Das Prekariatsbüro in Berlin, eine solidarische Beratungsstelle von Auswanderern für Auswanderer

13.02.2017 - Berlin - Natalia Ribés

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch verfügbar.

Das Prekariatsbüro in Berlin, eine solidarische Beratungsstelle von Auswanderern für Auswanderer
(Bild von Úrsula Mateo)

Víctor ist 29 Jahre alt und aus Zaragoza. Als er noch in Spanien lebte, war er Hochzeitsfotograf und auch wenn es nicht an Aufträgen mangelte, gelang es ihm nicht auf eigenen Beinen zu stehen: “Ich habe viel gearbeitet und musste dennoch weiter bei meinen Eltern wohnen”. Jetzt lebt er in Berlin und wird bald anfangen als Touristenführer zu arbeiten. Er hat immer noch viele Illusionen, was das Thema Arbeit angeht: “Ich werde arbeiten was kommt und wenn ich genug Deutsch kann, mache ich mich als Hochzeitsfotograf selbständig”. Victor ist einer von vielen, die Mittwochs ins Prekariatsbüro kommen, um beraten zu werden.

Das Prekariatsbüro Berlín ist vor drei Jahren aus der 15 M Bewegung enstanden. Hier bieten eine Reihe von Freiwilligen kostenlose Beratung und Orientierungshilfe auf Spanisch an. Das hierzu genutzte Ladenlokal ist Teil eines solidarischen Wohnprojekts im Stadtviertel Lichtenberg und wird von verschiedensten Gruppierungen mit unterschiedlichsten Zielen genutzt. Jeden Mittwoch kommen zwischen 8 und 10 Personen zur Beratung und weitere 10 bis 15 werden in der Woche über die Webseite beraten. Auf dieser Seite gibt es auch Informationen zum Thema Wohnen, Sozialleistungen, Arbeit und die Bürokratie in Deutschland.

Prekariatsbüro in Berlin (Bild von Úrsula Mateo)

Die Menschen, die hier Rat suchen, sind zwischen 25 und 45 Jahre alt und die meisten sprechen noch wenig Deutsch. Die Mehrheit hat ein Universitätsstudium absolviert und sucht Arbeit. Die Bedürfnisse sind unterschiedlich und hängen davon ab, wie lange die Person schon in Deutschland ist: “Neue Leute, die gerade erst angekommen sind, brauchen Hilfe bei der Anmeldung, der Krankenversicherung, bei der Arbeits,- und Wohnungssuche. Die Menschen, die schon länger hier sind, haben komplexere Probleme, wie Trennungen, eine ungerechtfertigte Kündigung, sie wollen ihre Rechte wissen”, erklärt Concha Alvarez, die schon mehr als zwei Jahrzehnte in Berlin lebt und als Freiwillige im Prekariatsbüro arbeitet. “Normalerweise können wir bei diesen Problemen nicht helfen, aber wir können die Leute weiter verweisen, an eine andere Beratungsstelle oder an einen Anwalt”.

Es ist wichtig Netze zu knüpfen

In Berlín gibt es diverse Beratungsstellen und Gewerkschaften, mit denen das Prekariatsbüro Kontakt hält. Unter diesen Organisationen befinden sich auch Migrantengruppen, wie die Gruppe für gewerkschaftliche Aktion (GAS), eine Arbeitsgruppe von 15M, die sich auf Konflikte im Arbeitsbereich spezialisiert hat oder BASTA, eine Beratungsstelle, die ähnlich arbeitet aber für Italiener. Auch deutsche Organisationen untersützen, wie zum Beispiel die Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Dieses Kontaktnetz ist entscheidend, denn einerseits können die Freiwilligen hier an Workshops teilnehmen, um sich fortzubilden und andererseits können sie sich Hilfe bei komplizierten Fällen holen: “Manchmal empfehlen wir den Leuten, sich an eine andere Stelle zu wenden, weil wir wissen, dass die dort spezialisierter sind, sie mehr Informationen haben und somit besser beraten können”, sagt Concha. “Hier bei uns gibt es zwar Leute, die schon lange da sind und viele Dinge wissen, aber es gibt Fälle, die sehr kompliziert sind. Die Gesetze haben viele Fallstricke und da muss man dann Experten um Rat fragen”.

Von Auswanderer zu Auswanderer

Darío Guijo lebt seit zweiundeinhalb Jahren in Berlin und seit kurzem hilft er als Freiwilliger mit. In Spanien war Dario Teil einer Jugend ohne Zukunft und hatte in Madrid Kontakt zum Prekariatsbüro dort. “Der Unterschied ist, dass ein Prekariatsbüro dort sich nur mit dem Thema Arbeit befasst. Am Anfang war es eine Beratungsstelle in Fragen Arbeit und mit der Zeit wurden auch Aktionen organiert um Forderungen zu stellen.” In einem Land wie Deutschland gewinnt das Prekariatsbüro jedoch eine neue Bedeutung: “Ich habe in vielen Ländern gelebt und ich weiß es ist nicht leicht sich zurecht zu finden”, erzählt Dario über seine eigene Erfahrung. “In deinem eigenen Land hast zu zumindest ein Netz an Menschen, die dich unterstützen und begleiten: Freunde und Familie. Hier hast du die nicht. Auch wenn ich noch nicht lange als Freiwilliger arbeite, habe ich schon einige Leute gesehen, denen es ziemlich schlecht geht. Der Arbeitsmarkt in Berlin ist sehr schlecht, die Leute schaffen es nicht immer schnell genug Deutsch zu lernen und hier ist das System sehr strikt und du kannst schnell in Schwierigkeiten geraten und du kriegst Briefe, die du nicht verstehst”.

Concha erklärt, dass für viele, die kommen schon die Tatsache über die Schwierigkeiten in ihrer eigenen Sprache sprechen zu können, schon eine große Hilfe darstellt: “Es gibt viele orientierungslose Menschen, die hierhin kommen und froh wieder gehen, weil jemand ihnen zugehört hat und ihnen in einem Moment der Zweifel eine Richtung aufgezeigt hat oder ihnen einfach nur etwas erklärt hat, was sie nicht verstanden hatten”.

Concha und Darío (Bild von Úrsula Mateo)

Sowohl Concha als auch Dario wissen genau, was es heisst auszuwandern und das spiegelt sich in ihrer Art zu beraten wieder. Dario drückt das so aus: “Natürlich mache ich das freiwillig, aber für mich ist es auch eine Verpflichtung als Bürger. Du kannst nicht einfach nur dein Leben leben, für dich laufen die Dinge mehr oder weniger gut und dann vergisst du die anderen. Für mich macht es Sinn hier zu sein, sowie es für andere Sinn macht für Flüchtlinge zu arbeiten oder Migranten zu unterrichten. All diese Sachen, die dazu führen, dass wir in einer besseren Welt leben”.

Neben Victor sind viele Leute trotz der Kälte diesen Mittwoch gekommen. Leute mit kleinen Zweifeln oder komplexen Problemen. Leute verschiedenen Alters, einige in Begleitung ihrer Kinder. Concha und Dario fordern jeden, der Hilfe braucht auf zu kommen: “Jeder kann kommen. Machmal haben die Leute Angst zu fragen. Es ist viel besser über die Dinge zu sprechen, denn die Lösung ist oft viel einfacher als man denkt”. Wer hier ins Prekariatsbüro kommt, der wird eine Gruppe von Menschen antreffen, die bereit sind ihm zu zuhören und ihn zu unterstützen. Eine Gruppe von Auswanderern, die ihresgleichen hilft.

Das Prekatriatsbüro befindet sich in de Magdalenenstraße, 19, 10365 Berlin und ist jeden Mittwoch von 17:00 bis 20:00 geöffnet. Online Beratungen sind über die Webseite möglich: oficinaprecariaberlin.org/consultanos

(Bild von Úrsula Mateo)

Kategorien: Europa, Menschenrechte
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