wichtigsten und letzten großen Biotope, die wir haben und gäbe es keinen indigenen Widerstand, wäre all das wahrscheinlich schon komplett verschwunden. Das gilt im übrigen nicht nur für Indigene in Südamerika, sondern auch in Nordamerika und anderswo, wie zum Beispiel Standing Rock und all die anderen Bewegungen, die von indigenen Indianern initiiert wurden, gegen Pipelines und Fracking und zum Schutz der Natur und des Wassers, und die bereits weltweit Unterstützung erfahren haben. Wenn es um die Erde geht, sind wir alle indigen.

Was bedeutet Milagro Sala für Dich?

Milagro Sala steht für mich symbolhaft für all das, wofür ich kämpfe: das Recht auf Würde für alle, das Recht auf eine bessere Welt, das Recht auf einen gesunden Planeten, auf dem jeder in Frieden und Freiheit leben kann, den Respekt für die Natur und das Universum, die Liebe und die Unterstützung gerade für diejenigen, die schwach sind und die leiden müssen. Milagro gibt mir unglaublich Kraft, manchmal, wenn es mir schlecht geht, denke ich, wie muss sie sich wohl gerade in ihrer Gefängniszelle fühlen und dann wird mir bewusst, auf welch hohem Niveau ich mich beklage. Manchmal stelle ich mir vor, wie es sein wird, wenn sie endlich in Freiheit ist, wie vielen Menschen das Herz vor Freude und Erleichterung aufgehen wird und was für eine positive Kraft für die Zukunft davon ausgehen wird. Ich möchte mit den Worten ihres Mannes Raúl Noro schließen, nachdem er auf massiven Druck von allem möglichen Menschenrechtsorganisationen, Vereinigungen und vielen, vielen engagierten Einzelpersonen hin freigelassen wurde und aufgefordert war, eine Nachricht an seine in Haft verbleibende Frau, der ersten politischen Gefangenen des reichen Mauricio Macri, zu richten: „An meine Frau, was soll ich sagen? Als ich mit ihr sprach, hat sie mir Kraft gegeben, sie hat dieses spezielle Etwas, diese Energie, die für mich aus einem anderen Raum und einer anderen Zeit kommt, die ihr und uns allen Kraft gibt und uns neue Hoffnung schenkt, und von der sie nicht einmal weiß, dass sie sie hat.“

Kategorien: International, Interviews, Menschenrechte, Südamerika, Vielfalt
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